Das Wort des Lebens
lebensstudium

Botschaft 17

12 Min. Lesezeit

Viele Christen verbinden das Evangelium zuerst mit den Evangelien des Neuen Testaments und mit dem Kreuz Jesu. Doch lange bevor Christus in diese Welt kam, hat Gott schon einem Mann eine gewaltige Zusage gegeben, die Paulus ausdrücklich „Evangelium“ nennt. Wer dieser Abraham ist, was Gott ihm versprach und wie diese alte Verheißung heute in unserem Glaubensalltag lebendig wird, entscheidet tiefgehend darüber, wie wir Gott sehen, wie wir Glauben verstehen und woraus wir als Christen tatsächlich leben.

Gottes Wort an Abraham – Verheißung, Bund und Evangelium

Wenn Gott zu Abraham redet, tritt Er nicht nur als der Allmächtige auf, der Befehle gibt, sondern als der Gott, der sich bindet. In 1. Mose 12 steht am Anfang ein schlichtes Wort: „Und Ich werde die segnen, die dich segnen, und wer dich verflucht, den werde Ich verfluchen; und in dir werden alle Familien der Erde gesegnet werden!“ (1. Mose 12:3). Kurz darauf heißt es: „Und Jehovah erschien Abram und sprach: Deinem Samen werde Ich dieses Land geben.“ (1. Mose 12:7). Zwei Fäden werden hier miteinander verflochten: Segen für alle Familien der Erde und das Land für den Samen Abrahams. Zunächst stehen diese Aussprüche wie schimmernde Zusagen am Horizont der Geschichte. Sie sind noch nicht erfüllt, sie warten. Aber gerade weil sie warten, gewinnen sie Kontur: Gott spricht nicht allgemein von Wohlwollen, sondern zeichnet einen Weg, auf dem Er die Völker und die Erde mit Seinem Segen berühren will.

In 1. Mose 12 gibt es zwei Hauptaspekte von Gottes Wort an Abraham: Erstens, dass in ihm alle Nationen gesegnet würden, und zweitens, dass das Land Abrahams Samen gegeben würde. In Christus, Abrahams einzigartigem Samen, sollten die Nationen gesegnet werden. Außerdem sollte diesem einzigartigen Samen das Land gegeben werden. Das war Gottes Wort an Abraham. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft siebzehn, S. 147)

In 1. Mose 15 tritt zu dem gesprochenen Wort die feierliche Selbstverpflichtung Gottes hinzu. Abraham fragt nach der Erfüllung, und Gott lässt die Tiere zerteilen, geht als rauchender Ofen und brennende Fackel durch die Stücke hindurch und schließt so einen Bund. Damit sagt Er: Ich setze mich selbst als Bürge ein, dass mein Wort nicht zurückgenommen wird. „Und er glaubte Jehovah, und Er rechnete es ihm als Gerechtigkeit an.“ (1. Mose 15:6). Die Verheißung wird zur Bundesurkunde, die Gnade bekommt die Form eines rechtlichen Anspruchs, den Gott selbst unterschrieben hat. Paulus erkennt in Galater 3, dass diese Kombination aus Verheißung, Bund und zugesagtem Segen bereits das Evangelium im Keim ist: „Die Schrift aber, voraussehend, daß Gott die Nationen aus Glauben rechtfertigen werde, verkündigte dem Abraham die gute Botschaft voraus: «In dir werden gesegnet werden alle Nationen».“ (Gal. 3:8). Was Abraham hörte, war noch nicht die voll ausgefächerte Botschaft des Kreuzes und der Auferstehung, aber es war der gleiche Herzschlag Gottes, der sich im Evangelium offenbart: Rechtfertigung aus Glauben, Segen für die Nationen, ein von Gott selbst garantierter Weg in die Gemeinschaft mit Ihm.

Im Lauf der Geschichte vertieft Gott diese Zusage. In 1. Mose 17 tritt das Zeichen der Beschneidung hinzu. Der Bund wird in das Fleisch hineingeschrieben, er bekommt ein dauerhaftes Merkmal im Leben Abrahams und seiner Nachkommen. So erzählt die Schrift, wie Gottes Wort immer konkreter wird: vom Versprechen zur Bundesformel, vom gesprochenen Wort zur besiegelten Verpflichtung. Im Hintergrund steht bereits das Ziel, von dem der Epheserbrief spricht: „nach dem ewigen Vorsatz, den Er in Christus Jesus, unserem Herrn, gefasst hat“ (Eph. 3:11). Der Bund mit Abraham ist kein isoliertes Einzelstück, sondern ein Fenster in Gottes ewigen Vorsatz – Er will sich selbst schenken, nicht nur äußere Güter, und Er will es so schenken, dass der Mensch sich auf Seine Treue verlassen kann.

