Das Wort des Lebens
lebensstudium

Christus, der die Gemeinde heiligt, indem Er sie reinigt

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Wer ehrlich auf die Geschichte der Kirche – und auf das eigene Glaubensleben – schaut, entdeckt Spannungen: Einerseits wissen wir, dass wir durch Christus bereits erlöst sind, andererseits spüren wir Unreinheit, Schwäche und alte Gewohnheiten. Wie passt das zu der Verheißung einer herrlichen, heiligen Gemeinde als Braut Christi? Epheser 5 zeigt, dass Christus seine Gemeinde nicht nur ins Leben ruft, sondern sie auch liebevoll pflegt, innerlich umgestaltet und Schritt für Schritt reinigt, bis sie seinem Wesen entspricht.

Christus liebt die Gemeinde und bringt sie hervor

Wenn die Schrift von Christus und der Gemeinde spricht, greift sie zu dem leisen, aber tiefen Bild von Adam und Eva. In 1. Mose 2.wird Eva nicht als etwas Fremdes neben Adam geschaffen, sondern aus ihm selbst genommen: aus seiner Seite, aus seinem Fleisch und Bein. Damit zeigt Gott, wie eng das Gegenüber mit dem Ursprung verbunden ist. Was aus Adam hervorgeht, trägt sein Leben und seine Natur. So ist es mit Christus und der Gemeinde. Die Gemeinde ist nicht eine religiöse Organisation, die neben Christus gestellt wurde, sondern sie ist aus Ihm hervorgegangen, sie ist Frucht Seiner Person und Seines Werkes. Darum heißt es von ihr, dass sie Sein Leib ist, „die Fülle Dessen, der alles in allen erfüllt“ (Eph. 1:23). Nur weil sie Sein Leben in sich trägt, kann sie Ihm überhaupt entsprechen.

In der vorangehenden Botschaft haben wir darauf hingewiesen, dass die Gemeinde dasselbe Leben und dieselbe Natur hat wie Christus. Dies wird im Vorbild von Adam und Eva offenbart. Hätte die Gemeinde nicht das Leben und die Natur Christi, könnte sie nicht Christi Gegenstück sein und niemals zu Christus passen. Wenn zwei Hälften einer Einheit nicht dasselbe Leben und dieselbe Natur hätten, könnten sie kein vollständiges Ganzes bilden. Christus und die Gemeinde haben als eine Einheit dasselbe Leben und dieselbe Natur gemeinsam. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft vierundfünfzig, S. 457)

Am Kreuz wird dieses Geheimnis noch deutlicher. Johannes berichtet, wie ein Soldat die Seite des Gekreuzigten öffnet, „und sogleich kam Blut und Wasser heraus“ (Johannes 19:34). Das Blut spricht von der Erlösung, von der Wegnahme der Schuld; das Wasser weist auf die Mitteilung des göttlichen Lebens hin. Beides ist notwendig, damit die Gemeinde entsteht: Sie wird erkauft und gereinigt durch das Blut, und sie wird hervorgebracht und genährt durch das Leben. In der Sprache der Bibel ist sie damit Braut und Leib zugleich – liebend umworben und innig verbunden, empfänglich und doch aus demselben Wesen. Wer die Gemeinde so sieht, wird vorsichtig mit ihr umgehen: nicht als Konsumgut, das meine Bedürfnisse bedienen soll, sondern als etwas, das Christus teurer ist als Sein eigenes Leben.

Diese Herkunft bestimmt auch das Ziel. Christus liebt Seine Gemeinde nicht nur, um ihr zu helfen, besser zurechtzukommen, sondern um sie dahin zu führen, dass sie Ihm entspricht. Paulus spricht davon, dass wir „hingelangen … zu dem Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus“ (Eph. 4:13). Das ist weit mehr als einzelne geistliche Erfahrungen; es ist ein Hineinwachsen in das Maß, in dem Christus selbst alles erfüllt. Je mehr Sein Leben Raum gewinnt, desto weniger bleibt Platz für das, was nur aus unserem alten Menschen stammt. In Beziehungen, in Entscheidungen, im Gemeindeleben beginnt etwas Neues zu leuchten, das nicht aus menschlicher Anstrengung, sondern aus geteilter Natur stammt.

