Botschaft 5
Viele Christen bewundern Paulus als unerreichbares Vorbild und fühlen sich selbst eher unbedeutend und wirkungslos. Doch der Weg, den Gott mit Paulus gegangen ist, war nicht als Ausnahme gedacht, sondern als Muster dafür, wie Er Menschen auswählt, verändert und als Zeugen aussendet. Wer genauer hinschaut, entdeckt in Paulus’ Geschichte eine Linie vom verborgenen Handeln Gottes im Hintergrund bis hin zu einem Leben, das Christus sichtbar macht – und diese Linie reicht bis in unser eigenes Leben hinein.
Von Ewigkeit her erwählt und in der Zeit ausgesondert
Wenn Paulus sagt: „Als es aber Gott, der mich von meiner Mutter Leib an ausgesondert und durch Seine Gnade berufen hat, wohlgefiel“ (Gal. 1:15), öffnet sich ein weiter Horizont. Sein Dienst beginnt nicht erst an der Straße nach Damaskus, sondern in Gottes Herz. Noch bevor sein Name bekannt war, bevor Charakterzüge sichtbar wurden, hatte Gott ihn bereits ausgesondert. Diese Aussonderung in der Zeit ruht auf einer noch tieferen Wirklichkeit: „so wie Er uns in Ihm vor Grundlegung der Welt auserwählt hat, damit wir heilig und makellos seien vor Ihm in Liebe“ (Eph. 1:4). Ewige Auswahl und zeitliche Aussonderung gehören zusammen wie Quelle und Fluss. Was vor Grundlegung der Welt beschlossen wurde, greift in die Geschichte ein – in eine konkrete Schwangerschaft, eine bestimmte Familie, eine bestimmte Stadt, in Sprache, Mentalität und Möglichkeiten.
Wir sind vor Grundlegung der Welt auserwählt worden (Eph. 1:4). Gewiss ist es entscheidender, vor Grundlegung der Welt auserwählt zu sein, als vom Mutterleib an abgesondert zu werden. Da du vor Grundlegung der Welt auserwählt worden bist, glaubst du nicht auch, dass du vom Mutterleib an abgesondert worden bist? Gewiss bist du es. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft fünf, S. 43)
So wird deutlich: Paulus’ Herkunft aus Tarsus, seine jüdische Prägung und seine Ausbildung bei Gamaliel waren nicht eine Aneinanderreihung religiöser Zufälle. Gott benutzte sogar die Umwege eines eifrigen Gesetzesgelehrten, um ein Gefäß für die Offenbarung der Gnade zu formen. Dasselbe gilt auch für das Leben heutiger Glaubender, wenn auch auf andere Weise. Geburt in eine bestimmte Generation, die Atmosphäre der Kindheit, die prägenden Begegnungen – vieles davon bleibt undurchsichtig und schmerzhaft gemischt. Aber im Licht von Epheser 1.und Galater 1.verliert das Leben den Charakter blinder Zufälligkeit. Wer mit dieser Sicht auf den eigenen Weg schaut, erlebt eine stille Befreiung: Vergleich mit anderen verliert seine Macht, Minderwertigkeit muss nicht das letzte Wort behalten. Der Gedanke gewinnt Raum, dass Gott bewusst in diese konkrete Zeit und Umgebung hinein gesandt hat, damit durch ganz bestimmte Erfahrungen Christus bekannt wird. In dieser Gewissheit darf auch eine gebrochene Geschichte zu einem Ort der Hoffnung werden, an dem Gottes Vorsatz leise, aber zielstrebig vorangeht.
Als es aber Gott, der mich von meiner Mutter Leib an ausgesondert und durch Seine Gnade berufen hat, wohlgefiel, (Gal. 1:15)
so wie Er uns in Ihm vor Grundlegung der Welt auserwählt hat, damit wir heilig und makellos seien vor Ihm in Liebe, (Eph. 1:4)
Die Einsicht, vor Grundlegung der Welt auserwählt und in der Zeit ausgesondert zu sein, lädt ein, das eigene Leben nicht länger als zufällige Aneinanderreihung von Erfolgen und Enttäuschungen zu betrachten. Wer sich von Gottes ewiger Absicht her versteht, kann sowohl dankbare Erinnerungen als auch schmerzhafte Kapitel der Vergangenheit in ein größeres Bild einordnen. So erwächst eine stille Würde: Der Platz, an den Gott gestellt hat, darf mit der Erwartung angesehen werden, dass gerade dort etwas von Christus sichtbar werden soll. Diese Sicht nimmt den Druck, sich dauernd mit anderen messen zu müssen, und öffnet den Raum, die eigenen Gaben, Grenzen und Wege als Teil eines weisen, liebevollen Vorsatzes Gottes zu begreifen.
