Botschaft 21
Viele Christen verbinden mit der Taufe vor allem ein äußeres Ritual mit Wasser. Doch das Neue Testament beschreibt eine Wirklichkeit, die weit tiefer geht: In der Taufe werden wir in Christus hineingenommen, mit seinem Tod verbunden und in seinen Leib eingefügt. Wo diese geistliche Seite der Taufe gesehen und im Glauben ergriffen wird, entsteht eine neue Identität, eine neue Lebensgemeinschaft mit dem dreieinen Gott und eine neue Einheit untereinander.
In Christus hineingetauft – organisch mit Ihm verbunden
Wenn das Neue Testament von der Taufe spricht, zeichnet es kein äußerliches Ritual, sondern einen Übergang in eine neue Wirklichkeit. Paulus kann sagen: „Oder wisst ihr nicht, dass alle von uns, die in Christus Jesus hineingetauft worden sind, in Seinen Tod hineingetauft worden sind?“ (Röm. 6:3). Dieses „Hineingetauftwerden“ meint mehr als ein frommes Bekenntnis vor Menschen. Es beschreibt, dass Gott uns in die Person Christi hineinversetzt: in seinen Tod, in sein Leben, in seine Beziehung zum Vater. Was wir von Natur aus sind, mit unserer Geschichte, Schuld und Selbstbehauptung, wird an das Kreuz gestellt; in Christus beginnt eine neue Geschichte. Wo der Apostel von der Taufe „in Christus“ spricht, denkt er nicht in abstrakten Begriffen, sondern an eine organische Verbindung: wie der Rebe am Weinstock derselbe Saft zufließt, so wird dem Getauften das Leben Christi zugeteilt.
Unter den Christen von heute wird die Taufe nur selten in einer richtigen, echten und lebendigen Weise praktiziert, sodass die Gläubigen in den Namen des Dreieinen Gottes, in Christus, in den Tod Christi und in den Leib Christi hineingetauft werden. Eine solche Taufe – eine Taufe in den göttlichen Namen, in eine lebendige Person, in einen wirksamen Tod und in einen lebendigen Organismus – versetzt die Gläubigen in eine Stellung, in der sie eine organische Einheit mit Christus erfahren können. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft einundzwanzig, S. 183)
In der Taufvollmacht des auferstandenen Herrn wird diese Tiefe sichtbar: „Darum geht hin und macht alle Nationen zu Jüngern, wobei ihr sie tauft hinein in den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt. 28:19). Der eine Name umfasst die ganze Wirklichkeit des dreieinen Gottes. In diesen Namen hineingetauft zu werden, heißt, in die Gemeinschaft und in die Wirkkräfte der göttlichen Person hineingenommen zu werden. Derselbe Geist, der den Sohn mit dem Vater eint, ist es, der uns in den Leib Christi hineintauft und uns mit allen anderen Gläubigen verbindet (vgl. 1.Kor 12:13). Taufe, wie sie das Neue Testament beschreibt, umfasst deshalb mehrere untrennbare Dimensionen: Hineingestelltsein in den Namen des dreieinen Gottes, in Christus, in seinen wirksamen Tod und in seinen Leib als lebendigen Organismus. Wo diese Wirklichkeit im Glauben angenommen wird, entsteht ein ruhiges, aber kraftvolles Vertrauen: Ich bin nicht mehr auf mich selbst zurückgeworfen, sondern organisch mit Christus verbunden und in die Gemeinschaft seines Volkes hineingenommen. Aus dieser Verbundenheit erwächst eine neue Freiheit, das alte Leben loszulassen und im Bewusstsein zu leben: Ich gehöre dem, in den ich hineingetauft worden bin – und Er trägt mich.
Wer so auf seine Taufe zurückblickt, sieht mehr als einen vergangenen Tag: Er entdeckt einen von Gott gesetzten Anfang, an dem Christus selbst die Initiative ergriffen hat. Die Erinnerung daran kann in Phasen der Schwachheit neu trösten und ausrichten. Auch wenn das Empfinden schwankt, bleibt bestehen, was Gott getan hat: Er hat uns in seinen Sohn hineingestellt. In dieser Gewissheit darf das eigene Leben Schritt für Schritt mit dieser Tatsache in Einklang kommen – nicht aus Druck, sondern aus Dankbarkeit darüber, dass die tiefste Bestimmung unseres Lebens längst festgemacht ist: in Christus.
Oder wisst ihr nicht, dass alle von uns, die in Christus Jesus hineingetauft worden sind, in Seinen Tod hineingetauft worden sind? (Röm. 6:3)
Darum geht hin und macht alle Nationen zu Jüngern, wobei ihr sie tauft hinein in den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, (Mt. 28:19)
Die geistliche Wirkung der Taufe liegt darin, dass Gott uns nicht am Rand stehen lässt, sondern in Christus hineinbringt und uns mit Ihm organisch verbindet. Wer im Glauben zu dieser Wirklichkeit zurückkehrt, findet einen festen Boden unter den Füßen: Das alte Leben ist vor Gott beendet, ein neues Leben aus Christus hat begonnen. Diese Gewissheit schenkt Mut, sich nicht mehr über die eigene Vergangenheit zu definieren, sondern im Vertrauen zu leben, dass sein Leben in uns wirkt und uns zugleich in die lebendige Gemeinschaft seines Leibes stellt.
