Das Wort des Lebens
lebensstudium

Einführung (3)

12 Min. Lesezeit

Misstrauen kann selbst eine gesunde Beziehung zermürben – das galt auch in der frühen Gemeinde in Korinth. Manche fragten sich, ob Paulus wirklich zuverlässig sei, weil sich seine Reisepläne geändert hatten. Hinter dieser spannungsgeladenen Situation öffnet Paulus jedoch ein tiefes Fenster in sein Innenleben: Er zeigt, wie sehr seine Entscheidungen, sein Dienst und sein Umgang mit den Gläubigen von Gottes Treue und vom unveränderlichen Christus geprägt sind. Gerade an diesem scheinbar nebensächlichen Thema wird sichtbar, was es bedeutet, in Christus zu leben und aus der Salbung des Geistes heraus zu handeln.

Gottes treues Ja in Christus

Paulus widerspricht dem Verdacht, er sei wankelmütig, nicht mit psychologischen Erklärungen, sondern mit einem Blick auf Gott. Hinter seinem veränderten Reiseplan steht kein taktisches Spiel, sondern der Gott, „der nicht Ja und Nein (zugleich) ist“ (2.Kor 1:18). In einer Gemeinde, die von vielen Stimmen, Lehrern und Meinungen geprägt war, lenkt er den Blick weg von der Frage: Wie zuverlässig ist Paulus? hin zur entscheidenden Frage: Wie zuverlässig ist Gott? Und seine Antwort ist eindeutig: Gott ist treu, und die Predigt der Apostel trägt den Charakter dieser Treue. Sie ist nicht ein doppeltes Wort, das heute verspricht und morgen relativiert, sondern sie ruht in der Festigkeit dessen, der spricht und handelt, ohne sich selbst zu widerrufen.

In Vers 20 sagt Paulus: „Denn so viele Verheißungen Gottes es gibt, in Ihm ist das Ja; darum ist auch durch Ihn das Amen zu Gott, zur Herrlichkeit durch uns.“ Das „Denn“ nennt erneut den Grund für das, was im vorangehenden Vers gesagt wurde. Christus, den der treue Gott verheißen und den die aufrichtigen Apostel verkündigt haben, ist nicht zu Ja und Nein geworden, Er hat Sich nicht verändert, denn in Ihm ist das Ja auf alle Verheißungen Gottes, und durch Ihn ertönt das Amen der Apostel und der Gläubigen zu Gott, zu Seiner Herrlichkeit. Christus ist dieses Ja, die fleischgewordene Antwort, die Erfüllung aller Verheißungen Gottes an uns. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft drei, S. 19)

Den inneren Kern dieser Treue fasst Paulus in einem einzigen Namen zusammen: Christus. „Denn so viele Verheißungen Gottes es gibt, in ihm ist das Ja, deshalb auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre durch uns“ (2.Kor 1:20). Alle Zusagen Gottes – vom ersten Evangeliumswort in 1. Mose bis zur Vollendung in der Offenbarung – laufen in dieser Person zusammen. Christus ist nicht eine unter vielen Gaben Gottes, sondern das fleischgewordene Ja Gottes, die lebendige Antwort auf jedes göttliche Versprechen. Wer ihn sieht, erkennt, wie Gott zu seinem Wort steht: nicht zögernd, nicht halb, sondern voll und endgültig. Darum ist der Glaube an Christus immer zugleich Vertrauen in die Verlässlichkeit Gottes; wer sich Christus anvertraut, legt sein Herz in das unverrückbare Ja, das Gott selbst gesprochen hat.

Von hier aus gewinnt auch das „Amen“ der Gemeinde seine Tiefe. Es ist mehr als ein frommes Schlusswort, mehr als eine liturgische Gewohnheit. Wenn Paulus sagt, „deshalb auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre durch uns“, dann beschreibt er eine Bewegung: Gottes Ja kommt in Christus auf uns zu, und durch Christus antworten wir mit einem Amen zurück zu Gott. In der Mitte steht nicht unser Wille, sondern seine Person. Eben darum ist „das Wort vom Kreuz … uns … die Kraft Gottes“ (1.Kor 1:18): In diesem scheinbaren Nein – dem Sterben des Sohnes – hat Gott sein größtes Ja ausgesprochen, die endgültige Zusage seiner Liebe und Rettung.

