Dem Ziel nachjagen für den Preis der hohen Berufung
Viele Christen sehnen sich danach, am Ende ihres Laufes von Christus anerkannt zu werden, merken aber im Alltag, wie stark sie noch von Sorgen, alten Gewohnheiten und rein natürlicher Kraft geprägt sind. Paulus spricht in Philipper 3 von einem geheimnisvollen Ziel und einem herrlichen Preis, die beide mit der Auferstehungskraft Christi verbunden sind. Wer versteht, was er mit der „Aus-Auferstehung“ meint, gewinnt eine klare Richtung für sein Glaubensleben und entdeckt, wie Gott schon heute die kommende Herrlichkeit in unser sterbliches Leben hineinwirkt.
Das Ziel: Christus als Aus-Auferstehung kennen
Wenn Paulus davon spricht, Christus zu erkennen und „irgendwie“ zur Aus-Auferstehung aus den Toten zu gelangen, verdichtet er sein ganzes Verlangen in ein einziges Ziel: Christus selbst in der Wirklichkeit seiner Auferstehung. Er schaut nicht nur auf ein zukünftiges Ereignis am Ende der Zeit, sondern auf eine gegenwärtige Sphäre, in die Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung eingetreten ist. In Philipper 3 heißt es: „um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden, indem ich Seinem Tod gleichgestaltet werde, ob ich wohl zur Heraus-Auferstehung von den Toten hingelangen könnte“ (Phil. 3:10–11). Christus hat in seinem irdischen Leben alles angenommen, was zur alten Schöpfung gehört: Schwachheit, Versuchung, Ablehnung, den Tod selbst. Am Kreuz hat er diese alte Schöpfung ans Ende gebracht, und in der Auferstehung ist er in einen völlig neuen Bereich eingetreten, in Gott selbst. Seitdem steht alles, was er ist und tut, unter der Überschrift: Auferstehung.
In Vers 11, der eine Fortsetzung von Vers 10 ist, sagt Paulus: „ob ich irgendwie hingelangen möge zur Ausauferstehung aus den Toten“. Der Ausdruck „die Ausauferstehung“ ist rätselhaft. Nachdem Christus auferstanden war, wurde Er eine Person, die ganz in der Auferstehung ist. Außerdem ist die Auferstehung, in der Christus heute ist, keine gewöhnliche Auferstehung wie die Auferstehung des Lazarus, sondern eine außergewöhnliche Auferstehung. Deshalb fügt Paulus dem griechischen Wort für Auferstehung das Präfix ex hinzu, um zu zeigen, dass die Auferstehung Christi außergewöhnlich ist. Seine Auferstehung ist die Ausauferstehung. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft vierundfünfzig, S. 478)
Wenn Paulus diese Auferstehung mit dem verstärkenden „heraus“ (ex) beschreibt, setzt er sie bewusst ab von jeder Auferstehung, die noch irgendwie mit der alten Schöpfung verbunden bleibt – so wie bei Lazarus, der zwar aus dem Grab herauskam, aber in dieselbe vergängliche Ordnung zurückkehrte. Die Aus-Auferstehung ist der Bereich, in dem Christus als der Auferstandene lebt, regiert und wirkt: völlig außerhalb der alten Schöpfung, ganz in Gott hinein versetzt. Wer sagt, sein Ziel sei diese Aus-Auferstehung, sagt damit: Mein Ziel ist Christus selbst in dieser neuen Wirklichkeit. „Nicht dass ich es schon erlangt hätte oder schon vollendet wäre, ich jage aber nach, ob ich wohl das ergreifen kann, wozu ich auch von Christus Jesus ergriffen worden bin“ (Phil. 3:12). So wird die hohe Berufung Gottes in Christus Jesus zu einem Ruf hinein in diesen Auferstehungsbereich. Sie holt den Menschen weg von allem, was nur natürlich, religiös oder moralisch beeindruckend ist, aber nicht in der Kraft des Auferstandenen steht. Das macht Mut, den Blick neu auszurichten: Nicht auf das Maß der eigenen Leistung, sondern auf den, der als der Auferstandene unser Ziel, unsere Atmosphäre und unsere Zukunft zugleich ist.
