Das Wort des Lebens
lebensstudium

Botschaft 28

12 Min. Lesezeit

Viele Christinnen und Christen kennen die Spannung zwischen dem, was sie im Glauben sind, und dem, was sie im Alltag tatsächlich leben. Auf der einen Seite steht die verheißungsvolle Zusage, neue Menschen in Christus zu sein; auf der anderen Seite begegnen uns Neid, verletzter Stolz und versteckte Eitelkeit. Die Verse am Ende von Galater 5 verbinden das Werk des Kreuzes mit einem ganz konkreten Leben im Geist und zeigen, wie Gottes großes Ziel – viele Söhne zu haben – mitten im gewöhnlichen Alltag Gestalt gewinnt.

Das Fleisch gekreuzigt – das Kreuz praktisch anwenden

Wenn Paulus sagt: „Die aber des Christus Jesus sind, haben das Fleisch samt seinen Leidenschaften und Begierden gekreuzigt“ (Galater 5:24), knüpft er an etwas an, das Gott bereits getan hat, und öffnet zugleich den Raum für unsere tägliche Erfahrung. In Gottes Handeln ist die Grundlage ein für alle Mal gelegt: „da wir dies wissen, dass unser alter Mensch mit Ihm zusammen gekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde außer Kraft gesetzt werde“ (Römer 6:6). Ebenso bezeugt Paulus: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2:20). Diese Verse sprechen von unserem Sein vor Gott, von einer vollendeten Tatsache im Tod Christi. Gott hat den alten Menschen gerichtet, das Ich an das Kreuz gebracht. Nichts von dem stammt aus unserer Anstrengung; es ist reiner Gnadenakt, vollzogen in der Geschichte, gültig in der Ewigkeit.

Die Kreuzigung des alten Menschen in Römer 6:6 und die Kreuzigung des „Ich“ in Galater 2:20 wurden nicht von uns vollbracht. Hier aber heißt es, dass wir das Fleisch samt seinen Leidenschaften und Begierden gekreuzigt haben. Der alte Mensch und das „Ich“ sind unser Sein; das Fleisch ist der Ausdruck unseres Seins in unserem praktischen Lebenswandel. Die Kreuzigung unseres alten Menschen und unseres „Ich“ ist eine Tatsache, die Christus am Kreuz vollbracht hat, wohingegen die Kreuzigung unseres Fleisches samt seinen Leidenschaften und Begierden unsere praktische Erfahrung dieser Tatsache ist. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft achtundzwanzig, S. 250)

Und doch bleibt unser Alltag nicht unberührt in einer Art frommer Theorie zurück. Denn das, was Gott objektiv mit dem alten Menschen getan hat, tritt in unserem Lebenswandel als „Fleisch“ hervor: als konkrete Gedanken, Worte, Stimmungen, Reaktionen. Das Fleisch ist die erfahrbare Oberfläche des alten Menschen, sein sichtbarer Ausdruck. Wenn Paulus nun sagt, dass wir das Fleisch gekreuzigt haben, nimmt er uns in die Bewegung des Kreuzes hinein. Wir schaffen keine neue Erlösungstat, sondern wir beziehen uns in konkreten Situationen auf das, was in Christus schon geschehen ist. Wo eine Regung der Selbstbehauptung aufsteigt, ein bitteres Wort auf der Zunge liegt, eine unlautere Vorstellung im Innern ans Licht kommt, steht im Hintergrund die bereits geschehene Kreuzigung, und in der Gegenwart ruft der Geist dazu, diese Regung nicht zu nähren, sondern dem Urteil des Kreuzes zu übergeben.

So entsteht eine stille, aber entschiedene Haltung: Im Licht des Kreuzes sagen wir nein zu den Forderungen des Fleisches und ja zu dem Leben, das der Geist in uns wirkt. Paulus beschreibt dies mit nüchterner Klarheit: „denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, müsst ihr sterben, wenn ihr aber durch den Geist die Handlungen des Leibes zu Tode bringt, werdet ihr leben“ (Römer 8:13). Es ist bemerkenswert, dass das Töten der Handlungen des Leibes hier mit dem „durch den Geist“ verbunden ist. Die Kraft zur Verneinung des Fleisches kommt nicht aus Willenskraft oder Askese, sondern aus der inneren Gegenwart des Geistes, der in uns an das Kreuz erinnert und uns eine andere Lust schenkt: das Wohlgefallen Gottes, den Geschmack des Lebens und des Friedens.

