Das Wort des Lebens
lebensstudium

Botschaft 30

12 Min. Lesezeit

Viele Christen ahnen, dass es einen Unterschied zwischen lebendiger Nachfolge Jesu und einem bloß religiösen Leben gibt, aber im Alltag verschwimmt diese Grenze schnell. Man kann mitten in christlichen Formen stehen, eifrig Feste begehen und doch innerlich leer bleiben. Der Galaterbrief deckt eine fromme Welt auf, die in ihren Regeln und Symbolen aufgeht und dabei die Kraft des gekreuzigten und auferstandenen Christus verliert – und stellt dem die Freiheit und Frische der neuen Schöpfung gegenüber.

Die religiöse Welt und das Kreuz

Wenn Paulus in Galater 6 davon spricht, dass ihm durch das Kreuz die Welt gekreuzigt ist und er der Welt, dann hat er nicht zuerst den Marktplatz von Korinth oder die Arenen Roms vor Augen, sondern die glänzende religiöse Bühne seiner Zeit. Die Judaisten wollten „im Fleisch gut angesehen sein“; sie suchten Zahlen, äußere Eindrücke, eine überzeugende Fassade. Sie drängten andere zur Beschneidung, obwohl sie selbst das Gesetz nicht wirklich hielten. Religiöser Eifer, der auf Anerkennung und Kontrolle zielt, ist für Paulus Teil derselben Welt, die unter dem Gericht des Kreuzes steht. „So viele im Fleisch gut angesehen sein wollen, die nötigen euch, beschnitten zu werden, nur damit sie nicht um des Kreuzes Christi willen verfolgt werden“ (Gal. 6:12). Das Kreuz entlarvt diesen Raum der frommen Selbstdarstellung. Es zeigt, dass alles, was aus menschlicher Ehre, Tradition und äußerer Konformität lebt, zur alten Schöpfung gehört, auch wenn es mit heiligen Worten bekleidet ist.

Einerseits war für Paulus die religiöse Welt gekreuzigt, andererseits war er für die religiöse Welt gekreuzigt. Wegen des Kreuzes Christi wollte die religiöse Welt nichts mit Paulus zu tun haben, und auch Paulus wollte nichts mit der religiösen Welt zu tun haben. Dasselbe gilt für uns heute. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft dreißig, S. 270)

Dadurch wird das Kreuz zur Trennlinie zwischen zwei Lebensweisen. Wer sich ans Kreuz stellt, verliert etwas: das Recht, sich zu schmücken mit religiösen Leistungen, das stille Vergnügen, sich über den eigenen geistlichen Standard zu freuen, die Sicherheit einer Ordnung, die man selber im Griff hat. Gleichzeitig gewinnt er eine Freiheit, die sich nicht mehr von religiösem Druck definieren lässt. Zwischen Paulus und dem religiösen System seiner Zeit stand dieses Kreuz wie eine unübersehbare Barriere. Das System wollte ihn nicht, weil das Wort vom Kreuz seine Machtstrukturen in Frage stellte; und Paulus konnte in dieses System nicht mehr zurück, weil er gelernt hatte, sich nur noch „des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus“ zu rühmen (Gal. 6:14). Wenn Christus Menschen heute aus einer weltlich gewordenen Religiosität herausruft, geschieht im Kern dasselbe: Das Kreuz beendet eine Existenz, die von Vorschriften, Feiertagen und frommen Leistungen gesteuert wird, und öffnet einen Raum, in dem allein Christus Gewicht hat. In diesem Raum ist der Mensch nicht weniger ernsthaft, aber seine Ernsthaftigkeit ist nicht mehr angespannt, sondern getragen – von dem, der ihn liebt und der sich am Kreuz für ihn hingegeben hat.

So wird das Kreuz zum Ort einer tiefen Erleichterung. Dort fällt der Zwang, sich im religiösen Vergleich behaupten zu müssen; dort wird der innere Lärm der Stimmen, die immer noch mehr fordern, leiser. Es bleibt der Eine, der ruft und trägt. Wenn Paulus im Rückblick sagen kann, dass er der religiösen Welt gekreuzigt ist und sie ihm, dann klingt darin nicht Bitterkeit, sondern Befreiung. Das Kreuz trennt, aber es trennt, um eine innigere Verbindung zu ermöglichen: nicht mehr gebunden an ein System, sondern gebunden an Christus selbst. Diese Bindung macht innerlich weit – für ein Leben, das nicht mehr von der Bühne her denkt, sondern vom Angesicht Gottes her. In dieser Weite beginnt eine neue Gelassenheit: Christsein wird weniger ein Projekt, das gelingen muss, und mehr ein Weg mit dem Gekreuzigten, der unsere religiösen Masken abnimmt und uns zugleich in die Nähe seines Herzens zieht.

