Das Wort des Lebens
lebensstudium

Umgang mit dem Missbrauch der Freiheit in Speisen und im Leib (1)

12 Min. Lesezeit

Freiheit ist für viele Christen ein kostbares Wort – endlich nicht mehr unter dem Gesetz, sondern in der Gnade. Doch gerade an alltäglichen Themen wie Essen, Körper, Sexualität und persönlichen Rechten zeigt sich, wie schnell aus dieser Freiheit eine verdeckte Form von Gebundenheit werden kann. Paulus legt in 1.Korinther eine erstaunliche Reihenfolge offen: aus seelischen Wünschen erwachsen fleischliche Begierden, daraus das harte Pochen auf eigene Ansprüche – und schließlich ein Missbrauch der Freiheit in Dingen, die an sich von Gott gegeben und gut sind. Vor diesem Hintergrund entfaltet er eine nüchterne, zugleich tröstliche Sicht auf unseren Leib, auf Essen und auf Sexualität, die uns zurück in die Mitte von Gottes Heilsplan führt.

Frei, aber nicht alles fördert das Leben des Leibes Christi

Paulus öffnet im Satz „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist nützlich. Alles ist mir erlaubt, aber ich will mich von nichts beherrschen lassen“ eine andere Dimension von Freiheit. Er verengt die Frage nicht auf erlaubt oder verboten, sondern fragt nach dem geistlichen Ertrag einer Sache: Führt sie in das Leben hinein oder saugt sie das Leben aus? Nützlich ist, was uns in der Spur von Gottes Ratschluss hält, was unser Herz bei Christus sammelt und das Gemeindeleben stärkt. Vieles, was äußerlich unbedenklich scheint, kann innerlich unökonomisch sein, weil es uns ständig aus der Mitte verschiebt, aus dem Bereich, in dem Christus als Haupt den Leib aufbaut. So wird sichtbar, dass Freiheit im Neuen Testament nicht ein leerer Raum ohne Grenzen ist, sondern der weite Raum, in dem der Herr durch Seinen Geist unser Inneres ordnet und uns befähigt, das zu wählen, was Seinen Leib aufrichtet.

Hier meint Paulus wohl, dass alle Dinge erlaubt sind, aber nicht alle Dinge uns helfen, in der mittleren Spur von Gottes Ökonomie zu bleiben. Alle Dinge sind erlaubt, aber nicht alle Dinge helfen uns, das Kreuz zu tragen oder sind nützlich im Erfahren Christi. Wenn wir verstehen wollen, wie Paulus das Wort „nützlich“ (expedient) hier gebraucht, müssen wir den 1. Korintherbrief als Ganzes richtig erfassen. Alle Dinge sind uns erlaubt, aber nicht alle Dinge helfen uns, den Gewinn zu erlangen, der in diesem Brief offenbart wird. Nicht alle Dinge helfen uns, das Leben des Leibes zu leben. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft achtunddreißig, S. 349)

Missbrauch der Freiheit beginnt dort, wo Dinge, die „an sich“ erlaubt sind, eine verdeckte Herrschaft über uns gewinnen: wenn sie unsere Gedanken besetzen, unsere Gefühle antreiben, unsere Zeitstruktur bestimmen und unser Gebetsleben verdünnen. Dann drehen sich „alle Dinge“ nicht mehr um Christus, sondern wir kreisen um diese Dinge. Die Schrift mahnt: „Seht aber zu, daß nicht etwa diese eure Freiheit den Schwachen zum Anstoß werde“; hier geht es nicht nur um den anderen, sondern zugleich um unser eigenes Inneres, das sich an Christus oder an Nebensachen ausrichten kann. Echte Freiheit ist darum die Freiheit, Nein zu vielem zu sagen, um ein tieferes Ja zu Christus und Seinem Leib zu leben. In dieser Perspektive wird Verzicht nicht Verlust, sondern Gewinn: Wir lösen uns von dem, was uns heimlich bindet, und entdecken neu, wie reich der Herr ist, wenn Er unseren Blick bündelt und unser Herz sammelt. So wird Freiheit zur Bewegung hin auf Ihn, der unsere Mitte ist, und jeder Schritt in diese Richtung trägt leise, aber spürbar zum Aufbau des Leibes Christi bei.

