Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das Wort des Lebens identisch mit dem lebendigen Christus

13 Min. Lesezeit

Viele Christen lieben die Bibel und sehnen sich danach, Christus näher zu kennen – und dennoch bleibt ihr Bibellesen manchmal trocken und kraftlos. Andere reden gern über Lehre, spüren aber wenig von der lebendigen Gegenwart des Herrn in seinem Wort. Die Schrift bezeugt jedoch eine erstaunliche Wirklichkeit: Das Wort des Lebens ist nicht nur eine Sammlung heiliger Texte, sondern der lebendige Christus selbst, der als Geist im Wort zu uns kommt, um unser Inneres mit Leben zu füllen.

Der dreieine Gott als Wort und Geist

Die Bibel zeichnet kein wechselndes Gottesbild, sondern öffnet einen Blick in das innerste Leben Gottes selbst. Johannes fasst dieses Geheimnis in den einfachen, dichten Worten: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1:1). Das Wort ist bei Gott – unterscheidbar – und zugleich ist das Wort Gott – untrennbar eins. Wenn derselbe Johannes später schreibt, dass der Sohn „den Vater gesehen“ hat (Johannes 6:46), wird deutlich: Der, der als Mensch vor den Jüngern steht, ist die sichtbare Gestalt des unsichtbaren Gottes. In seiner Person begegnen sich der ewige Logos und der historische Jesus. Der Vater ist nicht irgendwo hinter Jesus verborgen; in Jesus kommt der Vater selbst auf die Bühne der Geschichte.

Es ist für uns entscheidend zu erkennen, dass der Dreieine Gott, nachdem Er die verschiedenen Schritte eines Prozesses durchlaufen hat, heute der Geist geworden ist. In Johannes 7:39 heißt es: „Dies aber sagte Er über den Geist, den jene empfangen sollten, die in Ihn hineinglauben; denn der Geist war noch nicht, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war.“ Obwohl der Geist Gottes immer existiert hat, heißt es in diesem Vers dennoch, dass der Geist noch nicht war. Der Ausdruck „der Geist“ bezeichnet hier den Dreieinen Gott – den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist –, der einen Prozess durchlaufen hat, um der allumfassende, Leben gebende Geist zu werden. Dieser Geist ist allumfassend, weil Er nicht nur die Göttlichkeit, sondern auch die Menschlichkeit, das menschliche Leben, die Kreuzigung, die Auferstehung und die Auffahrt einschließt. Er umfasst alles, was der drei-eine Gott ist, was Er hat und was Er vollbracht und erreicht hat. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft fünfundvierzig, S. 399)

Darum kann der Herr sagen: „Glaubst du nicht, dass Ich im Vater bin und der Vater in Mir ist?“ (Johannes 14:10). Es geht hier nicht um ein abstraktes Dogma, sondern um das lebendige Ineinander dreier Personen, die doch ein Gott sind. Der Sohn ist im Vater, der Vater im Sohn, und der Geist, der vom Vater ausgeht und vom Sohn gesandt wird, ist die göttliche Nähe in Person. Wenn die Schrift dann vom Geist spricht, der nach Kreuz und Auferstehung in neuer Weise da ist (Johannes 7:39), zeigt sich: Der Dreieine Gott ist durch Menschwerdung, menschliches Leben, Kreuz, Auferstehung und Erhöhung hindurchgegangen, um als allumfassender, lebengebender Geist zu uns zu kommen. Dieser Geist trägt in sich alles, was Gott ist und was Christus vollbracht hat –, und er ist zugleich im Wort verkörpert. Wer sich dem Wort Gottes im Glauben aussetzt, steht nicht einem bloßen Text gegenüber, sondern berührt den dreieinen Gott selbst, der sich im Sohn als Geist mitteilt. In dieser Gewissheit wird das Hören der Schrift zu einer Begegnung: Die Linien von Vater, Sohn, Geist und Wort laufen in unserem Herzen zusammen, und wir dürfen innerlich zur Ruhe kommen, weil Gott selbst der Inhalt dessen ist, was wir lesen.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (Joh. 1:1)

Nicht daß jemand den Vater gesehen hat, außer dem, der von Gott ist, dieser hat den Vater gesehen. (Joh. 6:46)

Wenn das Wort Gottes für dich nicht bloß Information, sondern der Selbstausdruck des dreieinen Gottes ist, bekommt jede Begegnung mit der Bibel Gewicht und zugleich Wärme. Dann ist es kein Zufall, wenn ein Vers dich trifft, tröstet oder zurechtweist: der Vater gewinnt Raum, der Sohn wird dir kostbarer, der Geist wirkt stille und doch kraftvoll in deinem Inneren. Du darfst getrost damit rechnen, dass Gott selbst sich im gehörten, gelesenen, meditierten Wort mit dir verbindet – nicht als fremde Macht, sondern als der Liebende, der dich in seine eigene Gemeinschaft hineinzieht und deinen Alltag mit seiner Gegenwart durchdringt.