So viele im Fleisch gut angesehen sein wollen, die nötigen euch, beschnitten zu werden, nur damit sie nicht um des Kreuzes Christi willen verfolgt werden. (Gal. 6:12)

Mir aber sei es fern, mich zu rühmen, außer des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt worden ist und ich der Welt. (Gal. 6:14)

Wo das Kreuz unsere religiösen Sicherheiten berührt, entsteht zunächst ein Gefühl von Verlust – aber gerade dort öffnet Gott einen stilleren, freieren Raum, in dem nicht mehr die Fassade, sondern die Gemeinschaft mit Christus zählt. Wer dieser inneren Bewegung nicht ausweicht, sondern sich vom Kreuz von der religiösen Bühne abtrennen lässt, erfährt, dass der Druck nachlässt und eine tiefere Freude wächst: die Freude, vor Gott wahrhaftig zu sein und in der Einfachheit des Glaubens mit Christus zu gehen.

Alte Schöpfung und neue Schöpfung

Wenn Paulus sagt: „Denn weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit ist etwas, sondern was zählt, ist eine neue Schöpfung“ (Gal. 6:15), verschiebt er den Maßstab radikal. Er stellt nicht eine neue religiöse Variante neben eine alte, sondern führt eine ganz andere Kategorie ein. Die alte Schöpfung ist der Mensch in Adam – das natürliche Sein, so begabt, sensibel oder moralisch es auch sein mag, aber ohne das Leben Gottes in sich. In dieser Sphäre kann Religion glänzen: mit Regeln, Riten und Kulturen, die beeindrucken. Doch all das bleibt, wie Paulus an anderer Stelle sagt, an einen „alten Menschen“ gebunden, der „nach den Begierden des Betrugs verdorben wird“ (Eph. 4:22). Es fehlt die innere Quelle, die aus Gott kommt.

Die alte Schöpfung ist unser alter Mensch in Adam (Eph. 4:22), unser natürliches Sein von Geburt an, ohne Gottes Leben und ohne die göttliche Natur. Die neue Schöpfung ist der neue Mensch in Christus (Eph. 4:24), unser durch den Geist wiedergeborenes Sein (Joh. 3:6), in das Gottes Leben und die göttliche Natur hineingewirkt worden sind (Joh. 3:36; 2.Petr. 1:4), mit Christus als ihrem Bestandteil (Kol. 3:10–11). Diese neue Schöpfung ist es, die den ewigen Vorsatz Gottes erfüllt, indem sie Gott in Seiner Sohnschaft ausdrückt. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft dreißig, S. 270)

Dem gegenüber steht die neue Schöpfung. Sie beginnt dort, wo ein Mensch durch das Werk Christi und die Kraft des Geistes aus Gott geboren wird. Jesus formuliert es schlicht: „Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist“ (Johannes 3:6). In dieser neuen Geburt empfängt der Mensch nicht nur Vergebung, sondern Gottes eigenes Leben, und mit diesem Leben verbindet Gott ihn mit seiner eigenen Natur. So heißt es über die großen Verheißungen: Gott schenkt sie „damit ihr durch diese Teilhaber der göttlichen Natur werdet“ (2. Petrus 1:4). Die neue Schöpfung ist nicht eine veredelte Variante des alten Menschen, sondern ein neues Sein in Christus, in das Gottes Leben und Natur hineingewoben sind.

