Das Wort des Lebens
lebensstudium

Umgang mit dem Essen von Götzenopfern (1)

12 Min. Lesezeit

Manche Fragen in der Gemeinde scheinen auf den ersten Blick reine Gewissens- oder Kulturfragen zu sein: Darf man das essen, jenes tun, dieses anziehen? Doch bei Paulus wird deutlich, dass hinter solchen praktischen Themen eine viel tiefere geistliche Linie steht. Am Beispiel des Essens von Götzenopfern öffnet er den Blick weg von der Diskussion „erlaubt oder verboten“ hin zu der Frage, ob unser Leben Gott gefällt und den Leib Christi aufbaut.

Freiheit, Erkenntnis und die Liebe, die aufbaut

Paulus setzt mitten in einer sehr praktischen Streitfrage an: Darf man Fleisch essen, das zuvor einem Götzen geweiht wurde? Die korinthischen Christen hatten die richtigen Sätze parat. Sie konnten sagen: Ein Götze ist nichts, es gibt nur den einen Gott, also kann uns diese Speise nicht wirklich berühren. Paulus bestätigt diesen Lehrsatz – und doch zeigt er, wie zerstörerisch er werden kann, wenn er losgelöst von der Liebe gehandhabt wird. Darum heißt es: „Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber erbaut“ (1.Korinther 8:1). Erkenntnis, die sich vom Herzen entfernt, bläht auf wie ein Ballon: Sie wird größer, aber nicht dichter; sie füllt den Raum, ohne zu tragen. Liebe dagegen baut auf; sie fügt lebendige Steine zusammen, sie sucht nicht den Triumph der Argumente, sondern das Wachstum des anderen. So verschiebt Paulus den Blick weg von der Frage, wer besser informiert ist, hin zu der Frage, ob das eigene Wissen zum Aufbau des anderen Menschen dient.

Die äußerliche, objektive Erkenntnis, die aufbläht, stammt vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, der Quelle des Todes. Die geistliche, nicht fleischliche Liebe hingegen, die – wie in Kapitel dreizehn beschrieben – ein Ausdruck des Lebens ist, baut auf. Sie kommt vom Baum des Lebens, der Quelle des Lebens. Dies ist die Liebe Gottes (1.Johannes 4:16), die durch den Glauben in uns hineininfundiert worden ist und uns in die organische Einheit mit Gott gebracht hat. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vierundvierzig, S. 399)

Damit führt Paulus uns zurück zu einem tiefen Strom, der bereits in 1. Mose sichtbar wird. Dort stehen der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse nebeneinander (1. Mose 2). Der eine steht für Gottes eigenes Leben als Quelle, Nahrung und Gemeinschaft; der andere für eine Erkenntnis, die sich von Gott emanzipiert und selbständig urteilen will. Wo der Mensch sich an der Erkenntnis orientiert, statt an der Gemeinschaft mit Gott, kommt der Tod in die Geschichte. Wo er sich vom Leben nähren lässt, entsteht eine Beziehung, in der Liebe möglich wird. Johannes fasst das so: „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ (1.Johannes 4:16). Wenn Paulus die kalte, aufblähende Erkenntnis der Liebe gegenüberstellt, dann geht es genau darum: Welche Wurzel nährt unser Denken und Entscheiden – der Baum der Erkenntnis oder der Baum des Lebens?

Diese Sichtweise verändert, wie wir unsere Freiheit verstehen. An zwei Stellen fasst Paulus es zusammen: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist nützlich; alles ist erlaubt, aber nicht alles erbaut“ (1.Korinther 10:23). Die Frage lautet also nicht zuerst: Ist es mir erlaubt?, sondern: Trägt es? Wird jemand gestärkt, ermutigt, geklärt, wenn ich meine Freiheit so auslebe? Der Maßstab ist der Aufbau des Leibes Christi, wie Paulus an anderer Stelle sagt: Der ganze Leib wächst „zum Aufbau seiner selbst in Liebe“ (Epheser 4:16). Wo Liebe das Ziel ist, verliert die Liebe zur eigenen Position ihren Glanz. Entscheidungen werden leichter, wenn sie nicht mehr die Bühne sind, auf der ich mich als Wissender darstellen muss, sondern Gelegenheiten, an denen Christus sein Leben in andere hineinfließen lassen kann.

