Das Wort des Lebens
lebensstudium

Durch den Geist wandeln gemäß der elementaren Regel, um eine neue Schöpfung und das Israel Gottes zu leben

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Viele Christen verbinden den Heiligen Geist vor allem mit einzelnen Erfahrungen, geistlichen Gaben oder besonderen Momenten im Gottesdienst. Doch das Neue Testament zeigt ein viel umfassenderes Bild: Gott will sich selbst in uns hineingeben, mit uns eins werden und unser ganzes Leben von innen her prägen. Dieser göttliche Plan fordert unsere natürlichen Vorstellungen heraus. Es geht nicht nur um christliche Tugenden wie Liebe, Freude und Frieden, sondern um einen völlig neuen Lebensmodus, in dem Gott selbst das tragende Prinzip unseres Alltags wird.

Zwei Arten des Wandels im Geist

Paulus spricht im Galaterbrief sehr nüchtern, wenn er zwei verschiedene Arten des Wandels im Geist unterscheidet. In Galater 5 beschreibt er zuerst das umfassende, alltägliche Leben aus dem Geist: „Ich sage aber: Wandelt durch den Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches auf keinen Fall erfüllen.“ (Gal. 5:16). Hier geht es darum, dass der Geist inmitten unserer gewöhnlichen Wege Raum gewinnt, dass die Lust des Fleisches zur Seite tritt und die Frucht des Geistes sichtbar wird. Dieser Wandel ist wie ein freies Unterwegssein mit dem Herrn durch alle Situationen des Tages hindurch: ein Gespräch, eine Entscheidung, ein verborgener Gedanke. Überall dort will der Geist den Charakter Christi hervorbringen – Liebe, Sanftmut, Selbstbeherrschung. Es ist kein spektakulärer Weg, sondern die stille, aber reale Gegenwart des Geistes im Gewöhnlichen.

In unserem täglichen Leben als Christen brauchen wir zwei Arten des Wandels im Geist. Die erste ist ein allgemeiner Wandel, die zweite ist ein Wandel nach einer bestimmten Regel bzw. einem bestimmten Prinzip zur Erfüllung von Gottes ewigem Vorsatz. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft zweiundvierzig, S. 381)

In demselben Brief zieht Paulus dann die Linie noch enger: „Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln.“ (Gal. 5:25). Das Wort für „wandeln“, das er hier verwendet, beschreibt einen geordneten Marsch, ein Sich-Einreihen nach einer Linie, nicht nur ein Herumgehen ohne Richtung. Es ist, als ob der Geist uns nicht nur zum inneren Leben, sondern auch zur äußeren Ordnung unseres Weges zusammenruft. Wer aus dem Geist lebt, soll sich von den Grundlinien von Gottes neuem Handeln bestimmen lassen – von der „Richtschnur“ des Evangeliums und der neuen Schöpfung. So wird unser Wandel nicht zufällig, sondern bekommt Richtung: weg von gesetzlicher Selbstverbesserung, hin zu einem Leben, das Gottes Plan dient. Beides gehört untrennbar zusammen: der weite, atmende Alltag im Geist und der ausgerichtete Weg nach Gottes Regel. In dieser Verbindung wird unser Leben schlicht, aber gewichtiger: Schritt für Schritt lernt der innere Mensch, in einer Welt voller Unordnung geordnet nach Gottes Gedanken zu gehen, getragen von dem Frieden, der aus einem solchen Weg erwächst.

Ich sage aber: Wandelt durch den Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches auf keinen Fall erfüllen. (Gal. 5:16)

Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln. (Gal. 5:25)

Wer den Unterschied zwischen einem bloß allgemeinen, vom Geist berührten Christsein und einem ausgerichteten Wandel nach Gottes Grundregel wahrnimmt, wird innerlich ruhiger. Es entsteht kein Druck, ein „besonderes“ Leben produzieren zu müssen; vielmehr wächst die Freude, dass der Geist sowohl den Alltag durchdringt als auch den Weg ausrichtet. In dieser Spannung von Freiheit und Ordnung lernt das Herz, sich der leisen Führung des Geistes anzuvertrauen und mit jedem Schritt ein wenig deutlicher Gottes Ziel entgegenzugehen.

Die neue Schöpfung – Gott mit dem Menschen vermengt

Vor Gott zählt nicht, was uns äußerlich religiös oder irreligiös voneinander unterscheidet. Paulus fasst es scharf: „Denn weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit ist etwas, sondern was zählt, ist eine neue Schöpfung.“ (Gal. 6:15). Die alte Schöpfung ist der alte Mensch in Adam, unser natürliches Sein, das auch in seiner besten Ausprägung ohne das Leben Gottes bleibt. Man kann moralisch beachtlich sein, religiös eifrig, menschlich beeindruckend – und dennoch in diesem Zustand bleiben, in dem Gott zwar über uns, aber nicht in uns ist. Die neue Schöpfung beginnt dort, wo Gott sich selbst in den Menschen einträgt. „Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.“ (Johannes 3:6). Mit der Wiedergeburt durch den Geist hat Gott sein eigenes Leben in unser Inneres gelegt und uns zu einem neuen Menschen gemacht, „der nach Gott geschaffen ist in Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wirklichkeit.“ (Eph. 4:24).

