Das Wort des Lebens
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Ein Trankopfer, ausgegossen über das Opfer des Glaubens der Gläubigen

10 Min. Lesezeit

Manchmal wirkt der Glaube anderer stabiler und leuchtender als der eigene – besonders wenn wir sehen, wie Menschen selbst im Leiden voller Freude an Christus festhalten. Paulus beschreibt eine solche Szene, wenn er von seinem eigenen Leben als Trankopfer spricht, das über das Opfer des Glaubens der Gläubigen ausgegossen wird. Hinter diesem Bild steht eine tiefe Linie durch die ganze Schrift: Gott formt aus schwachen Sündern Menschen, deren Glaube wie ein wohlgefälliges Opfer vor ihm liegt und deren Leben wie himmlischer Wein sein Herz erfreut.

Der Glaube der Gläubigen als Opfer vor Gott

Wenn Paulus vom „Opfer und priesterlichen Dienst eures Glaubens“ spricht, öffnet er einen weiten Horizont. Er denkt nicht nur an den Tag, an dem die Philipper zum ersten Mal an Christus glaubten, sondern an den ganzen Weg, den sie mit Ihm gegangen sind. Ihr Glaube ist für ihn wie ein geistlicher Organismus, gewachsen aus zahllosen Begegnungen mit dem Herrn – in Freude und Mangel, in Verfolgung und Ermutigung. Aus diesen Erfahrungen ist in ihnen eine feste innere Substanz entstanden, die er „Glauben“ nennt: nicht bloß Zustimmung zu Lehren, sondern eine durch Christus geformte Wirklichkeit. Darum kann er sagen: „Aber wenn ich auch als Trankopfer über dem Opfer und dem Dienst eures Glaubens ausgegossen werde, so freue ich mich“ (Phil. 2:17). Vor Gott liegt nicht ein abstraktes Bekenntnis, sondern ein gefüllter Altar: das gelebte Vertrauen dieser Gemeinde, durchdrungen von der Person Christi.

Der Glaube in 2:17 ist allumfassend. Er meint weit mehr als nur den Akt des Glaubens. Dieser Glaube schließt alles ein, was die Gläubigen empfangen und genossen haben. Letztlich umfasst er sogar das, was die Gläubigen selbst sind. Dieser Glaube war das Ergebnis des Dienstes von Paulus. Sein Dienst führte zu dem allumfassenden Glauben der Gläubigen, zu dem Glauben, den Paulus Gott als Opfer darbrachte. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft vierzehn, S. 119)

Das Alte Testament hilft, diese Tiefe zu verstehen. Die verschiedenen Opfer in 3. Mose – Brandopfer, Speisopfer, Sündopfer, Übertretungsopfer und Friedensopfer – sind wie Facetten eines Diamanten: Sie lassen erkennen, was Christus für Gott ist und wie Er den Menschen begegnet. Wo ein Mensch wirklich glaubt, hat er diesen Christus kennengelernt: als den, der statt seiner hingegeben wurde, der nährt, Schuld trägt, Versöhnung schafft und Frieden schenkt. So steckt im Glauben der Gläubigen die Wirklichkeit all dieser Opfer. Paulus sieht sich wie den Priester, von dem es heißt, er diene „priesterlich am Evangelium Gottes, damit das Opfer der Nationen angenehm werde, geheiligt durch den Heiligen Geist“ (Röm. 15:16). Sein Dienst hat in den Philippern einen solchen Glauben hervorgebracht; nun bringt er diesen Glauben selbst als Opfer vor Gott. Das macht Mut: Unser oft brüchig erscheinendes Vertrauen ist in Gottes Augen nicht nur Mangel, sondern – durch Christus hindurch – ein wohlgefälliges Opfer. Wo ein Mensch immer wieder zu Christus flieht und Ihn ergreift, wächst vor Gott eine unsichtbare, aber kostbare Wirklichkeit heran, an der Sein Herz Freude findet.

Aber wenn ich auch als Trankopfer über dem Opfer und dem Dienst eures Glaubens ausgegossen werde, so freue ich mich, und ich freue mich zusammen mit euch allen. (Phil. 2:17)

ein Diener Christi Jesu zu sein für die Nationen, der priesterlich am Evangelium Gottes dient, damit das Opfer der Nationen angenehm werde, geheiligt durch den Heiligen Geist. (Röm. 15:16)

Es ist tröstlich, den eigenen Glauben im Licht dieser Sicht zu betrachten: Wenn Gott auf das Leben eines Menschen in Christus schaut, sieht Er nicht zuerst die Unzulänglichkeiten, sondern die Geschichte Seiner Gnade mit diesem Menschen – all die Male, in denen Christus angenommen, angerufen, genossen wurde. So entsteht eine stille Freiheit: Der Weg mit dem Herrn darf weitergehen, Schritt für Schritt, und jeder Schritt der Abhängigkeit von Ihm verdichtet sich zu jenem „Opfer des Glaubens“, das Ihn ehrt. Wer so unterwegs ist, trägt vielleicht unscheinbar, aber real etwas vor Gott, das Bestand hat und sein Herz erfreut.