ALLES ist mir erlaubt, aber nicht alles ist nützlich. Alles ist mir erlaubt, aber ich will mich von nichts beherrschen lassen. (1.Kor 6:12)

Seht aber zu, daß nicht etwa diese eure Freiheit den Schwachen zum Anstoß werde. (1.Kor 8:9)

Wenn Freiheit so verstanden wird, wächst eine stille Wachsamkeit im Alltag: Man spürt genauer hin, welche Einflüsse das innere Leben nähren und welche es streuen. Statt sich an der Grenze des Erlaubten entlangzubewegen, reift das Verlangen, in allem dem Herrn Raum zu geben – in der Freizeitgestaltung, im Konsum, in digitalen Gewohnheiten wie im Umgang mit Speise und Trank. Das Herz lernt, sich fragen zu dürfen: Was stärkt das Miteinander im Leib Christi, was öffnet mich für das Wirken des Geistes – und was zieht mich immer wieder aus dieser Mitte heraus? Aus solchen Fragen entsteht kein gesetzlicher Druck, sondern eine wachsende innere Klarheit und Freude: die Erfahrung, dass der Herr, wenn Er den ersten Platz bekommt, auch das scheinbar Kleine mit Sinn erfüllt und eine Freiheit schenkt, die nicht trennt, sondern verbindet.

Essen, Bauch und Leib – Gott ordnet die Ebenen neu

Mit einem knappen Satzpaar trennt Paulus Ebenen, die wir oft vermischen: „Die Speisen sind für den Bauch und der Bauch für die Speisen; Gott aber wird sowohl diesen als jene zunichte machen. Der Leib aber ist nicht für die Hurerei, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib.“ Essen und Bauch gehören zur vorläufigen Infrastruktur unseres irdischen Daseins; sie sind notwendig, aber kein Zentrum. Sie dienen dem Leib, doch ihre eigene Zeit ist begrenzt, Gott wird ihr Gewicht relativieren. Darin liegt eine sanfte Entthronung: Speise und Bauch verlieren das Recht, unsere Existenz zu definieren. Der Leib hingegen erscheint in einem anderen Licht: Er ist nicht ein neutrales Stück Materie, das man beliebig nutzt, sondern bewusst „für den Herrn“ geschaffen; und der Herr ist Seinem Volk so zugewandt, dass Er „für den Leib“ ist – zu seinem Schutz, zu seiner Versorgung, zu seiner zukünftigen Verklärung.

Speisen sind für den Bauch und der Bauch für die Speisen; Gott aber wird sowohl diesen als auch jene zunichtemachen. Speisen und Bauch dienen der Existenz des Leibes. Für sich genommen bedeuten sie nichts; Gott wird sie zunichtemachen. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft achtunddreißig, S. 350)

Diese Neuordnung zeigt sich bereits darin, wie Gott den Leib jetzt trägt. Es heißt: „Der mit Gutem sättigt dein Leben. Deine Jugend erneuert sich wie bei einem Adler“ – Nahrung wird hier als Ausdruck der väterlichen Güte verstanden, nicht als selbständiger Lebenssinn. Und noch tiefer: „Wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird Er, der Christus von den Toten auferweckt hat, durch Seinen Geist, der in euch wohnt, auch euren sterblichen Leibern Leben geben.“ Nicht nur Kalorien, sondern der inwohnende Geist Christi durchdringt unsere Schwachheit mit Auferstehungsleben. Wo der Bauch nicht mehr herrschen darf, verliert auch die sexuelle Begierde ihren Anspruch auf das letzte Wort. Der Leib als Tempel und Glied Christi ist zu kostbar, um ihn an Unreinheit zu binden. Maßvolles Essen, ein achtsamer Umgang mit körperlichen Bedürfnissen und Grenzen, die man sich in der Kraft des Geistes setzen lässt, werden so zu Zeichen einer neuen Zugehörigkeit: Der Leib findet zu seiner Bestimmung zurück – weg von der Diktatur des Bauches, hin zu einem Leben, das sichtbar macht, dass er dem Herrn gehört und von Ihm gehalten wird.