Christus anziehen – eine neue Identität leben
Die Sprache der Schrift ist auffallend konkret, wenn sie die Folgen der Taufe beschreibt: „Denn so viele von euch in Christus hineingetauft worden sind, haben Christus angezogen“ (Gal. 3:27). Die Taufe wird hier mit einem Kleiderwechsel verglichen. Wer bisher in den Gewändern seiner Herkunft, seiner Prägungen, seiner sichtbaren Stärken und verborgenen Schwächen vor Gott stand, erhält ein neues Kleid. Christus selbst wird zur Bekleidung. Das bedeutet nicht, dass unsere Persönlichkeit ausgelöscht würde, wohl aber, dass Gott uns in Christus ansieht: nicht zuerst durch den Filter unseres Versagens, sondern unter der Bedeckung seines Sohnes. Dieses Bild entlastet und richtet zugleich aus. Entlastet, weil wir uns nicht selbst darstellen müssen; ausrichtet, weil das neue Gewand nicht nur Zierde ist, sondern unser Verhalten prägen will.
In Galater 3:27 sagt Paulus, dass alle, die in Christus hineingetauft worden sind, Christus angezogen haben. Christus anzuziehen bedeutet, dass wir uns mit Christus bekleiden, Christus wie ein Kleidungsstück anziehen. Einerseits werden wir in der Taufe in Christus hineingetaucht, andererseits ziehen wir in der Taufe Christus an. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft einundzwanzig, S. 186)
Im Licht dieses Bildes bekommt auch der Ruf des Paulus ein besonderes Gewicht: „sondern zieht den Herrn Jesus Christus an, und treibt nicht Vorsorge für das Fleisch, daß Begierden wach werden“ (Röm. 13:14). Die Taufe markiert den Beginn dieser neuen Stellung; der Glaube greift sie auf und der Alltag füllt sie mit Inhalt. Christus anzuziehen heißt, sich seiner Gegenwart anzuvertrauen, bis sein Charakter durch uns hindurch sichtbar wird: Seine Sanftmut inmitten von Härte, seine Bereitschaft zur Vergebung, wo Bitterkeit naheliegt, seine Demut, wo sich das eigene Recht vordrängen will. Der Kolosserbrief beschreibt den „neuen Menschen“, den wir angezogen haben, als einen, „der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat“ (Kol. 3:10). Der Getaufte bleibt damit ein Lernender: Er lebt im Bewusstsein, dass Christus sein Gewand ist, und erlebt doch, wie dieses Gewand ihm Tag für Tag mehr „passt“.
Diese Sicht der Taufe verändert den Blick auf gelingendes Christsein. Es geht weniger darum, mit eigener Anstrengung ein bestimmtes moralisches Niveau zu erreichen, und mehr darum, in der gegebenen Identität zu ruhen: Christus ist unsere Gerechtigkeit, unser Schmuck, unsere Würde vor Gott. Aus dieser inneren Sicherheit heraus können auch die Brüche und Unvollkommenheiten des eigenen Lebens anders getragen werden. Wer weiß, dass er Christus angezogen hat, darf damit rechnen, dass der Herr ihn nicht bloßstellt, sondern formt. So wird die Taufe zum dauernden Zuspruch: Du bist nicht nackt und schutzlos vor Gott und Menschen, sondern umgeben von Christus selbst – und in dieser Bekleidung darf dein Alltag Schritt um Schritt sein Wesen widerspiegeln.
Denn so viele von euch in Christus hineingetauft worden sind, haben Christus angezogen. (Gal. 3:27)
sondern zieht den Herrn Jesus Christus an, und treibt nicht Vorsorge für das Fleisch, daß Begierden wach werden. (Röm. 13:14)
Christus als neues Gewand zu „tragen“ heißt, das eigene Leben nicht länger aus der Summe von Herkunft, Leistung und Versagen zu deuten, sondern aus der geschenkten Identität in Ihm. Die Taufe steht wie ein stiller Eckstein im Hintergrund des Alltags: Sie erinnert daran, dass Gott uns in Christus bekleidet hat. Wer sich daran festhält, findet Freiheit, ehrlich zu sein, ohne in Scham zu versinken, und Mut, in den kleinen Situationen des Tages neu zu sagen: Nicht mein alter Mensch soll auftreten, sondern der, den ich angezogen habe – Christus.
