Das Wort des Lebens
lebensstudium

Ausgezeichnete Merkmale des christlichen Lebens (2)

12 Min. Lesezeit

Wer Philipper 4:5-9 zum ersten Mal liest, könnte meinen, Paulus gebe nur eine Reihe edler Verhaltensregeln. Doch im Zusammenhang des ganzen Briefes entsteht ein anderes Bild: Hier wird sichtbar, wie es aussieht, wenn ein Mensch tatsächlich sagen kann: „Denn das Leben ist für mich Christus“ (Philipper 1:21). Die beschriebenen Tugenden sind wie ein Handschuh – geschaffen, um gefüllt zu werden –, und Christus selbst ist die lebendige „Hand“, die diesen Handschuh ausfüllt. So wird deutlich, dass die ausgezeichneten Merkmale des christlichen Lebens nicht unsere verbesserte Moral sind, sondern die Ausdrucksform des in uns wohnenden Herrn.

Christus als Inhalt unserer menschlichen Tugenden

Philipper 4:8 öffnet einen Blick in ein Christenleben, das weit über eine Sammlung frommer Tugendregeln hinausgeht. Wenn Paulus von dem spricht, was wahr, ehrwürdig, gerecht, rein, lieblich und wohllautend ist, zeichnet er keinen moralischen Leistungskatalog, sondern das Bild eines Menschen, dessen innerer Inhalt Christus ist. Der Mensch wurde nach 1. Mose 1:26 „in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt“ geschaffen; er trägt sozusagen die Form, aber nicht aus sich selbst den Inhalt. Wie ein Handschuh die Gestalt der Hand hat und doch leer bleibt, solange keine Hand in ihm ist, so besitzen unsere menschlichen Tugenden Gestalt und Struktur, aber ihnen fehlt die göttliche Füllung. Sie können beeindruckend, kultiviert und bewundert sein – und bleiben doch letztlich hohl, wenn nicht Christus selbst in ihnen Gestalt gewinnt.

Hier möchte ich darauf hinweisen, dass alle menschlichen Tugenden von Gott geschaffen wurden. Nach 1. Mose 1:26 wurden wir nach Gottes Bild geschaffen. Unsere menschlichen Tugenden sind ein Gefäß, das dazu gemacht ist, die göttlichen Tugenden zu enthalten, so wie ein Handschuh nach dem Bild einer Hand gemacht ist, um die Hand aufzunehmen. Die Bibel offenbart, dass das Bild Gottes Christus ist (Kol. 1:15; 2.Kor. 4:4). Wenn wir also sagen, dass der Mensch nach dem Bild Gottes gemacht wurde, bedeutet das, dass er gemäß der Gestalt Christi gemacht wurde. Der Mensch wurde gemäß Christus geschaffen, damit er Christus enthalten und Ihn ausdrücken kann. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft achtundzwanzig, S. 239)

Die Schrift bezeugt, dass Christus das Bild Gottes ist: In Kolosser 1:15 heißt es, dass Er „das Bild des unsichtbaren Gottes“ ist; 2. Korinther 4:4 spricht vom „Evangelium der Herrlichkeit Christi, der das Bild Gottes ist“. Wenn der Mensch nach Gottes Bild gemacht wurde, heißt das, dass er von Anfang an gemäß der Form Christi geschaffen war – als ein Gefäß, das zur Aufnahme und zum Ausdruck dieser einen Person bestimmt ist. In diesem Licht erscheinen Wahrhaftigkeit, Würde und Liebenswürdigkeit nicht länger als autonome Werte, die wir durch Disziplin aufbauen, sondern als Räume, in die Christus einziehen möchte. Ein wahrhaftiger Mensch ist dann nicht nur jemand, der korrekt informiert, sondern jemand, in dessen Wahrhaftigkeit Christus als die Wahrheit durchscheint. Eine ehrwürdige Haltung ist nicht bloß Charakterstärke, sondern die stille Würde eines Lebens, das von der Gegenwart des Herrn getragen wird. Und das, was lieblich ist, erhält seinen Duft daher, dass der Liebenswürdige selbst in uns wohnt. So werden die ausgezeichneten Merkmale in Philipper 4:8 zur Beschreibung dessen, wie Christus in seinem Leib sichtbar wird, wenn Er die leeren Formen der menschlichen Tugenden mit seiner göttlichen Realität erfüllt – ein leiser, aber tiefreichender Trost für alle, die ihre eigene Unzulänglichkeit sehen: Entscheidend ist nicht, was wir aus uns machen, sondern was Christus in uns werden darf.