Wer so liest, spürt, wie entlarvend und zugleich befreiend dieser Abschnitt ist. Er entlarvt, wo hinter frommen Argumenten ein verborgenes Bedürfnis nach Überlegenheit steckt. Und er befreit dazu, Wissen nicht länger als Waffe, sondern als Dienst zu verstehen. Erkenntnis darf bleiben, sie wird nicht abgewertet; aber sie findet ihren Platz unter der Liebe. Wo die Liebe regiert, schrumpft das Bedürfnis, recht zu behalten, und wächst die Freude, wenn der andere im Glauben sicherer wird. In dieser Atmosphäre bekommt auch unsere Freiheit einen neuen Klang: Sie wird nicht die Freiheit, alles auszuschöpfen, was möglich wäre, sondern die Freiheit, das zu lassen, was den Bruder belastet, und das zu tun, was den Leib Christi stärkt. Gerade darin liegt ein stiller Trost: Gott nutzt auch unser Stückwerk an Erkenntnis, wenn es von Liebe getragen ist, zum Aufbau seiner Gemeinde.

WAS aber das Götzenopferfleisch betrifft, so wissen wir, daß wir alle Erkenntnis haben. Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber erbaut. (1.Kor 8:1)

Und Jehova Gott ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, begehrenswert zum Anschauen und gut zur Speise, und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. (1.Mose 2:9)

Wenn die Gegenwart Gottes wichtiger wird als der Sieg in einer Diskussion, verliert Erkenntnis ihren stolzen Ton und wird zu einem Werkzeug der Liebe, das den Leib Christi still und beständig aufbaut.

Idole sind nichts – aber Gott ist Quelle, Weg und Ziel aller Dinge

Mitten in der Auseinandersetzung um Götzenopfer hebt Paulus den Blick weit über die konkrete Streitfrage hinaus. Er nimmt die korinthische Formel auf: „Was nun das Essen von Götzenopferfleisch betrifft, so wissen wir, daß es keinen Götzen in der Welt gibt und daß kein Gott ist als nur einer“ (1.Korinther 8:4). Ein Götze ist nichts, ein zusammengesetztes Stück Materie ohne Leben, ohne Wesen, ohne Zukunft. Aber Paulus belässt es nicht bei dieser Entzauberung. Er füllt die freigewordene Bühne mit einer gewaltigen Perspektive: „so ist doch für uns ein Gott, der Vater, von dem alle Dinge sind und wir auf ihn hin, und ein Herr, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn“ (1.Korinther 8:6). An die Stelle vieler diffuser Mächte tritt der eine Vater als Quelle, und der eine Herr als Weg und Mitte.

Denn wenn es auch sogenannte Götter gibt, sei es im Himmel oder auf Erden, wie es ja viele Götter und viele Herren gibt, so ist doch für uns ein Gott, der Vater, von dem alle Dinge sind und wir für Ihn. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vierundvierzig, S. 401)

Diese Sätze sind mehr als eine dogmatische Korrektur. Sie zeichnen eine geistliche Landkarte: Der Vater ist Ursprung – „von dem alle Dinge sind“ –, und zugleich Ziel – „wir auf ihn hin“. Alles Geschaffene ist aus ihm hervorgegangen und ist dazu bestimmt, auf ihn hin zurückzukehren. Der Sohn ist der von Gott eingesetzte Weg: „durch den alle Dinge sind und wir durch ihn“. Johannes fasst das so: „Alle Dinge sind durch dasselbe geworden, und ohne dasselbe ist auch nicht eines geworden, das geworden ist“ (Johannes 1:3). Derselbe Sohn, durch den die Schöpfung ins Dasein gerufen wurde, steht später vor seinen Jüngern und sagt: „Ich bin der Weg und die Wirklichkeit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch Mich“ (Johannes 14:6). So umschließt Christus die ganze Geschichte: durch ihn kommt alles aus Gott hervor, und durch ihn kehren Menschen zu Gott zurück.