Damit wird das Kreuz nicht zu einem abstrakten Symbol, sondern zu einer inneren Linie, die unser Denken und Handeln durchzieht. Die überströmende Energie des Fleisches begegnet der stillen Autorität des gekreuzigten und auferstandenen Christus in uns. Manches, was früher selbstverständlich war – schnelles Urteilen, verletzende Ironie, das Nachgeben gegenüber verborgener Begierde –, verliert seine Selbstverständlichkeit. Es wird vor die Frage gestellt: Gehört dies zu dem Leben, in dem Christus lebt, oder zu dem alten Ausdruck, der schon gerichtet ist? Wo wir uns innerlich so prüfen und dem Geist Raum geben, ordnet sich unser Inneres, und unser Verhalten beginnt, eine neue Qualität zu tragen: mehr Wahrheit, mehr Reinheit, mehr Verlässlichkeit.

Die aber des Christus Jesus sind, haben das Fleisch samt seinen Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. (Gal. 5:24)

da wir dies wissen, dass unser alter Mensch mit Ihm zusammen gekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde außer Kraft gesetzt werde, damit wir nicht mehr der Sünde als Sklaven dienen; (Röm. 6:6)

So erwächst aus der Betrachtung des Kreuzes eine stille Zuversicht: Die Last, das Fleisch zu überwinden, liegt nicht auf den Schultern des eigenen Ichs, sondern auf der Schulter dessen, der den alten Menschen schon ans Kreuz gebracht hat. In der Gemeinschaft mit Ihm wird das tägliche Nein zum Fleisch nicht zu einem verkrampften inneren Krieg, sondern zu einem lernenden Gehorsam, der von der Gewissheit getragen ist: Das Urteil Gottes über das Alte steht fest, und die Kraft des neuen Lebens ist gegenwärtig. Darin darf der Glaube Schritt für Schritt wachsen – nicht in Selbstsicherheit, sondern in der Hoffnung, dass der Gekreuzigte und Auferstandene auch die verborgensten Winkel unseres praktischen Lebenswandels durchdringen und erneuern kann.

Im Geist leben und gehen – Söhne Gottes in der Praxis

Gottes Ziel mit den Menschen geht tiefer als bloße Rettung vor dem Gericht. Er will Söhne, die den Charakter des Erstgeborenen widerspiegeln. Paulus fasst es verdichtet: Gott „hat uns vorherbestimmt zur Sohnschaft durch Jesus Christus für sich selbst nach dem Wohlgefallen seines Willens“ (Epheser 1:5), und weiter: „Denn die er vorhererkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern“ (Römer 8:29). In Christus ist diese Sohnschaft schon geschenkte Wirklichkeit: „So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben“ (Johannes 1:12). Durch den Geist der Neugeburt sind wir in Gottes Familie hineingenommen, nicht als entfernte Verwandte, sondern als Söhne mit Anteil an des Sohnes Stellung.

Im Geist zu leben bedeutet, dass unser Leben vom Geist abhängt und vom Geist geregelt wird, nicht vom Gesetz. Im Geist zu wandeln bedeutet, dass unser praktischer Lebenswandel und unser Handeln in unserem täglichen Leben vom Geist geleitet und beherrscht werden, nicht vom Gesetz. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft achtundzwanzig, S. 252)

Doch diese Zusage will sich im Alltag bewähren. Zwischen der himmlischen Bestimmung und dem konkreten Lebensstil kann es eine deutliche Spannung geben. Manches Verhalten trägt eher die Züge des „Sohnes Adams“ – Rechthaberei, Misstrauen, Selbstschutz – als die Handschrift des Sohnes Gottes. Darum stellt Paulus der Sohnschaft eine sehr praktische Kennzeichnung zur Seite: „Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet werden, die sind Söhne Gottes“ (Römer 8:14). Hier wird Sohnschaft nicht primär über Emotionen oder außergewöhnliche Erfahrungen beschrieben, sondern über eine schlichte, aber tiefgreifende Realität: der Geist Gottes nimmt Einfluss auf unsere inneren Entscheidungen, er reguliert Wege, Prioritäten, Reaktionen.