Der Sohn Gottes in uns offenbart – das innere Zentrum des Dienstes
Auf die Erwähnung seiner Aussonderung folgt bei Paulus unmittelbar der innere Kern seines Dienstes: Gott hatte Wohlgefallen daran, „Seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich Ihn als das Evangelium unter den Heiden verkünde“ (Gal. 1:16). Erwählung und Berufung zeichnen den Rahmen, aber die Offenbarung des Sohnes Gottes in der Person ist der Moment, in dem Gottes eigenes Leben zur inneren Wirklichkeit wird. Nicht neue religiöse Kenntnisse wurden Paulus hinzugefügt, sondern eine Person. Darum beschreibt Johannes: „Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht“ (1.Joh. 5:12). Leben ist hier nicht zuerst Dauer, sondern Qualität: Gottes eigenes Sein wird dem Menschen hinzugefügt und wird zur Quelle seines Denkens, Wollens und Handelns.
Da Paulus ein Vorbild der Gläubigen ist und der Sohn Gottes in ihm geoffenbart wurde, sollten auch wir Christus in uns geoffenbart haben. Wenn der Sohn Gottes in uns geoffenbart wird, wird uns etwas Göttliches hinzugefügt. Auserwählung und Berufung bewirken nicht, dass etwas in uns hineingelegt wird. Aber die Offenbarung des Sohnes Gottes in uns bewirkt, dass der Göttlichkeit etwas zu unserer Menschlichkeit hinzugefügt wird. Gott selbst wird in unser Sein hineingelegt, um unser Leben zu werden. Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht (1.Joh. 5:12). Daher bedeutet es, den Sohn Gottes in uns geoffenbart zu haben, dass Gott uns hinzugefügt wird, um unser Leben zu werden. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft fünf, S. 45)
Weil Christus auf diese Weise zum inneren Zentrum geworden war, löste sich Paulus von dem Bedürfnis, seinen Auftrag durch menschliche Autorität abzusichern. „Bereitete ich mich nicht sogleich mit Fleisch und Blut“ (Gal. 1:16) – er suchte nicht zuerst Bestätigung, sondern Raum, um das, was in ihm geschehen war, vor Gott zu bewegen. Die Zeit in Arabien wurde so zu einer verborgenen Schule, in der der auferstandene Christus ihn durch das bereits gegebene Schriftzeugnis belehrte. Daraus erwächst ein Maßstab für jeden Dienst: Nicht äußere Qualifikationen, eindrucksvolle Biographien oder religiöse Traditionen geben das Gewicht, sondern die Echtheit des inneren Sehens Christi. Wo der Sohn Gottes wirklich in einem Menschen offenbar wird, dort verliert Dienst den Charakter einer bloßen Aufgabe und wird zum Ausdruck einer Person. Das schenkt Ruhe inmitten von Anforderungen und frische Motivation in müden Phasen, denn es geht nicht um das Vorzeigen eigener Stärke, sondern darum, dass der Sohn Gottes in einer menschlichen Geschichte sichtbar werden darf.
Seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich Ihn als das Evangelium unter den Heiden verkünde, bereit ich mich nicht sogleich mit Fleisch und Blut, (Gal. 1:16)
Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht. (1.Joh. 5:12)
Die Erkenntnis, dass Gottes Dienst aus der Offenbarung des Sohnes in uns erwächst, lenkt den Blick von äußeren Maßstäben weg. Es entsteht Raum, innerlich vor Gottes Angesicht zu verweilen, anstatt sich durch Erwartungen zu treiben. Wer lernt, sein Tun von der Gegenwart Christi in sich her zu verstehen, entdeckt in unscheinbaren Situationen eine neue Tiefe: Ein Gespräch, eine kleine Treue, ein verborgenes Gebet werden zu Orten, an denen Gottes Leben Gestalt gewinnt. So wächst die Gelassenheit, nicht alles beweisen zu müssen, und zugleich der stille Mut, dort zu stehen, wo der Herr einen hingestellt hat – im Vertrauen darauf, dass Er selbst der Inhalt und die Kraft jedes echten Dienstes ist.