application_de”: “Wer seinen Leib in dieser Perspektive sieht, tritt aus einer engen Spirale von Genussdruck und Körperoptimierung heraus. Essen darf Gabe sein, nicht Ersatzreligion; Sexualität bleibt Geschenk im Schutzraum des Bundes, nicht Mittel zur Selbstdarstellung oder Betäubung. An die Stelle von Schuldgefühlen und Selbstverurteilung tritt ein stilles Lernen: den eigenen Körper zu achten, auf seine Grenzen zu hören und zugleich dem Geist Raum zu geben, der Leben in die Müdigkeit und Reinheit in die Unruhe bringt. So wird der Alltag mit all seinen leiblichen Routinen zu einem Ort der Begegnung mit Christus, der „für den Leib“ ist – in der Küche, im Beruf, in der Erholung. Je mehr diese Gewissheit sinkt, desto freier wird der Umgang mit Speisen und Leib: nicht getrieben, sondern getragen, nicht beherrscht, sondern geordnet vom Herrn, der uns in unseren sterblichen Leibern schon jetzt Seinen kommenden Tag vorauskosten lässt.”,

{‘ref’: ‘1.Kor 6:13’, ‘text’: ‘Die Speisen (sind) für den Bauch und der Bauch für die Speisen; Gott aber wird sowohl diesen als jene zunichte machen. Der Leib aber (ist) nicht für die Hurerei, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib.’}

Die Speisen (sind) für den Bauch und der Bauch für die Speisen; Gott aber wird sowohl diesen als jene zunichte machen. Der Leib aber (ist) nicht für die Hurerei, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib. (1.Cor. 6:13)

Der mit Gutem sättigt dein Leben. / Deine Jugend erneuert sich wie bei einem Adler. / (Psa. 103:5)

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.

Der Leib als Glied Christi und Hoffnung der Auferstehung

Paulus spricht in einer Eindringlichkeit, die staunen lässt: „Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind?“ Der Leib des Glaubenden ist nicht nur Werkzeug, sondern in das Liebesgeheimnis Christi hineingenommen. Was Christus mit Seinem Leib durchlitten hat und wie Er in Herrlichkeit auferweckt wurde, wirft sein Licht auf unsere Körper: Gott hat „den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Macht“. Hier geht es nicht nur um ein fernes Jenseits, sondern um die Zusage, dass unser Leib zur zukünftigen Herrlichkeit bestimmt ist. „Der unseren Leib der Erniedrigung umgestalten wird, dass er Seinem Leib der Herrlichkeit gleichgestaltet sei“ – diese Hoffnung schreibt sich in Knochen, Muskeln, Nervensystem ein: Der eigene Körper, so begrenzt und brüchig er jetzt erscheint, ist auf Verwandlung hin angelegt.

Und Gott hat sowohl den Herrn auferweckt als auch uns durch Seine Kraft auferwecken. Gott hat den Herrn leiblich auferweckt. Unser Leib ist dazu bestimmt, in der Auferstehung an dem Leib der Herrlichkeit des Herrn teilzuhaben (Phil. 3:21) und unverderblich auferweckt zu werden (1.Kor. 15:52). Dies wird die Erlösung unseres Leibes sein (Röm. 8:23). Schon jetzt gibt der Geist des auferstandenen Christus, der in uns wohnt, unserem sterblichen Leib Leben (Röm. 8:11), indem Er ihn zu einem Glied Christi macht (1.Kor. 6:15) und zu einem Tempel Gottes, der von Seinem Heiligen Geist bewohnt ist (1.Kor. 6:19). (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft achtunddreißig, S. 351)