Im Neuen Testament erscheint dieselbe Wirklichkeit in anderer Gestalt. Der Hebräerbrief beschreibt, wie durch den Tod Christi der Bund zur Art eines Testaments wird, dessen Erbfall schon eingetreten ist: Der Testator ist gestorben und auferstanden; das, was er verheißen hat, ist jetzt rechtskräftig ausgeteilt. Christus ist der „Mittler eines neuen Bundes“, damit die Berufenen „die Verheißung des ewigen Erbes empfangen“ (vgl. Heb. 9:15–17). Was Gott Abraham zusagte, trägt nun den Charakter eines vollzogenen Testaments: In Christus ist der Segen für die Nationen verwirklicht, und das gute Land, das Abraham nur als geografische Zusage kannte, ist zum Bild des allumfassenden Christus geworden, der den Glaubenden als ihr zugeloster Anteil gegeben ist. „Indem ihr dem Vater Dank sagt, der euch qualifiziert hat zu einem Anteil am zugelosten Anteil der Heiligen im Licht“ (Kol. 1:12).

Und Ich werde die segnen, die dich segnen, und wer dich verflucht, den werde Ich verfluchen; und in dir werden alle Familien der Erde gesegnet werden! (1. Mose 12:3)

Und Jehovah erschien Abram und sprach: Deinem Samen werde Ich dieses Land geben. (1. Mose 12:7)

Wo Gottes Wort an Abraham als Evangelium verstanden wird, verliert der Glaube seine Ungewissheit. Statt auf eigene Versuche bauen wir auf einen Bund, den Gott selbst in Christus erfüllt hat. Das befreit, macht dankbar und schenkt Mut, das eigene Leben als Teil dieser großen Verheißungsgeschichte zu sehen: Gott ist derselbe, der sprach, der sich band und der heute noch erfüllt.

Segen statt Fluch – in Christus gerechtfertigt und beschenkt

Die Geschichte der Menschheit ist von Anfang an unter das Vorzeichen des Fluches gestellt. In 1. Mose 3.spricht Gott nach dem Fall zu Mann und Frau von Schmerz, Mühsal und Herrschaft: „Verflucht ist der Ackerboden deinetwegen; mit Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens.“ (1. Mose 3:17). Diese Worte sind mehr als eine Beschreibung harter Lebensumstände; sie markieren eine tiefere Entfremdung: der Mensch lebt fortan gegen Widerstand, innerlich zerrissen, äußerlich gezeichnet. Der Fluch meint die gesamte Distanzierung von Gott, die in Schuld, Zerbruch und Tod sichtbar wird. Vor diesem Hintergrund leuchtet umso klarer, was Gott Abraham zusagt: „Und Ich werde die segnen, die dich segnen, und wer dich verflucht, den werde Ich verfluchen; und in dir werden alle Familien der Erde gesegnet werden!“ (1. Mose 12:3). An die Stelle einer ausweglosen Fluchlinie setzt Gott eine Segenslinie, die mitten in die gebrochene Welt hineinreicht.

Durch Adams Fall kam das Menschengeschlecht unter den Fluch. Aber Gott verhieß Abraham, dass in ihm und um seinetwillen die Nationen, die unter den Fluch geraten waren, gesegnet würden. Nach Galater 3:13 ist der Fluch weggenommen worden. Christus hat uns aus dem Fluch des Gesetzes erlöst, damit der Segen Abrahams in Ihm zu den Nationen komme. Christus starb einen stellvertretenden Tod am Kreuz, um uns von dem Fluch zu befreien, der durch Adam hereingekommen war. Jetzt werden in Christus alle Nationen gesegnet. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft siebzehn, S. 151)