Darum trägt jeder Umgang mit der Gemeinde einen künftigen Glanz in sich. In der Offenbarung wird von der Hochzeit des Lammes gesprochen, bei der „Seine Frau sich bereitet hat“ (Offenbarung 19:7). Die Gemeinde wird nicht als zufällig zusammengewürfelte Menge vor Christus stehen, sondern als Braut, die aus Ihm hervorgegangen ist und zu Ihm passend gemacht wurde. In dieser Perspektive bekommt auch das unscheinbare Heute Gewicht: die oft mühsame Treue im Verborgenen, das geduldige Tragen anderer, das langsame Reifen im Glauben. Christus verwendet Sein liebendes Herz und Sein göttliches Leben darauf, aus all dem eine herrliche Braut zu formen. Wer sich daran erinnert, findet Mut, die Gemeinde trotz ihrer Unvollkommenheit zu lieben – im Vertrauen, dass der, aus dem sie hervorgegangen ist, sie auch vollenden wird.

sondern einer der Soldaten durchbohrte mit einem Speer Seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus. (Joh. 19:34)

bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum erwachsenen Mann, zum Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus. (Eph. 4:13)

Die Einsicht, dass die Gemeinde aus Christus selbst hervorgegangen ist und Sein Leben und Seine Natur in sich trägt, verändert den Blick auf ihr oft widersprüchliches Erscheinungsbild. Hinter allen Schwächen steht eine Herkunft, die nicht rückgängig gemacht werden kann: Christus hat sich hingegeben, Blut und Wasser sind geflossen, und daraus ist Sein Gegenüber entstanden. Aus dieser Verbundenheit wächst stille Hoffnung: Dass Er, der Ursprung, auch das Ziel sichert und die Gemeinde durch alle Brüche hindurch zu einer Braut formt, die Ihm wirklich entspricht.

Heiligung als Trennung und Durchsättigung

Heiligung erscheint oft als ein hartes Wort: als Distanz, als Verzicht, als Absonderung von allem, was nicht zu Gott passt. Die Schrift kennt diesen Aspekt, doch sie bleibt nicht dabei stehen. Wenn Paulus sagt, dass Christus sich selbst für die Gemeinde hingegeben hat, „damit Er sie heilige“ (Eph. 5:26), dann steckt darin mehr als ein bloßer Abstand zur Welt. Heiligen heißt hier: zu Christus hin absondern und mit Christus selbst erfüllen, zu Gott hin abgesondert und mit Gott durchsättigt sein. Wie ein Gefäß, das nicht nur gereinigt, sondern auch mit einem neuen Inhalt gefüllt wird, so führt Christus die Seinen aus dem Bereich des Gewöhnlichen heraus, um sie mit Seiner eigenen Gegenwart zu tränken.

Der Zweck Christi, wenn Er Sich Selbst der Gemeinde gibt, ist, sie zu heiligen, indem Er sie nicht nur von allem Gewöhnlichen zu Sich Selbst hin absondert, sondern sie auch mit Sich Selbst durchsättigt, damit sie Sein Gegenstück ist. (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft vierundfünfzig, S. 458)

Diese Durchsättigung geschieht nicht abstrakt, sondern im lebendigen Umgang mit Christus, besonders auch im Gemeindeleben. Wenn Gläubige zusammenkommen, um auf Ihn zu hören, Sein Wort zu bewegen, Ihn anzurufen und miteinander zu teilen, wird ihre innere Atmosphäre verändert. Dinge, die zuvor selbstverständlich waren, verlieren ihren Glanz; alte Bindungen werden lockerer, und der Geschmack verlagert sich. „Wer in Mich hineinglaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus dessen Innerstem werden Ströme lebendigen Wassers fließen“ (Johannes 7:38). Wo dieses lebendige Wasser fließt, da wird Heiligung erfahrbar: nicht als aufgezwungene Leistung, sondern als innerer Wandel der Vorlieben, als neues Empfinden dafür, was Christus entspricht.

In diesem Licht wird Heiligung zugleich persönlich und gemeinschaftlich. Christus heiligt nicht nur einzelne, die sich besonders anstrengen, sondern Er formt eine Gemeinde, in der Sein Duft spürbar ist. Wie ein Weinstock seine Reben mit Saft versorgt und sie gleichzeitig durch Sonne und Luft schützt und reifen lässt, so nährt Christus die Seinen von innen und umgibt sie mit Seiner Wirklichkeit. Der alte Mensch verliert in dieser Atmosphäre an Kraft, nicht weil er ignoriert würde, sondern weil ein stärkeres Leben an seine Stelle tritt. Diese Umwandlung geht still vor sich und ist doch real: Worte werden milder, Urteile langsamer, Geduld tiefer, Liebe belastbarer.

