Zum Fortschreiten zur Reife und das Fliehen in die Zuflucht mit dem Anker und dem Vorläufer – zum Fortschreiten zur Reife
Manche Christen erleben ihr Glaubensleben wie eine Endlosschleife: immer wieder aufrüttelnde Veranstaltungen, neu empfundene Schuld, erneute Entschlüsse – und doch scheint innerlich wenig wirklich voranzukommen. Der Hebräerbrief beschreibt genau diese Situation von Gläubigen, die schwanken, ob sie weitergehen oder zurückweichen sollen, und zeigt einen Weg aus der geistlichen Stagnation: nicht noch einmal von vorn anfangen, sondern im Vertrauen mit Christus einen entscheidenden „Flussübergang“ wagen, der in ein Leben der Reife und der Ruhe führt.
Aufhören, ständig neue Grundlagen zu legen
Hebräer 6 stellt uns vor ein leises, aber ernstes Problem: Man kann geistlich sehr beschäftigt sein und doch immer wieder am selben Punkt beginnen. Der Schreiber nennt das „Grundlage vom Anfang des Christus“ – Buße von toten Werken, Glaube an Gott, Lehre von Taufen, Handauflegung, Auferstehung und Gericht. All das ist unverzichtbar und heilig, es ist der tragfähige Boden unseres Heils. Aber dieser Boden ist nicht dazu da, ständig neu aufgerissen zu werden. Wer bei jedem inneren Straucheln so tut, als müsse die erste Bekehrung noch einmal vollzogen werden, stellt unbewusst das vollendete Werk Christi infrage. „Denn es ist unmöglich, diejenigen, die einmal erleuchtet worden sind … und abgefallen sind, wiederum zur Buße zu erneuern“ (Hebr. 6:4–6). Hier wird nicht gesagt, dass Gott keine Sünden mehr vergibt, sondern dass die grundlegende Umkehr ein einmaliger Übergang aus dem Tod ins Leben ist und nicht als Dauerschleife gemeint war.
Wenn wir weitergehen wollen, müssen wir das Wort vom Anfang des Christus hinter uns lassen (6:1). Das bedeutet, dass wir die Anfangsstufe, die Milchstufe und die Babystufe verlassen müssen. Wie wir in der vorherigen Botschaft gesehen haben, ist das Wort vom Anfang des Christus die Milch für die Unmündigen in Christus. Um weiterzugehen, müssen wir die Lehren, die wir am Anfang empfangen haben, hinter uns lassen und uns nicht länger von Babynahrung ernähren. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft dreißig, S. 336)
Das Bild des Feldes in Hebräer 6 hilft, die Tiefe dieser Warnung zu verstehen. Dort heißt es, die Erde, „die den Regen trinkt, der oftmals über sie kommt, und nützliche Pflanzen hervorbringt denen, um derentwillen sie auch bebaut wird, empfängt Segen von Gott; die aber Dornen und Disteln hervorbringt, ist untauglich und dem Fluch nahe“ (Hebr. 6:7–8). Der Regen steht für die wiederholten Besuche der Gnade: Predigten, Gebetserhörungen, neue Anfänge. Die Frage ist nicht, ob Regen fällt, sondern was aus ihm wächst. Wer immer wieder an den Start seiner Bekehrung zurückkehrt, bleibt innerlich im Bereich der „Waschung“, kommt aber kaum dahin, Frucht hervorzubringen. Das Fundament ist gelegt – Christus selbst – und es ist gut und unverrückbar. Nun sucht Gott nicht die ständige Kontrolle, ob das Fundament noch trägt, sondern den Bau darauf.
Paulus beschreibt diesen Bau so: „Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld, Gottes Bau“ (1. Korinther 3:9). Auf diesem Fundament kann in sehr unterschiedlicher Weise gebaut werden: mit Gold, Silber und Edelsteinen oder mit Holz, Heu und Stroh. Entscheidend ist, dass überhaupt gebaut wird. Wer die ganze Aufmerksamkeit darauf richtet, ob er „wirklich“ errettet sei, ob seine erste Buße „echt genug“ war, bleibt auf der Ebene der Fundamentkontrolle stehen. In Hebräer 6 ist das wie ein Lebensstil, der das Fundament immer wieder aufbricht, statt darauf einen Raum der Begegnung mit Gott zu errichten. Gott nimmt unser Schwanken ernst, aber er antwortet nicht mit einer zweiten Bekehrung, sondern mit der Einladung, von dort weiterzugehen, wo wir gefallen sind – in der Gewissheit, dass das Fundament nicht mit uns gestürzt ist.