Die alte Schöpfung ist unser alter Mensch in Adam (Eph. 4:22), unser natürliches Sein von Geburt an, ohne Gottes Leben und ohne die göttliche Natur. Die neue Schöpfung ist der neue Mensch in Christus (Eph. 4:24), unser inneres Sein, das durch den Geist wiedergeboren ist (Joh. 3:6), in das Gottes Leben und die göttliche Natur hineingewirkt worden sind (Joh. 3:36; 2.Petr. 1:4), mit Christus als seinem Bestandteil (Kol. 3:10–11). Der Unterschied zwischen der alten Schöpfung und der neuen Schöpfung besteht darin, dass in der alten Schöpfung Gott dem Menschen nicht hinzugefügt wurde, in der neuen Schöpfung aber in Sein auserwähltes Volk ausgeteilt wird. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft zweiundvierzig, S. 384)

Ein Bild macht diesen Unterschied greifbar. Ein Glas Wasser kann sauber, klar und erfrischend wirken – und doch enthält es kein anderes Element als Wasser. So ist die alte Schöpfung: vielleicht kultiviert, aber ohne den Anteil Gottes. Wird jedoch Tee in das Wasser gegeben, durchdringt eine neue Wirklichkeit die ganze Flüssigkeit. Es ist nicht mehr nur Wasser, sondern Tee – das Ergebnis einer Vermengung. So teilt Gott sich selbst den Menschen mit, die Er erwählt hat. Er bleibt der Dreieine Gott, doch in der neuen Schöpfung vermengt Er sich gewissermaßen mit dem Menschen, ohne sich zu verlieren, und wirkt sein Leben in unsere Gedanken, Affekte und Entscheidungen hinein. Die elementare Grundregel der neuen Schöpfung ist daher nicht zuerst: „Was ist richtig?“ sondern: „Woraus lebe ich?“ Leben wir aus den alten Ressourcen – aus Temperament, Tradition, selbst aus edler Moral – oder aus der inneren Quelle, in die Gott sich selbst gelegt hat? Wo Liebe, Geduld oder Wahrheit aus diesem göttlichen Leben hervorgehen, werden alltägliche Tugenden zu Ausdrucksformen des in uns lebenden Christus. In einem solchen Wandel im Geist wird unser Sein still, aber tief verändert; wir lernen, auch in den unscheinbaren Situationen aus der verborgenen Wirklichkeit zu leben, dass Gott sich mit uns verbunden hat.

Je mehr diese Sicht unser Herz prägt, desto weniger bedrängt uns der Vergleich mit anderen oder der Druck, ein bestimmtes Bild christlicher Leistung zu erfüllen. Das Augenmerk verschiebt sich von der Oberfläche auf die Quelle. Wer sich von dieser einfachen Grundregel tragen lässt – als neue Schöpfung aus dem göttlichen Leben zu leben – entdeckt, dass selbst schwache Schritte Gewicht bekommen, weil Gott selbst der tragende Inhalt dieses neuen Lebens ist.

Denn weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit ist etwas, sondern was zählt, ist eine neue Schöpfung. (Gal. 6:15-16)

dass ihr im Blick auf euren früheren Lebenswandel den alten Menschen ablegt, der nach den Begierden des Betrugs verdorben wird, (Eph. 4:22)

Die Erkenntnis, dass das Entscheidende vor Gott nicht unsere religiöse Form, sondern die neue Schöpfung ist, wirkt befreiend und zugleich ernst. Befreiend, weil vieles an äußerem Ringen und Vergleichen seine Macht verliert; ernst, weil es uns in die Verantwortung ruft, aus dem Leben zu leben, das Gott in uns gelegt hat. Wer sich daran festhält, wird ermutigt, die eigenen Begrenzungen nicht zu leugnen, aber auch nicht als letzte Wahrheit zu akzeptieren: Über allem steht, dass Gott sich selbst dem Menschen hinzugefügt hat und in dieser stillen Vermengung ein neues, von Ihm durchdrungenes Leben möglich geworden ist.

Das Israel Gottes – als Fürsten Gottes leben

Wer in dieser neuen Schöpfung lebt, bleibt nicht einfach ein einzelner Gläubiger unter vielen, sondern wird von der Schrift in einen größeren Zusammenhang gestellt: „Und so viele dieser Richtschnur folgen werden, Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes!“ (Gal. 6:16). Israel Gottes – das ist mehr als ein Ehrentitel; es ist eine Beschreibung dessen, was geschieht, wenn Gott ein Volk formt, das unter seiner Regierung lebt und sie sichtbar macht. In 1. Mose wird uns Jakob vorgestellt: ein Fersenhalter, einer, der mit eigener List zum Ziel kommen will. Durch lange Wege, Begegnungen und Brüche formt Gott diesen Mann um, bis er ihm am Jabbok begegnet. Dort bekommt er einen neuen Namen: Israel – Fürst Gottes. Aus dem Überlister wird einer, der in seiner Schwachheit gelernt hat, unter Gottes Hand zu stehen und von Gott her zu überwinden.