Das Wort des Lebens identisch mit dem lebendigen Christus

Johannes spricht vom „Wort des Lebens“ in einer Weise, die jede Distanz nimmt: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben, in Bezug auf das Wort des Lebens“ (1. Johannes 1:1). Hier steht kein Begriff vor uns, sondern eine Person, die hörbar, sichtbar, berührbar ist. Das Wort des Lebens ist der Sohn Gottes selbst, der als Mensch mitten unter Menschen gelebt hat. Wenn er seine Worte redet, gibt er nicht lediglich Lehre weiter, sondern teilt sein eigenes Leben aus. Darum heißt es von ihm: „Die Worte, die Ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben“ (Johannes 6:63). Sein Reden ist gefüllt mit seiner Person, durchdrungen vom Geist, getragen vom Leben Gottes.

In der vorangehenden Botschaft haben wir darauf hingewiesen, dass das Wort des Lebens die Verkörperung des lebendigen Gottes ist. Jetzt wollen wir weitersehen, dass das Wort des Lebens mit dem lebendigen Christus identisch ist. Das Wort ist sowohl die Verkörperung des lebendigen Gottes als auch identisch mit dem lebendigen Christus. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft fünfundvierzig, S. 397)

Damit wird verständlich, warum die Schrift einerseits scharf zwischen Buchstabe und Geist unterscheidet und andererseits das Wort selbst so hoch erhebt. Paulus schreibt: „Der Buchstabe tötet, der Geist aber gibt Leben“ (2. Korinther 3:6). Derselbe Vers, dieselbe Formulierung kann für den einen tot bleiben und für den anderen zur Lebensquelle werden – je nachdem, ob er nur als religiöse Information aufgenommen wird oder als Stimme des lebendigen Christus im Geist gehört wird. In dem Maß, in dem das Wort für uns Identität mit Christus gewinnt, wird es gegenwärtiges Wort des Lebens: Es deckt auf, richtet aus, stärkt, tröstet, formt. Christus selbst begegnet uns darin als Licht, das unsere Dunkelheiten erhellt, als Liebe, die unsere Härten zerbricht, als Heiligkeit und Gerechtigkeit, die uns innerlich ordnen. Wo sein Wort so Raum bekommt, dort wird nicht nur unser Denken verändert, sondern unser ganzes Sein gewinnt eine neue Mitte.

Die Vertrautheit mit Bibeltexten ist deshalb noch nicht das Ziel; sie ist eher der Boden, auf dem eine tiefere Begegnung wachsen kann. Wenn das Wort des Lebens und der lebendige Christus eins sind, dann ist jedes Aufschlagen der Bibel eine Einladung, ihm selbst zu begegnen. Die vertrauten Formulierungen werden dann nicht langweilig, sondern kostbar, weil in ihnen eine Person auf uns zukommt, die uns besser kennt als wir uns selbst kennen. Besonders in Zeiten der Schwachheit kann dieses Bewusstsein tragen: Das Wort, das dich heute erreicht, ist nicht ein altes Dokument, sondern Christus, der dich sucht, ruft, zurechtbringt und zugleich aufrichtet. So wird dein Verhältnis zur Schrift still, ehrfürchtig und zugleich zuversichtlich – du darfst erwarten, dass der Herr selbst dir im Wort des Lebens entgegenkommt.

Wer das im Lauf der Zeit erfährt, entdeckt das Evangelium immer neu: Christus bleibt nicht in der Vergangenheit eines historischen Berichts, sondern ist als Wort des Lebens gegenwärtig und wirksam. Alte Wunden bekommen neue Antworten, festgefahrene Denkmuster beginnen sich zu lösen, weil jemand anders in das Innere hineinspricht. Die Identität von Wort und Christus bewahrt so vor trockener Schriftgelehrsamkeit und vor vagen, wortlosen Frömmigkeitsgefühlen zugleich. Sie führt hinein in eine lebendige, konkrete Gemeinschaft mit dem Herrn, in der er selbst durch sein Wort das Steuer übernimmt, aber nicht als Tyrann, sondern als der, der sein Leben mit uns teilen will. Daraus wächst stille Freude und eine Motivation, immer wieder unter dieses Wort zu kommen, weil dort der lebt, dessen Gegenwart alles andere relativiert.

