Das Wesen des Dienstes des neuen Bundes (2)
Viele Gläubige sprechen von unterschiedlichen Diensten und geistlichen Schwerpunkten, und nicht selten stehen diese nebeneinander oder sogar gegeneinander. Blickt man aber in das Neue Testament, entsteht der Eindruck einer durchgehenden Linie: Gott verfolgt eine einzige, klare Absicht und bedient sich dafür eines einheitlichen Dienstes. Die Frage ist daher nicht zuerst, welche besondere Aufgabe jemand hat, sondern was das innere Wesen dieses Dienstes ist, den Gott heute durch sein Volk ausübt.
Der eine Dienst inmitten vieler Dienste
Wenn Paulus in seinem zweiten Brief an die Korinther schreibt: „Deswegen, weil wir diesen Dienst haben, wie uns Barmherzigkeit erwiesen worden ist, verlieren wir nicht den Mut“ (2.Kor 4:1), fällt der Wechsel zwischen „wir“ und „diesen Dienst“ ins Auge. Viele Diener, ein Dienst. Hinter all den unterschiedlichen Gesichtern, Temperamenten und Aufgaben sieht Paulus eine einzige göttliche Operation: Gott setzt seinen neuen Bund um, indem er Christus als Leben in Menschen hineinträgt. Ob Petrus in Jerusalem predigt, Johannes in Ephesus schreibt oder Paulus auf seinen Reisen leidet – sie dienen alle derselben Bewegung Gottes, derselben inneren Wirklichkeit. Der Dienst ist einzigartig, weil sein Inhalt einzigartig ist: Christus selbst als Mittelpunkt der heilsgeschichtlichen Handlung Gottes.
Nach 2. Korinther gibt es nur einen Dienst, den einzigartigen Dienst. In 4:1 sagt Paulus: „Darum, da wir diesen Dienst haben, so wie wir Barmherzigkeit empfangen haben, werden wir nicht mutlos.“ Einerseits sagt Paulus hier „wir“, andererseits spricht er von „diesem Dienst“ und nicht von „diesen Diensten“. Nach diesem Vers gibt es also viele, die den einen Dienst haben. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft sechsundzwanzig, S. 233)
Dass das Neue Testament zugleich von „Diensten“ im Plural spricht, relativiert diese Einzigartigkeit nicht, sondern entfaltet sie. Lehrdienst, Evangelisation, Hirtendienst, Verwaltung, praktische Hilfe – das sind unterschiedliche Formen, in denen derselbe neue Bundesdienst Gestalt annimmt. Wie die verschiedenen Äste eines Baumes ein und denselben Saft weitergeben, so sind die vielen Dienste nur Ausdrucksformen des einen Dienstes, der aus dem verarbeiteten Dreieinen Gott als Geist gespeist wird. Problematisch wird es dort, wo Dienste beginnen, eigene Zentren zu bilden: wenn Programme und Profile wichtiger werden als die Frage, ob tatsächlich Christus in Gottes auserwählte Menschen hineingedient wird. Dann lösen sich Dienste von der einen göttlichen Operation und verlieren unmerklich die innere Einheit. Ermutigend ist: überall, wo Menschen in Einfachheit Christus mitteilen, seinen Leib aufbauen und sich von ihm als Inhalt bestimmen lassen, sind sie – jenseits aller Namen und Formen – in diesen einen Dienst hineingenommen. Das schenkt Ruhe und zugleich Mut, den eigenen Platz treu einzunehmen, ohne sich vergleichen zu müssen: Der Wert eines Dienstes liegt nicht in seiner Größe, sondern darin, wie viel von Christus er trägt und weitergibt.
Deswegen, weil wir diesen Dienst haben, wie uns Barmherzigkeit erwiesen worden ist, verlieren wir nicht den Mut; (2.Kor 4:1)
Wer den einen Dienst im Hintergrund aller vielfältigen Aufgaben erkennt, wird frei von Konkurrenz und konfessioneller Enge. Es entsteht ein weiter Blick: Überall, wo Christus selbst vermittelt und der Leib aufgebaut wird, arbeitet Gott an derselben Sache. Das gibt innerliche Entlastung – nicht jede Besonderheit muss verteidigt, nicht jede Differenz bekämpft werden. Zugleich schärft es den Maßstab für das eigene Tun: Inhalt und Richtung eines Dienstes werden daran gemessen, ob Christus in Menschen hineingetragen wird. In dieser Sicht darf jede noch so unscheinbare Aufgabe kostbar werden, weil sie – wenn sie Christus trägt – Ausdruck des einen, einzigartigen Dienstes des neuen Bundes ist.
