Das Wort des Lebens
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Christus großmachen, indem wir Ihn leben

12 Min. Lesezeit

Viele Christen sehnen sich danach, dass Christus im eigenen Leben mehr sichtbar wird, erleben sich aber oft als begrenzt, ungeduldig oder kraftlos. Gerade in schwierigen Umständen stellt sich die Frage, ob das Evangelium nur eine Lehre bleibt oder ob Christus selbst durch unser Verhalten und unsere Haltung greifbar wird. Am Beispiel des gefangenen Paulus wird deutlich, dass Christus auch dort groß gemacht werden kann, wo Freiheit, Anerkennung und Stärke offensichtlich fehlen.

Christus großmachen: Seine Größe sichtbar werden lassen

Christus vergrößern heißt nicht, einem Kleinen Größe zu geben, sondern dem Unermesslichen Sichtbarkeit. Seine Liebe, Seine Geduld und Seine Macht sind nicht steigerbar; sie sind, wie Paulus in Epheser 3.beschreibt, Breite, Länge, Höhe und Tiefe ohne Maß. Dennoch kann dieser gewaltige Christus in den Augen einer Umgebung, die Ihn nicht kennt, nahezu unsichtbar sein. In der römischen Leibgarde, im Prätorium, galt Er als Randfigur oder gar als Nichts. In dieser Welt ist Christus nicht deshalb klein, weil Er es wäre, sondern weil Er übersehen wird. Wenn Paulus im Gefängnis sitzt, äußerlich eingeschränkt, innerlich aber von Freude, Freimut und Hoffnung erfüllt, wird dieser unsichtbare Herr vor Augen anderer groß. Sein Leib mit seinen Ketten wird gleichsam zum Vergrößerungsglas: nicht die Fessel, sondern der Christus dahinter tritt scharf hervor.

Nun müssen wir uns damit befassen, was es bedeutet, Christus zu verherrlichen. Das Wort „verherrlichen“ bedeutet, etwas in unseren Augen groß zu machen. Vielleicht fragst du dich, wie Christus verherrlicht werden kann, da Er doch bereits universell groß ist. Nach Epheser 3 sind die Dimensionen Christi – Breite, Länge, Höhe und Tiefe – unermeßlich. Es sind die Dimensionen des Universums. Obwohl Christus gewaltig, weitreichend und unermeßlich ist, war Er in den Augen des Prätoriums, der kaiserlichen Leibwache des Cäsar, praktisch nicht existent. Paulus jedoch verherrlichte Christus; er machte Ihn groß vor den Augen anderer, besonders vor den Augen derer, die ihn im Gefängnis bewachten. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft sechs, S. 48)

So wird verständlich, warum Paulus sagen konnte: „…dass mit allem Freimut wie allezeit, so auch jetzt Christus in meinem Leib groß gemacht werden wird, sei es durch Leben oder durch Tod. Denn zu leben ist für mich Christus und zu sterben ist Gewinn“ (Philipper 1:20–21). Die Frage ist nicht, wie groß Christus an sich ist, sondern wie groß Er in den Situationen erscheint, die unseren Körper und unseren Lebenslauf berühren. In Krankheit oder Schwäche, in beruflicher Überforderung, in familiären Spannungen oder in Phasen innerer Dunkelheit stoßen wir an das Ende unseres natürlichen Maßes. Dort, wo unsere Geduld reißen müsste und unsere Liebe versiegen sollte, kann eine andere, nicht erklärbare Kraft tragen. Wenn statt Bitterkeit Sanftmut aufleuchtet, statt Resignation stille Hoffnung, statt Angst ein leiser, aber wirklicher Frieden, dann wird der Christus sichtbar, dessen Quelle nicht in uns beginnt. Paulus sendet Grüße „besonders aber die aus des Kaisers Haus“ (Phil. 4:22); das zeigt, dass gerade im Umfeld seiner Ketten Menschen einen Herrn wahrgenommen haben, den sie vorher nicht kannten. Was bei ihm sichtbar wurde, war nicht Heldentum, sondern ein Leben, das durchdrungen war von einer Gegenwart, die stärker ist als jede Zelle. Daraus erwächst stille Ermutigung: Kein Tag, keine Lage ist zu gewöhnlich, zu dunkel oder zu eng, als dass Christus darin nicht groß werden könnte. Wo unser eigenes Maß zu Ende geht, beginnt der Raum, in dem Seine Größe sichtbar werden will.