Philipper 4:8: „Schließlich, Brüder, die Dinge, die wahr sind, die Dinge, die ehrwürdig sind, die Dinge, die gerecht sind, die Dinge, die rein sind, die Dinge, die lieblich sind, die Dinge, die wohllautend sind, wenn es irgendeine Tugend und irgendeinen Lobpreis gibt, zieht diese Dinge in Betracht.“

Schließlich, Brüder, die Dinge, die wahr sind, die Dinge, die ehrwürdig sind, die Dinge, die gerecht sind, die Dinge, die rein sind, die Dinge, die lieblich sind, die Dinge, die wohllautend sind, wenn es irgendeine Tugend und irgendeinen Lobpreis gibt, zieht diese Dinge in Betracht. (Phil. 4:8)

Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt, und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über jedes Kriechtier, das auf der Erde umherkriecht! (1.Mose 1:26)

Wer die eigene Leere inmitten hoher Ansprüche spürt, steht mit dieser Erfahrung nahe an der Wahrheit dieses Abschnitts. Die Schöpfung in 1. Mose 1:26 erinnert daran, dass Gott uns nicht als fertige moralische Skulpturen gedacht hat, sondern als Gefäße. Das nimmt den Druck, sich selbst vollenden zu müssen, und öffnet den Raum für eine andere Haltung: Christus ist der Inhalt, auf den hin wir angelegt sind. Seine Gegenwart in unseren Wahrhaftigkeiten, in unserer Art, anderen zu begegnen, in unserer Würde und Zartheit lässt das Christenleben zu dem werden, was Paulus beschreibt. Die eigenen Tugenden müssen dann nicht mehr glänzen, sie dürfen tragen – den, der sie erfüllt. Wo dieses Bewusstsein sich vertieft, wächst stille Dankbarkeit: Das Entscheidende an meinem Leben ist nicht, wie perfekt meine Tugenden sind, sondern wie sehr Christus sie ausfüllen darf. In dieser Erkenntnis liegt eine tiefe Ermutigung, unser Menschsein nicht abzuwerten, sondern es als von Gott geformten Handschuh zu sehen, in den seine Hand hineingehen will.

Die sechs Merkmale als Ausdruck des in uns lebenden Christus

Die sechs Merkmale in Philipper 4:8 gewinnen ihre Schärfe, wenn man sie nicht als abstrakte Begriffe, sondern als Konturen eines Lebens liest, in dem Christus Raum gefunden hat. „Was irgend wahr ist“ meint nicht nur sachliche Richtigkeit, sondern eine Wahrhaftigkeit, die sich vor Gott verantwortet weiß. Sie ist durchsichtig, ohne versteckte Absichten und Halbwahrheiten. Wo Christus als die Wahrheit in einem Menschen lebt, verliert Lüge ihren Reiz; seine Gegenwart macht ungeteilte Aufrichtigkeit kostbar. Ähnlich verhält es sich mit dem, was „ehrwürdig“ ist. In 1. Timotheus 3:8 heißt es über die Diener: „ehrbar, nicht doppelzüngig“, und Vers 11 spricht von Frauen, die „ehrbar“ sein sollen. Ehrwürdigkeit beschreibt kein steifes Auftreten, sondern eine von Christus her kommende Würde, die nicht aus Selbstdarstellung lebt, sondern aus innerer Sammlung vor Gott. Sie ist wie ein Schmuckkästchen, dessen Wert nicht im Material, sondern im verborgenen Inhalt liegt.

Der erste bestimmende Aspekt eines Lebens, das Christus lebt, ist „was irgend wahr ist“. Das Wort „wahr“ bedeutet hier ethisch wahrhaftig, nicht nur der Tatsache nach wahr. Im Ausdruck eines Lebens, das Christus lebt, darf es keine Falschheit, keine Lüge geben. Alles, was wir tun oder sagen, muss wahrhaftig sein. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft achtundzwanzig, S. 237)

