Das Wort des Lebens
lebensstudium

Ein Vorwort

16 Min. Lesezeit

Wenn Christen den Hebräerbrief nur flüchtig überfliegen, wirkt er schwer zugänglich, fast wie ein verschlossener Schatz. Doch hinter seinen dichten Bildern von Priestern, Opfern, Heiligtum und Bundeslade steht eine durchgehende Linie: Gott ruft Menschen aus einer von Götzen, Weltlichkeit und leerem religiösem Formalismus geprägten Sphäre heraus in ein neues Land – hinein zu Christus selbst. Wer dieses „Hinübergehen“ versteht, wird den Hebräerbrief nicht länger als fremdes Lehrbuch für jüdische Christen lesen, sondern als einen persönlichen Ruf, in eine tiefere Erfahrung des lebendigen, himmlischen Christus einzutreten.

Hebräer – Menschen, die hinübergegangen sind

Wenn die Schrift Abraham zum ersten Mal „den Hebräer“ nennt, ist das mehr als eine ethnische Bezeichnung. In 1. Mose 14:13 heißt es: „Und es kam ein Entronnener und berichtete es Abram, dem Hebräer.“ Im Hintergrund stehen Josua 24:2–3, wo Gott selbst Abrahams Geschichte zusammenfasst: Er nahm ihn „von jenseits des Stroms“ aus einem Haus des Götzendienstes heraus und ließ ihn durch das ganze Land Kanaan umherziehen. Ein Hebräer ist im tiefsten Sinn ein Hinübergegangener, ein Mensch, dessen Lebenslinie durch ein göttliches Herausführen aus einer alten Ordnung und ein Hinüberführen in Gottes Raum des Wohnen und Redens bestimmt ist. Abraham verlässt nicht nur geografisch Ur in Chaldäa, sondern tritt aus einer von fremden Göttern geprägten Welt in eine Geschichte ein, in der Gott sich als „der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“ offenbart (2. Mose 3:15). In dieser Perspektive bekommt die Bezeichnung „Hebräer“ im Hebräerbrief ihr Gewicht: Adressiert sind Menschen, die unter Gottes Hand durch eine Scheidelinie hindurchgegangen sind, weg von einer alten Welt, hin zu Gottes Haus und Herrlichkeit.

Jetzt können wir die eigentliche Bedeutung der Taufe verstehen. Warum müssen alle bußfertigen Menschen getauft werden? Weil die Welt, in der wir leben, von Gottes Feind usurpiert, in Besitz genommen, verdorben und ruiniert worden ist. Sie taugt nicht mehr zur Erfüllung von Gottes Vorsatz. Gottes Errettung besteht nicht einfach nur darin, uns aus der Hölle in den Himmel zu retten. Gottes Errettung besteht darin, uns aus dem Land herauszuführen, das von Satan in Besitz genommen und ruiniert worden ist. Wie können wir aus diesem Land herauskommen? Indem wir uns taufen lassen. Jedes Taufbecken ist wie ein großer Fluss, eine große Flut. Nachdem du getauft worden bist, kommst du auf der anderen Seite heraus. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft eins, S. 3)

Dieses Motiv des Hinübergehens zieht sich durch die ganze Bibel. Noah wird mit seiner Familie „sicher durch das Wasser hindurchgebracht“ (1. Petrus 3:20); das Gerichtswasser scheidet eine alte, verdorbene Welt von einem neuen Anfang, an dem ein Altar und Opfer stehen. Später führt Gott Israel durch das Meer und durch den Jordan, erneut durch Wasser, in eine neue Situation hinein, in der Stiftshütte, Opferdienst und schließlich der Tempel als Wohnort Gottes sichtbar werden. Wenn Petrus dann sagt, dass dies „als das Gegenbild jetzt auch euch rettet, das heißt die Taufe“ (1. Petrus 3:21), öffnet sich der Sinn unserer eigenen Taufe: Sie ist nicht nur Zeichen persönlicher Sündenvergebung, sondern ein Durchzug durch Gericht – das Wasser markiert die Grenze zwischen einer von Gottes Feind usurpierten Sphäre und dem Bereich, in dem Christus Herr und Hausvater ist. Wer sich in Christus taufen lässt, tritt geistlich aus einer alten Weltordnung hinaus und wird ein „Hebräer“ im neutestamentlichen Sinn: ein Mensch, dessen Leben von Gottes Seite her neu verortet ist.

