Das Wort des Lebens
lebensstudium

Einführung (1)

9 Min. Lesezeit

Wer einmal deutlich korrigiert worden ist, weiß, wie sensibel eine Beziehung danach sein kann: Verletzung und Heilung liegen dicht beieinander. Ähnlich war es zwischen Paulus und den Gläubigen in Korinth, nachdem der erste Brief viele Missstände direkt angesprochen hatte. Zu Beginn seines zweiten Schreibens öffnet Paulus sein Herz, bindet seelische Wunden und zeigt, wie Gott gerade durch schwere äußere und innere Belastungen eine tiefere Gemeinschaft mit Christus und eine echte, tragfähige Ermutigung wirkt.

Gott – der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes

Gleich zu Beginn des Briefes öffnet Paulus einen Raum, in dem Gott neu gesehen werden kann: nicht abstrakt, nicht als ferne Macht, sondern als „Vater der Erbarmungen und Gott alles Trostes“ (2.Kor 1:3). Diese dichte Formulierung kommt nicht aus einem Lehrbuch, sondern aus einem durchgeschüttelten Leben. Paulus kennt Gott nicht nur als den, der Pläne hat, sondern als den, der sich herabneigt zu einem Herzen unter Druck. Darum spricht er von Erbarmungen in der Mehrzahl. Gottes Zuwendung ist nicht eindimensional; sie findet immer wieder neue Wege, ein verängstigtes, müdes, beschämtes Herz zu erreichen. Und wenn Paulus Gott den „Gott alles Trostes“ nennt, dann meint er damit eine Quelle, die jede Form von Bedrängnis einschließt: äußere Verfolgung, innere Anklage, körperliche Schwachheit, seelische Erschöpfung. Nichts liegt außerhalb des Horizonts dieses Trostes.

Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Erbarmungen und Gott allen Trostes. Er tröstet uns in all unserer Bedrängnis, damit wir die trösten können, die in jeder Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem auch wir selbst von Gott getröstet werden. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft eins, S. 3)

Dieser Trost ist jedoch nicht bloße Betäubung. Er besteht nicht darin, dass Gott unsere Schmerzen einfach übertönt. Paulus schreibt: „der uns tröstet in all unserer Drangsal, damit wir die trösten können, die in allerlei Drangsal sind, durch den Trost, mit dem wir selbst von Gott getröstet werden“ (2.Kor 1:4). Trost wird zur Bewegung: Was Gott ins Herz eines leidenden Menschen hineinspricht, bleibt nicht bei ihm stehen, sondern verwandelt sich in eine stille, aber kraftvolle Fähigkeit, andere zu verstehen und zu stärken. Die Erfahrungen der Nacht werden zu einem inneren „Kapital“, das nicht in den Akten des Gedächtnisses abgelegt wird, sondern in der Gegenwart des Dreieinen Gottes lebendig bleibt. So entsteht eine Art unsichtbarer Strom: Von Gottes Herz zu unserem Herz, von unserem Herz zu den Herzen anderer. Wer so getröstet wurde, muss sich nicht anstrengen, „tröstlich“ zu reden; es ist der gleiche Gott, der durch ihn hindurch wirkt. In dieser Perspektive verlieren unsere Leidensgeschichten nicht ihren Schmerz, aber sie bekommen ein Ziel. Sie werden Boden, auf dem andere sicherer stehen können. Und während wir selbst noch lernen, aufrecht zu gehen, lässt Gott durch unsere brüchigen Wege schon Licht und Ermutigung zu anderen hinaufgehen.

GEPRIESEN sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Erbarmungen und Gott alles Trostes, (2.Kor 1:3)

der uns tröstet in all unserer Drangsal, damit wir die trösten können, die in allerlei Drangsal sind, durch den Trost, mit dem wir selbst von Gott getröstet werden. (2.Kor 1:4)

Gott zeichnet unsere Narben nicht aus dem Leben, sondern schreibt durch sie eine Geschichte des Trostes, die weit über uns selbst hinausreicht.

