Das Wort des Lebens
lebensstudium

Teilhaber Christi

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Viele Christen kennen die Freude, Vergebung und den Trost, den Christus schenkt – aber nur wenige sehen, dass sie mit ihm in ein gewaltiges Vorhaben Gottes hineingenommen sind. Die Bibel zeichnet ein großes Bild: Gott will sich selbst in Herrlichkeit ausdrücken, und Christus ist der von ihm eingesetzte Erbe und Leiter dieses Vorhabens. Die Gemeinde ist dabei nicht nur Zuschauerin, sondern Miterbin und Teilhaber – eine Art geistliche „Mitgeschäftsführerin“ im Reich Gottes. Diese Sicht verändert, wie wir unser Christsein, unser Leiden, unsere Kämpfe und unser Gemeindeleben verstehen.

Teilhaber Christi – genießen und mittragen

Teilhaber Christi zu sein, berührt zunächst unsere tiefste Bedürftigkeit: Wir empfangen. Wir bringen nichts mit, sondern leben aus dem, was er schon vollbracht und was er jetzt ist. So spricht der Hebräerbrief von Menschen, die „die himmlische Gabe geschmeckt“ und „Anteil bekommen haben an dem Heiligen Geist“ (Hebr. 6:4). Teilhaber sind solche, die aus der Fülle Christi leben – aus seiner Vergebung, seinem Leben, seinem Frieden, seiner Gegenwart. Wenn wir Christus als lebendigen, in uns wohnenden Geist genießen, werden seine Gedanken nach und nach zu unseren Gedanken, seine Freude zu unserer Freude, seine Kraft zu unserer Kraft. Dieser Empfang ist nicht Beiwerk, sondern Fundament: Ohne ständiges Genährtwerden aus Christus bleibt alles Reden von Mitarbeit und Dienst hohl. Der Strom des Wassers des Lebens, von dem es heißt, er fließe „aus dem Thron Gottes und des Lammes“ (Offb. 22:1), erreicht uns persönlich; wir trinken, bevor wir handeln, wir ruhen, bevor wir kämpfen.

Im Griechischen ist das Wort „partners“ dasselbe wie „partakers“. Dasselbe griechische Wort hat diese beiden Bedeutungen. Ein Teilhaber (partaker) ist jedoch etwas völlig anderes als ein Partner. Ich kann Teilhaber an meinem Frühstück sein, das heißt, ich bin jemand, der das Frühstück genießt; aber ich bin Partner einer Gesellschaft, das heißt, ich bin Miteigentümer dieser Gesellschaft. … Wenn wir Christus genießen, sind wir seine Teilhaber; wenn wir ihm nachfolgen, sind wir seine Partner. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft sechzehn, S. 175)

Doch derselbe Hebräerbrief spricht davon, dass wir „Teilhaber des Christus geworden sind, wenn wir den Anfang der Zuversicht bis zum Ende standhaft festhalten“ (Hebr. 3:14). Das Wort für „Teilhaber“ kann ebenso „Partner“ bedeuten. Auf einmal weitet sich der Horizont: Wir sind nicht nur diejenigen, die vom Werk Christi profitieren, sondern auch diejenigen, die mit ihm in Gottes Geschichte hineintreten. Wer Partner ist, gehört zu diesem Christus, wie ein Miteigentümer zu einer Unternehmung gehört. Gott hat seinen Sohn als Erben über alles eingesetzt; in ihm bindet er Menschen an sich und lässt sie Anteil haben an seiner Leitung, an seiner Initiative, an seinem Weg durch die Zeit.

Das Bild von Joshua und Kaleb macht diese doppelte Seite greifbar. Das Volk Israel sollte in das gute Land einziehen, aber vor ihnen standen Mauern und Riesen. Kaleb war nicht nur einer, der das Land beschrieb und seine Frucht kostete, sondern einer, der sich mit Joshua einsmachte und sagte: „Wenn der HERR Gefallen an uns hat, so wird er uns in dieses Land bringen“ (4.Mose 14:8). Kaleb genoss die Verheißung – und zugleich trug er den Auftrag mit, dieses Land unter Gottes Führung in Besitz zu nehmen. So ist Christus der wahre Joshua, der uns in Gottes Erbe führt, und wir sind gerufen, seine „Kalebs“ zu sein: Menschen, die nicht nur begeistert zuhören, wenn vom guten Land gesprochen wird, sondern mit ihm die Wege gehen, auf denen dieses Erbe konkret wird.

