Ein großer Hoherpriester und der Thron der Gnade
Viele Christen wissen, dass Jesus ihr Retter und Erlöser ist, aber nur wenige leben mit der tiefen Gewissheit, dass er gleichzeitig als großer Hoherpriester im Allerheiligsten für sie eintritt. Hebräer 4 zeigt einen Christus, der nicht nur einmal am Kreuz gehandelt hat, sondern jetzt lebendig vor Gott steht, uns trägt und uns mit Gott selbst versorgt. Wer diese Sicht gewinnt, bekommt einen neuen Zugang zu Gottes Gegenwart, zur inneren Ruhe im Gemeindeleben und zum täglichen Empfangen von Barmherzigkeit und Gnade.
Jesus, der große Hohepriester im Allerheiligsten
Wenn der Hebräerbrief Jesus „den großen Hohepriester“ nennt, öffnet er den Blick in eine unsichtbare Wirklichkeit. Jesus ist nicht nur der, der am Kreuz gestorben ist und unsere Sünden getragen hat; er ist der auferstandene, erhöhte Sohn Gottes und zugleich wahrer Mensch, der jetzt im Allerheiligsten vor Gott steht. Dort ist er nicht Zuschauer, sondern Vertreter: Er steht vor dem Vater mit unserem Namen, unserer Geschichte, unseren Fragen. Das Bild, das Gott im Alten Bund gegeben hat, ist eindrücklich: Der Hohepriester trug die Namen der Söhne Israel auf seinen Schultern und über seinem Herzen, wenn er in das Heiligtum hineinging. In 2. Mose 28:12 heißt es: „Und Aaron soll ihre Namen auf seinen beiden Schultern tragen vor dem HERRN zum Gedenken.“ Schultern sprechen von Kraft, die Brusttasche vom Herzen. Beides zusammen zeigt, wie Christus uns heute trägt: mit göttlicher Macht und mit zarter, persönlicher Liebe.
Dann ging Er durch die Auferstehung und die Auffahrt (5:5–6) von uns zu Gott zurück, um unser Hoherpriester zu sein, der uns in der Gegenwart Gottes trägt und Sich um all unsere Bedürfnisse kümmert (2:17–18; 4:15). Eben dieser Christus, den wir heute in der Sabbatruhe des Gemeindelebens brauchen und haben, ist unser Hoherpriester. Ein Hoherpriester ist, genau genommen, nicht auf der Straße und nicht in der Wüste, sondern im Allerheiligsten. Wo ist unser Christus heute? Er ist fortwährend im Allerheiligsten. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft siebenundzwanzig, S. 298)
Dieses Tragen geschieht nicht allgemein, sondern sehr konkret. Unser Hohepriester kennt jede Schwachheit aus eigener Erfahrung, ohne selbst in die Sünde gefallen zu sein. Er kennt Müdigkeit, Einsamkeit, innere Kämpfe und äußere Bedrängnisse. Darum kann er, wie der Hebräerbrief sagt, mit unseren Schwachheiten mitfühlen und uns gerade dort dienen, wo wir uns selbst nicht mehr zurechtfinden. Als Paulus mit seinem Dorn rang, nahm der Herr die Last nicht weg, sondern antwortete mit einer Zusage: „Meine Gnade ist genug für dich, denn Meine Kraft wird in Schwachheit vollkommen gemacht“ (2. Korinther 12:9). So handelt unser Hohepriester: Er tritt für uns ein und versorgt uns, nicht unbedingt indem er jede Schwierigkeit entfernt, sondern indem er Gott selbst in unser Inneres hineingibt.
Dass Christus im Allerheiligsten ist, bedeutet nicht, dass er weit weg wäre. Es bedeutet, dass er dort ist, wo Gottes Herrlichkeit, Gottes Nähe, Gottes ganzer Reichtum konzentriert ist – und genau dort sind wir in ihm mitgetragen. In 2. Mose 28:29 wird gesagt, dass Aaron die Namen der Söhne Israel „auf seinem Herzen tragen“ sollte, wenn er ins Heiligtum hineingeht, „um sie beständig vor dem HERRN in Erinnerung zu bringen“. So steht Christus vor dem Vater: mit deinem Namen auf seinem Herzen, beständig, nicht nur in besonderen Momenten. Unser Leben ist vor Gott nicht eine lose Abfolge von Ereignissen, sondern wird durch den Dienst dieses Hohenpriesters zusammengehalten.