Christus großmachen geschieht daher nicht zuerst in besonderen Taten, sondern im gewöhnlichen Aushalten eines ungewöhnlichen Friedens. Unser Leib – die Müdigkeit, die Mimik, die spontane Reaktion – wird zum Ort dieser Vergrößerung. Wenn andere in uns die Spuren eines Herrn bemerken, der stärker ist als unsere Reflexe, beginnt ihr Bild von Christus sich zu verändern. Dann wird nicht der Christ bewundert, sondern der Christus, der in ihm wohnt und ihn trägt. Unter dieser Perspektive verliert das eigene Gelingen oder Versagen an absolutem Gewicht. Selbst dort, wo unser Leben brüchig wirkt, kann durch ein vertrauendes Herz ein Glanz hindurchscheinen, der nicht von uns stammt. Und gerade weil es nicht unsere Größe ist, wird Seine Größe umso deutlicher.

nach meiner sehnsüchtigen Erwartung und Hoffnung, dass ich in nichts zuschanden werde, sondern dass mit allem Freimut wie allezeit, so auch jetzt Christus in meinem Leib groß gemacht werden wird, sei es durch Leben oder durch Tod. (Phil. 1:20)

Denn zu leben ist für mich Christus und zu sterben ist Gewinn. (Phil. 1:21)

Wer so auf Christus blickt, muss sich nicht mehr an der eigenen Konsequenz oder Stärke festhalten. Das Wissen, dass Christus in äußerster Begrenzung groß werden kann, löst den inneren Druck, immer „funktionieren“ zu müssen. Es macht frei, die eigenen Grenzen ehrlich zu sehen und sie dennoch nicht als Endpunkt zu deuten, sondern als Schauplatz für die überströmende Versorgung mit dem Geist Jesu Christi. In dieser Freiheit darf das Herz neu hoffen: Auch der unscheinbare Alltag und die verborgenen Kämpfe sind nicht verloren, sondern werden Orte, an denen der Herr sich in Seiner Größe zeigen kann – still, aber wirksam.

Christus leben: Ein Leben aus der überreichen Versorgung des Geistes

Dass Paulus sagen konnte: „Denn zu leben ist für mich Christus“, zeigt eine innere Wirklichkeit, die weit über Nachahmung hinausgeht. Christus war für ihn nicht nur Lehrer oder Vorbild, sondern die innere Person, aus der heraus er dachte, fühlte und handelte. Er wusste: „…dass mir dies zur Errettung dienen wird durch euer Flehen und die überströmende Versorgung mit dem Geist Jesu Christi“ (Philipper 1:19). Diese überreiche Versorgung ist mehr als eine gelegentliche Hilfe in Notzeiten; sie ist der ständige Strom des allumfassenden, Leben spendenden Geistes, der den in uns wohnenden Christus erfahrbar macht. In dieser Wirklichkeit verschiebt sich der Schwerpunkt des Christenlebens: nicht mehr der Versuch, aus eigener Kraft bestimmte Ideale zu erreichen, sondern das Vertrauen, dass der in uns lebende Christus selbst der Inhalt unseres Lebens ist.

Einerseits lebte Christus in Paulus; andererseits lebte Paulus Christus. Innerlich war Christus das Leben des Paulus, und äußerlich war Christus das Leben, das Paulus lebte. So hatten Paulus und Christus ein Leben und ein Lebenführen. Das Leben Christi war das Leben des Paulus, und das Leben, das Paulus lebte, war das Leben Christi. Die beiden, Christus und Paulus, lebten als einer. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft sechs, S. 51)

