Das Wort des Lebens
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Alle Dinge für die Gemeinde und die Gemeinde für Christus

12 Min. Lesezeit

Viele Christen sehnen sich nach einer stärkeren, reiferen Gemeinde und fragen sich zugleich, warum Gott so viel Spannendes, aber auch Schmerzhaftes in ihrem Umfeld zulässt. Zwischen menschlicher Weisheit, Vorlieben für bestimmte Leiter und Enttäuschungen über das reale Gemeindeleben verlieren wir leicht den Blick dafür, was Gott eigentlich tut. Der erste Korintherbrief öffnet uns die Augen dafür, dass Gott selbst durch unvollkommene Situationen und Menschen an seiner Gemeinde baut und dass alles auf Christus als Gottes Ausdruck hin geordnet ist.

Wie natürliche Weisheit und gutes Menschsein die Gemeinde zerstören können

Wenn Paulus von Holz, Gras und Stroh spricht, richtet er den Blick nicht zuerst auf spektakuläre Sünden, sondern auf das, was wir von Natur aus mitbringen und gern in den Dienst Gottes stellen würden: Charakterstärke, Begabung, Liebenswürdigkeit, Durchsetzungskraft, Bildung. Vor Menschen hat das Gewicht. Vor Gott ist es flüchtig wie trockenes Gras im Feuer. Der Tempel, von dem Paulus in 1. Korinther 3.spricht, ist nicht ein Raum, in dem wir unsere besten Seiten präsentieren, sondern der Wohnort Gottes selbst. Darum heißt es: „Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und dass der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1.Kor 3:16). Was aus unserer ungebrochenen Natur stammt – selbst das scheinbar Edle –, trägt nicht das Gepräge dieses Geistes. Es ist nicht von der gleichen Art wie der Gott, der darin wohnen will.

Da der Tempel Gottes, die Gemeinde, heilig ist, müssen auch die Materialien, die Wege und die Bemühungen, mit denen wir bauen, heilig sein und der Natur Gottes, der Erlösung Christi und der Umwandlung durch den Geist entsprechen. Wir haben gesehen, dass es bedeutet, mit natürlichen Dingen – mit Holz, Gras und Stroh – zu bauen, wenn wir mit unserem natürlichen Wesen, unserem Sein und mit solchen bösen Handlungen wie Eifersucht, Streit, Neid und Hass bauen. In Holz, Gras und Stroh ist nichts Kostbares. Die Auslegung dieser Bilder ist hier nicht das Entscheidende; entscheidend ist, dass wir erkennen, dass unsere Natur, unser Sein und unsere negativen Handlungen keinen Anteil am Aufbau der Gemeinde haben. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft dreiunddreißig, S. 297)

Gefährlich wird unsere natürliche Weisheit gerade deshalb, weil sie fromm verpackt daherkommen kann. Menschliche Klugheit hilft beim Organisieren, Planen und Strukturieren; sie hat ihren Platz. Aber sobald sie zum Maßstab wird, nach dem wir beurteilen, was in der Gemeinde gilt und Bestand haben soll, kehrt sich ihre Nützlichkeit gegen den Bau selbst. „Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott“ (1.Kor 3:19), heißt es. Gottes Haus entsteht nicht durch psychologische Raffinesse, kulturelle Eleganz oder souveräne Leitungsstärke, sondern durch das, was aus dem Kreuz und aus der Auferstehung Christi hervorgegangen ist. Gold, Silber und kostbare Steine werden in der Tiefe geformt, unter Druck und im verborgenen Feuer; so wirkt der Geist in uns, wenn er unsere natürlichen Stärken durch das Kreuz hindurchführt und sie in etwas verwandelt, das Christus ausdrückt.

Wann immer wir ungebrochenes „gutes Menschsein“ in den Vordergrund stellen – das nette Wesen, das starke Temperament, den scharfen Verstand –, geben wir etwas in den Bau, das im Licht Gottes keinen Bestand hat. Es ist wie ein schönes Holzgerüst an einem Tempel aus Stein: Es stützt eine Zeit lang, aber es gehört nicht zum endgültigen Gebäude. Gott meint es so ernst mit seinem Haus, dass Paulus warnen muss: „Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören; denn der Tempel Gottes ist heilig, und solche seid ihr“ (1.Kor 3:17). Zerstörung geschieht nicht nur durch offene Sünde, sondern auch, wenn die Gemeinde durch natürliche Mittel in eine Form gebracht wird, die mit Gottes Wesen nicht übereinstimmt. Am Ende prüft das Feuer nicht unsere Originalität, sondern die Herkunft dessen, was wir eingebracht haben.