Aus dieser Sicht wird das Glaubensleben weniger ein mühsames Ringen, etwas für Gott zu tun, sondern ein Leben, das sich von Christus tragen lässt. Unsere Nöte, unsere unerfüllten Bitten, unsere Dorne werden nicht verdrängt, aber sie sind nicht mehr allein in unserer Hand. Sie sind in den Händen dessen, der in Gottes Gegenwart für uns einsteht. Das führt nicht in Passivität, sondern in eine tiefere Ruhe: Wir dürfen nüchtern sehen, was schwierig ist, und zugleich wissen, dass mitten in allem eine unsichtbare Bewegung stattfindet – Christus bringt uns und alles, was uns betrifft, vor Gott. In dieser Gewissheit wächst eine stille, belastbare Zuversicht: Es gibt keinen Schritt, den ich allein gehen muss, keinen Tag, an dem mein Name nicht auf dem Herzen meines Hohenpriesters vor Gott steht.
Dann setze die beiden Steine (oben) auf die Schulterstücke des Ephods, als Steine des Gedenkens für die Söhne Israel! Und Aaron soll ihre Namen auf seinen beiden Schultern tragen vor dem HERRN zum Gedenken. (2.Mose 28:12)
So soll Aaron an der Brusttasche für den Rechtsspruch die Namen der Söhne Israel auf seinem Herzen tragen, wenn er ins Heiligtum hineingeht, um sie beständig vor dem HERRN in Erinnerung zu bringen. (2.Mose 28:29)
Wer Christus so als großen Hohepriester vor Augen hat, beginnt, den eigenen Alltag anders zu deuten: Nicht als Abfolge von Zufällen oder isolierten Herausforderungen, sondern als Weg, auf dem jemand mich unablässig vor Gott trägt. Aus dieser Gewissheit kann ein stilles, nicht triumphales, aber tiefes Vertrauen reifen, das auch in ungelösten Fragen sagt: Mein Leben liegt auf den Schultern und auf dem Herzen dessen, der mich in der Herrlichkeit Gottes vertritt.
Der Thron der Gnade und das Allerheiligste in unserem Geist
Der Thron Gottes steht im Himmel, unsichtbar, erhöht über allem Geschaffenen. Die Schrift beschreibt ihn als Thron der Herrschaft und Verwaltung: Gott regiert von dort das Universum. Zugleich nennt der Hebräerbrief diesen Thron für die Glaubenden den „Thron der Gnade“, zu dem wir mit Freimut kommen dürfen. Im Bild des Alten Bundes war dieser Gnadenthron durch die goldene Platte über der Lade, die Sühnestätte, vorgebildet, besprengt mit Blut, verborgen im Allerheiligsten. Dort, so heißt es in 2. Mose 25:22, wollte Gott seinem Volk begegnen und mit ihm reden. Dass derselbe Thron der Weltenherrschaft für uns zum Thron der Gnade geworden ist, bedeutet: Der Gott, der alles lenkt, öffnet sein innerstes Zentrum, um uns dort zu empfangen, nicht als Angeklagte, sondern als Begnadigte.
Der Thron der Gnade ist zweifellos der Thron Gottes im Himmel (Offb. 4:2). Der Thron Gottes ist der Thron der Autorität über das ganze Universum (Dan. 7:9; Offb. 5:1), auf dem Gott sitzt, um das Universum zu lenken und zu regieren. Es ist der Thron von Gottes Verwaltung. Für uns Gläubige ist er jedoch der Thron der Gnade, versinnbildlicht durch die Sühnestätte (den Gnadenthron) über der Lade des Zeugnisses (2.Mose 25:17–21; Röm. 3:25) im Allerheiligsten (Hebr. 9:3, 5), besprengt mit dem Blut Christi (3.Mose 16:15; Hebr. 9:12). Hier begegnet Gott Seinem Volk und hat Gemeinschaft mit ihm (2.Mose 25:21–22). (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft siebenundzwanzig, S. 304)
Bleibt die Frage: Wie ist dieser Thron erreichbar, wenn er doch im Himmel ist? Die Antwort der Schrift ist überraschend schlicht. Der Christus, der zur Rechten Gottes sitzt und für uns eintritt, wohnt zugleich in unserem Geist. Paulus fasst es so: „Wenn aber Christus in euch ist, so ist zwar der Leib tot der Sünde wegen, der Geist aber ist Leben der Gerechtigkeit wegen“ (Römer 8:10). Man könnte sagen: Der himmlische Thron und unser innerster Mensch sind durch die Person Christi verbunden wie ein Kraftwerk mit einem Haus über eine starke Leitung. Es sind nicht zwei verschiedene Christusse – ein ferner im Himmel und ein innerlicher im Herzen –, sondern ein und derselbe, der Himmel und Geist überbrückt.
