Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Gemeinde als hybrides Leben

12 Min. Lesezeit

Viele Christen verbinden Gottes Plan vor allem mit Schöpfung, Erlösung oder einem heiligen Lebensstil. Doch hinter all dem steht ein viel weiterreichendes Ziel: Gott wollte schon vor Grundlegung der Welt eine Gemeinschaft, in der Er selbst in Menschen wohnt, sich mit ihnen verbindet und sich durch sie ausdrückt. Wenn wir dieser Spur durch die Schrift folgen, entdecken wir, dass die Gemeinde nicht nur eine Organisation oder ein Treffpunkt ist, sondern das Ergebnis eines neuen, gemischten Lebens aus Gott und Mensch.

Gottes ewiger Vorsatz: Die Gemeinde als Ziel

Wenn die Schrift den Schleier über Gottes innerstem Vorsatz ein wenig hebt, macht sie deutlich, dass Schöpfung und Erlösung Mittel sind, nicht Endpunkt. „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde“ (1. Mose 1:1). Doch dieser Anfang ist nicht der Ursprung von Gottes Gedanken, sondern ihr geschichtlicher Startpunkt. Noch vor jedem Anfang hatte Gott in Sich Selbst ein Wohlgefallen, einen Vorsatz, den Paulus den „Vorsatz der Zeitalter“ nennt. Alle Linien von 1. Mose 1.laufen auf den Menschen zu: Die Himmelskörper dienen der Erde, die Erde wird zum Träger des Lebens, das pflanzliche und tierische Leben bereiten einem Wesen den Raum, das Gott ansprechen, Ihn tragen und Ihn widerspiegeln kann. Der Mensch steht in der Mitte von „allen Dingen“, weil Gott durch ihn eine Gemeinde haben will, die Ihn ausdrückt. Schöpfung ist Bühne und Werkzeug, aber im Blick Gottes steht von Anfang an eine Gemeinschaft, die Ihn kennt, liebt und in ihrer Einheit Sein Wesen widerspiegelt.

572 Plan. Dieser Plan ist der Vorsatz der Zeitalter, der ewige Vorsatz. In 1:9 sagt Paulus: „Er hat uns ja das Geheimnis Seines Willens kundgetan nach Seinem Wohlgefallen, das Er Sich vorgesetzt hat in Ihm Selbst.“ Auch dieser Vers spricht von Gottes Vorsatz, aber hier gebraucht Paulus das Wort „vorsetzen“ als Verb und nicht als Substantiv. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft achtundsechzig, S. 572)

Deshalb reicht es nicht, Gottes Werk auf unseren individuellen Zustand zu verkürzen – erschaffen, erlöst, bewahrt, eines Tages im Himmel. Der Sohn Gottes trat in diese Schöpfung ein, „alle Dinge sind durch Ihn entstanden“ (Johannes 1:3), und Er hat am Kreuz nicht nur Schuld gesühnt, sondern Menschen für ein Haus Gottes gewonnen. Petrus spricht von „lebendigen Steinen“, die zu einem geistlichen Haus aufgebaut werden; Paulus sieht dieselben Menschen als Leib Christi, organisch verbunden mit dem Haupt. In dieser Sicht ist die Gemeinde nicht ein frommer Zusatz zum persönlichen Heil, sondern der Raum, in dem Gottes ewiger Plan Gestalt annimmt. Wer das erfasst, beginnt das eigene Leben anders zu gewichten: Beruf, Familie, Begabungen, auch die eigene Geschichte mit ihren Brüchen, stehen im Licht der Frage, wie Gott daraus etwas für den Aufbau Seines Hauses macht. Es ist tröstlich und zugleich herausfordernd, dass wir nicht zufällig in Seiner Gemeinde stehen, sondern als Teil einer Frucht, die Er seit der vergangenen Ewigkeit im Herzen trägt – und die Er in der zukünftigen Ewigkeit vollendet schauen will.

Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde. (1. Mose 1:1)

Alle Dinge sind durch Ihn entstanden, und ohne Ihn ist nicht eines entstanden von dem, was entstanden ist. (Joh. 1:3)

Wenn Gottes Blick von der vergangenen Ewigkeit her auf die Gemeinde gerichtet ist, verliert das Evangelium den Charakter einer bloßen Rettungsaktion aus der Not und gewinnt die Weite eines großen Bauprojekts Gottes. Das gibt dem eigenen Glaubensweg Würde und Richtung: Jeder Schritt der Erziehung, jede Erfahrung von Vergebung, jede Begegnung mit anderen Gläubigen steht in einem größeren Zusammenhang. Statt sich in einer individualistischen Spiritualität zu verlieren, können Gläubige ihr Leben als Teil eines Leibes begreifen, der von Christus her geformt wird. Das entlastet von dem Druck, das eigene kleine Glück absichern zu müssen, und öffnet für die Frage, was der Herr aus unserem Leben für Sein Haus, für den Leib Christi, gewinnen möchte. Wo dieser Blick wächst, wird die Gemeinde nicht als Pflichtprogramm erlebt, sondern als der Ort, an dem Gottes ewiger Vorsatz sich heute schon sichtbar macht – bruchstückhaft, aber real, getragen von der Gewissheit, dass der, der den Plan gefasst hat, ihn auch vollenden wird.

Die Gemeinde als hybrides, göttlich-menschliches Leben

Die Gemeinde als „hybrides Leben“ zu bezeichnen, meint keine technische Mischung, sondern eine tiefe Durchdringung von göttlichem und menschlichem Leben. In Jesus Christus sehen wir dieses Geheimnis in Vollendung: wahrer Gott und wahrer Mensch, ungetrennt und unvermischt, und doch so eins, dass Seine Worte, Seine Regungen und Entscheidungen zugleich ganz menschlich und ganz göttlich sind. Dieses Leben bleibt nicht außerhalb von uns. Durch Sein Sterben und Auferstehen ist Christus als der Leben gebende Geist in den Bereich unseres menschlichen Geistes eingetreten. So formuliert Paulus: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal. 2:20). Er verneint nicht die eigene Person, sondern entdeckt, dass im Innersten ein anderer lebt, der sein wahres Selbst werden will. Gott bleibt Gott, der Mensch bleibt Mensch; doch in der Gemeinde entsteht eine neue Lebensqualität: Gott im Menschen, der Mensch in Gott.

571 Gottes ewiger Vorsatz ist es, die Gemeinde zu haben. Sein Vorsatz ist nicht nur, den Menschen zu erschaffen, ihn aus seinem gefallenen Zustand zu erretten und ihn in den Himmel zu bringen. Darüber hinaus ist Gottes Vorsatz nicht einfach, dass wir heilig, geistlich und siegreich sind. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft achtundsechzig, S. 571)

Dieses hybride Leben ist mehr als das Nebeneinander von frommen Vorsätzen und göttlicher Hilfe. Es ist ein Ineinander, in dem Christus unser innerer Mensch wird, der unsere Gedanken erhellt, unsere Motive prüft und unsere Liebe reinigt. Wenn viele Menschen auf diese Weise von innen her von Christus bewohnt sind, entsteht Gemeinde im eigentlichen Sinn. Sie ist nicht primär eine Organisation, die man betritt oder verlässt, sondern der Leib Christi, in dem das eine göttliche Leben in vielen verschiedenen menschlichen Persönlichkeiten Gestalt gewinnt. Die Verschiedenheit bleibt sichtbar, aber die Quelle ist eine. So wird verständlich, warum Gottes Vorsatz nicht darin aufgeht, dass wir lediglich „heilig, geistlich und siegreich“ sind; Er möchte ein gemeinsames Leben sehen, in dem Seine Gnade und Wirklichkeit (Johannes 1:17) durchrecht menschlich, durch Worte, Beziehungen und Entscheidungen hindurchscheinen. Wo dieses Verständnis wächst, verliert die Frage, ob ich „genug“ bin, an Macht, und es gewinnt die Freude, Teil eines lebendigen Ganzen zu sein, in dem Christus sich immer deutlicher ausdrückt.

Weil die Gemeinde dieses göttlich-menschliche Leben trägt, liegt in ihr eine stille, aber starke Ermutigung: Kein noch so gewöhnlicher Alltag, keine noch so unscheinbare Gabe ist zu gering, um Träger der Gegenwart Christi zu sein. Wenn der Herr in uns lebt, ist das kleine Ja zu Ihm, das leise Verzichten auf den eigenen Vorteil, das liebevolle Wort, das niemand bemerkt, Teil eines großen, organischen Geschehens. In solchem Licht verliert die Gemeinde den Charakter einer Institution, die man versorgt, und wird zu einem Organismus, in dem Christus atmet, fühlt und handelt. Die Hoffnung liegt nicht in unserer Perfektion, sondern darin, dass Er Sein Leben nicht zurücknimmt. Er ist gekommen, um zu bleiben – in jedem Einzelnen und in der Gesamtheit Seines Leibes.

Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt im Fleisch lebe, lebe ich im Glauben, dem des Sohnes Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat. (Gal. 2:20)

Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wirklichkeit kamen durch Jesus Christus. (Joh. 1:17)

Das Bild der Gemeinde als hybrides, göttlich-menschliches Leben durchbricht zwei Extreme: die Vorstellung, der Glaube sei reine Menschenleistung, und die Versuchung, Verantwortung an ein abstraktes „Gott wird es schon tun“ abzugeben. In Christus verbindet sich Gottes Wirken mit echter menschlicher Beteiligung. Das befreit von Entmutigung angesichts eigener Begrenzung und von Stolz über scheinbare Stärke. Wer im Licht dieses hybriden Lebens denkt, erkennt, dass Veränderung nicht primär aus moralischer Anstrengung kommt, sondern aus dem Einlassen auf den, der in uns lebt. Zugleich wird deutlich, dass dieses Leben sich im Miteinander entfaltet: Der Reichtum Christi in der Gemeinde zeigt sich darin, dass dasselbe göttliche Leben in vielen unterschiedlichen Menschen konkrete Gestalt annimmt. So wächst eine stille Zuversicht: Selbst dann, wenn wir uns schwach und unvollkommen erleben, ist das Entscheidende nicht unser Maß, sondern dass Christus in Seinem Leib nicht aufhört, Sein Leben auszuteilen und zu formen.

Gemeindeleben im Geist und in der Erfahrung des dreieinen Gottes

Dass die Gemeinde ein hybrides, göttlich-menschliches Leben trägt, bleibt nicht Theorie, sondern möchte im konkreten Gemeindeleben Gestalt gewinnen. Der Ort, an dem das geschieht, ist unser wiedergeborener menschlicher Geist. Dort wohnt der Geist Gottes, dort wird Christus gegenwärtig. Paulus beschreibt die Gemeinde als eine „Wohnstätte Gottes im Geist“ (Eph. 2:22): Gott baut sich ein Haus, indem Er Menschen in ihrem inneren Menschen berührt, erneuert und miteinander verbindet. Dieser innere Mensch ist mehr als das, was wir „inneres Erleben“ nennen; er ist der Bereich, in dem der Heilige Geist uns stärkt, tröstet und ausrichtet. Wenn Christus dort „wohnen“ darf, also nicht nur gelegentlich zu Besuch ist, sondern das Zentrum einnimmt, beginnt sich unser Denken, Wollen und Empfinden zu ordnen.

574 Die Gemeinde ist die Einheit in dem Dreieinen Gott all derer, die mit Gott vermengt sind. Die Einheit in dem Dreieinen Gott wird in Johannes 17 in voller Weise offenbart. In Johannes 17:21 betete der Herr Jesus: „damit sie alle eins seien; so wie Du, Vater, in Mir bist und Ich in Dir, damit auch sie in Uns seien; damit die Welt glaube, dass Du Mich gesandt hast.“ In dieser Einheit ist kein Platz für das Fleisch, die Sünde, die Natürlichkeit oder die Weltlichkeit. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft achtundsechzig, S. 574)

In dieser Bewegung wird der dreieine Gott erfahrbar. Durch den Sohn haben wir im einen Geist Zugang zum Vater (Eph. 2:18). Der Vater ist Quelle und Ziel, der Sohn ist Weg und Ausdruck, der Geist ist die gegenwärtige Wirklichkeit dieses göttlichen Lebens. Wo wir „im Geist“ leben, lernen wir, unsere Reaktionen nicht nur aus Gewohnheit oder Kultur zu speisen, sondern aus der leisen Regung des Geistes in uns. Jesus spricht von Anbetern, die den Vater „im Geist und in Wahrhaftigkeit“ anbeten (Johannes 4:23). Gemeindeleben in diesem Sinn ist mehr als ein geordnetes Programm; es ist ein gemeinsames Stehen in dieser Wirklichkeit, in der kulturelle, religiöse oder persönliche Trennlinien an Gewicht verlieren, weil Christus selbst in der Mitte Raum gewinnt. So wächst aus der inneren Erfahrung ein äußerer Leib, in dem verschiedene Glieder aufeinander abgestimmt sind, weil sie sich an demselben Haupt orientieren.