Wenn wir als neue Schöpfung leben, werden wir das wirkliche Israel Gottes sein. Nach dem Buch 1. Mose wurde Jakob, ein Fersenhalter, ein Verdränger, in Israel verwandelt, einen Fürsten Gottes und einen Überwinder. Als Fürst und Überwinder konnte er alle negativen Dinge überwinden. Heute müssen wir ein solches Israel sein, ein Fürst, um Gottes Regierung auf der Erde auszuführen. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft zweiundvierzig, S. 386)

In dieser Geschichte spiegelt sich, was Paulus im Galaterbrief für die Gemeinde entfaltet. Die neue Schöpfung in uns soll nicht nur innerlich „fromm“ sein, sondern praktisch Raum für Gottes Regierung schaffen. Der geordnete Wandel im Geist wird so zu einem Weg, auf dem wir lernen, nicht mehr nur unsere Interessen, Verletzungen oder Wünsche gelten zu lassen, sondern Gottes Anliegen. Je mehr Gott sich in unser Denken und Empfinden hineinarbeiten kann, desto mehr wird unser Leben zu einem Ort, an dem seine Ordnung aufscheint – oft unscheinbar, im Umgang mit Konflikten, im Tragen von Verantwortung, im stillen Verzichten auf Recht, das uns zustünde. So wächst inmitten dieser Welt ein geistliches Israel heran: Menschen, die nicht herrschen, sondern sich herrschen lassen; die nicht mit Macht imponieren, sondern durch ihre Hingabe Gottes Herrschaft bezeugen.

Die Schrift deutet an, wohin diese Linie führt: Die Gemeinde als Leib Christi ist heute ein Vorgeschmack des kommenden Neuen Jerusalems, in dem Gott und sein Volk ungetrennt beisammen wohnen. Schon jetzt darf unser gemeinsames Leben ein leiser Hinweis auf diese Vollendung sein. Wo Männer und Frauen, Junge und Alte in diesem Sinne „Fürsten Gottes“ werden – nicht über anderen, sondern inmitten anderer –, dort erhält der Alltag eine verborgene Würde. Entscheidungen, die sonst nur strategisch wären, bekommen Gewicht vor Gott; Beziehungen, die sonst nur privat wären, werden zu Räumen seiner Gegenwart. Gerade darin liegt eine große Ermutigung: Selbst unscheinbare Treue in unseren kleinen Verantwortungsbereichen hat Anteil an Gottes großem Weg mit seinem Israel. So trägt jeder Schritt im Geist dazu bei, dass Gottes Regierung auf dieser Erde ein wenig sichtbarer wird und seine Barmherzigkeit über dem Israel Gottes aufleuchtet.

Und so viele dieser Richtschnur folgen werden, Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes! (Gal. 6:16)

und den neuen Menschen anzieht, der nach Gott geschaffen ist in Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wirklichkeit. (Eph. 4:24)

Wer den Weg vom Jakob zum Israel im eigenen Leben ahnt, muss über sich selbst nicht verzweifeln. Die Erfahrung des eigenen Fersenhaltens, der List und des Festhaltens an sich selbst disqualifiziert nicht, sondern wird zu dem Stoff, aus dem Gott Fürsten formt. In der Hand des Dreieinen Gottes können selbst Umwege und Brüche zu Bausteinen seiner Regierung werden. Diese Aussicht macht nüchtern und zuversichtlich zugleich: nüchtern, weil Gottes Regierung uns wirklich in Frage stellt; zuversichtlich, weil sein Ziel nicht wankt und seine Barmherzigkeit über allen liegt, die seiner Richtschnur folgen und sich von Ihm zum Israel Gottes machen lassen.


Herr Jesus, danke, dass Du nicht nur für uns, sondern in uns leben willst und uns zur neuen Schöpfung gemacht hast. Lass Dein Leben in unserem Inneren die einfache, aber kraftvolle Regel werden, nach der unser Denken, Reden und Handeln sich ausrichtet. Wo wir noch aus alten Maßstäben leben, durchdringe uns neu mit Deinem Geist und mach unser ganzes Sein zu einem Zeugnis Deiner Gegenwart. Forme uns als Dein Israel Gottes, das mitten in einer unruhigen Welt Deine Regierung widerspiegelt und mit Dir auf Dein Ziel zugeht. Stärke den leisen, verborgenen Wandel im Geist, damit unser Alltag von Dir durchtränkt ist und andere in uns mehr sehen als nur gute Moral – sie sollen Dich selbst erahnen. Bewahre uns in dieser Hoffnung, bis Deine neue Schöpfung und Dein Israel Gottes in der Vollendung sichtbar werden. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Galatians, Chapter 42

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