So wird die Taufe zur Tür in eine andere Wirklichkeit. Gott will nicht bloß Einzelne aus der Hölle in den Himmel versetzen, sondern ein Volk aus dem „Land“, das verderbt und ruiniert ist, herausführen und es dort pflanzen, wo er selbst wohnt und dient. Deshalb spricht der Herr in 2. Mose 7:16 zum Pharao als „Gott der Hebräer“ und fügt hinzu: „Laß mein Volk ziehen, damit sie mir in der Wüste dienen!“ Die Wüste ist für Israel der Ort, an dem die Stiftshütte gebaut, das Opferleben eingeübt, Gottes Gegenwart erfahren wird. Übertragen auf uns heißt das: Das Hinübergehen endet nicht am Taufbecken; es öffnet einen Weg in ein Leben, in dem Christus selbst unser Altar, unser Opfer und unsere Stiftshütte wird. Taufe ohne dieses Weitergehen würde das Zeichen von seiner Wirklichkeit trennen. Der Hebräerbrief ruft dazu, diesen Weg bewusst zu gehen: weg von dem, was uns bindet, hinein in das unsichtbare, aber reale Heiligtum, in dem Christus als Hoherpriester wirkt.

Damit bekommt Jüngerschaft eine schärfere Kontur. Es genügt nicht, einst „über den Fluss gegangen“ zu sein und nun bequem am Ufer zu lagern. Gottes Volk neigt dazu, dort, wo es sich eingerichtet hat, träger zu werden, lau zu werden oder religiös zu erstarren. Dann greift Gott wieder zum Wasser: zu äußeren Krisen, zu inneren Erschütterungen, zu Situationen, in denen wir merken, dass die alte Weise des Glaubenslebens nicht mehr trägt. Solche Zeiten sind kein Zeichen seines Rückzugs, sondern Einladungen zu einem weiteren Hinübergehen – aus dem bloß Gewohnten in frischere Nähe zu ihm. Wer sich daran erinnert, dass sein Ruf der Ruf eines „Hebräers“ ist, verliert in solchen Übergängen nicht den Mut. Gerade im Durchgang durch Gerichtswasser erweist sich der Gott, der „genau achtgehabt“ hat (2. Mose 3:16), als treu. Der Weg mag durch Fluten führen, aber am anderen Ufer wartet keine Leere, sondern der lebendige Christus, der uns in ein neues Maß an Freiheit, Heiligkeit und Gemeinschaft mit sich hineinführt.

Und es kam ein Entronnener und berichtete es Abram, dem Hebräer. Er nun wohnte bei den Eichen des Amoriters Mamre, des Bruders Eschkols und des Bruders Aners; und diese waren Bundesgenossen Abrams. (1.Mose 14:13)

Und Josua sprach zu dem ganzen Volk: So spricht der HERR, der Gott Israels: Jenseits des Stroms haben eure Väter vorzeiten gewohnt, (und zwar) Terach, der Vater Abrahams und der Vater Nahors, und sie dienten andern Göttern. (Jos. 24:2)

Ein „Hebräer“ zu sein, heißt, das eigene Leben nicht als statische Besitzstandsverwaltung zu verstehen, sondern als Weg unter Gottes Hand, auf dem Übergänge notwendig und kostbar sind. Wo der Herr durch sein Wort oder durch Umstände eine Grenze vor uns zieht, ist das nicht das Ende, sondern ein Ruf, ihm über diese Linie hinaus zu vertrauen – aus Verstrickung, Gewohnheitsreligion und innerer Lähmung hin zu einer frischeren Erfahrung seiner Gegenwart. Es stärkt, sich in solchen Momenten an die große Linie zu erinnern: Noah, Abraham, Israel und die ersten Christen wurden nicht im ruhigen Hafen, sondern im Durchgang durch Wasser als Gottes Volk geformt. Das macht mutig, erneuernde Prozesse nicht abzuwehren, sondern als Teil dessen zu sehen, was der Herr seit jeher mit seinen „Hebräern“ tut: Er führt hindurch, um näher zu sich heranzuführen.