In diesem neuen Sein wird Christus selbst zum inneren Inhalt. Paulus beschreibt den neuen Menschen als einen, der „zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat“, und fügt hinzu: „wo es nicht geben kann Grieche und Jude, Beschneidung und Unbeschnittenheit …, sondern Christus ist alles und in allen“ (Kolosser 3:10–11). Damit ist die Richtung klar: Gottes ewiger Vorsatz ist nicht, eine besonders reine oder korrekte Religion aufzubauen, sondern Söhne hervorzubringen, die ihn in der Sohnschaft Christi widerspiegeln. Sie sind nicht durch äußere Kennzeichen definiert, sondern dadurch, dass Christus in ihnen lebt, denkt, liebt und handelt. In dieser Perspektive verlieren Beschneidung und Unbeschnittensein, alle äußeren Ordnungssysteme, ihre letzte Bedeutung; sie werden relativiert durch das Eine, das zählt: dass der neue Mensch Gestalt gewinnt.

Wer so auf alte und neue Schöpfung schaut, beginnt sein eigenes Leben anders zu deuten. Vieles, was früher als geistlicher Fortschritt erschien, erweist sich vielleicht als gepflegte Form der alten Schöpfung – ordentlich, engagiert, aber aus der eigenen Kraft genährt. Zugleich werden unscheinbare Regungen kostbar, in denen der Geist wirkt: ein leiser Gehorsam, ein inneres Nein zur Selbstbehauptung, ein verborgenes Ja zu Gottes Weg. Gerade darin wird die neue Schöpfung sichtbar. Das entlastet: Christsein muss nicht ein ständiges Überbieten in frommer Leistung sein, sondern ein wachsendes Einwurzeln in Christus. Wo er unser Leben wird, ordnen sich die Dinge; das Alte verliert seine Faszination, und das Neue gewinnt an Gestalt – nicht abrupt, aber real, getragen von dem, der gesagt hat, dass er das gute Werk vollenden wird, das er begonnen hat.

Denn weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit ist etwas, sondern was zählt, ist eine neue Schöpfung. (Gal. 6:15)

Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. (Joh. 3:6)

Die Unterscheidung zwischen alter und neuer Schöpfung öffnet den Blick für das, was in Gottes Augen wirklich Gewicht hat. Nicht das, was auffällt, sondern das, was aus dem Geist geboren wird, prägt die Zukunft mit Gott. In dem Maß, in dem ein Mensch innerlich lernt, sein Vertrauen von der eigenen religiösen Energie weg auf das Leben Christi in ihm zu verlagern, wächst eine stille Zuversicht: Gottes ewiger Vorsatz hängt nicht an unserer Perfektion, sondern an der Wirklichkeit der neuen Schöpfung, die er selbst in uns wirkt.

Leben nach der Regel der neuen Schöpfung

Paulus spricht von einer „Richtschnur“, nach der diejenigen gehen, auf denen Friede und Barmherzigkeit ruhen: „Und so viele dieser Richtschnur folgen werden, Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes!“ (Gal. 6:16). Diese Richtschnur ist nicht ein neues Gesetz, das an die Stelle eines alten tritt, sondern die innere Ordnung der neuen Schöpfung. Sie besteht darin, „durch den Geist aus Glauben zu leben“, statt „das Gesetz durch das Halten von Satzungen zu bewahren“. Im Hintergrund steht die Erfahrung, dass der Dreieine Gott als lebenspendender Geist in den Gläubigen wohnt und ihr Leben werden will. Was aus dieser innigen Gemeinschaft hervorgeht, entspricht der Regel der neuen Schöpfung; was aus eigener religiöser Anstrengung, aber ohne Bezug auf den Geist entsteht, bleibt in der Sphäre der alten Schöpfung – selbst wenn es fromm aussieht.

Die Regel, von der Paulus hier spricht, ist die der neuen Schöpfung, nämlich durch den Geist aus Glauben zu leben, nicht die, das Gesetz durch das Halten von Satzungen zu bewahren. Diese Regel, die Regel der neuen Schöpfung, ist der verarbeitete Dreieine Gott als unser Leben und unser Lebenswandel. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft dreißig, S. 273)

Im Galaterbrief verbindet Paulus diese Richtschnur eng mit dem Wandeln im Geist: „Wenn wir durch den Geist leben, so lasst uns auch dem Geist folgen“ (Gal. 5:25). Leben nach der Regel der neuen Schöpfung bedeutet daher einen Alltag, in dem der Geist zur maßgeblichen inneren Stimme wird. Nicht äußere Verhaltenscodes haben das letzte Wort, sondern das leise Drängen des Geistes, der Christus verherrlicht. Das kann sehr konkret sein: ein anderes Wort, als man ursprünglich sagen wollte; ein Loslassen da, wo man sich festklammert; ein inneres Stehenbleiben, wo man sich impulsiv durchsetzen würde. In all dem wirkt der „verarbeitete Dreieine Gott“ als unser aktuelles Leben: Gott, der in Christus Mensch geworden, gestorben und auferstanden ist, begegnet uns als gegenwärtiger Geist, der unser Denken, Fühlen und Wollen durchdringen will.