Dass Christus so heiligt, schenkt dem Alltag eine unerwartete Milde. Heiligung ist dann nicht mehr der Versuch, eine unerreichbare Norm zu erfüllen, sondern das Geschehen, in dem Christus selbst mehr Raum gewinnt. Auch Rückschläge und Schwächen bekommen einen anderen Klang: Sie sind nicht das Ende, sondern Gelegenheiten, neu in dieses nährende, durchdringende Leben einzutreten. Wer so auf den Weg der Heiligung blickt, verliert die Angst vor dem Wort und entdeckt darin eine Verheißung: Christus lässt die Seinen nicht an der Oberfläche stehen, Er nimmt sie hinein in eine Gemeinschaft, in der sein Leben langsam, aber sicher alles durchdringt.

Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch der Christus die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, damit Er sie heilige, nachdem Er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort. (Eph. 5:25-26)

Wer in Mich hineinglaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus dessen Innerstem werden Ströme lebendigen Wassers fließen. (Joh. 7:38)

Heiligung als Trennung und Durchsättigung zu sehen, löst den Druck, sich selbst zu verwandeln, und richtet den Blick auf die beständige Zuwendung Christi. In der Begegnung mit Ihm und in der gemeinsamen Ausrichtung auf Ihn verändert sich die innere Atmosphäre: Altes verliert an Überzeugungskraft, Neues gewinnt Gestalt. So wird Heiligung zu einer Wegbeschreibung für ein Leben, in dem Christus mehr und mehr das Klima bestimmt, in dem man lebt, denkt und liebt.

Die reinigende Kraft des Wassers im Wort

Wenn Paulus davon spricht, dass Christus die Gemeinde „gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort“ (Eph. 5:26), nimmt er ein alttestamentliches Bild auf, das leicht übersehen wird. Zwischen dem Brandopferaltar und dem Zelt der Begegnung stand in der Stiftshütte ein Becken aus Bronze, das mit Wasser gefüllt war. Dort wuschen Aaron und seine Söhne ihre Hände und Füße, „wenn sie in das Zelt der Begegnung hineingehen …, damit sie nicht sterben“ (2. Mose 30:19–20). Das Blut am Altar machte Schuldige annehmbar, aber das Wasser am Becken machte Dienende tauglich. Im Neuen Bund bleibt diese Unterscheidung bestehen: Das Blut Christi nimmt die Sünde weg, das Wasser des Lebens wäscht das, was durch den alten Menschen anhaften will: die kleinen Verschmutzungen des Alltags, die verdeckten Flecken, die schleichenden Falten des Herzens.

Nach dem göttlichen Begriff bezieht sich Wasser hier auf das fließende Leben Gottes, das durch fließendes Wasser versinnbildlicht wird (2.Mose 17:6; 1.Kor. 10:4; Joh. 7:38–39; Offb. 21:6; 22:1, 17). Das Waschen durch ein solches Wasser ist etwas anderes als das Waschen durch das erlösende Blut Christi. Das erlösende Blut wäscht unsere Sünden weg (1.Joh. 1:7; Offb. 7:14), wohingegen das Wasser des Lebens die Flecken des natürlichen Lebens unseres alten Menschen wegwäscht, wie „Fleck oder Runzel oder etwas dergleichen“ (V. 27). (Witness Lee, Life-Study of Ephesians, Botschaft vierundfünfzig, S. 461)

Die Schrift verbindet dieses Wasser ausdrücklich mit dem fließenden Leben Gottes. In der Wüste strömte Wasser aus dem geschlagenen Felsen: „Siehe, ich will dort vor dich auf den Felsen am Horeb treten. Dann sollst du auf den Felsen schlagen, und es wird Wasser aus ihm hervorströmen“ (2. Mose 17:6). Paulus deutet diesen Felsen als Christus, aus dem das Volk „denselben geistlichen Trank“ trank (1. Korinther 10:4). Später lädt Jesus am Laubhüttenfest Durstige ein, zu Ihm zu kommen und zu trinken, und Johannes erklärt: „Dies aber sagte Er über den Geist“ (Joh. 7:39). Wo das lebendige Wort im Geist wirkt, da fließt dieses Wasser: es belebt, es erfrischt, und es wäscht. Nicht nur grobe Sünden, sondern auch feine Unreinheiten – verbitterte Gedanken, verhärtete Haltungen, alte Kränkungen – werden gelöst, wenn der innere Mensch vom lebendigen Wasser durchspült wird.