Geteilte Leiden des Christus – geteilte Ermutigung in Christus

Wenn Paulus von „Leiden des Christus“ spricht, öffnet sich ein tiefer Zusammenhang, der über persönliche Schwierigkeiten weit hinausreicht. Er schreibt: „Denn wie die Leiden des Christus überreich auf uns kommen, so ist auch durch den Christus unser Trost überreich“ (2.Kor 1:5). Gemeint sind nicht einfach die harten Seiten des Lebens, sondern Leiden, in denen jemand mit dem Weg des Herrn selbst verbunden ist – mit seinem Dienst, seiner Liebe zu den Menschen, seinem Gehorsam gegenüber dem Vater. Wo ein Mensch sich in diesen Strom stellt, werden seine Leiden gleichsam in den großen Kelch des Christus hineingestellt. Darum fragt Jesus die Jünger: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?“ (Matthäus 20:22). Wer in diesen Kelch hineintrinkt, entdeckt, dass Leid nicht nur Verlust bedeutet, sondern ein geheimnisvoller Ort der Gemeinschaft mit dem Herrn wird.

Denn wie die Leiden des Christus in reichem Maß über uns kommen, so ist auch unser Trost durch den Christus überreich. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft eins, S. 4)

Gerade in solchen Situationen werden die Grenzen der eigenen Kraft deutlich. Es reicht nicht mehr, sich zusammenzureißen oder innerlich stärker zu sein als der Druck. Doch dort, wo der eigene Vorrat versiegt, beginnt die Erfahrung, dass Christus seine Nähe nicht entzieht. Paulus drückt es in einem anderen Brief so aus: Es geht darum, „Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden“ (Philipper 3:10). Die Gemeinschaft seiner Leiden führt nicht in eine düstere Frömmigkeit, sondern öffnet für eine überreiche Ermutigung – „durch den Christus“. Die Apostel erkennen: Ihre Bedrängnisse und die ihnen geschenkte Ermutigung sind nicht privat. Beides ist für den Leib Christi bestimmt. Ihre Tränen und ihr Trost werden zu einem Dienst, der tragfähiger ist als jede natürliche Begabung.

So wächst ein Dienst heran, der aus mit Christus durchlittenen Wegen gewachsen ist. Worte, die aus solchen Erfahrungen kommen, haben Gewicht, selbst wenn sie leise sind. Die Gemeinden merken: Hier spricht jemand, der nicht über Leid nachdenkt, sondern mit Christus hindurchgegangen ist. Die Folge ist eine Ermutigung, die ansteckend wirkt. Leiden und Trost werden geteilt, und gerade dadurch wächst in der Gemeinschaft eine neue Festigkeit. Wer das sieht, kann seinen eigenen Weg neu betrachten: nicht als sinnlose Anhäufung von Härten, sondern als Einladung, tiefer mit Christus verbunden zu sein und anderen aus dieser Verbundenheit heraus zum Segen zu werden.

Denn wie die Leiden des Christus überreich auf uns kommen, so ist auch durch den Christus unser Trost überreich. (2.Kor 1:5)

Jesus aber antwortete und sprach: Ihr wißt nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie sagen zu ihm: Wir können es. (Matt. 20:22)

Wo Christus uns in seine Leiden mit hineinzieht, bereitet er zugleich eine überreiche Ermutigung vor, die unser Herz weitet und anderen zum sicheren Halt wird.

Vom Ende der eigenen Kraft zur Erfahrung des Gottes der Auferstehung

In der Einleitung des Briefes blickt Paulus auf eine Erfahrung zurück, in der jede menschliche Reserve aufgebraucht war: „Denn wir wollen euch, Brüder, über unsere Bedrängnis, die uns in Asien widerfahren ist, nicht in Unkenntnis lassen, dass wir über die Maßen, über unsere Kraft hinaus, beschwert wurden, so dass wir sogar am Leben verzweifelten“ (2.Kor 1:8). Hier spricht kein unerschütterlicher Held, sondern ein Apostel, der an den Rand des Erträglichen geführt wurde. Die Formulierungen häufen sich: über die Maßen, über unsere Kraft, Verzweiflung am Leben. Gott verschweigt solche Geschichten nicht, sondern lässt sie in der Schrift stehen. Denn gerade dort, wo ein Mensch jegliche Möglichkeit verliert, sich selbst zu halten, beginnt eine andere Geschichte – die Geschichte des Gottes der Auferstehung.