Wer so auf Christus als die Aus-Auferstehung schaut, beginnt, die eigene Geschichte anders zu lesen. Vergangenes bleibt nicht folgenlos, aber es verliert seine endgültige Deutungshoheit, weil eine andere Wirklichkeit ins Spiel kommt. In diesem Licht bekommt selbst Schwachheit eine neue Färbung: Sie wird zum Ort, an dem die Kraft seiner Auferstehung sichtbar werden darf. Schritt für Schritt wächst die innere Gewissheit: Ich bin nicht mehr an die alte Schöpfung gebunden, nicht an Herkunft, Prägung oder verinnerlichte Grenzen. Der Geist dessen, der Christus von den Toten auferweckt hat, wohnt in mir und zieht mich hinein in diesen neuen Bereich. So wird das Nachjagen nach dem Ziel zu einer stillen, aber tiefen Freude: Der Weg mag umkämpft sein, doch das Ziel ist derselbe Christus, der bereits alles durchschritten hat. In dieser Gewissheit gewinnt das Herz Raum, sich zu strecken, ohne verbissen zu sein, und sich ausrichten zu lassen auf das, was in Gott schon vollendet ist.
um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden, indem ich Seinem Tod gleichgestaltet werde, ob ich wohl zur Heraus-Auferstehung von den Toten hingelangen könnte. (Phil. 3:10-11)
Nicht dass ich es schon erlangt hätte oder schon vollendet wäre, ich jage aber nach, ob ich wohl das ergreifen kann, wozu ich auch von Christus Jesus ergriffen worden bin. (Phil. 3:12)
Wenn Christus als Aus-Auferstehung zum Ziel wird, verändert sich die innere Blickrichtung: Glauben bedeutet dann weniger, an etwas zu glauben, und mehr, sich einer Wirklichkeit anzuvertrauen, in der Christus selbst schon angekommen ist. Aus dieser Perspektive verliert die alte Schöpfung an Faszination wie an Drohkraft, und ein neuer Mut wächst, die eigene Biographie nicht mehr als Schicksal, sondern als Stoff zu sehen, den der Auferstandene in sein Leben hineinziehen will. Daraus entsteht eine stille, aber beharrliche Entschlossenheit: Was auch geschieht, das Ziel bleibt nicht in der Ferne – es trägt meinen Weg, weil der Auferstandene selbst mein Ziel ist.
Im Alltag aus der Auferstehung leben statt aus der alten Schöpfung
Die Frage, ob wir aus der alten Schöpfung handeln oder in der Aus-Auferstehung leben, entscheidet sich selten an den großen Lebensprojekten, sondern meist an stillen, alltäglichen Reaktionen. Paulus beschreibt seine eigene Bewegung so: „Brüder, ich schätze mich selbst nicht so ein, es ergriffen zu haben; eins aber tue ich: Indem ich die Dinge vergesse, die hinter mir liegen, und mich ausstrecke nach den Dingen, die vor mir liegen, jage ich auf das Ziel zu für den Siegespreis, zu dem Gott mich in Christus Jesus aufwärts berufen hat“ (Phil. 3:13–14). Dieses Strecken nach vorne geschieht mitten in den gewöhnlichen Spannungsfeldern: in Ehe und Familie, im Umgang mit Kritik, unter Druck am Arbeitsplatz, in Zeiten von Erschöpfung. Eine Liebe zum Ehepartner kann herzlich sein und doch ganz aus natürlichen Quellen kommen – geprägt von Temperament, Erfahrungen, Erwartungen. Wenn aber dieselbe Liebe aus der Auferstehung geschöpft ist, steht sie unter einer anderen Überschrift: Sie ist aus der alten Schöpfung herausgenommen und in Gott hineingestellt.
Nehmen wir zum Beispiel an, ein Bruder liebt seine Frau sehr. Er muss sich fragen, ob diese Liebe natürlich ist oder in der Auferstehung. Selbst nichtchristliche Ehemänner können ihre Frauen auf natürliche Weise lieben. Wenn ein Bruder seine Frau in der Auferstehung liebt, ist seine Liebe aus der alten Schöpfung heraus und in Gott. Das zeigt: Christus zu leben bedeutet, die Ausauferstehung zu leben – ein Leben zu führen, das völlig aus der alten Schöpfung heraus und in Gott ist. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft vierundfünfzig, S. 480)
Die Schrift zeigt, wie real das ist. „Und wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird Er, der Christus von den Toten auferweckt hat, durch Seinen Geist, der in euch wohnt, auch euren sterblichen Leibern Leben geben“ (Röm. 8:11). Es geht nicht nur um eine ferne Verwandlung, sondern um ein gegenwärtiges Belebtwerden: Haltungen, Gewohnheiten und Reaktionsmuster werden berührt. Wo Angst, Selbstbehauptung, versteckter Zorn oder religiöser Stolz den Ton angeben, zeigt sich die alte Schöpfung. Wo der in uns wohnende Geist Raum gewinnt, entstehen Reaktionen, die wir aus uns selbst nicht hervorbringen könnten: ein Wort, das nicht zurückschlägt, ein Schweigen, das nicht bitter ist, ein Ja, das nicht aus Pflicht, sondern aus innerer Freiheit kommt. So wird „zu leben Christus“ (Phil. 1:21) konkret.