Vor diesem Hintergrund verlieren Götzen ihren Reiz. Sie sind nicht nur „nichts in der Welt“, sie gehören auch zu keiner Station auf diesem Weg von Gott und zu Gott. Sie haben weder Anteil am Ursprung noch am Ziel. Wer Gott als Quelle und Ziel sieht, erkennt, wie schmal die Macht der „so genannten Götter“ in Wirklichkeit ist. Und doch ist Paulus realistisch: „Die Erkenntnis aber ist nicht in allen“ (1.Korinther 8:7). Manche waren ihr Leben lang an Götzen gewöhnt; für sie ist das Fleisch aus dem Tempel nicht neutral, sondern belastet. Ihre Geschichte, ihre Ängste, ihre Assoziationen kleben noch daran. Eine reine Lehre ohne Rücksicht auf diese inneren Zusammenhänge würde sie nicht befreien, sondern überfordern.

Gerade darin zeigt sich, wie tief Paulus die Gemeinde denkt. Wer die große Perspektive kennt – den Vater als Quelle und Ziel, den Sohn als Weg – könnte leicht ungeduldig werden mit denen, die noch kämpfen. Paulus geht den anderen Weg: Je klarer sein Blick auf Gott und die Schöpfung wird, desto zarter wird seine Rücksicht auf schwache Gewissen. Die hohe Sicht Gottes führt nicht zur Distanz, sondern zu einer umso geduldigeren Liebe. Das kann Mut machen, auch die eigenen Horizonte weiten zu lassen. Wo Gott als Ursprung und Ziel aller Dinge gesehen wird, verliert die Faszination für Ersatzmächte an Kraft, und zugleich wächst der Wunsch, dass möglichst viele Geschwister in diese Weite hineinfanden. So wird eine theologische Einsicht zur Quelle stillen Trostes und zum Antrieb, niemanden unterwegs zurückzulassen.

Was nun das Essen von Götzenopferfleisch betrifft, so wissen wir, daß es keinen Götzen in der Welt gibt und daß kein Gott ist als nur einer- . (1.Kor 8:4)

so ist doch für uns ein Gott, der Vater, von dem alle Dinge sind und wir auf ihn hin, und ein Herr, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn. (1.Kor 8:6)

Wo Gott als Ursprung und Ziel aller Dinge vor Augen steht, verlieren Götzen ihren Glanz, und zugleich wächst die geduldige Liebe zu den Geschwistern, die auf diesem Weg in die Freiheit des einen Herrn erst hineinwachsen.

Vor Gott bestehen – und den schwachen Bruder nicht zu Fall bringen

Paulus geht noch einen Schritt weiter, wenn er den Blick vom Götzenopfer auf das Angesicht Gottes richtet. „Speise aber macht uns nicht angenehm vor Gott; weder sind wir, wenn wir nicht essen, geringer, noch sind wir, wenn wir essen, besser“ (1.Korinther 8:8). In diesen Worten wird spürbar, wie Paulus innerlich prüft: Nicht die Frage, was erlaubt ist, steht im Zentrum, sondern die Frage, ob etwas uns vor Gott „empfiehlt“. Was uns in seiner Gegenwart keinen Wert hat, verliert an Gewicht. Vor Gott ist nicht entscheidend, ob wir uns auf eine bestimmte Weise verhalten, sondern ob unser Verhalten von einem Herzen kommt, das ihn sucht. Diese Sicht relativiert viele Leidenschaft, mit der Christen über konkrete Handlungen streiten. Was keinen Klang in der Gegenwart Gottes hat, darf auch für uns leicht werden.