Wer so auf Christus schaut, wird innerlich entlastet. Die eigene Glaubensgeschichte, mit ihren Bruchlinien und Unstetigkeiten, muss nicht länger der Boden sein, auf dem das Gewissen ruht. Die eigene Treue bleibt wichtig, aber sie ist nicht der letzte Halt. Der letzte Halt ist der, in dem Gottes Ja immer schon ausgesprochen ist und nie zurückgenommen wird. Daraus wächst eine stille Zuversicht: Auch wenn Pläne scheitern, Menschen enttäuschen und Wege sich ändern, bleibt eines unangefochten bestehen – Gottes Ja in Christus, das uns trägt, korrigiert, aufrichtet und am Ende vollenden wird. In dieses Ja darf das eigene Amen immer wieder neu hineinfallen, manchmal stark, manchmal schwach, aber immer getragen von der Treue dessen, der begonnen hat und auch vollenden wird.

Gott aber ist treu (und bürgt dafür), daß unser Wort an euch nicht Ja und Nein (zugleich) ist. (2.Kor 1:18)

Denn so viele Verheißungen Gottes es gibt, in ihm ist das Ja, deshalb auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre durch uns. (2.Kor 1:20)

Wo das Herz lernt, zwischen der Brüchigkeit menschlicher Zuverlässigkeit und der Festigkeit des göttlichen Ja zu unterscheiden, beginnt ein anderer Umgang mit Enttäuschungen und Unsicherheiten. Es entsteht Raum, Schuld zu benennen, Versagen zu bekennen und dennoch nicht im Misstrauen stecken zu bleiben. Das innere Gewicht verschiebt sich: Weg vom dauernden Kreisen um die Frage, ob man selbst oder andere stabil genug sind, hin zu der ruhigen Gewissheit, dass Gottes Ja in Christus nicht wankt. Wer so lebt, entdeckt Schritt für Schritt, dass dieses Ja nicht nur eine theologische Wahrheit, sondern eine tragende Wirklichkeit ist, die den Alltag durchdringt und das eigene Amen – im Gebet, im Gottesdienst, im verborgenen Vertrauen – immer wieder neu hervorruft.

Eins mit dem unveränderlichen Christus leben

Paulus gibt den Korinthern einen Einblick in die Weise, wie seine Entscheidungen entstehen. Er verteidigt sich nicht mit dem Hinweis auf äußere Zwänge, sondern öffnet sein Inneres: Er lebt nicht „nach dem Fleisch“, in einem Ja und Nein, das zugleich gilt (2.Kor 1:17), sondern in Übereinstimmung mit dem treuen Gott und dem unveränderlichen Christus. Wenn er seinen Besuch plant und dann doch verschiebt, geschieht das nicht losgelöst von der Gemeinschaft mit Christus. Hinter seinen Wegänderungen steht kein taktisches Kalkül, sondern ein Ringen, im Konkreten der Leitung des Herrn zu folgen. So werden selbst unscheinbare Reisepläne zu einem Spiegel seiner Christusgemeinschaft.

In diesen Versen scheint Paulus zu sagen: „Ihr Korinther irrt euch. Als ich den Entschluss fasste, nach Korinth zu kommen, fasste ich ihn nicht aus mir selbst oder in mir selbst; ich fasste ihn mit dem unveränderlichen Christus des treuen Gottes.“ In seiner Verteidigung spricht Paulus von Gott und von Christus und macht damit den komplizierten Korinthern deutlich, dass er völlig eins war mit Gott und mit Christus. Gott ist treu, und Paulus war ebenfalls treu. Christus, der Sohn Gottes, ist unveränderlich, und Paulus, ein Mensch, der eins war mit diesem Christus, war ebenfalls unveränderlich. Er fasste seinen Entschluss nicht nach menschlicher Weisheit, sondern in Einssein mit dem treuen Gott und dem unveränderlichen Christus. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft drei, S. 20)

Damit wird deutlich, wie Paulus Gemeinde versteht. Kirche ist für ihn nicht zuerst ein Geflecht von Terminen, Absprachen und Programmen, sondern eine Lebensgemeinschaft, in der Christus selbst die Mitte bildet. „Der Sohn Gottes, Christus Jesus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist … war nicht Ja und Nein, sondern in ihm ist ein Ja geschehen“ (2.Kor 1:19). Dieser Christus ist nicht nur Inhalt der Predigt, sondern Maßstab der Haltung. In einer Welt, in der vieles aus strategischer Berechnung geschieht, beschreibt Paulus etwas anderes: ein Leben, das aus einem einfachen, lauterem Herzen vor Gott kommt, ein Herz, das nicht zweigleisig fährt, sondern in seiner Schwachheit auf einen starken Herrn ausgerichtet bleibt.