Vom religiösen „Ei“ zum lebendigen „Huhn“: Christus statt Hülle

Der Hebräerbrief spricht zu Menschen, die den von Gott gegebenen Gottesdienst des Alten Bundes kannten und liebten: Tempel, Opfer, Priestertum, Feste. All das war nicht menschliche Erfindung, sondern Ausdruck von Gottes Weisheit. Und doch ist genau dieses von Gott eingesetzte System in der Zeit des Neuen Bundes zu einer gefährlichen Versuchung geworden. Die Adressaten glauben an Jesus als den Messias, halten aber zugleich an einer Ordnung fest, deren Erfüllung bereits gekommen ist. Ein Bild kann die Spannung verdeutlichen: Vor dem Kommen Christi war der alttestamentliche Gottesdienst wie ein Ei, in dem das Küken verborgen heranwächst. Die Schale ist kostbar, weil in ihr Leben ist. Mit der Menschwerdung, dem Kreuz und der Auferstehung tritt das Leben aus der Schale hervor – das Küken schlüpft. Christus, der Inhalt aller Opfer, Feste und Dienste, steht auf, fährt auf und setzt sich „zur Rechten der Majestät in der Höhe“. Von diesem Moment an ist die Schale ohne das Küken nicht mehr der Ort des Lebens.

Bevor Christus kam, war das Judentum wie ein Ei. Eines Tages kam das Huhn aus dem Ei heraus – das bedeutet, Christus kam aus dieser Eierschale hervor. Früher waren das Huhn und die Schale eins. Damals lohnte es sich, das Ei zu schätzen, weil das Huhn im Ei war. Eines Tages wurde Jesus hervorgebracht und kam aus der Schale heraus. Jetzt läuft das Huhn nicht mehr nur auf der Erde umher oder schwebt in der Luft, sondern es sitzt im dritten Himmel. Das Huhn ist dort im Himmel, und die Schale ist hier auf der Erde. Sei nicht so töricht, dir zu überlegen, ob du zum Huhn gehen oder bei der Schale bleiben sollst. Natürlich musst du zum Huhn gehen. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft eins, S. 13)

Dieses Bild ist nicht polemisch gegen Israel gerichtet, sondern legt ein geistliches Prinzip frei: Alles, was Gott gibt – Formen, Ordnungen, Rituale –, hat seinen Wert darin, dass es auf Christus hinweist und sein Leben birgt. Sobald Christus selbst hervorgetreten ist, wird jede Form, die sich von ihm löst, zur leeren Schale. Der Hebräerbrief zeigt, wie ernst das ist: Die Leser stehen in der Gefahr, „wieder zurückzugehen“, sich an sichtbare, greifbare Formen zu klammern, während der lebendige Christus sie aus dem Allerheiligsten her ruft. In 3. Mose 10:1–2 wird beschrieben, wie Nadab und Abihu fremdes Feuer bringen und vor dem HERRN sterben. Nicht, weil sie überhaupt opfern, sondern weil das Feuer nicht mehr von dem Altar stammt, auf dem Gott selbst das Feuer entzündet hat. Wo der Ursprung nicht mehr Christus ist, wo das Feuer nicht mehr von seinem Kreuz und seiner Gegenwart genährt wird, verliert der Dienst seinen Charakter. Er kann äußerlich beeindruckend bleiben und doch innerlich hohl sein.

Dieses Prinzip trifft auch das christliche Leben. Taufe, Abendmahl, liturgische Formen, Freikirchentermine, missionarische Aktivitäten – all das kann wie ein Ei sein, das einst Leben in sich trug oder immer noch dazu gedacht ist, Leben zu bergen. Aber wenn Christus, der durch seinen Geist gegenwärtig regiert, nicht wirklich der gelebte Inhalt ist, bleibt eine Schale: korrekt, sorgfältig, vielleicht sogar ehrfürchtig, aber ohne Durchbruch seiner Person. Es ist möglich, bibeltreu zu sein und doch nicht beim „Huhn“ zu sein, sondern bei der Schale zu verweilen. Hebräer 13 wird daher sagen, dass wir „zu ihm hinausgehen“ sollen, „außerhalb des Lagers“, und seine Schmach tragen. Das Lager sind nicht einfach „die anderen“, sondern alles, was als religiöse Sicherheit fungiert, während Christus selbst außerhalb steht. Der Ruf besteht nicht darin, Formen leichtfertig zu verachten, sondern darin, sie zu durchschreiten, um bei dem zu sein, auf den sie verweisen.