Gerade darin liegt jedoch eine stille Ermutigung. Der Herr verlangt nicht, dass wir beeindruckend sind, sondern dass wir echt sind. Er nimmt uns mit allem, was wir sind, aber er gibt sich nicht damit zufrieden. Er führt unsere Fähigkeiten, unsere Prägungen, unsere Vorlieben an das Kreuz, nicht um sie zu vernichten, sondern um sie von ihrer Eigenständigkeit zu lösen und sie in seinen Händen fruchtbar zu machen. Wo wir lernen, unserer natürlichen Weisheit zu misstrauen und auf den Geist zu hören, gewinnt die Gemeinde an Klarheit und Tiefe. Und inmitten aller Korrektur beginnt eine gelassene Freiheit zu wachsen: Es muss nicht mehr unsere Stärke tragen, was nur Christus tragen kann. So wird sein Leben sichtbar – still, aber dauerhaft – und das Haus Gottes bekommt Stück um Stück sein wahres Gesicht.

Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und dass der Geist Gottes in euch wohnt? (1.Kor 3:16)

Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören; denn der Tempel Gottes ist heilig, und solche seid ihr. (1.Kor 3:17)

Wer erkennt, wie wenig die natürliche Brillanz vor Gott wiegt, wird nicht bitter oder passiv, sondern frei: frei, die eigenen Gaben aus der Hand zu geben und sie vom Geist neu empfangen zu lassen; frei, nicht mehr mit menschlicher Cleverness Gemeinde formen zu müssen, sondern dem langsamen, verlässlichen Werk Gottes zu trauen. In dieser Freiheit verliert das Bedürfnis, sich zu beweisen, an Kraft, und die Gemeinde wird zu einem Raum, in dem Christus statt menschlicher Überlegenheit den Ton angibt.

Keine geistlichen Helden verehren, sondern Christus als einzigen Mittelpunkt sehen

Die Gemeinde in Korinth war nicht durch offenkundige Irrlehren gespalten, sondern durch Sympathien. Die Namen Paulus, Apollos und Kephas standen plötzlich nicht mehr nebeneinander, sondern gegeneinander. Dahinter lag eine subtile Überzeugung: Wer sich der „richtigen“ Leitfigur anschließt, steht höher da. Paulus deckt auf, dass hinter solchen Vorlieben nicht geistliches Urteilsvermögen, sondern Fleisch steht. Er schreibt, dass die Korinther fleischlich und „nach Menschen“ wandelten, solange sie sagten: „Ich bin des Paulus“, „ich des Apollos“ (vgl. 1.Kor 3:3–4). Die Personen, die Gott der Gemeinde geschenkt hatte, wurden zu Markenzeichen von Parteien gemacht.

Sich geistlicher Riesen zu rühmen bedeutet ebenfalls, den Tempel Gottes, die Gemeinde, zu zerstören. So zu handeln heißt, im Fleisch zu sein und gemäß Menschen zu wandeln (3:3–4). Daher müssen wir darauf achten, keine Vorlieben für Älteste, Mitarbeiter oder für Geschwister zu haben. Während wir lernen, unsere Natur, unser Sein und unser Tun nicht in die Gemeinde hineinzubringen, müssen wir zugleich lernen, keine Vorlieben für irgendwelche Personen zu haben. Wenn wir eine bestimmte Person erhöhen, werden wir den Tempel Gottes entstellen, verunreinigen, zerstören, und wir werden Gottes Strafe erleiden. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft dreiunddreißig, S. 300)

Wenn Menschen zu Maßstäben werden, verschiebt sich die Mitte der Gemeinde unmerklich. Man hört die vertrauten Sätze: „So hat es Bruder X immer gemacht“, „Schwester Y hat das anders gesehen“. Vorbilder sind kostbar, solange sie Fenster auf Christus sind. Werden sie jedoch zu Fixpunkten, haben wir unmerklich das Zentrum verschoben. Dabei erinnert Paulus die Korinther: „So rühme sich denn niemand (im Blick auf) Menschen, denn alles ist euer“ (1.Kor 3:21). Die Diener gehören der Gemeinde, nicht die Gemeinde den Dienern. Wo Christus in der Mitte bleibt, darf jede Gabe wirken, ohne dass aus Wertschätzung Verehrung wird.