Aus dieser Sicht wird Reife zu etwas sehr Konkretem. Sie besteht nicht zuerst in vielen Einsichten, sondern darin, dass ein Mensch lernt, im Vertrauen auf das schon vollbrachte Werk Christi nach vorne zu leben. Wer gefallen ist, darf seine Sünde bekennen, als Kind zum Vater kommen, Vergebung empfangen – aber innerlich nicht zurück an den Nullpunkt, sondern hinein in die Geschichte mit Gott, die schon begonnen hat. Das schenkt eine stille, kräftige Entlastung: Ich muss mein Heil nicht immer wieder neu erfinden; ich darf auf dem bauen, was Gott bereits gelegt hat. Gerade darin liegt Ermutigung: Das, was Gott begonnen hat, trägt auch dann, wenn meine Gefühle wechselhaft sind. Auf diesem tragenden Grund darf das Leben reifen, Beziehungen dürfen sich verändern, Charakterzüge dürfen sich formen. Die Frage ist nicht, ob das Fundament hält – das hat Gott in Christus entschieden –, sondern welche Gestalt das Haus gewinnt, das auf diesem Fundament wächst.
Deshalb wollen wir das Wort vom Anfang des Christus lassen und zur vollen Reife fortschreiten und nicht wiederum einen Grund legen mit der Buße von toten Werken und dem Glauben an Gott, (Hebr. 6:1)
Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld, Gottes Bau. (1.Kor 3:9)
Wer aufhört, innerlich an den Startpunkt seiner Bekehrung zurückzulaufen, entdeckt, dass Gott längst weitergegangen ist. In der Ruhe über der bereits gelegten Grundlage kann sich ein neuer Mut entfalten, Verantwortung zu übernehmen, Frucht hervorzubringen und auch nach einem Scheitern nicht in Grundsatzzweifeln zu versinken. So wird das Leben nicht von Angst vor Verlust des Heils geprägt, sondern von der nüchternen Freude, auf einem sicheren Fundament Schritt um Schritt zur Reife voranzugehen.
Zur Reife wachsen im Licht von Gottes Wort der Gerechtigkeit
Wenn Hebräer 6 uns aus dauernder Grundlagen-Beschäftigung herausruft, führt es zugleich in ein anderes Licht hinein: das „Wort der Gerechtigkeit“ (Hebr. 5:13). Es ist bemerkenswert, dass Reife hier nicht mit mehr Trost, sondern mit klarerem Licht über Gottes Regierung verbunden wird. Wer nur Milch empfängt, hört fast ausschließlich von Vergebung und Annahme. Wer feste Speise verträgt, lernt die ernsthafte Seite von Gottes Handeln kennen: dass der Vater erzieht, zurechtbringt und auch schmerzhafte Konsequenzen zulässt, um uns in die Gestalt des Sohnes hineinzuformen. „Allein die feste Speise ist für Erwachsene, die durch den Gebrauch geübte Sinne haben zur Unterscheidung des Guten sowohl als auch des Bösen“ (Hebr. 5:14). Reife zeigt sich darin, dass ein Mensch unter Gottes Wort nicht nur Trost, sondern auch Maßstab erkennt, und sich diesem Maßstab innerlich nicht mehr entzieht.