Zwischen Gegenwart und Vollendung steht der Heilige Geist als Bürgschaft. Es heißt, dass der, welcher Christus von den Toten auferweckt hat, durch Seinen Geist „auch euren sterblichen Leibern Leben geben“ wird. Dieses Leben wirkt schon jetzt, wenn wir in Schwachheit weitergehen können, wenn Versuchungen ihre scheinbare Unausweichlichkeit verlieren, wenn wir unseren Leib nicht mehr als Feind, sondern als anvertrautes Gut sehen. Zugleich bleibt die Ernsthaftigkeit der Warnung: „Flieht die Unzucht! … wer aber Unzucht treibt, sündigt gegen den eigenen Leib.“ Wer seinen Leib an Verbindungen bindet, die dem Wesen Christi entgegenstehen, verletzt nicht nur sich selbst, sondern entwürdigt ein Glied, das für die Gemeinschaft mit dem Herrn bestimmt ist. Doch dieselbe Wahrheit, die in die Tiefe trifft, tröstet auch: Kein Teil unseres Daseins ist Gott gleichgültig, nicht einmal das, was wir an uns selbst vielleicht am wenigsten achten. Der Herr, dem unsere Leiber gehören, trägt sie durch alle Brüche hindurch und führt sie auf die Erlösung zu. In diesem Wissen kann man Schritt für Schritt lernen, mit dem eigenen Körper milder, klarer und hoffnungsvoller umzugehen – in der Gewissheit, dass er in Christus eine Zukunft hat, die weit über seine jetzige Gestalt hinausreicht.

application_de”: “Die Würde des Leibes als Glied Christi verändert, wie man über sich selbst denkt und fühlt. Scham, die an der eigenen Leiblichkeit hängt, verliert ihre lähmende Macht, wenn sie vom Licht der Auferstehung her betrachtet wird: Gott schämt sich unseres Körpers nicht, Er plant seine Verklärung. Daraus erwächst ein neuer Umgang mit sexuellen Impulsen, mit körperlicher Schwäche, mit Alterungsprozessen: nicht Verdrängung und nicht hemmungslose Auslebung, sondern ein Leben vor dem Angesicht dessen, der unseren Leib kennt und ihm Zukunft zugesprochen hat. Wo diese Hoffnung Wurzeln schlägt, werden Entscheidungen im Verborgenen leiser, aber bewusster beeinflusst. Was nicht zu einem Leib passt, der für die Herrlichkeit Christi vorgesehen ist, verliert an Glanz; was diese Herrlichkeit widerspiegelt, gewinnt an Gewicht. So wird der Weg durch eine körperliche, verletzliche Welt hindurch zu einem Weg der Erwartung: Jeder Tag bringt uns näher an den Moment, in dem sichtbar wird, was jetzt schon gilt – dass wir mit Leib und Leben dem Herrn gehören.

{‘ref’: ‘1.Kor 6:15’, ‘text’: ‘Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind? Soll ich denn die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Hure machen? Das sei ferne!’}

Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind? Soll ich denn die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Hure machen? Das sei ferne! (1.Cor. 6:15)

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du uns nicht zu einer engen, ängstlichen Frömmigkeit rufst, sondern in eine Freiheit, die von Deiner Liebe und Deinem Kreuz durchdrungen ist. Du siehst, wie leicht Speisen, Gewohnheiten, Begierden und verborgene Wünsche Macht über uns gewinnen und unser Herz von Dir abziehen. Richte unseren Blick neu auf Dich, den Herrn, der für unseren Leib ist, und auf die herrliche Zukunft, in der Du unseren schwachen Körper Deiner Herrlichkeit gleichgestalten wirst. Lass Dein Auferstehungsleben in uns wirken, sodass alles, was uns beherrschen will, seine Kraft verliert, und unser Leib mehr und mehr das wird, wozu Du ihn bestimmt hast: ein lebendiges, reines Glied an Deinem Leib, ein Tempel Deines Geistes. Stärke diejenigen, die unter Schuldgefühlen, körperlicher Schwachheit oder gebundenen Gewohnheiten leiden, durch Deine sanfte Gnade und durch die Hoffnung auf Deine vollkommene Erlösung. Bewahre uns darin, dass unsere Freiheit nicht zum Stolperstein für andere wird, sondern ein Raum, in dem Dein Leben sichtbar und Deine Gemeinde aufgebaut wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 38

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