Gott scheut sich nicht, auch durch schwache, begrenzte oder uns unsympathische Geschwister an uns zu arbeiten. Wer nur „geistliche Größen“ gelten lässt, schneidet sich von einem großen Teil der Werkzeuge ab, durch die Christus sich mitteilen will. Das Neue Testament zeichnet die Apostel gerade nicht als makellose Helden, sondern als Menschen, die lernen mussten, einander zu ertragen, zu korrigieren, zu ergänzen. In Römer 1.heißt es: „… um bei euch mitgetröstet zu werden, ein jeder durch den Glauben, der in dem anderen ist, sowohl euren als meinen“ (Röm. 1:12). Paulus erwartete Trost nicht nur von seinem starken Glauben, sondern auch von dem der anderen. Wer so denkt, kann dankbar empfangen, ohne jemanden zu verklären.

In dieser Sichtweise liegt eine sanfte Befreiung: Die Gemeinde muss nicht um menschliche Leitfiguren kreisen, sondern darf um Christus gesammelt sein. Namen verblassen, die eine Person wird groß. Dann verlieren auch Enttäuschungen an Schärfe; wenn ein geschätzter Diener versagt oder ein Vorbild anders handelt, als wir es erwartet hätten, bricht nicht das Fundament, sondern nur eine menschliche Projektion. Wo Christus die Mitte bleibt, kann die Gemeinde Einmütigkeit bewahren, selbst wenn die Gaben vielfältig sind und die Persönlichkeiten nicht zueinander passen. Und die Zuneigung zu Brüdern und Schwestern wird klarer, weil sie nicht mehr heimlich auf Bewunderung, sondern auf der gemeinsamen Zugehörigkeit zu Christus ruht.

Denn weil Neid und Streit unter euch ist, seid ihr da nicht fleischlich und wandelt nach Menschenweise? (1.Kor 3:3)

Denn wenn einer sagt: Ich gehöre zu Paulus!, der andere aber: Ich zu Apollos!, seid ihr da nicht menschlich? (1.Kor 3:4)

Wo Christus als Mittelpunkt neu entdeckt wird, wird das innere Bedürfnis, sich bestimmten „geistlichen Lagern“ zuzuordnen, schwächer. Statt sich an Menschen zu hängen oder sich gegen sie zu definieren, wächst eine stille Sicherheit: Der Herr selbst trägt seine Gemeinde. In dieser Sicherheit wird Wertschätzung klarer, Kritik sanfter und die Freude aneinander tiefer – nicht, weil Menschen makellos wären, sondern weil Christus groß geworden ist.

Alle Dinge für die Gemeinde, die Gemeinde für Christus, Christus für Gott

Am Ende seiner Korrektur führt Paulus die Korinther in eine überraschend weite Perspektive. Statt bei ihren Streitfragen stehenzubleiben, spannt er einen großen Bogen: „Es sei Paulus oder Apollos oder Kephas, es sei Welt oder Leben oder Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges: alles ist euer; ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes“ (1.Kor 3:22–23). Wo vorher um Namen gerungen wurde, öffnet sich der Blick auf „Welt, Leben, Tod, Gegenwärtiges, Zukünftiges“. Nichts davon läuft für Gott nebenbei. In seiner Hand wird alles zu Material, mit dem er die Gemeinde formt.

In den Versen 21 und 22 sagt Paulus: „Alles ist euer, es sei Paulus oder Apollos oder Kephas oder Welt oder Leben oder Tod oder Gegenwärtiges oder Zukünftiges; alles ist euer.“ Alle Dinge, einschließlich der Welt und sogar des Todes, sind unser und wirken zum Guten für uns (Röm. 8:28). Die Gläubigen in Korinth sagten, sie seien des Paulus oder des Apollos oder des Kephas (1:12), aber Paulus sagt, dass er, Apollos und Kephas ihnen gehören; alles ist ihr. Sie sind die Gemeinde, und alle diese Dinge sind für die Gemeinde. Darüber hinaus ist die Gemeinde für Christus, und Christus ist für Gott. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft dreiunddreißig, S. 301)

