Botschaft 12
Manche Christen leben innerlich, als hinge alles noch davon ab, ob sie Gottes Maßstäbe gut genug erfüllen. Äußerlich ist von Gnade die Rede, aber im Herzen steht oft das eigene religiöse Leistungsdenken im Mittelpunkt. Der Galaterbrief zeichnet dagegen ein anderes Bild: Vor den Augen der Gemeinde steht der gekreuzigte Christus – nicht als Randthema, sondern als Herzstück von Gottes Handeln. Wer dieses Bild aus den Augen verliert, gerät leicht in geistliche Verwirrung. Wer es neu erfasst, entdeckt eine tiefe Freiheit, die kein eigenes Bemühen hervorbringen kann.
Der gekreuzigte Christus als Zentrum von Gottes Heilsplan
Wenn Paulus an die Galater schreibt, ist er erschüttert darüber, wie schnell sich ihr Blick vom gekreuzigten Christus löst und wieder auf das eigene Tun zurückfällt. Er erinnert sie daran, dass Jesus Christus ihnen „als gekreuzigt vor Augen gemalt“ wurde, nicht als Gesetzeslehrer, der ihre Anstrengungen krönt, sondern als der, der alles getragen und vollbracht hat: „Ich mache die Gnade Gottes nicht ungültig; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz ist, dann ist Christus umsonst gestorben“ (Galater 2:21). Hinter diesem Satz steht eine einfache, aber radikale Einsicht: Entweder trägt das Kreuz das ganze Gewicht unserer Beziehung zu Gott – oder es trägt gar nichts. Wo der Mensch meint, durch das Einhalten von Geboten könne er eine eigene Gerechtigkeit aufbauen, erklärt er den Tod des Sohnes Gottes im Grunde für überflüssig.
Wenn Gott wollte, dass wir das Gesetz einhalten, und wenn wir dazu in der Lage wären, dann wäre es nicht nötig gewesen, dass Christus gekreuzigt wurde. Deshalb sagt Paulus in 2:21: „Wenn Gerechtigkeit durch Gesetz ist, dann ist Christus umsonst gestorben.“ Galater 3:1 knüpft direkt an 2:21 an. Christus ist gewiss nicht ohne Grund gekreuzigt worden. Im Gegenteil, Er wurde aus einem äußerst gewichtigen Grund gekreuzigt. Tatsächlich ist das Kreuz das Zentrum von Gottes Wirken in Seiner Ökonomie, so wie Christus Selbst das Zentrum von Gottes Ökonomie ist. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft zwölf, S. 103)
Gottes Heilsplan ist darum um das Kreuz gruppiert wie ein Universum um sein Zentrum. Am Kreuz erfüllt Christus das Gesetz, nicht indem er es relativiert, sondern indem er die ganze Forderung der göttlichen Heiligkeit auf sich nimmt. Sünde, Schuld, Fluch – alles, was uns von Gott trennt, trifft ihn. So entsteht eine neue Grundlage der Gemeinschaft mit Gott, die nicht mehr auf dem wechselhaften Niveau menschlicher Leistung ruht, sondern auf der unverrückbaren Tat Gottes in Christus. Galater 3:1. erinnert daran, wie dieses Zentrum sichtbar wird: „O UNVERSTÄNDIGE Galater! Wer hat euch bezaubert, denen Jesus Christus als gekreuzigt vor Augen gemalt wurde?“ Wo Christus als der Gekreuzigte vor die inneren Augen gestellt wird, ordnet sich alles neu: Wir rücken aus dem Mittelpunkt heraus, Gnade tritt an die Stelle des Leistungsdenkens, und das Evangelium wird wieder zur Kraft Gottes. In diesem Licht darf das Herz ruhig werden: Vor Gott zählt nicht, was ich ihm mühselig vorweise, sondern was er am Kreuz ein für alle Mal getan hat – und aus dieser Ruhe wächst ein neues, liebendes und gehorsames Leben, das nicht sich selbst beweisen muss, sondern aus Dankbarkeit antwortet.
Ich mache die Gnade Gottes nicht ungültig; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz ist, dann ist Christus umsonst gestorben. (Gal. 2:21)
O UNVERSTÄNDIGE Galater! Wer hat euch bezaubert, denen Jesus Christus als gekreuzigt vor Augen gemalt wurde? (Gal. 3:1)
Die Kreuzigung Christi als Mittelpunkt von Gottes Handeln zu erkennen, entlastet tief: Der eigene Gehorsam verliert seinen Charakter als Währung vor Gott und wird zur Antwort der Liebe. Wer innerlich vom gekreuzigten Christus her denkt, fällt nicht mehr so leicht in Schuldgefühle oder frommen Stolz, sondern lebt aus einer ständig geöffneten Quelle der Gnade. So entsteht Raum für echte Veränderung – nicht als krampfhafter Versuch, das Gesetz zu erfüllen, sondern als Frucht einer Beziehung, die auf dem Kreuz gegründet ist.