So gewinnt das kleine Wort „Ja“ ein anderes Gewicht. Es ist nicht mehr das vorschnelle Zugeständnis, das später widerrufen werden muss, und auch nicht das ängstliche „Vielleicht“, das sich hinter Floskeln verbirgt. Es ist die Antwort eines Menschen, der mit dem treuen Gott mitgeht. Dass Paulus seine Pläne ändert, heißt nicht, dass sein Herz wankelmütig ist; es heißt, dass er einem Herrn folgt, der größer ist als seine ursprünglichen Entschlüsse. Diese innere Beweglichkeit und äußere Verlässlichkeit gehören zusammen: fest in Christus, frei in den Formen.

In dieser Spannung leben auch heutige Glaubende: zwischen guten Vorsätzen und geänderten Umständen, zwischen Treue und notwendiger Korrektur. Das Beispiel des Paulus lädt dazu ein, die eigene Integrität nicht an starrer Planerfüllung zu messen, sondern an der Ausrichtung auf Christus. Wer Entscheidungen im Licht des Herrn prüft, darf Fehler einräumen, Wege korrigieren und dennoch in aufrechter Gesinnung weitergehen. Es wächst ein Lebensstil, der nicht von Perfektion, sondern von Verlässlichkeit geprägt ist: ein Dasein, das im Wandel der Umstände vom Unveränderlichen gehalten wird und gerade so anderen zum Zeichen für die Treue Gottes wird.

Habe ich nun, indem ich mir dieses vornahm, etwa leichtfertig gehandelt? Oder was ich mir vornehme, nehme ich mir das nach dem Fleisch vor, damit bei mir das Ja-ja und das Nein-nein (gleichzeitig) wären? (2.Kor 1:17)

Denn der Sohn Gottes, Christus Jesus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, war nicht Ja und Nein, sondern in ihm ist ein Ja geschehen. (2.Kor 1:19)

Wer sich von Paulus’ Beispiel berühren lässt, entdeckt, dass geistliche Reife weniger mit fehlerlosen Abläufen als mit innerer Ausrichtung zu tun hat. Entscheidungen, Pläne, auch Korrekturen werden zu Gelegenheiten, Christus einzubeziehen und sein Licht über das eigene Wollen scheinen zu lassen. Daraus entsteht eine Haltung, die zugleich demütig und standhaft ist: demütig, weil sie die eigene Begrenztheit nicht verleugnet, standhaft, weil sie auf den unveränderlichen Herrn gegründet ist. Schritt um Schritt wächst so ein Leben, in dem das Ja und Nein nicht von Laune und Druck diktiert sind, sondern von der stillen Gewissheit, dass der treue Gott seine Wege mit uns geht.

Angesalbt, versiegelt und gesichert durch den Geist

Nachdem Paulus von Gottes Ja in Christus gesprochen hat, führt er die Korinther noch näher an das Geheimnis ihrer Verbindung mit diesem Christus heran. Er beschreibt, wie Gott selbst diese Einheit stiftet und sichert: „Der uns aber samt euch an Christus befestigt und uns gesalbt hat, ist Gott; er, der uns auch versiegelt und den Geist als Unterpfand in unsere Herzen gegeben hat“ (2.Kor 1:21–22). Drei Bilder stehen nebeneinander: befestigt, gesalbt, versiegelt – und dazu der Geist als Unterpfand. Sie zeigen, wie umfassend Gott sich darum kümmert, dass die Glaubenden nicht lose neben Christus stehen, sondern in ihm verankert sind.