Paulus greift diese Linie auf und zeigt ihren inneren Wendepunkt: „Christus hat uns herausgekauft aus dem Fluch des Gesetzes, indem Er ein Fluch für uns geworden ist … damit der Segen Abrahams in Christus Jesus zu den Heiden käme, damit wir die Verheißung des Geistes durch den Glauben empfangen könnten.“ (Gal. 3:13–14). Der Fluch ist nicht nur abstrakt weggenommen; er wurde von Christus persönlich getragen. Der, der ohne Sünde war, stellt sich unter die Folgen unserer Gottferne, damit uns sein Gehorsam zugerechnet wird. So fließt der Segen nicht als bloße Gegenleistung für bessere Moral, sondern als Gabe: Wir werden gerechtfertigt, das heißt, Gott sieht uns in Christus an und spricht Sein Ja über uns aus. In diesem Ja liegt der Übergang von Fluch zu Segen, von Schuld zu Annahme, von Distanz zu Gemeinschaft.

Doch worin besteht dieser Segen konkret? Die Geschichte Israels deutet ihn an, indem Gott dem Samen Abrahams das Land verspricht: „Deinem Samen werde Ich dieses Land geben.“ (1. Mose 12:7). Später wohnen die Kinder Israels in einem guten Land, in dem Milch und Honig fließen, in dem Versorgung, Ruhe und Fruchtbarkeit erfahrbar sind. Der Kolosserbrief überträgt dieses Bild auf Christus: „indem ihr dem Vater Dank sagt, der euch qualifiziert hat zu einem Anteil am zugelosten Anteil der Heiligen im Licht,“ (Kol. 1:12). Das gute Land ist ein Schatten für den allumfassenden Christus, den Gott uns zugeteilt hat. In Ihm ist alles, was ein menschliches Herz im Tiefsten braucht: Gerechtigkeit, Frieden, Freude, Trost, Kraft, Weisheit, Gemeinschaft.

So wird deutlich, dass der Segen Abrahams im Neuen Testament nicht in erster Linie äußeren Wohlstand meint, sondern die innere Beschenkung mit Christus selbst im Heiligen Geist. „Damit der Segen Abrahams in Christus Jesus zu den Heiden käme, damit wir die Verheißung des Geistes durch den Glauben empfangen könnten.“ (Gal. 3:14). Der Geist ist die Weise, in der Christus uns heute geschenkt wird: als die lebendige Gegenwart des Herrn im Herzen, als die stille, aber wirksame Kraft, die tröstet, überführt, erneuert. Wer glaubt, wird aus dem Bereich des Fluches herausgenommen und in den Raum dieses Segens hineingestellt. Es heißt nicht, dass Mühsal verschwindet, aber die Mühsal steht nicht mehr isoliert; sie steht unter einer Zusage, und mitten in ihr wohnt Einer, der stärker ist als Fluch, Sünde und Tod.

Und zu Adam sprach Er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem Ich dir geboten hatte, und sprach: Du darfst nicht davon essen! – Verflucht ist der Ackerboden deinetwegen; mit Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. (1. Mose 3:17)

Und Ich werde die segnen, die dich segnen, und wer dich verflucht, den werde Ich verfluchen; und in dir werden alle Familien der Erde gesegnet werden! (1. Mose 12:3)

Der Wechsel von Fluch zu Segen vollzieht sich nicht in einer idealen Welt, sondern mitten im geprägten Alltag. Wer sich Christus anvertraut, steht unter der Zusage, dass der tiefste Kommentar Gottes zum eigenen Leben nicht mehr Fluch, sondern Segen ist. Diese Gewissheit darf sich leise in Sorgen, Schuldgefühle und Selbstanklage hineinsprechen und sie relativieren, weil ein größerer Name über uns ausgesprochen ist: der Name Jesu, in dem der Segen Abrahams uns bereits erreicht hat.

Glauben heißt leben aus der organischen Einheit mit dem Dreieinen Gott

Abrahams Weg mit Gott ist von einem auffälligen Merkmal geprägt: Er reagiert auf Gottes Reden nicht mit einem Katalog von Leistungen, sondern mit Vertrauen. „Und er glaubte Jehovah, und Er rechnete es ihm als Gerechtigkeit an.“ (1. Mose 15:6). Gerechtigkeit erscheint hier nicht als Lohn für vollbrachte Werke, sondern als Beziehungsgeschenk: Gott rechnet Abrahams Glauben als richtige Stellung vor Ihm an. Paulus nimmt diesen Gedanken auf, wenn er schreibt: „Dass aber durch Gesetz niemand vor Gott gerechtfertigt wird, ist offenbar, denn: «Der Gerechte aber wird aus Glauben leben».“ (Gal. 3:11). Glaube ist mehr als Zustimmung zu einer Lehre; er ist eine Öffnung des Menschen für Gott, eine Bewegung des Herzens, die sich an Gottes Zusage festmacht. In dieser Bewegung beginnt eine neue Art zu leben.