Befreit von Sünde, Fluch und dem gegenwärtigen bösen Zeitalter
Das Kreuz steht nicht nur im Raum der Dogmatik, es greift tief in unsere Zugehörigkeiten ein. Paulus fasst das knapp zusammen: Christus „hat Sich Selbst für unsere Sünden hingegeben, damit Er uns herausrette aus dem gegenwärtigen bösen Zeitalter nach dem Willen unseres Gottes und Vaters“ (Galater 1:4). Sünde ist hier nicht bloß eine Summe einzelner Verfehlungen; sie ist verknüpft mit einem „Zeitalter“, mit einer Ordnung von Denken, Begehren und Macht, die sich von Gott gelöst hat. Das Gesetz kann zeigen, was verkehrt ist, aber es kann dieses Geflecht nicht sprengen. Im Gegenteil: wo der Mensch sich auf das Gesetz stützt, ohne Christus, bleibt er in der gleichen alten Welt und unter derselben inneren Macht.
In 1:4 sagt Paulus, dass Christus „Sich Selbst für unsere Sünden gegeben hat, damit Er uns herausnehme aus dem gegenwärtigen bösen Zeitalter, nach dem Willen unseres Gottes und Vaters“. Hier sehen wir, dass Christus in Seiner Kreuzigung Sich Selbst für unsere Sünden gegeben hat. Wie töricht waren die Galater, und wie starrsinnig und rebellisch waren die Judaisierer! Indem sie zum Gesetz zurückkehrten, hatten sie überhaupt keinen Weg, mit ihren Sünden fertigzuwerden. In diesem Buch scheint Paulus zu sagen: „Ihr habt viele Sünden begangen. Was wollt ihr mit ihnen tun? Abgesehen vom Tod Christi am Kreuz gibt es keinen Weg, von euren Sünden erlöst zu werden.“ (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft zwölf, S. 105)
In die Tiefe dieser Verstrickung hinein geschieht am Kreuz ein doppeltes Wunder. Christus trägt unsere Sünden, und er nimmt zugleich den Fluch auf sich, der auf der Übertretung des Gesetzes liegt: „Christus hat uns aus dem Fluch des Gesetzes freigekauft, indem Er für uns zu einem Fluch geworden ist“ (Galater 3:13). Damit löst Gott die Verbindung zu Adam, zu einem Leben unter der Herrschaft von Sünde, Fluch und Welt. Befreiung bedeutet hier nicht, aus der Alltagswelt zu fliehen, sondern einer anderen Realität anzugehören. Der innere Maßstab verschiebt sich: Nicht mehr die Frage, wie man sich im System behauptet, sondern die stille Gewissheit, dass man Christus gehört, der den höchsten Preis bezahlt hat. In dieser Zugehörigkeit wächst – oft unscheinbar, aber beständig – eine Distanz zu den Mustern der Sünde und zu einer religiösen Haltung, die sich selbst erlösen will. Wer so auf das Kreuz schaut, wird nicht unempfindlich gegenüber der Welt, aber innerlich frei von ihrer letztgültigen Macht, und gerade darin erhält der Alltag eine neue Würde: Er wird zum Ort, an dem die Befreiung durch Christus konkret erfahrbar wird.
der Sich Selbst für unsere Sünden hingegeben hat, damit Er uns herausrette aus dem gegenwärtigen bösen Zeitalter nach dem Willen unseres Gottes und Vaters, (Gal. 1:4)
Christus hat uns aus dem Fluch des Gesetzes freigekauft, indem Er für uns zu einem Fluch geworden ist; denn es steht geschrieben: „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt“; (Gal. 3:13)
Dass der gekreuzigte Christus uns aus Sünde, Fluch und dem gegenwärtigen bösen Zeitalter herauslöst, schenkt eine neue innere Freiheit. Die eigene Vergangenheit, mit ihren Verfehlungen und gebrochenen Versprechen, verliert das letzte Wort, weil der Fluch am Kreuz aufgehoben ist. Zugleich relativiert sich der Druck eines Umfeldes, das ständig Leistung, Erfolg oder religiöse Perfektion fordert: Die entscheidende Zugehörigkeit liegt nicht mehr dort, sondern bei Christus. Aus dieser Zugehörigkeit erwächst eine leise, aber tragfähige Kraft, „Nein“ zu sagen, wo das alte Zeitalter lockt, und „Ja“ zu sagen zu Wegen, in denen die Gnade Gottes sichtbar wird.