Alle eins in Christus – der eine neue Mensch
Wo die Taufe geschieht, tritt selten nur ein einzelner Mensch in Erscheinung. Sichtbar wird eine Gemeinschaft, zu der er oder sie von Gott her dazugehört. Paulus bringt es auf den Punkt: „Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Gal. 3:28). Die Unterschiede bleiben real – kulturell, sozial, biografisch –, aber sie verlieren ihre trennende Macht. Vor Gott und in Christus ist niemand höher oder geringer gestellt. Die Taufe auf denselben Namen, in denselben Christus, in denselben Geist macht sichtbar, dass es in der Gemeinde nicht verschiedene Klassen von Christen gibt, sondern einen gemeinsamen Boden: Christus selbst.
In Vers 28 fährt Paulus fort: „Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ Hier sehen wir, dass wir in Christus eins sind mit Seinem Auferstehungsleben und Seiner göttlichen Natur, um der eine neue Mensch zu sein, wie in Epheser 2:15 erwähnt. Dieser neue Mensch ist ganz und gar in Christus. Für unser natürliches Sein, unsere natürliche Veranlagung oder unseren natürlichen Charakter ist kein Raum. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft einundzwanzig, S. 181)
Diese Einheit ist kein bloßes Ideal, sondern eine geschaffene Wirklichkeit. Der Epheserbrief beschreibt das Werk Christi so, dass Er „in Seinem Fleisch das Gesetz der Gebote in Verordnungen außer Kraft setzte, damit Er in Sich Selbst die zwei zu einem neuen Menschen schaffe und so Frieden stifte“ (Eph. 2:15). Juden und Heiden, die einander historisch feindlich gegenüberstanden, werden in Christus nicht nur versöhnt, sondern zusammengefügt zu „einem neuen Menschen“. In Kolosser 3:11 wird diese Wirklichkeit weiter entfaltet: „wo es nicht geben kann Grieche und Jude, Beschneidung und Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus ist alles und in allen.“ Der eine neue Mensch ist kein abstraktes Gebilde, sondern die Gesamtheit der Erlösten, in denen Christus wohnt und durch die Er sich ausdrückt. Die Taufe ist das Tor, durch das wir in diese Wirklichkeit eintreten und sie zugleich bekennen.
Dort, wo Christen aus dieser Tauferkenntnis leben, verändern sich Beziehungen. Eigene Vorlieben, kulturelle Prägungen und charakterliche Eigenheiten verlieren das Recht, Maßstab für Gemeinschaft zu sein. Maßgeblich wird, dass derselbe Christus in allen wohnt und dass derselbe Geist alle in einen Leib hineingetauft hat. Das schützt nicht vor Konflikten, aber es verschiebt die Perspektive: Der andere ist nicht Fremder, sondern Glied desselben Leibes; sein Anderssein ist nicht Bedrohung, sondern Möglichkeit, die Fülle Christi reicher zu erfahren. So wird die Gemeinde zu einem lebendigen Zeichen für eine Einheit, die die Grenzen dieser Welt übersteigt. Die Erinnerung an die eigene Taufe kann hier neu ermutigen: Wir sind nicht zufällig nebeneinander gestellt, sondern in Christus miteinander verbunden – und gerade darin liegt ein tiefer Trost und eine große Verheißung.
Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus. (Gal. 3:28)
indem Er in Seinem Fleisch das Gesetz der Gebote in Verordnungen außer Kraft setzte, damit Er in Sich Selbst die zwei zu einem neuen Menschen schaffe und so Frieden stifte (Eph. 2:15-16)
Die Taufe in Christus hinein stellt uns in eine Einheit, die nicht Ergebnis mühsamer Verständigung ist, sondern Frucht des Kreuzes und Wirkung des Geistes. Wer sich dessen bewusst bleibt, wird Beziehungen in der Gemeinde anders wahrnehmen: weniger aus dem Blickwinkel des Trennenden, mehr aus der Gewissheit, dass Christus unser gemeinsamer Boden ist. Daraus erwächst eine stille, aber reale Hoffnung: Trotz aller Verschiedenheit und Unreife formt der Herr aus getauften Menschen einen einen neuen Menschen, in dem Er selbst Gestalt gewinnt – und diese Hoffnung trägt durch manch spannungsgeladene Wegstrecke hindurch.
Herr Jesus Christus, danke, dass Du mich durch Deine Gnade in Dich hineingenommen und mir in der Taufe ein neues Leben geschenkt hast. Du bist mein neues Gewand, meine Gerechtigkeit, meine Hoffnung und meine wahre Identität vor dem Vater. Stärke in mir den Glauben, dass mein altes Leben mit Dir gekreuzigt ist und dass ich in Deiner Auferstehung leben darf. Lass Deine Liebe alle Mauern in meinem Herzen und in Deinen Gemeinden niederreißen, damit Deine Einheit unter Deinen Erlösten sichtbar wird. Erfülle uns neu mit Deinem Geist, damit wir als ein Leib leben, in dem Du alles und in allen bist. Zu Deiner Ehre und zum Zeugnis Deiner Gnade, Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Galatians, Chapter 21