In 1. Mose 12, 15 und 17 hatte Abraham das Hören des Glaubens. Dieses Hören weckte in ihm ein Empfinden der Wertschätzung. Uns wird gesagt, dass Abraham Gott glaubte und dass Gott seinen Glauben als Gerechtigkeit anrechnete (1.Mose 15:6). Die Predigt des Evangeliums wurde von Abraham durch das Hören des Glaubens empfangen. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft siebzehn, S. 150)

Das Neue Testament spricht davon, dass die Glaubenden in den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes hineingetauft werden (Matthäus 28:19). Dieser Name ist nicht bloße Formel; er ist die Gegenwart des Dreieinen Gottes. In Ihn „hinein“ getauft zu werden, bedeutet, in eine organische Einheit mit Ihm hineingenommen zu werden. Jesus beschreibt diese Einheit mit dem Bild des Weinstocks: „Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe nicht von sich selbst aus Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.“ (Johannes 15:4). Die Glaubenden sind wie Reben, die in dem verarbeiteten Dreieinen Gott eingepfropft sind; der allumfassende, lebensspendende Geist ist der in ihnen zirkulierende „Saft“, der das Leben Christi in ihnen wirksam macht.

Wenn Paulus von dem Segen Abrahams spricht, der zu den Heiden kommt, fasst er diesen Segen in einem Wort zusammen: Geist. „Damit der Segen Abrahams in Christus Jesus zu den Heiden käme, damit wir die Verheißung des Geistes durch den Glauben empfangen könnten.“ (Gal. 3:14). Der Geist ist nicht eine unbestimmte Energie, sondern die Weise, in der der Dreieine Gott sich selbst mitteilt. Er wohnt im Geist der Glaubenden, verbindet sie innerlich mit Christus, macht seine Gedanken, seine Liebe, seine Kraft in ihnen wirksam. So wird der allumfassende Christus für sie zu einem inneren „guten Land“: ein Raum, in dem sie Nahrung, Ruhe, Schutz und Ausrichtung finden, nicht äußerlich, sondern im tiefen Kern ihres Lebens.

Aus dieser organischen Einheit entsteht ein neuer Lebensstil. „Der Gerechte aber wird aus Glauben leben“ (Gal. 3:11) – das bedeutet: Er lebt aus der ständigen Bezugnahme auf den inwohnenden Christus. Entscheidungen, Kämpfe, Freuden werden nicht mehr isoliert bewältigt, sondern in der stillen Gemeinschaft mit dem Herrn getragen. Das schließt menschliche Verantwortung nicht aus, aber es verändert ihren Ton: Weniger Selbstbehauptung, mehr Hören; weniger Aktionismus, mehr inneres Vertrauen. Der Geist wirkt als innerer Lehrer, als Tröster und als Kraft, die auch dort noch Hoffnung gewährt, wo das Sichtbare gegen sie zu sprechen scheint.

Und er glaubte Jehovah, und Er rechnete es ihm als Gerechtigkeit an. (1. Mose 15:6)

Dass aber durch Gesetz niemand vor Gott gerechtfertigt wird, ist offenbar, denn: «Der Gerechte aber wird aus Glauben leben». (Gal. 3:11)

Glauben bedeutet in diesem Licht, sich dem inwohnenden Geist immer wieder zu öffnen und den Alltag nicht mehr als Soloprojekt zu verstehen. Wer sich daran erinnert, dass der Dreieine Gott als allumfassender Geist im eigenen Innern wohnt, darf seine Begrenzungen ehrlicher sehen und zugleich hoffnungsvoller leben. Die organische Einheit mit Gott bleibt nicht Theorie, sondern wird zur leisen, tragenden Wirklichkeit, aus der Vertrauen, Gelassenheit und eine neue Art des Gehorsams wachsen.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Galatians, Chapter 17

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