Dieses Waschen geschieht gerade dann, wenn das Wort Gottes uns erreicht. Mitunter bleibt nach dem Lesen oder Hören kein präziser Satz im Gedächtnis, und doch ist etwas geschehen. Wie ein Korb, der immer wieder in einen Bach getaucht wird, nimmt man vielleicht nichts sichtbar mit, aber der Korb wird sauber. So wirkt das Wasser im Wort: Es bringt das göttliche Leben in unser Inneres hinein und trägt zugleich das Alte hinaus. 1. Johannes 1:7 beschreibt einen Teil dieses Geschehens so: „Wenn wir aber im Licht wandeln, wie Er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu, Seines Sohnes, reinigt uns von jeder Sünde.“ Wo Licht und Wort zusammenkommen, wirken Blut und Wasser gemeinsam: Schuld wird vergeben, und Spuren des alten Lebens werden abgetragen.

In dieser reinigenden Bewegung formt Christus Seine Gemeinde zu dem Bild, das Paulus vor Augen hat: „damit Er die Gemeinde sich selbst darstelle, herrlich, ohne Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen, sondern dass sie heilig und untadelig sei“ (Eph. 5:27). Flecken sprechen von kompromittierten Stellen, von Bereichen, die sich verunreinigt haben; Runzeln erinnern an Müdigkeit, an geistliches Altern, an das Sich-Abfinden mit weniger. Das fortwährende Wasserbad im Wort ist Gottes sanfte Art, solche Spuren nicht einfach zu übersehen, sondern sie real zu beseitigen. Mit jeder Berührung durch das lebendige Wort wird die Gemeinde ein wenig klarer, etwas freier, etwas durchscheinender für die Herrlichkeit Christi. In diesem Vertrauen kann man sich dem Wort immer neu öffnen, nicht aus Pflicht, sondern im Wissen: Hier wäscht der Herr selbst alles weg, was Ihn verdeckt, und macht Sein Gegenüber bereit für den Tag, an dem Er sie als herrliche Braut vor sich stehen sieht.

und Aaron und seine Söhne sollen ihre Hände und ihre Füße darin waschen! Wenn sie in das Zelt der Begegnung hineingehen, sollen sie sich mit Wasser waschen, damit sie nicht sterben. Oder wenn sie an den Altar herantreten zum Dienst, um für den HERRN ein Feueropfer als Rauch aufsteigen zu lassen, (2.Mose 30:19-20)

Siehe, ich will dort vor dich auf den Felsen am Horeb treten. Dann sollst du auf den Felsen schlagen, und es wird Wasser aus ihm hervorströmen, so daß das Volk (zu) trinken (hat). Und Mose machte es so vor den Augen der Ältesten Israels. (2.Mose 17:6)

Die reinigende Kraft des Wassers im Wort zu erkennen, öffnet einen stillen Raum der Hoffnung: Auch dort, wo eigenes Bemühen an Grenzen stößt und alte Muster hartnäckig bleiben, bleibt Christus als der gegenwärtige Waschende wirksam. Sein Wort wirkt tiefer, als es der eigene Eindruck vermuten lässt, es trägt über die Zeit Flecken und Runzeln ab und macht die Gemeinde durchlässig für Seine Herrlichkeit. Daraus erwächst die nüchterne, aber tröstliche Zuversicht, dass kein ehrliches Sich-Aussetzen dem Wort vergeblich ist, weil der Herr selbst darin alles wegnimmt, was Seine Liebe und Seinen Glanz in Seinem Gegenüber verdunkelt.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du Deine Gemeinde so sehr liebst, dass Du Dein Leben für sie gegeben hast und sie Tag für Tag nährst, umsorgst und reinigst. Wo wir uns selbst nur mit Flecken, Falten und Schwachheit sehen, siehst Du schon die herrliche Braut, die Du Dir selbt präsentieren wirst. Lass Dein lebendiges Wort wie ein klares Wasser durch unser Inneres fließen, alles Alte, Harte und Unreine wegtragen und uns mit Deinem eigenen Leben füllen. Erneuere Deine Gemeinde, dass sie inmitten einer gebrochenen Welt Deinen heiligen, gnädigen und herrlichen Charakter widerspiegelt. Stärke alle, die müde geworden sind, durch Deine sanfte Fürsorge, und erfülle uns mit der Hoffnung, dass Du Dein Werk vollenden und Deine Braut ohne Flecken und Runzeln vor Dich stellen wirst. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Ephesians, Chapter 54

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