Die Aussicht, dass Gottes ewiger Plan so konkret in unsere Beziehungen hineinreicht, kann zugleich Mut machen und beschämen. Mut, weil der dreieine Gott sich nicht zu schade ist, in unsere Unordnung und Zerbrechlichkeit einzutreten und dort Wohnung zu nehmen. Beschämung, weil deutlich wird, wie oft wir lieber in vertrauten Mustern bleiben, als dem Geist in unserem Inneren Raum zu geben. Doch gerade hier liegt die Hoffnung des Gemeindelebens: Es hängt nicht daran, dass einige wenige besonders geistliche Personen alles tragen, sondern daran, dass viele gewöhnliche Menschen sich im Geist vom Vater berühren, vom Sohn formen und vom Geist leiten lassen. Wo das geschieht, beginnen Versammlungen nicht nur „stattzufinden“, sondern werden zu Orten, an denen etwas von der Einheit sichtbar wird, um die Christus gebetet hat: „damit sie alle eins seien; so wie Du, Vater, in Mir bist und Ich in Dir, damit auch sie in Uns seien“ (Johannes 17:21). In dieser Einheit wird der Leib Christi spürbar – unscheinbar und bruchstückhaft, und doch als Vorgeschmack auf die kommende Herrlichkeit.

In der täglichen Erfahrung mag dieses Bild oft weit entfernt scheinen. Spannungen, Missverständnisse, Müdigkeit und Enttäuschungen gehören zum sichtbaren Gemeindeleben genauso wie Freude und Wachstum. Gerade deshalb ist es kostbar, dass der Maßstab nicht unsere momentane Verfassung ist, sondern Gottes unverrückbarer Vorsatz, „alle Dinge“ in Christus zusammenzufassen. Der dreieine Gott bleibt derselbe, ob unsere Gefühle hoch oder niedrig sind. Wenn das Bewusstsein dafür wächst, wird auch die Erwartung an Gemeindeleben stiller und tiefer: weniger der Ruf nach spektakulären Ereignissen, mehr die Sehnsucht, dass der Geist Gottes unseren inneren Menschen stärkt, Christus im Herzen fester Boden gewinnt und der Vater in einem gemeinsamen Leben geehrt wird. Daraus erwächst eine leise, aber tragfähige Zuversicht: Gott ist dabei, Sich eine Wohnstätte zu bereiten, und jedes echte Werk Seines Geistes in uns und unter uns ist ein Baustein in diesem Haus, das Er von Ewigkeit her geplant hat.

In Ihm werdet auch ihr mit aufgebaut zu einer Wohnstätte Gottes im Geist. (Eph. 2:22)

Denn durch Ihn haben wir beide durch einen Geist den Zugang zum Vater. (Eph. 2:18)

Wenn Gemeindeleben vom wiedergeborenen Geist her gedacht wird, verschiebt sich der Fokus: weg von der vorrangigen Frage nach äußeren Formen, hin zu der schlichten, aber tiefen Wirklichkeit, ob Christus in unserem inneren Menschen Raum hat. Das nimmt Druck aus der Erwartung, dass Strukturen oder Programme alles tragen müssten, und lenkt den Blick auf das verborgene Werk des dreieinen Gottes in den Herzen. Praktisch bedeutet das: Die unscheinbaren Bewegungen – eine versöhnte Beziehung, ein erhörtes verborgenes Gebet, ein neuer Blick für die Geschwister – sind nicht Beiwerk, sondern Ausdruck von Gottes Bau an Seiner Wohnstätte. In diesem Licht kann auch ein fragiles, bruchstückhaftes Gemeindeleben Hoffnung tragen, weil es nicht von seiner makellosen Gestalt her lebt, sondern vom treuen Gott, der zugesagt hat, in Seinem Volk zu wohnen. Die Gewissheit, dass Er Sein Werk in der Gemeinde nicht aufgibt, stärkt die Geduld und nährt eine stille Freude: Wir sind Teil eines Prozesses, in dem Gottes ewiger Plan im Kleinen schon jetzt sichtbar wird.


Herr Jesus Christus, wir danken Dir, dass Du uns nicht nur erlöst hast, sondern uns in Deinen ewigen Plan hineingenommen hast, eine Gemeinde zu schaffen, die Dich ausdrückt. Stärke unseren inneren Menschen, damit Dein Leben tiefer in unsere Herzen eindringt und Du Dich in jedem Bereich unseres Seins zu Hause machen kannst. Vater, lehre uns, im Geist zu leben, Deine Fülle zu empfangen und miteinander als ein Leib zu stehen, in dem Deine Herrlichkeit sichtbar wird. Erneuere unsere Sicht von der Gemeinde, damit wir mit Freude erkennen, wie groß Deine Gedanken über uns sind, und uns von Dir zuversichtlich in Deine Zukunft führen lassen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 68

Diesen Artikel teilen

Wenn er hilfreich war, kannst du ihn einfach weitergeben.

E-Mail WhatsApp