Ein Dienst des Einschreibens statt bloßer Belehrung
Der Dienst des neuen Bundes erschöpft sich nicht im Weitergeben von Informationen. Paulus beschreibt die Gläubigen als „Brief Christi“, „hineingeschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht in steinerne Tafeln, sondern in Tafeln fleischerner Herzen“ (2.Kor 3:3). Das Bild ist eindrücklich: Es gibt einen Schreibenden (Christus), eine „Tinte“ (den Geist des lebendigen Gottes) und ein Material (unsere Herzen). Reines Lehren bewegt sich hauptsächlich im Bereich des Verstandes; es ordnet, erklärt, argumentiert. Einschreibender Dienst dagegen geschieht dort, wo der Geist selbst im Dienst gegenwärtig ist und Christus als lebendige Wirklichkeit in das Innere von Menschen einsenkt.
Unser Dienst in den örtlichen Gemeinden muss ein Dienst des Einschreibens sein. Er sollte nicht nur Lehre sein. Wenn wir andere lediglich lehren, wird die göttliche Essenz nicht in sie eingeschrieben. Lehren erfordert keine Essenz; Einschreiben hingegen erfordert eine Essenz, so wie das Schreiben mit einem Stift Tinte erfordert. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft sechsundzwanzig, S. 236)
Solange Worte nur an der Oberfläche bleiben, können sie sogar beeindrucken, ohne zu verwandeln. Einschreiben bedeutet, dass die göttliche Essenz – Christus als Leben im Geist – tatsächlich in das Wesen eines Menschen aufgenommen wird. Dann wird Wahrheit nicht nur verstanden, sondern sie wird Teil der inneren Konstitution. So entsteht geistliche Einheit: Alle, in die derselbe Christus eingeschrieben wird, tragen in der Tiefe dieselbe Essenz, auch wenn ihre Einsichten und Ausdrucksformen sich unterscheiden. Wo hingegen Botschaften andere Essenzen einprägen – Traditionen, menschliche Systeme, bestimmte Frömmigkeitsstile –, entstehen verschiedene „Tinten“ und damit verschiedene Prägungen. Der Dienst des neuen Bundes richtet sich daher nicht zuerst auf die Perfektion von Lehrformen, sondern darauf, dass Christus selbst durch den Geist in die „Tafeln fleischerner Herzen“ geschrieben wird. Das schenkt Hoffnung für jedes Wort, das im Geist gesprochen wird: Es kann Spuren hinterlassen, die tiefer reichen als alle Argumente – Spuren, an denen Christus selbst erkennbar wird.
application_de”: “Wer seinen Dienst als Einschreiben versteht, wird umsichtiger und zugleich freier sprechen. Umsichtiger, weil nicht jede menschliche Meinung als göttliche Tinte auf Herzen landen sollte; freier, weil die Wirksamkeit nicht von rhetorischer Perfektion abhängt, sondern vom Geist, der in und durch schwache Worte wirkt. Ermutigend ist: Selbst unscheinbare, einfach gesprochene Sätze können – wenn sie Christus tragen – zu Zeilen in einem Brief Christi werden. Der Blick verschiebt sich von der eigenen Leistung hin zu der Frage, welche Essenz durch das eigene Reden vermittelt wird. So wächst leise ein Dienst heran, der nicht nur informiert, sondern verwandelt.
Relevante Schriftstellen: 2.Cor. 3:3, 2.Cor. 3:7-9, 2.Cor. 3:18, Heb. 8:10.
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Der verarbeitete Dreieine Gott als Geist und Gerechtigkeit
Die Essenz, die im Dienst des neuen Bundes in die Gläubigen eingeschrieben wird, ist nicht eine Lehre über Gott, sondern der Dreieine Gott selbst in seiner vollendeten heilsgeschichtlichen Gestalt. Der Dreieine hat sich durch Fleischwerdung, menschliches Leben, Kreuzigung, Auferstehung und Auffahrt „verarbeiten“ lassen, um als allumfassender, lebengebender Geist in den Menschen Wohnung zu nehmen. Im Alten Testament bewegt sich der Geist Gottes über den Wassern: „Doch die Erde war zu einer Wüste und Leere geworden, und Finsternis war auf der Oberfläche der Tiefe“ (1. Mose 1:2). Der Geist schwebt über dem Chaos, um Ordnung und Leben hervorzubringen. Im Neuen Testament tritt dieser Geist uns als „der Geist“ entgegen – der Geist Jesu, der Geist Christi, der Geist Jesu Christi –, in dem alle Erfahrungen des verarbeiteten Dreieinen Gottes enthalten sind.