In dieser Spannung von Genuss und Mittragen wächst ein reifer Glaube. Wer nur genießen will, wird bei den ersten Riesen zurückweichen; wer nur tragen will, ohne zu genießen, wird ausbrennen. Christus schenkt uns beides: Er reicht sich selbst dar als Brot, Wasser, Ruhe – und lädt uns zugleich ein in seine Verantwortung, seine Kämpfe, seine Tränen und seine Freude. Schritt um Schritt dürfen wir entdecken, dass wir nicht neben ihm herlaufen, sondern in ihm; er ist die Quelle unseres Genusses und die Kraft unseres Mitgehens. Darin liegt eine stille Ermutigung: Selbst dort, wo unser Anteil an seiner Sendung mühsam erscheint, bleibt er derselbe, der sagt: „Ich bin’s, fürchtet euch nicht!“ (Joh. 6:20). Wer mit einem solchen Herrn unterwegs ist, wird erfahren, dass jedes Stück Weg, das mitgetragen wird, zugleich ein Stück tieferen Genusses seiner selbst bedeutet.

Denn es ist unmöglich, diejenigen, die einmal erleuchtet worden sind und die himmlische Gabe geschmeckt haben und des Heiligen Geistes teilhaftig geworden sind, (Hebr. 6:4)

Und er zeigte mir einen Strom des Wassers des Lebens, hell leuchtend wie Kristall, der aus dem Thron Gottes und des Lammes hervorging, in der Mitte ihrer Straße. (Offb. 22:1)

Teilhaber und Partner Christi zu sein heißt, sich von ihm versorgen zu lassen und gerade darin in seine Verantwortung hineinzuwachsen. Je mehr sein Leben in uns Gestalt gewinnt, desto natürlicher wird es, seine Anliegen zu unseren Anliegen werden zu lassen – nicht als Last, sondern als Ausdruck der Gemeinschaft mit ihm.

Christus, der eingesetzte und gesalbte Erbe

Wenn der Hebräerbrief den Sohn als den beschreibt, „den er eingesetzt hat zum Erben von allem, durch den er auch die Welt gemacht hat“ (Hebr. 1:2), öffnet sich ein Blick in Gottes Herz vor aller Zeit. Noch bevor etwas geschaffen wurde, hat der Vater den Sohn bestimmt, Träger und Vollstrecker seines ganzen Vorhabens zu sein. Alles, was Gott denkt, will und wirkt, läuft in dieser Person zusammen. In ihm wird der unsichtbare Gott sichtbar, in ihm wird der Plan Gottes Wirklichkeit. „Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Gepräge seines Wesens“ (Hebr. 1:3) – und gerade so ist er der eingesetzte Erbe, der die Geschichte nicht nur begleitet, sondern lenkt.

Der Sohn Gottes wurde dazu bestimmt, den Plan Gottes auszuführen. Er ist dazu eingesetzt worden, diese „Gesellschaft“ zu leiten. Zu diesem Amt wurde er in der vergangenen Ewigkeit bestimmt. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft sechzehn, S. 176)

Diese Einsetzung bleibt nicht abstrakt. Die Schrift verbindet sie mit dem Bild der Salbung. Über Christus heißt es: „Darum hat dich, o Gott, dein Gott gesalbt mit Freudenöl mehr als deine Gefährten“ (Hebr. 1:9). Die alttestamentliche Salbung Aarons hilft, die Tiefe dieses Bildes zu erfassen: „Wie das kostbare Öl auf dem Haupt, das herabfließt auf den Bart, den Bart Aarons, das herabfließt bis auf den Saum seiner Kleider“ (Psalm 133:2). Das Öl wird auf das Haupt gegossen, aber es bleibt nicht dort; es durchdringt den ganzen Leib, bis in die äußersten Ränder. So ist Christus als Haupt des Leibes mit dem Geist Gottes gesalbt, und diese Salbung bleibt nicht bei ihm „oben“, sondern erreicht alle, die zu ihm gehören.