1. Mose 28 erzählt von Jakobs Traum in Bethel: eine Leiter von der Erde bis zum Himmel, Engel, die hinauf- und herabsteigen, und der Herr über ihr. Jakob erwacht und ruft: „Wie furchtbar ist diese Stätte! Dies ist nichts anderes als das Haus Gottes und dies die Pforte des Himmels“ (1. Mose 28:17). Jesus greift dieses Bild auf und deutet es auf sich selbst: Er ist der Menschensohn, auf dem die Engel auf- und niedersteigen (Johannes 1:51). Im Licht des Neuen Bundes wird deutlich: Der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren, ist nicht mehr ein geographischer Punkt, sondern eine Person – Christus – und dieser Christus wohnt im Geist der Glaubenden. Unser Geist wird so zu einem Bethel, zu einem inneren Haus Gottes, zu einem Tor, durch das der Zugriff auf den Thron der Gnade geschieht.
Damit der Weg dorthin frei wird, wirkt Gott in uns durch sein Wort. Hebräer 4 beschreibt das Wort Gottes als scharfes Schwert, das „durchdringt bis zur Scheidung der Seele und des Geistes“ und die Gedanken und Absichten des Herzens beurteilt. Wenn das lebendige Wort uns trifft, löst es uns aus dem Wirrwarr unserer Gedanken, Stimmungen und Selbsterklärungen heraus und führt uns in die Stille unseres Geistes. Dort, jenseits des inneren Lärms, ist der Ort, an dem Christus wohnt und an dem der Thron der Gnade berührt wird. So wird das Kommen zum Thron nicht zu einer räumlichen Bewegung, sondern zu einem inneren Hinübergehen: aus der Unruhe der Seele in den durch Christus bewohnten Geist.
Und dort will ich mit dir zusammenkommen und mit dir reden von der Deckplatte herab, mitten zwischen den beiden Cherubim, die auf der Lade des Zeugnisses sein werden, alles, was ich dir für die Kinder Israel gebieten werde. (2.Mose 25:22)
Wenn aber Christus in euch ist, so ist zwar der Leib tot der Sünde wegen, der Geist aber ist Leben der Gerechtigkeit wegen. (Römer 8:10)
Die Erkenntnis, dass der Thron der Gnade im Himmel steht und doch im eigenen Geist zugänglich ist, öffnet einen weiten Raum: Das innere Leben wird zum eigentlichen Schauplatz der Begegnung mit Gott. Wer lernt, inmitten von Gedanken und Gefühlen immer wieder in diesen inneren Bethel-Raum hinüberzugehen, entdeckt, dass der himmlische Christus nicht nur eine Lehre, sondern eine gegenwärtige Quelle von Trost, Weisung und Kraft ist, die im Verborgenen beständig zufließt.
Barmherzigkeit und Gnade für jede Situation
Hebräer 4 verbindet den Dienst des großen Hohenpriesters mit einer erstaunlichen Einladung: „Lasst uns nun mit Freimut hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe.“ Der Zugang zu Gott ist nicht mehr von Furcht geprägt, sondern von Freimut – nicht, weil wir vertrauenswürdiger geworden wären, sondern weil Christus als unser Vertreter vorangegangen ist. Was geschieht, wenn wir innerlich zu diesem Thron kommen? Die Schrift nennt zwei Gaben, die dort auf uns warten: Barmherzigkeit und Gnade. Beides sind Ausdrucksformen der göttlichen Liebe, aber sie berühren uns auf unterschiedliche Weise.