Wenn Paulus sagt „alles ist euer“, meint er nicht, dass die Gemeinde über alle Dinge souverän verfügt, sondern dass alle Dinge in Gottes Führung zu ihrem Besten mitwirken. Dasselbe bezeugt Römer 8: „Und wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten zusammenwirken, denen, die nach Seinem Vorsatz berufen sind“ (Röm. 8:28). Selbst Widerstände, Missverständnisse, Verluste, Krankheitszeiten oder äußere Begrenzungen werden zu Werkzeugen, mit denen Christus seinen Leib vertieft. Nicht jede Erfahrung ist an sich gut, aber Gott bleibt Herr über alle und lässt sie in eine gute Richtung zusammenwirken. So werden „alle Dinge“ zu Dienern der Gemeinde, auch wenn sie sich anfühlen wie Gegner.

Doch Paulus bleibt nicht bei der Gemeinde stehen: „Ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.“ Die Gemeinde existiert nicht um ihrer selbst willen. Sie ist der Leib, in dem Christus sich ausdrückt, und Christus ist der, in dem Gott sich zeigt. Was die Gemeinde betrifft, betrifft Christus; was Christus betrifft, führt zu Gott. Darum ist es so kostbar, dass die Gemeinde nicht einem Programm, einer Kultur oder einem Ideal gehört, sondern einer Person. Wenn sie Christus gehört, ist sie aufgehoben in seinem Gehorsam, seiner Liebe, seiner Nähe zum Vater. Die große Bewegung lautet: alle Dinge für die Gemeinde, die Gemeinde für Christus, Christus für Gott.

Wer diese Linie im Herzen aufnimmt, sieht Alltag und Gemeindeleben anders. Schwierigkeiten bleiben Schwierigkeiten, und doch stehen sie nicht mehr isoliert da. Ein Konflikt wird zu einer Gelegenheit, den Leib Christi tiefer zu erfahren; eine Phase der Schwäche wird zum Boden, auf dem Christus sich als Kraft zeigt; eine verwirrende Situation wird zu einem Ort, an dem Gottes Weisheit Raum gewinnt. So entsteht nach und nach eine stille, belastbare Zuversicht: nichts ist verloren, nichts ist sinnlos, nichts läuft aus Gottes Hand. Alles wird hineingezogen in den Weg, auf dem Gott durch Christus in seiner Gemeinde Gestalt gewinnt.

Es sei Paulus oder Apollos oder Kephas, es sei Welt oder Leben oder Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges: alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes. (1.Kor 3:22-23)

Und wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten zusammenwirken, denen, die nach Seinem Vorsatz berufen sind. (Röm. 8:28)

Wer im Vertrauen lebt, dass alle Dinge der Gemeinde dienen und die Gemeinde Christus gehört, muss nicht mehr alles kontrollieren oder sofort deuten. Es reicht, in der Verbundenheit mit Christus und seinem Leib auf dem Weg zu bleiben. Daraus erwächst eine nüchterne, aber fröhliche Gelassenheit: Weder Erfolge noch Enttäuschungen sind das Letzte; das Letzte ist, dass Gott durch Christus in seiner Gemeinde zum Ziel kommt – und dass unser Weg, so verschlungen er manchmal wirkt, Teil dieses Zieles ist.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du die Gemeinde als Deinen Leib liebst und dass nichts in unserem Leben an Deinem souveränen Plan vorbeigeht. Öffne unsere Augen, damit wir erkennen, wie oft wir aus eigener Weisheit, eigener Stärke und aus Vorlieben für Menschen an Deiner Gemeinde vorbeibauen. Reinige unser Herz von allem, was Deinen Tempel verunreinigt, und erfülle uns mit dem Glauben, dass alle Dinge zu unserem Guten und zum Aufbau Deiner Gemeinde mitwirken. Lehre uns, Deine Hand in jeder Situation zu sehen, auch in schwierigen Umständen und unvollkommenem Gemeindeleben, und bewahre uns in der Gewissheit, dass wir Dir gehören und Du ganz für Gott bist. Lass Dein Leben in uns wachsen, damit durch uns Deine Herrlichkeit sichtbar wird und Gott durch Dich in Deiner Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 33

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