In Vers 21 fährt Paulus fort: „Der uns aber mit euch auf Christus festigt und uns gesalbt hat, ist Gott.“ Die Apostel, die Christus gemäß den Verheißungen Gottes verkündigten und Christus gemäß ihrer Verkündigung lebten, und die Gläubigen, die Christus gemäß der Verkündigung der Apostel empfingen, sind mit Christus verbunden und werden eins mit Ihm; durch Ihn sagen sie vor Gott Amen zu dem großen Ja der Verheißungen Gottes, das Christus selbst ist. Sie verbinden sich jedoch nicht selbst mit Ihm, sondern Gott verbindet sie alle miteinander mit Christus. Ihr Einssein mit Christus ist aus Gott und durch Gott, nicht aus ihnen selbst und durch sie selbst. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft drei, S. 21)

Wenn Paulus sagt, Gott befestige uns an Christus, ist das mehr als ein frommes Bild. Es meint eine reale, geistliche Verbindung: Gott knüpft unser Leben an die Person seines Sohnes. Wie ein Zweig in den Baum eingefügt wird, so werden die Glaubenden in Christus hineingenommen. Aus dieser Verbindung heraus geschieht die Salbung: Der Geist Christi, der salbende Geist, beginnt, in uns zu wirken, zu durchdringen, zu leiten. In der Sprache des Neuen Testaments ist Salbung nicht nur ein einmaliger Akt, sondern ein beständiger Fluss göttlichen Lebens. Gott teilt sich selbst mit, er gibt nicht nur Gebote, sondern sein eigenes Wesen, seine eigene Gegenwart.

Diese fortlaufende Salbung geht über in das Bild des Siegels. Wer versiegelt ist, trägt ein Zeichen der Zugehörigkeit. Im Altertum stand der Siegelabdruck für Identität, Eigentum und Authentizität. Wenn Gott uns versiegelt, drückt er, bildlich gesprochen, sein Siegel in unser inneres Wesen ein. Sein Geist prägt unseren Geist, seine Gedanken beginnen unsere Gedanken zu formen, seine Liebe legt sich wie ein Abdruck in unser Herz. Dieses Siegel ist nicht nach außen zur Schau gestellt, es wirkt im Verborgenen. Doch im Lauf der Zeit wird es sichtbar, wenn Lebensentscheidungen, Haltungen und Reaktionen den Charakter dessen widerspiegeln, dem wir gehören.

Schließlich spricht Paulus vom Geist als Unterpfand. Ein Unterpfand ist eine Anzahlung, ein Teil des Ganzen, der das Ganze garantiert. Gott gibt sich nicht nur in der Gegenwart, er verheißt auch eine zukünftige Fülle: die völlige Gemeinschaft mit ihm, die endgültige Verklärung unseres Lebens in seiner Herrlichkeit. Der Geist in unseren Herzen ist Vorgeschmack und Gewähr zugleich. „Er, der uns auch versiegelt und den Geist als Unterpfand in unsere Herzen gegeben hat“ (2.Kor 1:22) – das heißt: Die Zukunft Gottes hat in der Gegenwart unseres Herzens begonnen. Noch leben wir im gegenwärtigen Zeitalter, in der Nacht, in der viel Dunkel bleibt, aber das Licht der kommenden Welt ist bereits aufgegangen und hat Wohnung genommen.

Der uns aber samt euch an Christus befestigt und uns gesalbt hat, ist Gott, (2.Kor 1:21)

Er, der uns auch versiegelt und den Geist als Unterpfand in unsere Herzen gegeben hat. (2.Kor 1:22)

Wo das Herz bei diesen Bildern verweilt – befestigt, gesalbt, versiegelt, mit dem Geist als Unterpfand beschenkt –, beginnt eine stille Dankbarkeit zu wachsen. Der Blick löst sich ein Stück weit vom eigenen Halten und rückt hin zu Gottes Halten. Treue wird dann nicht mehr als Druck erlebt, sich selbst sichern zu müssen, sondern als Antwort auf eine Treue, die uns längst umfasst. In den Spannungen des Alltags kann diese Gewissheit wie ein leiser Grundton bleiben: ich gehöre nicht der Laune meiner Gefühle, nicht dem Urteil anderer und nicht der Unberechenbarkeit der Umstände, sondern dem Gott, der mich an Christus befestigt hat. Aus diesem Wissen kann Hoffnung reifen, die nüchtern sieht und doch erwartungsvoll bleibt – weil der, der das Unterpfand gegeben hat, auch die Fülle schenken wird.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 2 Corinthians, Chapter 3

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