Christus genießen und zum Trankopfer werden

Das Bild des Trankopfers führt noch einen Schritt weiter hinein in das Geheimnis eines von Christus durchdrungenen Lebens. In 4. Mose wird beschrieben, wie zum Brand- oder Schlachtopfer ein Trankopfer aus Wein hinzukam: „als Trankopfer sollst du ein viertel Hin Wein opfern zu dem Brandopfer oder zu dem Schlachtopfer, bei jedem Schaf“ (4. Mose 15:5). Der Wein entsprang nicht der Herde, sondern dem Ertrag der Rebe, die der Opfernde gepflanzt, gepflegt und geerntet hatte. Er steht für Freude, Belebung, eine innere Erquickung. Übertragen heißt das: Neben der objektiven Gabe Christi für uns entsteht etwas, das aus unserer persönlichen Geschichte mit Ihm wächst – etwas, das Gott als belebende „Freude“ entgegenströmt.

Das Trankopfer war ein Vorbild auf Christus, wie Er von dem Opfernden genossen wird – ein Opfer, das ihn mit Christus als dem himmlischen Wein erfüllt und sogar bewirkt, dass er für Gott zu Wein wird. Der Apostel Paulus wurde ein solches Trankopfer, indem er Christus so sehr genoss, dass er durch das Vergießen seines Blutes über den Glauben der Gläubigen als Opfer für Gott ausgegossen werden konnte. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft vierzehn, S. 116)

Paulus deutet sein eigenes Leben so. Er hat über Jahre hinweg von Christus getrunken, Ihn in Nöten, in Diensten, in Gefängnismauern aufgenommen und in seinem Inneren Raum gegeben. Daraus wurde er selbst wie gereifter Wein, der Gott dargebracht werden kann. Darum kann er schreiben: „Denn ich werde schon ausgegossen und die Zeit meines Abscheidens steht bevor“ (2. Tim. 4:6). Sein bevorstehendes Sterben ist für ihn nicht bloß ein Ende, sondern die Vollendung eines Prozesses: Christus hat ihn so sehr durchdrungen, dass sogar sein Blutvergießen eine Ausgießung Christi zu Gottes Freude wird. Ein solches Trankopfer entsteht nicht plötzlich. Wie Wein Zeit braucht, um zu reifen, so wächst diese innere Verfassung langsam, oft verborgen – indem Christus in den Spannungen des Alltags angerufen, vertraut, genossen wird.

In dieser Perspektive verlieren selbst schwere Wege etwas von ihrem dunklen Schrecken. Leiden bleibt Leiden, Abschied bleibt Abschied, aber mitten darin ist ein anderes Licht: Das, was Christus in einem Menschen gewirkt hat, geht nicht verloren. Es verdichtet sich, wird stiller, tiefer, reiner – und kann an einem bestimmten Punkt vor Gott wie Wein ausgegossen werden. Das darf ermutigen, die eigenen Tage nicht nur unter dem Vorzeichen der Anstrengung zu sehen, sondern als einen Weg, auf dem Christus in uns Gestalt annimmt. Wo Er so Raum gewinnt, wird unser Leben – uns selbst oft kaum bewusst – zu einem Trankopfer, an dem Gott Freude hat und durch das andere innerlich gestärkt werden.

und als Trankopfer sollst du ein viertel Hin Wein opfern zu dem Brandopfer oder zu dem Schlachtopfer, bei jedem Schaf. (4.Mose 15:5)

Denn ich werde schon ausgegossen und die Zeit meines Abscheidens steht bevor. (2.Tim. 4:6)

Wer so auf den eigenen Weg mit Christus blickt, entdeckt: Kein verborgenes Gebet, kein treues Ausharren, kein leiser Gehorsam ist vergeblich. Aus vielen unscheinbaren Akten des Vertrauens wächst eine innere „Fülle Christi“, die eines Tages vor Gott nicht nur als Opfer des Glaubens, sondern auch als belebender „Wein“ steht. In dieser Hoffnung lässt sich auch durch Dunkelheiten gehen, wissend, dass Christus selbst in allem der Inhalt bleibt und Gott am Ende mehr empfängt, als wir je überblicken könnten.