„Gerecht“ zu sein bedeutet, in unseren Beziehungen das zu suchen, was Gott als richtig ansieht – nicht nur formal, sondern im Geist. Hier zeigt sich Christus als der Gerechte, der in uns abwägt, was einem Menschen wirklich zusteht, und der uns aus Selbstgerechtigkeit herausführt. „Rein“ weist auf ein ungeteiltes Herz hin, das nicht von versteckten Berechnungen und Vermischungen durchzogen ist. Eine Handlung kann äußerlich korrekt sein und doch innerlich unrein, wenn sie von Stolz oder Berechnung begleitet ist. Christus, der Reine, reinigt nicht zuerst die Oberfläche, sondern das Motiv. Die letzten beiden Ausdrücke „lieblich“ und „wohllautend“ öffnen schließlich die Perspektive auf die Ausstrahlung eines Christen. „Lieblich“ ist, was von der Sanftmut und Güte Christi geprägt ist; „wohllautend“ ist das, was, wenn darüber gesprochen wird, ein gutes Zeugnis hinterlässt, frei von Bitterkeit, Klatsch und Zynismus. In 1. Timotheus 3:11 werden Frauen als „nicht verleumderisch, nüchtern, treu in allem“ beschrieben – ein konkretes Bild dafür, wie Worte und Verhalten von der Gegenwart des Herrn geordnet werden. So entsteht ein Leben, das mehr ist als gelungene Ethik: Es ist die praktische Auswirkung dessen, dass Christus in den alltäglichen Regungen unseres Charakters zum Ausdruck kommt.

  1. Timotheus 3:8: „Ebenso die Diener: ehrbar, nicht doppelzüngig, nicht vielem Wein ergeben, nicht schändlichem Gewinn nachgehend,“

Schließlich, Brüder, die Dinge, die wahr sind, die Dinge, die ehrwürdig sind, die Dinge, die gerecht sind, die Dinge, die rein sind, die Dinge, die lieblich sind, die Dinge, die wohllautend sind, wenn es irgendeine Tugend und irgendeinen Lobpreis gibt, zieht diese Dinge in Betracht. (Phil. 4:8)

Ebenso die Diener: ehrbar, nicht doppelzüngig, nicht vielem Wein ergeben, nicht schändlichem Gewinn nachgehend, (1.Tim. 3:8)

Die sechs Merkmale werden leicht zu einem Spiegel, in dem die eigene Unzulänglichkeit sichtbar wird. Doch gerade dann beginnt ihre eigentliche Wirkung: Sie zeigen, wie Christus aussehen möchte, wenn Er sich in einem gewöhnlichen Menschen ausdrückt. Wahrhaftigkeit, Ehrwürdigkeit, Gerechtigkeit, Reinheit, Lieblichkeit und Wohllaut sind wie sechs Fenster, durch die derselbe Christus in unterschiedlichem Licht erkennbar wird. Wo dies bewusst wird, verliert die Selbstoptimierung ihre Mitte. An ihre Stelle tritt ein stilles Sehnen: dass Christus in den konkreten Situationen des Alltags Form gewinnt – im Gespräch, in Entscheidungen, in unausgesprochenen Haltungen. Jedes kleine Aufleuchten dieser Merkmale ist dann nicht Anlass zu Selbstlob, sondern ein Zeichen seiner wirksamen Gegenwart. Und jedes Versagen wird zu einer Einladung, neu zu Ihm zurückzukehren, der allein diese Tugenden in uns tragen kann. So bleibt das Ziel hoch, ohne zu erdrücken, weil es an die Person gebunden ist, die es in uns verwirklichen will.

In Christus alles vermögen – aus der Gemeinschaft mit dem Gott des Friedens leben

Die Höhe der in Philipper 4:8 beschriebenen Tugenden legt unweigerlich die Frage frei, aus welcher Quelle ein solches Leben überhaupt möglich sein soll. Paulus stellt die sechs Merkmale nicht isoliert hin, sondern bindet sie an eine bestimmte Atmosphäre: „Sorgt euch um nichts, sondern lasst in allem eure Anliegen durch Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden“ (Philipper 4:6). Der Weg von der Anforderung zur Wirklichkeit führt über die Gegenwart des Gottes des Friedens. Vers 7 spricht vom „Frieden Gottes, der das Verstehen von jedem übersteigt“, der unsere Herzen und Gedanken in Christus Jesus bewahrt, und Vers 9 schließt mit der Verheißung: „und der Gott des Friedens wird mit euch sein.“ Der Friede Gottes ist die innere Wirkung seiner Nähe, der Gott des Friedens ist die Person, deren Gegenwart diese Tugenden in uns hervorbringt.