Die Gläubigen können, wenn sie einmal errettet sind, niemals ein wirklicher Fluch sein. Wenn wir jedoch nicht weitergehen, um Christus zu wachsen, sondern vielmehr an Dingen festhalten, die Gott missfallen, kommen wir dem Fluch nahe, nämlich der Strafe von Gottes Regierungshandeln. (Betrachte dies im Zusammenhang mit der Zucht der Züchtigung in 12:7–8.) Dies ist völlig verschieden von dem Leiden der ewigen Verdammnis, das der eigentliche Fluch ist. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft dreißig, S. 340)
Dieses Wort der Gerechtigkeit ist eng mit dem Bild des Feuers verbunden, das das Werk jedes Gläubigen prüft. Paulus beschreibt es so: „Wenn aber jemand auf das Fundament Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh aufbaut, wird das Werk eines jeden offenbar werden; denn der Tag wird es offenkundig machen, weil es durch Feuer offenbart wird“ (1. Korinther 3:12–13). Die Schrift scheut sich nicht zu sagen, dass ein Gläubiger, der auf Christus baut, aber überwiegend „brennbares Material“ einbringt, Schaden leiden kann, obwohl er selbst gerettet ist (1. Korinther 3:15). Das ist nicht die Drohung ewiger Verdammnis, sondern der Hinweis auf Gottes ernsthaftes Regierungshandeln. Wer dauerhaft an Dingen festhält, die Gottes Willen widersprechen, geht nicht verloren, aber er nähert sich einem Bereich, in dem Gottes Feuer schmerzhaft trennt, was für ihn Bestand hat, von dem, was er nicht anerkennen kann.
Vor diesem Hintergrund bekommt das Bild der Vegetation im Hebräerbrief eine neue Tiefe. Reife ist nicht nur eine Frage des Wissens, sondern der „Gewächse“, die aus unserem Leben hervorkommen. Christus will in uns „als Vegetation“ wachsen – als neue Gesinnung, als Bereitschaft zur Versöhnung, als Treue im Verborgenen. Wenn Gottes Licht schärfer wird, zeigt es nicht nur grobe Sünden, sondern auch die feinen Schichten des Herzens: Stolz, Selbstschutz, subtile Unaufrichtigkeit. Wer sich diesem Licht öffnet, erlebt es zunächst als Beschämung, dann aber als befreiende Sortierung. Gott trennt, was zu seiner Gerechtigkeit passt, von dem, was nur religiöse Fassade ist. In dieser Weise führt das Wort der Gerechtigkeit aus einer kindlichen, oft sich selbst kreisenden Frömmigkeit in eine gereifte Lebensführung, die sich an Gottes Maß orientiert – auch dann, wenn das unerkannt bleibt.
Mitten in dieser Ernsthaftigkeit steht Christus als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks. Er ist nicht der strenge Prüfer, der distanziert zusieht, wie wir uns mühsam zur Reife kämpfen, sondern der, „der vollkommen geworden ist, ist allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden, von Gott begrüßt als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks“ (Hebr. 5:9–10). Melchisedek erscheint in 1. Mose als König der Gerechtigkeit und König des Friedens, der Brot und Wein bringt. So ist Christus auch heute: Er bringt uns im Gemeindeleben, im Wort, in den Sakramenten die Speise des Himmels und übt zugleich in Gerechtigkeit. Wo ein Mensch unter diesem priesterlichen Dienst steht, beginnt er zu merken, wie seine Sinne geschärft werden, wie Entscheidungen klarer werden, wie das Innere ruhiger wird – nicht weil alles leichter wäre, sondern weil Gottes ordnende Gegenwart in sein Leben hineintritt.
Relevante Schriftstellen: Hebr. 5:13-14, Hebr. 4:9-11, Hebr. 5:9-10, Hebr. 6:7-8, 2.Tim. 3:16.
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Fliehen in die Zuflucht mit dem Anker der Hoffnung und dem Vorläufer
In Hebräer 6 trägt die Bewegung zur Reife ein überraschendes Bild: Sie gleicht einem Flüchtling, der in eine Zuflucht hineiläuft. Die Versammlung der Hebräer war von Druck umgeben – Verfolgung, die Anziehungskraft vertrauter religiöser Formen, innere Müdigkeit. In diese Lage hinein heißt es, Gott habe „den Erben der Verheißung die Unveränderlichkeit seines Ratschlusses noch viel deutlicher beweisen wollen“ und darum einen Eid hinzugefügt, „damit wir durch zwei unveränderliche Dinge, bei denen Gott unmöglich lügen kann, einen starken Trost hätten, die wir die Zuflucht ergriffen haben, die vor uns liegende Hoffnung zu ergreifen“ (Hebr. 6:17–18). Das Bild ist eindrücklich: Menschen, die alles andere als sichere Festung erleben, fliehen nicht in eine Idee, sondern in eine konkrete Hoffnung, die Gott selbst mit seinem Wort und seinem Eid versiegelt hat.