Wenn Paulus sagt: „Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln“ (Galater 5:25), verbindet er die unsichtbare Quelle mit der sichtbaren Spur. Durch den Geist leben bedeutet, dass unser inneres Leben seine Nahrung, seine Orientierung und seine Kraft aus dem innewohnenden Geist bezieht, nicht aus Gesetzlichkeit oder rein menschlicher Vernunft. Durch den Geist wandeln heißt, dass diese innere Quelle tatsächlich in unser Verhalten hineinreicht – in Gesprächsführung, Umgang mit Konflikten, Nutzung von Zeit, Umgang mit Leistung und Versagen. Wo der Geist in diesen Bereichen eine Stimme hat, verliert das Gesetz seine Rolle als äußere Zwangsordnung, und an seine Stelle tritt eine innere Führung, die den Charakter des Sohnes trägt: Vertrauen statt Zynismus, Sanftmut statt Härte, Gehorsam statt Auflehnung, Liebe statt Berechnung.

So formt Gott seine Söhne nicht im Abstrakten, sondern mitten im Geflecht des Alltags. Wenn wir in einer angespannten Situation auf unser Recht pochen könnten, und dennoch vom Geist her spüren, dass Schweigen und Nachgeben dem Namen Christi mehr Ehre macht, dann berühren wir etwas von der Sohnschaft in der Praxis. Wenn Sorge und Furcht drohen, unsere Entscheidungen zu bestimmen, und der Geist uns an das Vertrauen des Sohnes erinnert, der sagte: „Ich bin das Licht der Welt; wer Mir nachfolgt, wird auf keinen Fall in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Johannes 8:12), dann beginnen wir, als Söhne in die Realität dieses Lichtes hineinzutreten. In solchen Momenten wird sichtbar, dass Gott seine Söhne nicht nur beruft, sondern sie auch durch seinen Geist Schritt für Schritt der Gestalt des Erstgeborenen annähert.

Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln. (Gal. 5:25)

Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet werden, die sind Söhne Gottes. (Röm. 8:14)

Sohnschaft im Alltag anzunehmen bedeutet, der inneren Führung des Geistes mehr Gewicht zu geben als den lauten Stimmen von Pflichtgefühl, Angst und Ehrgeiz. Wo diese leise, aber klare Stimme Raum bekommt, beginnt der Lebensstil sich zu verschieben: weniger Getriebensein, mehr Vertrauen; weniger Selbstinszenierung, mehr Bereitschaft, Gottes Ehre zu suchen. So wächst inmitten eines gewöhnlichen Tages das Bewusstsein: Ich gehe diesen Weg nicht als isolierter Einzelner, sondern als Sohn, den der Vater kennt, liebt und durch seinen Geist formt. Diese Gewissheit vermag auch müde Herzen neu aufzurichten, weil sie zeigt, dass jeder Schritt im Geist Teil eines größeren Weges ist, auf dem Gott viele Söhne in seine Herrlichkeit hineinführt.

Eitle Ehre, Reiz und Neid – Prüfstein unseres Wandels im Geist

Unmittelbar nachdem Paulus vom Leben und Wandeln durch den Geist gesprochen hat, lenkt er den Blick auf ein sehr konkretes Feld: unser Miteinander. „Laßt uns nicht nach eitler Ehre trachten, indem wir einander herausfordern, einander beneiden“ (Galater 5:26). Hier wird der Geist-Wandel nicht an außergewöhnlichen Erfahrungen gemessen, sondern an den feinen Bewegungen des Herzens im Blick auf andere. Eitle Ehre sucht die eigene Hervorhebung, den heimlichen Vorrang, das verdeckte Lob. Herausfordern meint ein sich Gegeneinander-Ausspielen, ein ständiges Messen und Vergleichen. Neid leidet am Glück und an der Gnade des anderen. Solche Regungen entstehen nicht aus dem Geist Gottes, sondern aus dem Fleisch. Sie sind wie ein inneres Thermometer, das anzeigt, ob unser Lebensnerv wirklich vom Geist gespeist ist oder ob alte Muster die Oberhand behalten.