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben, in Bezug auf das Wort des Lebens (1.Joh. 1:1)

  • und das Leben ist geoffenbart worden, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das bei dem Vater war und uns geoffenbart worden ist -; (1.Joh. 1:2)

Wenn du begreifst, dass jeder Satz der Schrift ein möglicher Berührungspunkt mit dem lebendigen Christus ist, verändert sich deine Erwartung an das Wort: Nicht du musst aus eigener Anstrengung etwas „herausziehen“, sondern du kannst damit rechnen, dass er selbst im Gelesenen auf dich zukommt. Dann wird auch das Ringen mit schwierigen Texten nicht zur trockenen Pflicht, sondern zur Suchbewegung nach seiner Stimme. Wo sein Wort so zum Wort des Lebens wird, wächst in dir eine stille, aber beständige Gewissheit: Christus ist mir nicht fern; er ist im gesprochenen, gelesenen, erinnerten Wort gegenwärtig – und gerade dadurch kann mein Leben Schritt für Schritt von innen her erneuert werden.

Das Wort als Baum des Lebens im geübten Geist

Schon in 1. Mose stehen zwei Bäume im Zentrum der biblischen Erzählung: der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen und der Baum des Lebens. Diese beiden Wege ziehen sich wie zwei Linien durch die Geschichte Gottes mit den Menschen. Übertragen auf unser Verhältnis zur Schrift bedeutet das: Gottes Wort kann für uns zu einem Baum der Erkenntnis werden – wir wissen immer mehr, können immer besser unterscheiden, bleiben innerlich aber trocken –, oder es wird zum Baum des Lebens, der uns mit göttlicher Lebensversorgung nährt. Paulus fasst diesen Unterschied nüchtern zusammen: „Der Buchstabe tötet, der Geist aber gibt Leben“ (2. Korinther 3:6). Derselbe Bibelvers kann für den einen wie ein trockenes Gesetz wirken und für den anderen zu einer Quelle lebendiger Hoffnung werden, je nachdem, ob er nur im Kopf oder im geübten Geist aufgenommen wird.

Wir sollten die Bibel nicht einfach als ein theologisches Buch ansehen, das offenbart, wer Gott ist, was Gott ist und was Gott möchte, dass wir tun, um mit Ihm in Kontakt zu kommen. Die Bibel ist nicht nur eine objektive Offenbarung Gottes und Seiner Anforderungen. Für uns sollte die Bibel auch der Baum des Lebens sein, von dem wir essen. Für uns kann die Bibel entweder ein Buch der Erkenntnis oder ein Buch des Lebens sein, entweder der Baum der Erkenntnis oder der Baum des Lebens. Der Baum der Erkenntnis bringt den Tod, aber der Baum des Lebens bringt die göttliche Lebensversorgung. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft fünfundvierzig, S. 404)

Im Hintergrund steht die Weise, wie wir dem Wort begegnen. Wenn nur Verstand und Gefühl aktiv sind, bleibt unser innerer, wiedergeborener Geist oft passiv. Dann bleibt das Wort wie ein Streichholz, das nie an der richtigen Stelle entzündet wird. Christus hat jedoch gesagt: „Lasst das Wort Christi reichlich in euch wohnen“ (Kolosser 3:16) und „Wenn ihr in Mir bleibt und Meine Worte in euch bleiben, so bittet, um was auch immer ihr wollt, und es wird euch geschehen“ (Johannes 15:7). Das Wort soll nicht oberflächlich an uns vorbeistreifen, sondern „wohnen“, sich niederlassen, unser Denken, Fühlen und Wollen durchdringen. Wo wir die Schrift nicht nur analysieren, sondern ihre Aussagen vor Gott bewegen, sie in Dank, Bitte, Klage oder Lob verwandeln, beginnt sich unser Geist zu regen. Das Wort wird zum Anlass inneren Gesprächs mit Gott, und gerade darin wirkt der im Wort verkörperte Geist. Was vorher trocken schien, fängt an zu leuchten; ein Vers, den wir schon oft gelesen haben, trifft plötzlich mitten ins Herz – nicht weil wir ihn nun besser durchdacht hätten, sondern weil der Geist ihn uns lebendig macht.