Glaube, Opfer und gemeinsame Freude im Leiden

Wenn Paulus in seinem Brief an die Philipper die Bilder von Opfer und Trankopfer zusammenführt, entsteht eine stille, aber kraftvolle Szene. Auf der einen Seite steht der gereifte Glaube der Gemeinde als Opfer; auf der anderen Seite sein eigenes Leben, das wie Wein darüber ausgegossen wird: „Aber wenn ich auch als Trankopfer über dem Opfer und dem Dienst eures Glaubens ausgegossen werde, so freue ich mich, und ich freue mich zusammen mit euch allen“ (Phil. 2:17–18). Gott sieht beides zugleich: den Glauben, der aus vielen Erfahrungen mit Christus gewachsen ist, und die Hingabe des Apostels bis ins Äußerste. Aus beiden zusammen steigt gleichsam ein Wohlgeruch vor Ihm auf. Bemerkenswert ist, wie Paulus diese Situation deutet: nicht als tragische Überforderung, sondern als Anlass zu gegenseitiger Freude – seine Freude über ihren Glauben, ihre Freude über seine Treue.

Aufgrund des Prinzips im Alten Testament, dass das Trankopfer ein grundlegendes Opfer voraussetzte, betrachtete Paulus den aus der Erfahrung der Gläubigen von Christus hervorgegangenen Glauben als das grundlegende Opfer, über das er Sich selbst als Trankopfer ausgießen konnte. Gott im Himmel muss über diese Situation sehr erfreut gewesen sein. Wie sehr muss es Ihn gefreut haben, den Glauben als das grundlegende Opfer zu sehen und ebenso das Trankopfer! Auf Seiten der Gläubigen war der Glaube, auf Seiten des Apostels das Trankopfer. Welch eine wunderbare Szene! (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft vierzehn, S. 120)

Damit berührt Paulus ein Geheimnis der Gemeinschaft im Leiden. Wo Christen über längere Zeit in Christus verwurzelt leben, entsteht eine innere Tragkraft: Sie können Verluste, Einsamkeit, Verfolgung nicht aus eigener Stärke, sondern aus der in ihnen wohnenden Gegenwart Christi durchstehen. Ihr Glaube wird so zum Opfer. Wenn dann einzelne Glieder in einem besonderen Maß Leiden tragen oder sogar im Sterben an Christus festhalten, wird ihr Leben für die anderen zu einem Trankopfer: Ihr Ausharren schenkt Orientierung, ihre Treue macht Mut, ihr Sterben in Christus wird zur stillen Predigt. In solchen Momenten liegt über einer Gemeinde oft eine eigentümliche Mischung aus Trauer und tiefem Frieden. Man spürt: Hier hat Christus selbst etwas vollendet, und Gott findet daran Wohlgefallen.

In dieser Sicht wird Leid nicht romantisiert, aber es verliert seine Sinnlosigkeit. Glaube und Hingabe, Opfer und Trankopfer, sind nicht getrennte Geschichten, sondern greifen ineinander und werden in Gott zu einer gemeinsamen Freude. Das kann helfen, eigene Spannungen und die Not anderer gelassener zu tragen. Es darf gewiss sein: Kein gelebter Glaube, keine verborgene Treue, kein stilles Sterben in Christus bleibt unbemerkt. Alles wird in Gottes Gegenwart hineingenommen und verwandelt in etwas, das Ihn ehrt und die Seinen stärkt. Aus dieser Hoffnung kann eine leise, tragfähige Freude erwachsen – eine Freude, die gerade in schweren Zeiten bezeugt, dass Christus mitten im Leiden der eigentliche Inhalt und die bleibende Freude Seines Volkes ist.

Aber wenn ich auch als Trankopfer über dem Opfer und dem Dienst eures Glaubens ausgegossen werde, so freue ich mich, und ich freue mich zusammen mit euch allen. (Phil. 2:17-18)

So verstanden, werden die Geschichten von Glauben und Leiden – die eigene und die der anderen – zu Teilen eines größeren Ganzen. Das Herz darf lernen, auch im Schmerz auf die verborgene Bewegung Gottes zu achten, der aus Glauben ein Opfer und aus Hingabe ein Trankopfer formt. Die Aussicht, dass Gott an diesem Zusammenspiel Freude hat, schenkt dem Durchhalten Würde und der Trauer Trost: In Christus geht nichts verloren; Er macht aus dem, was zerbrechlich erscheint, etwas, das in Ewigkeit Bedeutung behält.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Philippians, Chapter 14

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