Im Alltag aus der Auferstehung zu leben, heißt daher nicht, das Natürliche zu verachten, sondern es einer anderen Quelle zu öffnen. Gefühle, Begabungen, Verantwortungen bleiben bestehen, aber sie werden durch die Gegenwart des Auferstandenen neu geordnet. Manches, was früher selbstverständlich schien – etwa sich durchzusetzen, das eigene Recht zu sichern, ständig verfügbar zu sein – verliert an Selbstverständlichkeit. An seine Stelle tritt eine innere Ausrichtung, die fragt: Was entspricht dem Leben, das der Auferstandene in mir ist? Auf diesem Weg bleiben Brüche und Lernfelder, doch gerade darin wächst Vertrauen: Die Auferstehungskraft Christi ist nicht nur für Hochzeiten und Krisen reserviert, sie ist für den normalen Tag. Wer das entdeckt, erfährt, wie selbst unscheinbare Entscheidungen von einem stillen Glanz durchzogen werden, weil sie Spuren des Lebens aus der neuen Schöpfung tragen.
Brüder, ich schätze mich selbst nicht so ein, es ergriffen zu haben; eins aber tue ich: Indem ich die Dinge vergesse, die hinter mir liegen, und mich ausstrecke nach den Dingen, die vor mir liegen, jage ich auf das Ziel zu für den Siegespreis, zu dem Gott mich in Christus Jesus aufwärts berufen hat. (Phil. 3:13-14)
Denn das Leben ist für mich Christus, und das Sterben Gewinn. (Phil. 1:21)
Je deutlicher die Unterscheidung zwischen alter Schöpfung und Auferstehungswirklichkeit wird, desto weniger drängend wird die Frage nach äußerer Größe und Erfolg. Der Blick verschiebt sich auf die unscheinbare, aber kostbare Frucht eines Lebens, das vom Auferstandenen durchdrungen wird: eine sanftere Antwort, ein ehrlicheres Eingeständnis, ein freierer Umgang mit eigener Schwäche. So entsteht allmählich ein Lebensstil, in dem sich Christus selbst wiedererkennt – nicht als Idealbild, sondern als lebendige Realität, die im Verborgenen wächst und dennoch nicht verborgen bleibt.
Der Preis: die erste Auferstehung und die Mit-Herrschaft mit Christus
Paulus spricht mit großer Nüchternheit und zugleich mit hoher Spannung von zwei Dingen: dem Ziel, dem er nachjagt, und dem Preis, den er erlangen möchte. „Jage ich auf das Ziel zu für den Siegespreis, zu dem Gott mich in Christus Jesus aufwärts berufen hat“ (Phil. 3:14). Das Ziel ist die Aus-Auferstehung als gegenwärtige Realität in Christus – ein Leben, das jetzt schon aus der alten Schöpfung herausgenommen und in Gott hineingestellt wird. Der Preis ist die vollkommene Teilnahme an dieser Auferstehungsdimension in der kommenden Zeit. Die Offenbarung zeichnet dazu eine eindrückliche Verheißung: „Gesegnet und heilig ist, wer an der ersten Auferstehung teilhat; über diese hat der zweite Tod keine Macht, sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und werden mit Ihm tausend Jahre lang regieren“ (Offb. 20:6). Hier wird nicht die grundsätzliche Rettung beschrieben, sondern ein besonderer Anteil an der Herrschaft des Auferstandenen im kommenden Zeitalter.