Dieses Leben entfaltet sich, wenn der Blick vom eigenen natürlichen Leben hin zu Christus in unserem Geist wandert. Das natürliche Leben reagiert, berechnet, kontrolliert; es stützt sich auf Charakter, Temperament und Disziplin. Christus als unser Leben dagegen wohnt in der Tiefe unseres Geistes und gibt eine andere Richtung: Er führt in Sanftmut, wo wir hart würden, in Klarheit, wo wir verwirrt wären, in Treue, wo wir müde werden. Paulus konnte deshalb innerlich frei bleiben, obwohl er äußerlich gebunden war. Sein Gefängnis wurde nicht durch optimistische Gedanken erträglich, sondern durch eine Person, die in ihm lebte und wirkte. Die „überströmende Versorgung mit dem Geist Jesu Christi“ machte ihn fähig, die Gemeinden im Gebet zu tragen, andere zu ermutigen und sogar aus der Enge heraus Christus zu verkündigen. Daraus wächst eine stille Gewissheit: Christliches Leben ist nicht das bestmögliche Ausschöpfen unserer Ressourcen, sondern das Wachsen in einer Beziehung, in der Christus selbst unser Denken, Reden und Handeln durchdringen darf. Wo diese Verbindung gepflegt wird, fängt ein Leben an, das von innen her von Freude, Frieden und Beständigkeit geprägt ist – auch dann, wenn die äußere Lage alles andere als geordnet erscheint.

Wenn Christus so zur inneren Quelle wird, verliert der Vergleich mit anderen an Bedeutung. Erfolg, Ansehen, sichtbare Ergebnisse treten zurück gegenüber der einfachen Frage: Kommt aus dem, was ich lebe, die Spur einer Person, die größer ist als ich selbst? In der Antwort darauf liegt ein leiser Trost. Selbst in Zeiten der Trockenheit bleibt der Geist Jesu Christi nicht erschöpft. Die überreiche Versorgung versiegt nicht, auch wenn unsere Wahrnehmung schwankt. Das macht Mut, die eigene Schwachheit nicht als Gegenargument gegen Gottes Wirken zu deuten, sondern als Anlass, die Quelle neu zu suchen, aus der allein ein Leben fließen kann, das Christus sichtbar macht.

denn ich weiß, dass mir dies zur Errettung dienen wird durch euer Flehen und die überströmende Versorgung mit dem Geist Jesu Christi, (Phil. 1:19)

Denn zu leben ist für mich Christus und zu sterben ist Gewinn. (Phil. 1:21)

Die Erkenntnis, dass Christus selbst unser Leben sein will, entlastet den inneren Anspruch, durch Willenskraft ein „geistliches Niveau“ halten zu müssen. Sie öffnet Raum für ein Vertrauen, das nicht auf die Stabilität der eigenen Gefühle, sondern auf die Beständigkeit des in uns wohnenden Herrn baut. In dieser Perspektive wird jeder Tag – ob erfüllt oder brüchig – zu einer neuen Gelegenheit, aus der überströmenden Versorgung des Geistes Jesu Christi zu leben, statt aus der Erschöpfung des eigenen Ich. Darin liegt eine tiefe Ermutigung: Das entscheidende Geheimnis unseres Lebens ist nicht, was wir für Christus tun, sondern wie sehr Er selbst unser Leben sein darf.

Nicht Gesetz leben, sondern in Christus gefunden werden

Zwischen einem Leben nach dem Gesetz und einem Leben in Christus besteht auf der Oberfläche manchmal kaum ein sichtbarer Unterschied. Beide können moralisch korrekt, diszipliniert und äußerlich tadellos erscheinen. Doch der innere Motor ist grundverschieden. Das gesetzliche Leben speist sich aus der Anstrengung des eigenen Ich, das sich an einem Maßstab abarbeitet – sei es ein religiöser Kodex, ein moralischer Anspruch oder ein Ideal von „geistlicher Reife“. Paulus beschreibt, dass er „in Ihm angetroffen werde, wobei ich nicht meine eigene Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die, die durch den Glauben an Christus ist, die Gerechtigkeit, die aus Gott und aufgrund des Glaubens ist“ (Philipper 3:9). Er hatte begriffen, dass ein beeindruckend religiöses Leben ihn dennoch außerhalb von Christus finden kann, wenn die innere Grundlage das eigene Können bleibt.