Tröstlich ist: Wo Christus im Mittelpunkt steht, dürfen auch äußere Ordnungen aufatmen. Sie müssen nicht mehr den Platz des Lebens einnehmen, sondern werden zu durchlässigen Gefäßen, die auf ihn hin öffnen. Wie ein Ei, das seine Aufgabe erfüllt hat, indem es das Küken hervorgebracht hat, verlieren sie nichts, wenn sie sich zurücknehmen; im Gegenteil, sie gewinnen ihren Sinn als Stationen auf einem Weg der Begegnung. Der Hebräerbrief ermutigt dazu, den Mut zu haben, sich innerlich von allem zu lösen, was zur bloßen Hülle geworden ist, und zugleich dankbar zu würdigen, wo Gott durch konkrete Formen Spuren seines Wirkens gelegt hat. Das entlastet von der Angst, Sicherheiten zu verlieren, und öffnet den Raum, in dem Christus selbst – nicht ein System – als der lebendige Herr erfahren wird. Wer so lernt, mehr auf das Küken als auf die Schale zu achten, entdeckt, dass Gottes Treue größer ist als jede Ordnung und dass sein Sohn bereit ist, sich neu als Inhalt eines scheinbar bekannten Glaubenslebens zu schenken.

Und die Söhne Aarons, Nadab und Abihu, nahmen jeder seine Räucherpfanne und taten Feuer hinein und legten Räucherwerk darauf und brachten fremdes Feuer vor dem HERRN dar, das er ihnen nicht geboten hatte. (3.Mose 10:1)

Da ging Feuer vom HERRN aus und verzehrte sie. Und sie starben vor dem HERRN. (3.Mose 10:2)

Die Unterscheidung zwischen Schale und Huhn schärft den Blick für das eigene geistliche Leben: Nicht alles, was vertraut, ehrwürdig oder von Gott begonnen ist, trägt automatisch das lebendige Zeugnis Christi in sich. Es ist ein Geschenk, wenn der Herr zeigt, wo Formen ihren rechtmäßigen Platz haben und wo sie das Leben verdecken. In dieser Einsicht liegt keine Verachtung des Bisherigen, sondern die Einladung, Christus selbst neu zur Mitte werden zu lassen. Wer diesen Weg innerlich mitgeht, wird merken, wie sich Druck und Perfektionismus lösen und an ihre Stelle eine stille Freiheit tritt: die Freiheit, das Gute zu bewahren, ohne daran zu kleben, und das Neue zu empfangen, ohne das Alte zu verachten. Inmitten aller Veränderungen bleibt die Zuversicht: Der Herr der Gemeinde ist größer als jede Form – und gerade deshalb ist es sicher, sich an ihn zu halten.

Der gegenwärtige himmlische Christus und das himmlische Heiligtum

Der Weg der „Hebräer“ hat ein Ziel, das über alle geografischen Verheißungen des Alten Bundes hinausgeht. Israel wurde nach vielen Wasserüberquerungen in das gute Land Kanaan gebracht, wo Stiftshütte und später der Tempel als Wohnung Gottes inmitten seines Volkes standen. Der Hebräerbrief aber hebt den Blick: Das eigentliche „gute Land“ ist nicht mehr ein Territorium, sondern das himmlische Heiligtum selbst – die Sphäre, in der Christus als verherrlichter Hoherpriester dient. Er ist „durch die Himmel gegangen“ und hat „sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe“. Dort, im Allerheiligsten, ist er als Vorläufer für uns eingegangen und hat einen Weg eröffnet, der nicht mehr aus Stein und Stoff besteht, sondern durch seinen eigenen Leib und sein Blut markiert ist. In diesem Licht ist die Geschichte Israels mit Stiftshütte und Tempel nicht bloße Vergangenheit, sondern eine prophetische Darstellung der Wirklichkeit, in die Christus uns führt.

Christus ist nicht hier, sondern dort. Er ist der Vorläufer; Er ist bereits in das Innere des Vorhangs eingegangen. Du solltest nicht hier bleiben, du musst dorthin gehen. Er ist unser Anführer, und Er ist in die Herrlichkeit eingegangen. Lasst uns Ihm folgen. Lasst uns weiterkämpfen, bis wir in die Herrlichkeit eingehen. Lasst uns durch das Tor hinausgehen, außerhalb des Lagers sein und Ihm innerhalb des Vorhangs folgen. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft eins, S. 12)

Erstaunlich ist, wie die Schrift diese himmlische Realität mit unserem irdischen Leben verknüpft. In 1. Mose 28 sieht Jakob in einem Traum eine Leiter, deren Spitze bis an den Himmel reicht, während ihr Fuß auf der Erde steht. „Und die Engel Gottes stiegen an ihr auf und ab“ (1. Mose 28:12). Er erwacht und sagt überwältigt: „Dies ist nichts anderes als das Haus Gottes und dies ist die Pforte des Himmels“ (1. Mose 28:17). Im Johannesevangelium deutet Christus dieses Bild auf sich selbst: Er ist die wahre Verbindung zwischen Himmel und Erde, die lebendige Leiter. Der Hebräerbrief nimmt diesen Faden auf, wenn er Christus als Hohenpriester im himmlischen Heiligtum zeigt und zugleich betont, dass wir durch ihn „Freimütigkeit zum Eintritt in das Heiligtum“ haben. Die Pforte des Himmels liegt damit nicht mehr an einem geographischen Punkt, sondern dort, wo Christus als gegenwärtiger Herr durch seinen Geist in unseren Geist hineinreichend regiert.