So wie das Ziel die Ausauferstehung ist, so ist auch der Preis die Ausauferstehung. Das Ziel ist dazu da, dass wir es erlangen, der Preis aber dazu, dass wir ihn genießen. Wir mögen das Ziel in diesem Zeitalter erreichen, doch den Preis werden wir im kommenden Zeitalter genießen. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft vierundfünfzig, S. 482)
Damit verbindet sich Gegenwart und Zukunft auf eine feine Weise. Wer heute der Aus-Auferstehung nachjagt, lernt, in kleinen Dingen mit Christus zu regieren: über eigene Impulse, über Bitterkeit, über Resignation. Dieses Mitregieren im Verborgenen ist eine Vorbereitung auf das Mitregieren in Herrlichkeit. Von 1. Mose an ruft Gott Menschen heraus – aus der Verlorenheit Adams, aus Babel, aus Ägypten, aus der Zerstreuung – hinein in sein Reich und seine Herrlichkeit. Im Neuen Testament verdichtet sich dieser Ruf zur „hohen Berufung Gottes in Christus Jesus“ (Phil. 3:14). Was der Gläubige heute im Glauben ergreift, wird Gott im kommenden Zeitalter als Preis bestätigen: Die Aus-Auferstehung, die jetzt Ziel und Lebensweg ist, wird dann als unverlierbare Teilhabe an der Herrlichkeit Christi erfahren.
Dieser Blick auf den Preis der ersten Auferstehung relativiert nicht die Gegenwart, sondern verleiht ihr Gewicht. Entscheidungen, die heute verborgen scheinen – ein gehorsames Ja, ein Loslassen, eine Treue, die niemand wahrnimmt – werden in diesem Licht kostbar. Sie sind nicht nur moralische Leistungen, sondern Übungen in der Sphäre der Auferstehung. So entsteht eine stille Freude über die Gerechtigkeit Gottes: Kein Schritt in der Kraft des Auferstandenen bleibt unbemerkt, nichts, was in der neuen Schöpfung geschieht, ist vergeblich. Wer das ahnt, wird nicht von Angst vor Verlust, sondern von Hoffnung geführt: Die Zukunft mit Christus ist nicht ungewiss, sondern durch seine Auferstehung schon geöffnet. Und das gibt dem heutigen Lauf eine neue Leichtigkeit – ernst, aber nicht schwer; zielbewusst, aber nicht verkrampft; getragen von dem Wissen, dass der, der ruft, auch der ist, der krönt.
jage ich auf das Ziel zu für den Siegespreis, zu dem Gott mich in Christus Jesus aufwärts berufen hat. (Phil. 3:14)
Gesegnet und heilig ist, wer an der ersten Auferstehung teilhat; über diese hat der zweite Tod keine Macht, sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und werden mit Ihm tausend Jahre lang regieren. (Offb. 20:6)
Die Aussicht auf den Preis der ersten Auferstehung will keinen Druck erzeugen, sondern einen Horizont öffnen: Das, was heute verborgen in der Gemeinschaft mit dem Auferstandenen geschieht, hat Ewigkeitswert. So wird das Jetzt entlastet von der Last, alles sofort sehen zu müssen, und zugleich ernst genommen als Raum, in dem Christus uns auf die kommende Herrlichkeit vorbereitet. Wer so unterwegs ist, findet eine eigentümliche Mischung aus Ehrfurcht und Zuversicht: Ehrfurcht vor der Größe dessen, was Gott bereitet hat, und Zuversicht, dass der Auferstandene selbst uns bis dorthin trägt.
Herr Jesus Christus, danke, dass du aus der Tiefe der alten Schöpfung hindurchgegangen bist und in der Auferstehung ganz in den Bereich Gottes eingetreten bist. Du siehst, wie sehr unser Denken, Fühlen und Handeln noch von der alten Schöpfung geprägt ist, und wie oft Sorgen, Gewohnheiten und eigenes Bemühen den Ton angeben. Wir bringen dir unser natürliches Leben mit allem, was wir aus eigener Kraft verbessern wollen, und bitten dich: wirke durch deinen Geist in uns die Wirklichkeit deiner Auferstehung. Belebe unsere sterblichen Leiber, erneuere unsere Herzen und Stärke in uns die Hoffnung auf den kommenden Preis der ersten Auferstehung, und lass die Freude an deiner zukünftigen Herrlichkeit schon heute unsere Schritte tragen. Dir vertrauen wir unseren Lauf an und ruhen darin, dass du das gute Werk zur Vollendung bringst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Philippians, Chapter 54