In 5:26 sagt Paulus: „Lasst uns nicht nach leerem Ruhm trachten, indem wir einander herausfordern, einander beneiden.“ Ohne leeren Ruhm zu sein ist das Ergebnis des Wandels im Geist in Vers 25. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft achtundzwanzig, S. 252)

Gerade in geistlichen Zusammenhängen werden diese Regungen oft besonders spürbar. Wer wird gesehen, wer gehört, wessen Gabe wird hervorgehoben, wessen Beitrag bleibt im Verborgenen? Auch in Ehe und Familie, im Beruf oder in Freundschaften kann die Frage nach Anerkennung eine verborgene Triebkraft sein. Wo die Suche nach eitlem Ruhm das innere Steuer übernimmt, entsteht leicht Reiz: man fühlt sich in Konkurrenz, misst sich, spürt Kränkung, wenn der andere bevorzugt scheint. Daraus wächst Neid, der den Bruder oder die Schwester nicht mehr als Geschenk Gottes sehen kann, sondern als Spiegel der eigenen vermeintlichen Zurücksetzung. So werden Beziehungen, die eigentlich vom Geist der Sohnschaft getragen sein sollten, von der Logik des alten Menschen durchzogen.

Paulus deutet an, dass die Wurzel hier die eitle Ehre ist. Wer nicht mehr auf den eigenen Ruhm angewiesen ist, entzieht Reiz und Neid den Nährboden. In diesem Licht gewinnt das Kreuz eine neue Kontur. Es richtet nicht nur grobe Sünden, sondern legt die Hand auf den inneren Ehrgeiz, auf das Bedürfnis, gesehen und bestätigt zu sein. Wo wir uns vom Geist her daran erinnern lassen, dass unser Wert in Gottes Blick ruht, dass unser Name im Herzen des Vaters getragen wird, verliert die Anerkennung durch Menschen ihre absolute Macht. Dann wird möglich, was von Natur aus kaum gelingt: sich über den Fortschritt des anderen freuen, über seine Gnadengaben dankbar sein, ohne sich kleiner zu fühlen. An dieser inneren Freiheit lässt sich erkennen, ob das Fleisch oder der Geist die Führung innehat.

Das Evangelium bleibt dabei nicht bei einer moralischen Forderung stehen. Es stellt uns den Sohn vor Augen, der, obwohl er der einziggeborene Sohn ist, seinen Weg in tiefster Demut ging. „Niemand hat Gott je gesehen; der einziggeborene Sohn, der in der Brust des Vaters ist, Er hat Ihn kundgetan“ (Johannes 1:18). Gerade weil er in der Liebe und Anerkennung des Vaters geborgen war, musste er sich nicht selbst erhöhen. Wer aus dieser Quelle lebt, bekommt eine andere innere Stabilität. Der Blick löst sich von der ständigen Frage nach dem eigenen Platz und wird frei, die Gnade Gottes im anderen zu sehen. In dieser Freiheit liegt ein stiller Segen für jede Gemeinschaft: Konkurrenz verwandelt sich in Ergänzung, Vergleichen in gegenseitiges Ehren, Reiz in ein konstruktives Miteinander.

Laßt uns nicht nach eitler Ehre trachten, indem wir einander herausfordern, einander beneiden. (Gal. 5:26)

Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln. (Gal. 5:25)

Der Umgang mit eitler Ehre, Reiz und Neid berührt einen empfindlichen Bereich des Herzens, doch gerade dort zeigt sich, wie tief der Geist Gottes wirken darf. Wo diese inneren Bewegungen nicht verdrängt, sondern im Licht des Kreuzes gesehen werden, verändert sich die Atmosphäre von Beziehungen: weniger Misstrauen, mehr Vertrauen; weniger Konkurrenz, mehr gegenseitige Wertschätzung. In dieser Entwicklung liegt ein großer Trost: Sie ist nicht das Ergebnis moralischer Selbstzucht, sondern das Werk dessen, der in uns den Geist seiner Sohnschaft gegeben hat. Wer darauf vertraut, dass dieser Geist auch die versteckten Motive ans Licht bringt und heilend ordnet, darf hoffen, dass sein Miteinander immer mehr die Spur des Friedens und der Freiheit trägt, die aus dem Leben im Geist erwächst.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Galatians, Chapter 28

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