So wird verständlich, warum das Bild vom Baum des Lebens so passend ist: Ein Baum nährt nicht mit einer einmaligen Frucht, sondern durch beständiges Essen. Ebenso wird das Wort Gottes nicht durch gelegentliche Impulse zu unserer Lebensversorgung, sondern indem es „reichlich in uns wohnt“ und wir immer wieder aus ihm schöpfen. In der Verbundenheit mit Christus als Weinstock – „Ich bin der Weinstock; ihr seid die Reben“ (Johannes 15:5) – strömt der Lebenssaft des Geistes durch die Leitung des Wortes in alle Bereiche unseres Lebens. Allmählich merken wir, dass alte Reaktionsmuster sich verändern, dass Bitterkeit weicher wird, dass Mut wächst, wo zuvor Resignation war. Das sind keine spektakulären Effekte, sondern Früchte eines langen, stillen Wachsens, bei dem das Wort nicht als Regelbuch, sondern als Lebensstrom in uns wirkt.

Wer das erfährt, beginnt die Bibel anders zu sehen. Sie ist dann nicht mehr vor allem ein Maßstab, den man einzuhalten versucht, und auch nicht eine Sammlung interessanter Informationen, sondern ein Ort der Begegnung mit Christus als Baum des Lebens. Seine Worte werden zu Nahrung, die trägt – an guten Tagen, aber gerade auch in den dunklen. In Momenten der Erschöpfung kann ein vertrauter Vers wie frisches Wasser wirken; in Zeiten der Schuld wird ein Wort von Vergebung zu einem neuen Anfang. So lernt man, dem inneren Zeugnis des Geistes in der Schrift zu vertrauen: Dass Gott nicht einfach Anforderungen stellt, sondern sich selbst als Lebensversorgung schenkt. Diese Erfahrung schenkt eine tiefe, stille Ermutigung: Egal wie wechselhaft Gefühle und Umstände sind, das Wort bleibt derselbe Christus, der dir in jedem Abschnitt deines Weges als Baum des Lebens zur Seite steht.

der uns auch tauglich gemacht hat zu Dienern eines neuen Bundes, nicht zu Dienern des Buchstabens, sondern des Geistes; denn der Buchstabe tötet, der Geist aber gibt Leben. (2.Kor 3:6)

Lasst das Wort Christi reichlich in euch wohnen in aller Weisheit, indem ihr einander lehrt und zurechtweist mit Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern und indem ihr Gott mit Gnade in euren Herzen singt. (Kol. 3:16)

Wenn du das Wort Gottes als Baum des Lebens entdeckst, muss Bibellesen nicht mehr in erster Linie eine Aufgabe sein, die erfüllt werden soll, sondern wird zu einem Ort, an dem du Atem holst. Dann ist es nicht entscheidend, wie viel du schaffst oder wie klar du alles verstehst, sondern dass du immer wieder unter dieses Wort kommst und es im Geist an dich heranlassen kannst. In dieser Haltung wird selbst ein kurzer, bruchstückhafter Kontakt zur Gelegenheit für Gott, dir etwas von seinem Leben mitzuteilen. Mit der Zeit wächst daraus eine stille Zuversicht: Christus selbst begleitet dich durch sein Wort – in den hellen wie in den dunklen Stunden – und bleibt dir als Baum des Lebens nahe, auch wenn vieles andere unsicher ist.


Herr Jesus Christus, du bist das Wort des Lebens, das von Anfang an beim Vater war und sich uns geoffenbart hat. Danke, dass du als Geist im Wort zu uns kommst und unser dunkles, müdes Herz mit deinem Licht und deinem Leben erfüllst. Öffne uns tiefer für die Wirklichkeit des dreieinen Gottes, der im Wort gegenwärtig ist, und belebe unseren oft so trägen Geist, damit wir dein Wort nicht nur hören, sondern dich selbst darin erfahren. Wo der Buchstabe uns hart, stolz oder leer gemacht hat, schenke durch deinen Geist neues Leben, heilige Liebe und klare Führung. Lass dein Wort in uns wohnen, uns tragen und durch alle Umstände hindurch kräftigen, sodass dein Leben sichtbarer wird als unsere Schwachheit. So sei dein Name geehrt in unserem Denken, Reden und Handeln, bis dein Wort uns ganz durchdrungen hat und du selbst in uns Gestalt gewinnst. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Philippians, Chapter 45

Diesen Artikel teilen

Wenn er hilfreich war, kannst du ihn einfach weitergeben.

E-Mail WhatsApp