Vers 18 spricht davon, dass wir „die Zuflucht ergriffen haben, die vor uns liegende Hoffnung zu ergreifen“. Hast du jemals gehört, dass das Neue Testament uns auffordert, in eine Zuflucht zu fliehen? … Wovor fliehen wir? Vor allem, was nicht Christus und nicht das Gemeindeleben ist. Wir müssen vor der Welt, dem Judentum, dem Katholizismus, dem Protestantismus und vor uns selbst fliehen. Wir müssen vor den Kaufhäusern, dem Lauf dieses Zeitalters, der Religion, unseren alten Vorstellungen und jeder Art von Tradition fliehen. Wir müssen vor allem fliehen, was uns von Christus fernhält und uns von Ihm zurückhält. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft dreißig, S. 343)
Diese Hoffnung ist wie ein Anker für ein Schiff in schwerer See. Hebräer 6 nennt sie „einen sicheren und festen Anker der Seele, der auch hineingeht in das Innere des Vorhangs“ (Hebr. 6:19). Ein Anker erfüllt seinen Zweck nur, wenn er sich an einem festen Punkt außerhalb des Schiffes festmacht. So ist es mit der christlichen Hoffnung: Sie hängt nicht an unserer Standhaftigkeit, nicht an äußeren Umständen, sondern an einem Ort, den kein Sturm erreicht – dem Allerheiligsten, der Gegenwart Gottes selbst. Dort hat Christus als Mensch, als unser Hoherpriester, schon Raum genommen. Der Anker unserer Seele ist gleichsam um den Fuß des Thrones geschlungen. Das bedeutet: Selbst wenn Empfindungen schwanken, Gedanken kreisen oder Umstände erschüttern, gibt es eine objektive Festigkeit, die uns vor dem geistlichen Schiffbruch bewahren will.
In diesem Zusammenhang spricht der Hebräerbrief von Jesus als „Vorläufer“. „Dorthin ist Jesus als Vorläufer für uns hineingegangen, der Hoherpriester geworden ist in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks“ (Hebr. 6:20). Ein Vorläufer ist nicht nur ein Ziel, sondern jemand, der den Weg tatsächlich gegangen ist. Jesus ist durch Leiden, Ablehnung, Kreuz und Tod hindurchgegangen, hat die Begrenzungen irdischer Bindungen durchschritten und ist als verherrlichter Mensch in Gottes unmittelbare Gegenwart eingetreten. Damit hat er die Spur gelegt, auf der unser inneres Leben ihm nachfolgen kann. Die Zuflucht, in die wir fliehen, ist kein abstrakter Schutzraum, sondern der Ort, an dem unser Vorläufer steht und dient. Wer sich an ihn hält, findet nicht nur Sicherheit, sondern auch Richtung: Die Hoffnung zieht nicht einfach nach „oben“, sondern konkret dorthin, wo Christus als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks uns mit Gnade dient.
Diese himmlische Realität ist unlösbar mit unserem Leben im Geist und im Gemeindeleben verbunden. Der Anker, der „innerhalb des Vorhangs“ greift, bindet unsere Seele an den Ort, an dem Gott wohnt – und dieser Ort ist uns in unserem wiedergeborenen Geist zugänglich. Dort, im verborgenen Umgang mit Gott und im gemeinsamen Leben der Gemeinde, wird die Zuflucht erfahrbar. Wenn äußere Sicherheiten brüchig werden, wenn religiöse Gewohnheiten keinen Halt mehr geben, wenn alte Vorstellungen erschüttert werden, wird spürbar, ob unser Anker wirklich in Christus selbst liegt. In 1. Timotheus 1 heißt es, man solle „am Glauben und an einem guten Gewissen festhalten, das einige von sich gestoßen und am Glauben Schiffbruch erlitten haben“ (1. Timotheus 1:19). Schiffbruch entsteht dort, wo der innere Anker gekappt wird, wo man Gottes Reden im Gewissen dauerhaft übergeht. Die Zuflucht des Hebräerbriefes ist dem entgegengesetzt: Sie ist der Ort, an dem Glaube und Gewissen vor Gott zur Ruhe kommen.
Relevante Schriftstellen: Hebr. 6:18-20, Hebr. 4:14-16, 1.Tim. 1:19, Hebr. 2:10, Matt. 12:46-50.
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 30