Wenn wir die in 4:8 aufgezählten Tugenden sorgfältig betrachten, müssen wir bekennen, dass wir aus uns selbst heraus keinerlei Möglichkeit haben, ein solches Leben zu leben. Die ethischen Lehren von Konfuzius sind sehr hoch, aber sie reichen nicht an die Anweisungen heran, die Paulus hier im Philipperbrief gibt. … In uns selbst ist es gewiss unmöglich, ein solches Leben mit einem solchen Ausdruck zu haben. Daher müssen wir zu 4:13 weitergehen, wo Paulus sagt: „Ich vermag alle Dinge in Ihm, der mich kräftigt.“ (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft achtundzwanzig, S. 240)

Dass Paulus die hohen Forderungen nicht als moralischen Appell, sondern im Rahmen der Gemeinschaft mit Christus entfaltet, wird auch an seinem persönlichen Zeugnis sichtbar: „Ich vermag alles in dem, der mich kräftigt“ (Phil. 4:13). Er behauptet nicht, durch Charakterstärke oder religiöse Disziplin zu diesem Leben gelangt zu sein, sondern verweist auf Christus als die innere Kraftquelle. Das ausgezeichnete Christenleben ist daher nicht die Summe vieler Anstrengungen, sondern die Frucht eines Lebens, das sich durch Gebet, Danksagung und Vertrauen in die stille Wirksamkeit des Herrn hineinstellen lässt. In 2. Korinther 1:21 heißt es: „Der uns aber samt euch an Christus befestigt und uns gesalbt hat, ist Gott.“ Dieses Befestigtsein an Christus, diese innere Salbung durch den Dreieinen Gott, ist die verborgene Wurzel der sichtbaren Tugenden. Dort, wo die Sorgen vor Gott ausgeschüttet werden und der Friede Gottes unser Inneres bewacht, beginnt Christus, die menschlichen Formen unseres Charakters nach und nach auszufüllen. So wird das „Ich vermag alles“ nicht zum stolzen Motto, sondern zur ruhigen Gewissheit eines Menschen, der weiß, dass der Inhalt seines Lebens nicht aus ihm selbst, sondern aus der ständigen Gegenwart des Gottes des Friedens stammt.

Philipper 4:6–7: „Sorgt euch um nichts, sondern lasst in allem eure Anliegen durch Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden; und der Friede Gottes, der das Verstehen von jedem übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken sicher in Christus Jesus bewahren.“

Sorgt euch um nichts, sondern lasst in allem eure Anliegen durch Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden; (Phil. 4:6)

und der Friede Gottes, der das Verstehen von jedem übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken sicher in Christus Jesus bewahren. (Phil. 4:7)

Die Verbindung zwischen den hohen Merkmalen des Christenlebens und der Zusage: „Ich vermag alles in dem, der mich kräftigt“, bewahrt vor Resignation und vor religiösem Stolz zugleich. Sie macht deutlich, dass Christi Kraft nicht an den Rand extremer Notsituationen verbannt ist, sondern gerade in die feinen Regungen des Alltags hineinwirken will: in unsere Art, zu denken, zu reden, zu reagieren. Wo das Herz lernt, Anliegen vor Gott auszusprechen und sie nicht im eigenen Inneren kreisen zu lassen, gewinnt der Friede Gottes Raum. Und wo dieser Friede Wache steht, haben Wahrheit, Reinheit und Lieblichkeit eine andere Grundlage. Das ausgezeichnete Christenleben bleibt so ein Geschenk, das sich im Verborgenen vollzieht: Gott selbst befestigt uns an Christus, Er salbt und kräftigt. Die Hoffnung ruht deshalb nicht darauf, dass wir es eines Tages aus eigener Kraft schaffen werden, sondern darauf, dass der Gott des Friedens mit uns ist und bleibt – auch dann, wenn das sichtbare Ergebnis noch zart und unscheinbar erscheint.


Herr Jesus Christus, danke, dass du nicht nur ein Vorbild hoher Moral bist, sondern das lebendige Leben in uns, das jede echte Tugend erfüllt. Du kennst, wie begrenzt und leer unsere eigenen Bemühungen sind, wahrhaftig, würdevoll und rein zu leben. Fülle unsere menschlichen Eigenschaften mit deiner Gegenwart, damit unser Reden und Handeln den Duft deiner Person trägt. Lass den Gott des Friedens unsere Herzen und Gedanken durchdringen, damit dein Friede uns bewahrt und deine Kraft in unserer Schwachheit zur Geltung kommt. Gib, dass unser Alltag mehr und mehr zu einem durchsichtigen Ausdruck deiner Schönheit wird und Menschen durch uns etwas von dir sehen. Zu deiner Ehre und zum Zeugnis deiner Gnade – Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Philippians, Chapter 28

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