Wo Menschen dieser inneren Richtschnur folgen, zeigen sich bestimmte Früchte. Paulus nennt in unmittelbarer Nähe „Liebe, Freude, Frieden, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit“ (Gal. 5:22–23). Diese Dinge lassen sich nicht produzieren wie Ergebnisse eines Programms; sie wachsen, wenn das Herz sich vom Geist leiten lässt. Darum verbindet Paulus mit der Richtschnur der neuen Schöpfung den Zuspruch: „Friede und Barmherzigkeit über sie.“ Friede meint hier nicht nur äußere Ruhe, sondern eine tiefe, von Gott gewirkte Stimmigkeit im Innern. Barmherzigkeit wiederum ist die Erfahrung, dass Gott uns immer wieder entgegenkommt, gerade in unserer Schwachheit. Der Weg nach der neuen Regel ist kein Weg der makellosen Leistung, sondern ein Weg, auf dem der Geist auch unsere Fehltritte einwebt in eine Geschichte der Gnade.

So sammelt Gott sich ein „Israel Gottes“, das nicht mehr durch Herkunft, sondern durch diese innere Wirklichkeit geprägt ist. „Denn nicht alle, die aus Israel sind, die sind Israel“ (Römer 9:6). Zu diesem Israel Gottes gehören Juden und Heiden, religiös Geprägte und vormals Gleichgültige – Menschen, in denen der Sohn Gottes lebt und wirkt. Der Gedanke, nach einer solchen Regel zu leben, kann zuerst verunsichern, weil er unsere Neigung zur äußeren Absicherung unterläuft. Im Laufe der Zeit zeigt sich aber, wie heilsam diese Umstellung ist: Das Leben bekommt einen anderen Takt, mehr vom Puls Gottes, weniger vom Druck der Erwartungen. Dort, wo ein Mensch lernt, im Alltag der leisen Spur des Geistes zu trauen, reift eine stille Dankbarkeit: Gott selbst ist nicht nur das Ziel, sondern der Weg, die Kraft und der Friede in diesem Weg.

Und so viele dieser Richtschnur folgen werden, Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes! (Gal. 6:16)

Wenn wir durch den Geist leben, so lasst uns auch dem Geist folgen. (Gal. 5:25)

Die Regel der neuen Schöpfung macht das christliche Leben nicht komplizierter, sondern einfacher und zugleich tiefer. Sie führt weg von der Fixierung auf äußere Maßnahmen hin zu einer wachsenden Aufmerksamkeit für das Wirken des Geistes im Innern. Wer sich Stück um Stück daran gewöhnt, Entscheidungen, Reaktionen und Worte vor diesem Hintergrund zu betrachten, entdeckt: Gott ist nah, und sein Friede ist kein Ideal für besondere Stunden, sondern eine konkrete Zusage für den gelebten Alltag unter seiner Barmherzigkeit.


Herr Jesus Christus, danke, dass dein Kreuz nicht nur unsere Sünden getragen hat, sondern uns auch von einer religiösen Welt getrennt hat, in der vieles äußerlich fromm, aber innerlich tot ist. Du hast uns in deiner Liebe gesucht, uns neues Leben geschenkt und uns in die neue Schöpfung hineingestellt, in der du selbst unser Leben, unsere Natur und unser Maßstab bist. Stärke in uns die innerliche Freiheit von allem, was nur Eindruck im Fleisch macht, und lass uns tiefer in die stille, kraftvolle Wirklichkeit deines Geistes hineinwachsen. Wo wir noch an religiösen Formen hängen, ohne dass du selbst darin Raum hast, öffne uns die Augen und erfülle diese Bereiche mit deiner Gegenwart. Lass dein Friede in unseren Herzen regieren und deine Barmherzigkeit uns immer wieder aufrichten, damit wir als deine Söhne gemeinsam etwas von der neuen Schöpfung widerspiegeln, die deinem ewigen Vorsatz entspricht. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Galatians, Chapter 30

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