Was ist die einzigartige Essenz, die in die Heiligen eingeschrieben werden muss? Diese einzigartige Essenz ist der Dreieine Gott als der Geist. Der Ausdruck „der Geist“, wie er im Neuen Testament gebraucht wird, ist sehr bedeutungsvoll. Der Geist bezeichnet den verarbeiteten Dreieinen Gott als den allumfassenden, Leben gebenden Geist. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft sechsundzwanzig, S. 236)
Wenn dieser Geist durch den Dienst des neuen Bundes in unser Inneres eingeschrieben wird, bleibt seine Wirkung nicht verborgen. Paulus nennt denselben Dienst, der innerlich vom Geist geprägt ist, zugleich „Dienst der Gerechtigkeit“, der „viel mehr mit Herrlichkeit überströmt“ (2.Kor 3:9). Die innere Gegenwart Gottes wird zur äußeren Gestalt eines gerechten Lebens – eines Lebens, das in rechter Beziehung zu Gott, zu Menschen und zu den Umständen steht. Gerechtigkeit ist hier nicht nur zugerechnete Stellung, sondern gelebte Wirklichkeit: Christus selbst wird unsere praktische Gerechtigkeit im Alltag, im Umgang mit Geld und Macht, in Beziehungen, im Gemeindeleben. So wie der Geist am Anfang über der wüsten Erde schwebte, um Licht und Ordnung hervorzubringen, so schwebt er heute über den ungestalteten Bereichen unseres Lebens, um durch Umwandlung eine neue Schöpfung hervorzubringen.
Am Ende der Bibel treten „der Geist und die Braut“ gemeinsam auf: „Und der Geist und die Braut sagen: Komm!“ (Offb. 22:17). Der verarbeitete Dreieine Gott ist eins geworden mit der umgewandelten Menschheit; das, was der Geist in die Heiligen eingeschrieben hat, ist zu einem kollektiven Ausdruck gereift. Schon jetzt beginnt diese Einsmachung, wenn der Geist durch das Wort des neuen Bundesdienstes in unser Inneres eindringt und uns Schritt für Schritt in das Bild Christi umgestaltet. In jedem kleinen Akt gelebter Gerechtigkeit, der aus dieser inneren Wirklichkeit hervorgeht, blitzt etwas von dieser kommenden Braut-Herrlichkeit auf. Das gibt dem unscheinbaren Gehorsam im Alltag Gewicht: Er ist nicht bloß moralische Korrektheit, sondern der Ausdruck eines Lebens, in das der Dreieine Gott als Geist eingeschrieben wurde und das seine Gerechtigkeit sichtbar werden lässt.
Doch die Erde war zu einer Wüste und Leere geworden, und Finsternis war auf der Oberfläche der Tiefe, (1. Mose 1:2)
Denn wenn es bei dem Dienst der Verdammnis Herrlichkeit gibt, dann strömt der Dienst der Gerechtigkeit viel mehr mit Herrlichkeit über. (2.Kor 3:9)
Wer den verarbeiteten Dreieinen Gott als Geist und Gerechtigkeit erkennt, gewinnt eine neue Sicht auf sein eigenes Wachstum. Es geht nicht um mühsames Produzieren frommer Leistungen, sondern um ein zulassendes Leben: der Geist darf schreiben, Christus darf zur praktischen Gerechtigkeit werden. Das relativiert äußere Maßstäbe und schützt vor Resignation – denn derselbe Geist, der über der wüsten Erde schwebte und aus Chaos Schöpfung machte, ist es, der in den scheinbar verworrenen Bereichen unseres Lebens arbeitet. In dieser Gewissheit können auch kleine Schritte der Gerechtigkeit froh aufgenommen werden: Sie sind nicht isolierte moralische Erfolge, sondern Hinweise darauf, dass der Dienst des neuen Bundes sein Ziel erreicht – Gott selbst findet als Geist Wohnung in uns und beginnt, sich sichtbar zu machen.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 2 Corinthians, Chapter 26