Johannes greift dies auf, wenn er an die Gläubigen schreibt: „Und ihr habt die Salbung von dem Heiligen“ und „die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch“ (1.Joh. 2:20, 27). Der Geist, mit dem der Sohn als Erbe gesalbt ist, wohnt in seinen Gliedern. Damit werden wir in die himmlische Einsetzung Christi mit hineingenommen. Gott sieht nicht nur seinen Sohn an einem erhöhten Platz, sondern auch einen Leib, der unter derselben Salbung steht, der von derselben Vollmacht berührt ist. Christus ist der von Gott bestellte „Betreiber“ seiner ewigen Ökonomie, und in ihm sind wir hineingerufen als Miterben, nicht als Zaungäste.

Das verändert die Sicht auf unser Leben im Alltag wie im Gemeindeleben. Wenn wir in Anbetung, in Fürbitte, im Zeugnis oder im Aufbau der Gemeinde stehen, geschieht das nicht im eigenen Namen. Es ist Ausdruck der einen Salbung, unter der das ganze Haus Gottes steht. Der, den der Vater eingesetzt hat, ist derselbe, der sagt: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh. 10:30) und der uns in seinen Dienst hineinzieht. Auch wo wir uns schwach und unbeholfen erleben, bleibt die Einsetzung des Sohnes unerschütterlich; die Salbung trägt weiter, als unsere Hände reichen. Darin liegt Trost und Ansporn zugleich: Wir müssen die „Gesellschaft“ Gottes nicht führen – das tut der Sohn –, aber wir dürfen unter seiner Leitung mittragen, was er begonnen hat. So bekommt sogar das unscheinbare Tun in seinem Namen einen Anteil an der großen Bewegung Gottes durch die Geschichte.

in diesen letzten Tagen hat er zu uns geredet im Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben von allem, durch den er auch die Welt gemacht hat; (Hebr. 1:2)

er, der Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und Abdruck seines Wesens ist und alle Dinge durch das Wort seiner Macht trägt, hat sich, nachdem er die Reinigung von den Sünden bewirkt hat, zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt. (Hebr. 1:3)

An der himmlischen Einsetzung Christi teilzuhaben bedeutet, sich unter seine Salbung zu stellen und aus ihr heraus zu leben. Indem sein Geist in uns bleibt, werden Alltag und Dienst zu Orten, an denen seine Vollmacht und seine Treue sichtbar werden dürfen – nicht weil wir groß wären, sondern weil der Gesalbte seine Salbung bis an den „Saum“ seines Leibes fließen lässt.

Der wahre Joshua und seine Kalebs – in das gute Land der Herrlichkeit

Der Hebräerbrief zeichnet Christus als den, „um dessentwillen alle Dinge sind und durch den alle Dinge sind“, der „viele Söhne zur Herrlichkeit“ führt und dabei als „Anführer ihrer Errettung“ vorangeht (Hebr. 2:10). Das Bild des Anführers (gr. archēgos) erinnert an Joshua, der Israel voranging, um das verheißene Land in Besitz zu nehmen. Doch hier geht es um mehr als eine historische Erinnerung. Christus ist der wahre Joshua, der durch Kreuz und Auferstehung eine völlige Durchquerung vollzogen hat: vom Tod ins Leben, von der Verlassenheit zur Gemeinschaft, von der Schmach zur Herrlichkeit. Er ist als Vorausläufer „für uns eingegangen“ bis in das Innere des himmlischen Heiligtums (Hebr. 6:20) und sitzt nun zur Rechten Gottes – nicht als distanzierter Beobachter, sondern als der, der sein Volk nachzieht.

Im Neuen Jerusalem werden wir den Herrn über alles, den Anführer und den Hoherpriester sehen. Diese Stadt wird der volle Ausdruck des herrlichen Gottes sein. Das ist die Herrlichkeit, die Ruhe, das gute Land und der Bereich, in den wir eintreten werden, nachdem wir viele Flüsse überquert haben. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft sechzehn, S. 174)

Wohin führt er? Der Hebräerbrief nennt dieses Ziel „Ruhe“. „Also bleibt eine Sabbatruhe dem Volk Gottes übrig“ (Hebr. 4:9). Diese Ruhe ist kein passives Nichtstun, sondern der Bereich, in dem Gottes Wille geschieht, Gottes Gegenwart ungestört erfahren wird und Gottes Herrschaft anerkannt ist. Das alttestamentliche gute Land war ein Vorgeschmack dieser Ruhe: ein Raum, in dem Milch und Honig flossen, in dem Gott sein Haus mitten unter seinem Volk hatte. Im Neuen Testament weitet sich dieses Bild. Die Gemeinde wird zum Ort, an dem wir heute schon die Wirklichkeit des guten Landes kosten: Christus in der Mitte, der Geist als Strom des Lebens, Gott, der sich in seinem Volk Ausdruck schafft. In der Vollendung wird dies sichtbar im neuen Jerusalem, von dem es heißt: „Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut. Und ich hörte eine laute Stimme aus dem Himmel sagen: Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen!“ (Offb. 21:2–3).