Die Bilder vom Meer aus Glas in der Offenbarung geben dieser Sicht eine zusätzliche Tiefe. Johannes sieht vor dem Thron „wie ein gläsernes Meer, gleich Kristall“ (Offenbarung 4:6), später „ein gläsernes Meer, mit Feuer gemischt“ und an ihm die Überwinder stehen (Offenbarung 15:2). Das Meer, das im Alten Testament Ort der Bedrohung und des Chaos ist, wird hier zu einem festen, klaren Boden vor Gottes Thron. Feuer, das Gericht bedeutet, ist in dieses Meer hineingemischt – und dennoch stehen Menschen darauf und preisen Gott. Ihr Platz ist nicht mehr unter den Wellen des Gerichts, sondern über ihnen. Der Hebräerbrief lädt dazu ein, diese Perspektive schon jetzt anzunehmen: In Christus sind wir mit ihm versetzt „in die himmlischen Regionen“, auch wenn unser äußeres Leben noch in Schwachheit verläuft. Das Hinübergehen in das himmlische Heiligtum bedeutet deshalb nicht Flucht aus der Welt, sondern eine neue Stellung mitten in ihr: Wir lernen, aus einer Position über den Wassern zu leben, nicht mehr von ihnen verschlungen, sondern von Gottes Gegenwart getragen.

Wenn Christus als unser Hoherpriester im himmlischen Heiligtum lebt und wirkt, hat das Konsequenzen für jede alltägliche Situation. Wir kommen nicht zu einem fernen Gott, wenn wir beten, sondern treten durch den Sohn in eine Wirklichkeit ein, in der er selbst schon steht. Unsere Bitten erreichen nicht erst mühsam den Himmel; sie bewegen sich auf einem Weg, den Christus bereits als „Vorläufer“ gegangen ist. Das macht den Eintritt in das Heiligtum zugleich ehrfurchtsvoll und zuversichtlich. Wie Jakob dürfen wir staunend sagen: „Wahrlich, Jehovah ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!“ (1. Mose 28:16). Wo Christus gegenwärtig ist, wird der alltäglichste Ort zu einem Stück Bethel, zu „Haus Gottes“ – nicht, weil wir eine besondere Atmosphäre erzeugen, sondern weil er selbst die Leiter ist, die Himmel und Herz verbindet. Das „gute Land“, in das der Hebräerbrief ruft, ist darum kein fernes Jenseits, sondern die gegenwärtige Herrschaft Christi im Verborgenen, in die wir durch Glauben und Gehorsam eintreten.

Und er träumte, dass da eine Leiter auf die Erde gestellt war, und ihre Spitze reichte bis an den Himmel; und die Engel Gottes stiegen an ihr auf und ab. (1.Mose 28:12)

Und er fürchtete sich und sagte: Wie ehrfurchtgebietend ist diese Stätte! Dies ist nichts anderes als das Haus Gottes und dies ist die Pforte des Himmels. (1.Mose 28:17)

Die Vision des himmlischen Heiligtums will nicht als ferne Spekulation neben dem Alltag stehen, sondern die Perspektive prägen, aus der heraus wir leben. Wo im Herzen Raum für die Gewissheit wächst, dass Christus als unser Hoherpriester schon jetzt im Heiligtum für uns eintritt, verlieren manche Ängste ihre absolute Macht. Entscheidungen, Konflikte und Unsicherheiten bleiben real, werden aber von einem anderen Horizont her betrachtet. In dieser Spannung zwischen der sichtbaren Welt und der unsichtbaren Wirklichkeit des Himmels lädt der Hebräerbrief ein, innerlich an der Hand dessen zu gehen, der vorausgegangen ist. Aus dieser Verbundenheit wächst ein stiller Mut, Schritt für Schritt weiterzugehen – nicht, weil alle Fragen geklärt wären, sondern weil der, der das Ziel ist, zugleich unser Wegbegleiter bleibt. Diese Zuversicht ist kein Gefühl, sondern eine Frucht des Blicks auf den himmlischen Christus. Und in diesem Blick liegt ein Trost, der trägt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 1

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