Christus lebt in uns: ein neues, gekreuzigtes und auferstandenes Leben
Die Kreuzigung Christi bleibt nicht äußerlich neben uns stehen; sie greift bis ins Innerste, weil der Gekreuzigte als der Auferstandene Wohnung nimmt in den Seinen. Paulus formuliert das in einer Dichte, die kaum zu überbieten ist: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; und das Leben, das ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben, in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und Sich Selbst für mich hingegeben hat“ (Galater 2:20). Am Kreuz wurde nicht nur für uns etwas getan, sondern auch mit uns: Der alte Mensch, der ohne Gott leben wollte, wurde mitgekreuzigt. Das bedeutet nicht, dass unsere Persönlichkeit ausgelöscht wird, sondern dass die alte Eigenherrschaft ihr Recht verliert und ein neuer innerer Mittelpunkt entsteht – Christus selbst.
Positiv gesehen teilt der gekreuzigte Christus uns das göttliche Leben mit, damit Er in der Auferstehung in uns leben kann, um uns von der Knechtschaft unter dem Gesetz zu befreien (2:20). Durch Seinen Tod am Kreuz setzte Christus Sein göttliches Leben frei und teilte uns das göttliche Leben mit. Dadurch wird es Ihm möglich, in der Auferstehung in uns zu leben. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft zwölf, S. 106)
Aus dieser Einheit mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn erwächst ein neues Leben, das nicht mehr vom Fleisch, sondern vom Geist her bestimmt ist. Paulus beschreibt die, „die des Christus Jesus sind“, so: „Die aber des Christus Jesus sind, haben das Fleisch samt seinen Leidenschaften und Begierden gekreuzigt“ (Galater 5:24). Niemand kann sich selbst ans Kreuz schlagen; aber wer im Glauben mit Christus verbunden ist, darf wissen, dass die bestimmende Macht des Fleisches am Kreuz verurteilt wurde. Dieses Wissen bleibt jedoch nicht theoretisch. Der in uns lebende Christus teilt uns sein Auferstehungsleben mit – ein Leben, das den Weg durch Leid, Versuchung und Tod kennt und deshalb in unseren Schwächen tragfähig ist. So beginnt ein stiller Wandel: alte Reaktionsmuster verlieren an Kraft, neue Regungen – Geduld, Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit – gewinnen Raum. Nicht weil wir uns zusammenreißen, sondern weil ein Anderer in uns lebt und wirkt. In dieser Erfahrung liegt eine tiefe Ermutigung: Unser christliches Leben ruht nicht auf der Stabilität unserer Entschlüsse, sondern auf der Beständigkeit des Lebens Christi in uns, das uns immer wieder zu sich zurückzieht und uns befähigt, dort „Gott zu leben“, wo wir früher nur uns selbst gelebt haben.
Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; und das Leben, das ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben, in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und Sich Selbst für mich hingegeben hat. (Gal. 2:20)
Die aber des Christus Jesus sind, haben das Fleisch samt seinen Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. (Gal. 5:24)
Dass Christus als der Gekreuzigte und Auferstandene in uns lebt, macht das Glaubensleben von einer Last zur Möglichkeit. Der Blick löst sich vom ständigen Kreisen um das eigene Versagen und richtet sich auf den, der in uns wirkt. So wird der Alltag – mit seinen Spannungen, Versuchungen und Freuden – zum Raum der Gemeinschaft mit Christus: Wir bleiben nicht mit uns selbst beschäftigt, sondern lernen, aus seinem in uns wohnenden Leben zu leben. Darin liegt eine stille, aber tiefe Hoffnung: Kein Zustand, keine Prägung und keine Schwäche ist stärker als das Auferstehungsleben, das in uns wohnt.
Herr Jesus Christus, du gekreuzigter und auferstandener Herr, danke, dass du für unsere Sünden, unter unserem Fluch und an unserer Stelle am Kreuz standest. Danke, dass du uns aus dem gegenwärtigen bösen Zeitalter herausgerettet und uns in deine Freiheit und Gnade hineingestellt hast. Öffne unsere Augen neu für das, was dein Kreuz für uns bedeutet, damit unser Herz nicht mehr um unsere eigene Leistung kreist, sondern um dich allein. Lass dein Auferstehungsleben in uns mächtig werden, wo wir uns schwach, gebunden oder schuldig fühlen, und erfülle uns mit der Gewissheit, dass du in uns lebst und uns nicht mehr loslässt. Richte unser Vertrauen tiefer auf dich und bewahre uns nahe am Kreuz, wo wir deine Liebe, deine Gerechtigkeit und deinen Frieden finden. In deiner Gnade bergen wir uns, bis wir dich von Angesicht zu Angesicht sehen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Galatians, Chapter 12