Gesendet im Leib – persönlich berufen, gemeinschaftlich geprüft
Paulus ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie persönliche Führung und die Wirklichkeit des Leibes Christi zusammengehören. Nachdem der Sohn Gottes in ihm offenbart worden war, „ging ich auch nicht nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern ich ging sogleich fort nach Arabien und kehrte wieder nach Damaskus zurück“ (Gal. 1:17). Seine Berufung war so unmittelbar von Gott, dass er sie nicht durch rasche Rückversicherung bei anerkannten Autoritäten absichern musste. Dennoch blieb dies kein Dauerzustand. „Darauf, nach drei Jahren, ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennenzulernen und blieb fünfzehn Tage bei ihm“ (Gal. 1:18). Zwischen Damaskus und Jerusalem liegt eine Zeit, in der persönliche Offenbarung innerlich verankert wurde, bevor sie in die weitere Gemeinschaft des Leibes eingebunden wurde.
Obwohl Paulus nicht mit Fleisch und Blut zu Rate ging, ging er zu einer bestimmten Zeit doch nach Jerusalem hinauf. Mit Fleisch und Blut zu Rate zu gehen, ist verkehrt. Sich jedoch von anderen Gliedern des Leibes Christi zu isolieren, ist ebenfalls verkehrt. Nachdem wir Offenbarung empfangen haben, müssen wir zur rechten Zeit diejenigen Glieder am Leib des Herrn aufsuchen, die den Herrn vor uns kennengelernt haben. Wir brauchen diese Art von Gemeinschaft. (Witness Lee, Life-Study of Galatians, Botschaft fünf, S. 47)
Auch in den folgenden Jahren blieb Paulus nicht ein unabhängiger Einzelgänger. „Darauf kam ich in die Gegenden von Syrien und Cilicien. Ich war aber den Gemeinden in Judäa, die in Christus sind, von Angesicht unbekannt. Sie hatten aber nur gehört: Der, der uns einst verfolgte, verkündigt jetzt den Glauben, den er einst zu vernichten suchte; und sie verherrlichten Gott um meinetwillen“ (Gal. 1:21–24). Sein Dienst wurde von Gemeinden wahrgenommen, die ihn persönlich kaum kannten, und gerade so wurde Gott verherrlicht. Das Bild ist ausgewogen: Paulus empfängt nicht seine Autorität von Menschen, aber sein Weg bleibt prüfbar, einsehbar, in Gemeinschaft. Persönliche Führung durch den Herrn schließt die Ergänzung durch andere Glieder nicht aus, sondern setzt sie voraus. Daraus erwächst ein geistliches Klima, in dem Christus nicht durch isolierte Einzelstimmen, sondern durch ein vielstimmiges Miteinander sichtbar wird – und gerade darin liegt Trost: Niemand muss alles alleine tragen; jedes Maß bekommt Gewicht, weil es in den größeren Zusammenhang des Leibes eingefügt ist.
Ich ging auch nicht nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern ich ging sogleich fort nach Arabien und kehrte wieder nach Damaskus zurück. (Gal. 1:17)
Darauf, nach drei Jahren, ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennenzulernen und blieb fünfzehn Tage bei ihm. (Gal. 1:18)
Wenn persönliche Führung und gemeinschaftliche Einbettung zusammengehören, verliert geistliches Leben seinen gegeneinander gerichteten Zug: Weder wird Gemeinschaft zur erdrückenden Instanz, die jede innere Überzeugung verdächtigt, noch wird persönliche Führung zur Ausrede für Unverbindlichkeit. Wer so lebt, kann seinen Weg vor Gott verantworten und zugleich dankbar die Korrektur, Ergänzung und Bestätigung durch andere Glieder annehmen. Daraus entsteht eine stille Sicherheit: Es geht nicht um solistische Hervorhebung, sondern darum, dass der Herr durch das ganze Gefüge Seines Leibes handelt. In dieser Gewissheit darf jeder Dienst, ob sichtbar oder verborgen, einen Platz gewinnen, an dem Gott verherrlicht wird – so wie die Gemeinden in Judäa Gott um des einstigen Verfolgers willen priesen.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Galatians, Chapter 5