Denn wir wollen euch, Brüder, nicht im Unklaren lassen über die Bedrängnis, die uns in Asien widerfahren ist: dass wir über die Maßen, über unsere Kraft hinaus, beschwert waren, so dass wir schließlich sogar am Leben verzweifelten. (Witness Lee, Life-Study of 2 Corinthians, Botschaft eins, S. 5)

Paulus beschreibt diese Wende so: „Ja, wir selbst hatten in uns selbst die Antwort des Todes, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzen sollten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt“ (2.Kor 1:9). Das „Urteil des Todes“ in sich zu tragen, heißt: zu akzeptieren, dass das eigene Können, die eigene Klugheit, die eigene Stabilität nicht mehr die letzte Instanz sind. Dieses Ende ist nicht das Ende Gottes, sondern der Punkt, an dem er sich als der zeigt, der Leben aus dem Tod hervorbringt. Paulus bekennt darum weiter von Gott, „der uns aus so großer Todesgefahr errettet hat und erretten wird; auf ihn hoffen wir, daß er uns auch ferner erretten werde“ (2.Kor 1:10). Die Auferstehung wird so von einem einmaligen Ereignis zur bleibenden Wirklichkeit: Gott greift immer wieder ein, hebt auf, was unterzugehen droht, schafft einen Weg, wo nur Sackgasse zu sein scheint.

Aus solchen Erfahrungen entsteht eine Lebenshaltung, die leiser, aber fester ist. Vertrauen wird nicht mehr aus Erfolgen genährt, sondern aus wiederholten Rettungen in der Nähe des Todes. Paulus wird zu einem Diener, dessen Autorität nicht aus Kraftakten stammt, sondern daraus, dass er selbst immer wieder auf den Gott der Auferstehung angewiesen war. Menschen, die ihm begegnen, spüren etwas von dieser Realität: Wenn er von Hoffnung spricht, ist es keine optimistische Stimmung, sondern eine Hoffnung, die den Todesschatten gesehen hat. Dadurch wird sein Dienst zu einer Zuflucht für andere, die an ihre Grenzen gekommen sind. In der Gemeinschaft des Glaubens entsteht so ein stilles, aber starkes Zeugnis: Der Gott, der die Toten auferweckt, bleibt derselbe – mitten in unserer Gegenwart.

Denn wir wollen euch, Brüder, über unsere Bedrängnis, die uns in Asien widerfahren ist, nicht in Unkenntnis lassen, dass wir über die Maßen, über unsere Kraft hinaus, beschwert wurden, so dass wir sogar am Leben verzweifelten. (2.Kor 1:8)

Ja, wir selbst hatten in uns selbst die Antwort des Todes, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzen sollten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt, (2.Kor 1:9)

Gott führt uns nicht an das Ende unserer Kraft, um uns dort liegenzulassen, sondern um uns tiefer an sich zu binden und uns im Licht seiner Auferstehung neu beginnen zu lassen.


Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, du bist der Vater der Barmherzigkeiten und der Gott allen Trostes. Danke, dass kein Druck und keine Dunkelheit so tief ist, dass dein Auferstehungsleben uns dort nicht erreichen und aufrichten könnte. Wo die eigene Kraft an ihr Ende kommt und wir innerlich das Urteil des Todes spüren, bist du der Gott, der die Toten auferweckt und neue Hoffnung schenkt. Lass die Erfahrungen, die du in Leid und Trost mit uns machst, nicht an uns stehen bleiben, sondern zu einem stillen Segen für Menschen werden, die selbst müde und verletzt sind. Stärke das Vertrauen auf deine Gnade mehr als auf unsere Fähigkeiten, und erfülle Herzen und Gemeinden mit dem Zuspruch Christi, der stärker ist als jede Not. Bewahre in allem den Blick auf den Herrn, der durch seinen Geist in uns wohnt und uns in seinem Auferstehungsleben trägt. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 2 Corinthians, Chapter 1

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