Gott kümmert Sich nicht darum, wie heilig, geistlich oder siegreich wir in uns selbst sind. Tatsächlich bedeutet es, auf diese Weise durch eigene Anstrengung zu leben, daß wir versuchen, das Gesetz einzuhalten. Was in den Augen Gottes zählt, ist Christus und das Leben Christi. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft sechs, S. 53)

In Gottes Augen zählt nicht, wie makellos sich ein Mensch in sich selbst präsentiert, sondern ob das Leben Christi zum Ausdruck kommt. Wo aus eigener Kraft versucht wird, heilig, geistlich oder siegreich zu sein, mag vieles respektabel wirken, bleibt aber letztlich ein Kreisen um das Ich – um seine Fortschritte, Rückschläge und Leistungen. Wer dagegen Christus lebt, drückt keine Regeln, sondern eine Person aus. Barmherzigkeit statt Hartherzigkeit, Demut statt subtiler Überlegenheit, Wahrheit ohne Selbstgerechtigkeit – all das sind Spuren eines Lebens, das aus der Verbindung mit Christus kommt. Dann wird es möglich, Menschen nicht über ihre Versäumnisse zu definieren, weil man selbst von der geschenkten Gerechtigkeit lebt. Wo solche Haltungen sichtbar werden, erkennen selbst unsichtbare Mächte, dass hier jemand „in Christus“ gefunden wird und nicht im eigenen religiösen System. Aus dieser Sicht verliert das Gesetz nicht seine heilige Bedeutung, aber es wird entthront als Lebensquelle. Das Zentrum verschiebt sich: Nicht das Gelingen beim Einhalten von Forderungen, sondern die Gegenwart des in uns lebenden Christus wird zur eigentlichen Hoffnung.

Wer so auf Christus als seine Gerechtigkeit und sein Leben vertraut, kann nüchtern mit Scheitern und Schwäche umgehen, ohne in Gleichgültigkeit zu verfallen. Erkenntnis der eigenen Grenzen muss nicht mehr verdrängt werden, weil sie nicht das letzte Wort über die eigene Identität spricht. Sie verweist auf den, in dem wir gefunden werden sollen – heute, in der Unsichtbarkeit des Alltags, und einst vor Gott. Daraus erwächst eine stille Freiheit: Pflichterfüllung wird nicht abgewertet, aber sie trägt nicht mehr die Last, unsere Bedeutung vor Gott zu sichern. Diese Last liegt auf Christus, und Er trägt sie vollständig. In diesem Bewusstsein wird es möglich, anderen Menschen mit milderen Augen zu begegnen und die eigene Geschichte mit größerer Gelassenheit zu betrachten.

Die Unterscheidung zwischen Gesetz leben und Christus leben führt so nicht in Passivität, sondern in ein anderes Motiv. Das Tun bleibt, aber sein Antrieb verändert sich: Aus Dankbarkeit statt aus Angst, aus Vertrauen statt aus Selbstbehauptung. Darin liegt eine tiefgründige Ermutigung. Das eigene Versagen muss nicht das Ende des Weges markieren, sondern kann zu einem Ort werden, an dem die Gnade neu sichtbar wird. Und dort, wo Gnade sichtbar wird, wird Christus selbst groß – nicht in der Theorie, sondern in der Art und Weise, wie ein Mensch sich tragen lässt, neu beginnt und in stiller Abhängigkeit weitergeht.

und in Ihm angetroffen werde, wobei ich nicht meine eigene Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die, die durch den Glauben an Christus ist, die Gerechtigkeit, die aus Gott und aufgrund des Glaubens ist, (Phil. 3:9)

Zu wissen, dass Gott nicht unsere selbst erarbeitete Heiligkeit, sondern Christus und das Leben Christi gelten lässt, löst eine tiefe innere Spannung. Es nimmt dem Christenleben den Charakter eines dauernden Eignungstests und gibt ihm den Charakter einer Beziehung, in der Vertrauen wichtiger ist als makellose Leistung. So wird der Weg frei, das eigene Ringen ehrlich vor Gott auszubreiten, ohne Furcht, dort abgewiesen zu werden. Gerade diese Ehrlichkeit öffnet Raum dafür, dass Christus selbst mehr Gestalt gewinnen kann – in unseren Reaktionen, in unseren Entscheidungen und in unserem Umgang mit fremden wie eigenen Schwächen.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Philippians, Chapter 6

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