Wenn wir zum Thron der Gnade hinzutreten, empfangen wir „Barmherzigkeit und finden Gnade zur rechtzeitigen Hilfe“. Sowohl Gottes Barmherzigkeit als auch Seine Gnade sind der Ausdruck Seiner Liebe. Wenn wir in einem erbarmungswürdigen Zustand sind, erreicht uns zuerst Seine Barmherzigkeit und bringt uns in einen Zustand, in dem Gott uns mit Seiner Gnade begünstigen kann. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft siebenundzwanzig, S. 306)
Barmherzigkeit begegnet uns in unserer Elendslage, dort, wo wir uns selbst weder helfen können noch helfen mögen. Sie ist Gottes liebevolle Hinwendung zu Menschen, die sich verloren, beschmutzt oder schuldig fühlen. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn heißt es, dass der Vater den Sohn von ferne sah, „und er wurde innerlich bewegt; und er lief hin, fiel ihm um den Hals und küßte ihn“ (Lukas 15:20). Noch bevor der Sohn seine vorbereitete Beichte ganz vortragen kann, umarmt ihn die Barmherzigkeit des Vaters. So erreicht uns Gottes Barmherzigkeit, wenn wir uns nicht getrauen, Gott unter die Augen zu treten: Sie deckt nicht einfach zu, was geschehen ist, sondern holt uns aus dem Zustand der Verlorenheit heraus und stellt die Beziehung wieder her.
Auf die Barmherzigkeit folgt die Gnade. Sie ist mehr als Vergebung; sie ist Gott, der sich selbst schenkt. Im gleichen Gleichnis lässt der Vater den besten Mantel bringen, einen Ring anstecken und das gemästete Kalb schlachten. Barmherzigkeit hebt den Sohn aus dem Schweinestall, Gnade führt ihn ins Haus, an den gedeckten Tisch. So ist Gnade die fortwährende Versorgung mit allem, was wir für das Leben mit Gott brauchen: Trost, Kraft, Weisheit, Geduld, Sanftmut – aber nicht als abstrakte Qualitäten, sondern als Gegenwart Christi in uns. 2. Korinther 1:3 beschreibt Gott als „den Vater der Erbarmungen und Gott alles Trostes“. Wenn Gnade vom Thron in unser Inneres einfließt, wird dieser Trost erfahrbar: nicht immer spektakulär, aber tragfähig, still, konkret.
Bemerkenswert ist die Formulierung „rechtzeitige Hilfe“. Gnade kommt nicht zu früh, damit wir uns auf Vorrat absichern könnten, und nicht zu spät, damit wir zerbrechen müssten. Sie trifft ein im Moment der Not, oft anders, als wir es erwartet hätten. Manchmal verändert sie Umstände, oft aber verändert sie uns unter den Umständen: Unsere Sicht, unsere innere Haltung, unsere Fähigkeit, auszuharren. Die Leiden des Christus und der Trost des Christus sind nach 2. Korinther 1:5 miteinander verwoben: „Denn wie die Leiden des Christus überreich auf uns kommen, so ist auch durch den Christus unser Trost überreich.“ Wo der Weg eng wird, will Christus nicht nur Beobachter sein, sondern als Gnade in uns wohnen.
Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe. (Hebräer 4:16)
Und er machte sich auf und ging zu seinem Vater. Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt; und er lief hin, fiel ihm um den Hals und küßte ihn. (Lukas 15:20)
Das Bewusstsein, dass am Thron der Gnade sowohl Barmherzigkeit für unser Versagen als auch Gnade für unseren Weg bereitliegt, löst die innere Spannung, sich vor Gott zuerst ‚in Ordnung bringen‘ zu müssen. Wer lernt, mit allem – mit Schuld, Schwachheit, Fragen und Aufgaben – zu diesem Thron zu kommen, erfährt, dass Gott nicht nur Richter, sondern Vater der Erbarmungen und Gott alles Trostes ist, der in jeder Lage genau das schenkt, was nötig ist, um weiterzugehen.
Herr Jesus Christus, großer Hoherpriester, danke, dass du mich auf deinen Schultern trägst und an deinem Herzen in der Gegenwart des Vaters bewahrst. Danke, dass dein vollbrachtes Werk am Kreuz mich frei macht und dein gegenwärtiger Dienst im Allerheiligsten mich Tag für Tag mit Gott selbst erfüllt. Öffne mir die Augen für den Thron der Gnade und vertiefe in mir das Bewusstsein, dass dieser Thron mir in meinem Geist so nahe ist. Wo ich schwach bin, verletzt oder schuldig, begegne mir in deiner Barmherzigkeit und erfülle mich neu mit deiner Gnade, die genau in meine Situation spricht. Lass aus deinem Thron in mein Leben der Strom lebendigen Wassers fließen, damit dein Friede und deine Ruhe mein Herz durchdringen und dein Leben durch mich zu anderen weiterfließt. Du bist treu, und deine Gnade ist jeden Augenblick genug. Dir vertraue ich mich neu an. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 27