Die Speise aber wird uns nicht vor Gott empfehlen; weder sind wir geringer, wenn wir nicht essen, noch sind wir besser, wenn wir essen. Diejenigen, die Götzenopfer essen, ohne die richtige Erkenntnis zu haben, verunreinigen ihr Gewissen. Nachdem er diese Sache klargestellt hat, fährt Paulus fort und sagt, dass Speise uns nicht vor Gott empfiehlt. Wieder einmal offenbart Paulus seinen Geist. Tief in seinem Geist erkennt Paulus, dass das, was wir tun, uns Gott empfehlen sollte. Alles, was uns nicht Gott empfiehlt, ist nicht notwendig. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft vierundvierzig, S. 403)

Gleichzeitig nimmt Paulus das Gewissen der Schwachen mit größtem Ernst. Wenn jemand, der „Erkenntnis“ hat, im Götzentempel isst, sieht ihn vielleicht ein Bruder, dessen inneres Empfinden noch von alten Bindungen geprägt ist (1.Korinther 8:10). In ihm kann der Eindruck entstehen, er dürfe nun gegen sein eigenes Gewissen handeln, um dem „Starken“ zu gleichen. Tut er das, wird sein Gewissen verletzt und befleckt; er tut etwas, von dem er innerlich überzeugt ist, es sei falsch. Paulus beschreibt die Folge drastisch: „Und durch deine Erkenntnis kommt der Schwache um, der Bruder, um dessentwillen Christus gestorben ist“ (1.Korinther 8:11). Gemeint ist kein ewiger Verlust, sondern eine tiefe Beschädigung im Glaubensleben. Ein solches Handeln nennt Paulus Sünde gegen die Brüder und damit Sünde gegen Christus selbst (1.Korinther 8:12).

An dieser Stelle wird sichtbar, wie Paulus persönliche Freiheit und Verantwortung miteinander verknüpft. Er denkt nicht nur von der eigenen Beziehung zu Gott her, sondern immer auch von dem Bruder, „um dessentwillen Christus gestorben ist“. In Römer 14:15 schreibt er ähnlich: „Denn wenn dein Bruder wegen einer Speise betrübt wird, so wandelst du nicht mehr nach der Liebe. Verdirb nicht mit deiner Speise den, für den Christus gestorben ist.“ Die gleiche Speise, die vor Gott neutral ist, kann im Blick auf den Bruder zerstörerisch werden. Freiheit, die den anderen übersieht, verfehlt ihr Ziel. Wahre Freiheit zeigt sich darin, dass man sie im Licht des Kreuzes betrachtet: Was Christus das Leben kostete, darf mir nicht zu gering sein, als dass ich um seiner willen auf ein Recht verzichte.

Paulus zieht daraus eine persönliche Konsequenz, die in ihrer Klarheit besticht: „Darum, wenn eine Speise meinem Bruder Ärgernis gibt, so will ich in Ewigkeit überhaupt kein Fleisch essen, damit ich meinem Bruder kein Ärgernis gebe“ (1.Korinther 8:13). Er denkt nicht in Minimalanforderungen, sondern in der Weite der Liebe. Es geht ihm nicht darum, dass alle Christen vegetarisch leben sollen, sondern darum, die innere Haltung sichtbar zu machen: lieber dauerhaft auf etwas verzichten, das mir an sich zusteht, als einen Bruder zu Fall bringen. Hier wird Freiheit nicht abgeschafft, aber sie wird durch die Liebe geformt. Sie ist nicht das Recht, alles auszukosten, sondern die Fähigkeit, aus Liebe zu lassen, was dem anderen schadet.

Speise aber macht uns nicht angenehm vor Gott; weder sind wir, wenn wir nicht essen, geringer, noch sind wir, wenn wir essen, besser. (1.Kor 8:8)

Denn wenn jemand dich, der du Erkenntnis hast, im Götzentempel zu Tisch liegen sieht, wird nicht sein Gewissen, da er schwach ist, bestärkt werden, die Götzenopfer zu essen? Und durch deine Erkenntnis kommt der Schwache um, der Bruder, um dessentwillen Christus gestorben ist. Wenn ihr aber so gegen die Brüder sündigt und ihr schwaches Gewissen verletzt, so sündigt ihr gegen Christus. (1.Kor 8:10-12)

Freiheit, die sich von der Liebe leiten lässt und den schwachen Bruder im Blick behält, verliert nichts, sondern gewinnt Tiefe: Sie wird zu einem Leben, das vor Gott Bestand hat und in dem Christus seinen Leib behutsam und nachhaltig aufbaut.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 44

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