Als Partner Christi stehen wir in der Bewegung von der Wüste in dieses gute Land hinein. Dabei verschweigt die Schrift nicht die Kämpfe. Israel sah Riesen und befestigte Städte; unsere Riesen tragen andere Namen – Angst, Trägheit, Unglauben, Widerstand der Umgebung –, aber sie wirken ähnlich einschüchternd. Kalebs Haltung ist wegweisend, wenn er angesichts der Übermacht sagt: „Nur empört euch nicht gegen den HERRN und fürchtet euch nicht vor dem Volk des Landes“ (4.Mose 14:9). Die Grundlage seines Mutes war nicht seine Stärke, sondern die Zusage Gottes. In ähnlicher Weise gründet unser Mitgehen mit Christus nicht auf innerer Heldenhaftigkeit, sondern auf der Tatsache, dass er selbst schon durchgebrochen ist: „Wir aber sehen Jesus, der ein wenig unter die Engel erniedrigt war wegen des Todesleidens, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“ (Hebr. 2:9). Er führt nicht von hinten, er zieht von vorne.

So wird das „gute Land“ für uns heute zu einer lebendigen Wirklichkeit, wenn wir uns von Christus in ein Leben hineinführen lassen, in dem seine Ruhe mehr Gewicht bekommt als unsere Unruhe, seine Herrschaft mehr als unsere Selbstbehauptung, seine Gegenwart mehr als unsere Gefühle. Inmitten einer bewegten Welt darf sich ein innerer Raum öffnen, in dem der Strom des Lebens fließt, „hell leuchtend wie Kristall“ (Offb. 22:1), und in dem die Gemeinschaft der Heiligen zu einem Vorgeschmack des neuen Jerusalem wird. Jeder Schritt, den wir mit ihm über einen „Fluss“ hinweggehen – sei es eine äußere Prüfung oder eine innere Schwelle – erweitert dieses Land in unserer Erfahrung.

Wir sehen aber Jesus, der ein wenig unter die Engel erniedrigt war wegen des Todesleidens, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, damit er durch Gottes Gnade für jeden den Tod schmeckte. (Hebr. 2:9)

Denn es geziemte ihm, um dessentwillen alle Dinge sind und durch den alle Dinge sind, indem er viele Söhne zur Herrlichkeit führte, den Anführer ihrer Errettung durch Leiden zu vollenden. (Hebr. 2:10)

Christus als unseren Joshua zu kennen bedeutet, die eigene Lebensgeschichte als Weg in ein gutes Land zu sehen, das er schon betreten hat. Indem er uns durch Widerstände hindurchführt, macht er seine Ruhe, seine Herrschaft und seine Gegenwart erfahrbar – heute schon im Vorgeschmack, eines Tages in vollendeter Herrlichkeit.


Herr Jesus Christus, du wahre Joshua, wir staunen über deine Berufung als ewiger Erbe und darüber, dass du uns in deine Gemeinschaft und in dein Werk hineingenommen hast. Öffne unsere Augen für die Herrlichkeit deines Planes, damit wir uns nicht mit einem kleinen, privaten Glauben zufriedengeben, sondern deine Größe und dein Ziel mit deinem Volk erkennen. Lass deine Salbung durch den Heiligen Geist tief in unser Herz eindringen, damit Trockenheit, Mutlosigkeit und Menschenfurcht weichen und dein Leben in uns frei fließen kann. In allen Kämpfen und Unsicherheiten sei du unser vorangehender Kapitän, der uns durch das Kreuz in die wahre Ruhe und in das „gute Land“ deiner Gegenwart führt. Festige unser Vertrauen, dass deine Herrlichkeit schwerer wiegt als jede Not und dass du dein Haus baust, auch wenn wir nur einen kleinen Ausschnitt sehen. So bewahre und trage dein Volk in dieser Zeit und lass uns schon heute einen Vorgeschmack der kommenden Herrlichkeit genießen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 16

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