Das Bauwerk mit natürlichen Dingen
Man kann in einer Gemeinde viel Aktivität, Engagement und sogar Opferbereitschaft sehen – und doch bleibt die Frage: Entspricht all das wirklich dem, was Gott bauen möchte, oder spiegelt es vor allem unsere Kultur, Prägung und Vorlieben wider? Paulus zeichnet in 1.Kor 3.ein eindrückliches Bild vom Bauwerk Gottes und warnt davor, dass auch Gläubige mit vergänglichen, natürlichen Dingen bauen können, die vor dem Feuer des Herrn keinen Bestand haben.
Was bedeutet es, mit Holz, Gras und Stroh zu bauen?
Paulus greift in seinem Bild vom Bauwerk Gottes zu einfachen, alltäglichen Stoffen: Holz, Gras und Stroh. Damit meint er nicht äußerlich schlechte Dinge, sondern alles, was aus unserer natürlichen Herkunft stammt – Denkweisen, Prägungen, Temperamente, Vorlieben, die nie unter das Kreuz gekommen sind. „Nach der Gnade Gottes, die mir gegeben ist, habe ich als ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer aber baut darauf; jeder aber sehe zu, wie er darauf baut“ (1.Kor 3:10). Schon die Formulierung „wie er darauf baut“ zeigt, dass der Herr nicht nur fragt, ob auf Christus gebaut wird, sondern womit. Kultur, Frömmigkeitsstil, theologische Lieblingsakzente und persönliche Ausstrahlung können das Gemeindeleben zutiefst prägen – und doch in Gottes Augen nur Brennmaterial sein.
Holz, Gras und Stoppeln stehen für die Erkenntnis, das Bewusstsein und die Errungenschaften, die aus dem Hintergrund der Gläubigen stammen (etwa aus dem Judentum oder anderen Religionen, aus Philosophie oder Kultur) sowie aus der natürlichen Lebensweise (die sich größtenteils in der Seele abspielt und das natürliche Leben ist). Holz kann im Gegensatz zu Gold stehen und die Natur des natürlichen Menschen bezeichnen; Gras kann im Gegensatz zu Silber stehen und den gefallenen Menschen bezeichnen, den Menschen des Fleisches (1.Petr. 1:24), der von Christus nicht erlöst ist; und Stoppeln können im Gegensatz zu kostbaren Steinen stehen und das Werk und den Lebenswandel bezeichnen, die aus einer irdischen Quelle hervorgehen, ohne jede Umwandlung durch den Heiligen Geist. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft siebenundzwanzig, S. 249)
Die Schrift hilft, die drei Bilder zu unterscheiden. Holz steht im Kontrast zu Gold und weist auf die ungebrochene Natur des Menschen hin – kräftig, nützlich, aber vergänglich und brennbar. Gras wird ausdrücklich mit dem gefallenen Menschen verbunden: „Denn ‚alles Fleisch ist wie Gras und alle seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt, und die Blume ist abgefallen“ (1.Petr. 1:24). Stroh schließlich erinnert an das, was nach der Ernte übrig bleibt: viel Volumen, wenig Substanz. So können auch Eifersucht, Parteiungen, kritischer Geist, ja sogar beeindruckende Aktivität das Gemeindebild prägen und dennoch aus einer rein irdischen Quelle fließen. Der Trost liegt darin, dass Gott uns diese Bilder nicht zeigt, um uns zu entmutigen, sondern um uns sanft aus dem Reich des Natürlichen herauszurufen hin zu einem Bau, der den Duft Christi trägt. Wo wir entdecken, dass unsere Gemeinschaft mehr an nationale Mentalität, Vereinsgeist oder Leitungsstile erinnert als an das Wesen des Herrn, ist das kein Ende, sondern ein liebevoller Beginn: Christus selbst möchte unser Baustoff werden und unser inneres Maß verändern.
Nach der Gnade Gottes, die mir gegeben ist, habe ich als ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer aber baut darauf; jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. (1.Kor 3:10)
Denn «alles Fleisch ist wie Gras und alle seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt, und die Blume ist abgefallen, (1.Pet. 1:24)
Es bringt Freiheit, die eigenen natürlichen Stärken und Prägungen nicht mehr als heimliches Kapital im Haus Gottes zu hüten, sondern sie im Licht dieses Bildes zu sehen. Was nicht durch Kreuz und Geist gewandelt ist, darf seinen Platz verlieren, ohne dass unsere Identität zerbricht – denn sie ruht nicht mehr in Herkunft, Kultur oder Charakter, sondern in Christus. Gerade dort, wo uns lieb gewordene Formen und Stile bröckeln, kann neu erfahrbar werden, dass Gottes Bauwerk nicht aus dem Stoff unserer Gewohnheiten besteht, sondern aus dem Leben seines Sohnes. Diese Einsicht macht nüchtern und zugleich zuversichtlich: Der Herr entlarvt unser Holz, Gras und Stroh nicht, um uns bloßzustellen, sondern um Raum für das zu schaffen, was wirklich bleibt.
Christus als einziges Fundament und wahres Baumaterial
Paulus betont mit großer Entschiedenheit, dass nur eine Grundlage gültig ist: Jesus Christus selbst. Auf ihn allein gründet Gott sein Haus, und doch bleibt Paulus nicht beim Fundament stehen. Er spricht von Gold, Silber und kostbaren Steinen – Bildern, die das Wesen dessen zeigen, womit wir bauen sollen. Gold weist auf die göttliche Natur hin, das unveränderliche, lichte Sein des Vaters. Silber erinnert an die Erlösung, in der der Sohn unser altes Leben beendet und uns in einen neuen Stand stellt. Kostbare Steine sprechen von Umwandlung: Rohes, unauffälliges Gestein, das durch Druck, Zeit und verborgenes Wirken in etwas Transparentes und Schönes verwandelt wird. „Uns aber hat Gott diese offenbart durch den Geist, denn der Geist erforscht alle Dinge, sogar die Tiefen Gottes“ (1.Kor 2:10). Es ist der Heilige Geist, der uns aus diesen Tiefen Gottes heraus zeigt, was wahrer Baustoff ist.
Die Gemeinde sollte jedoch weder westlich noch chinesisch sein, sondern einfach christlich. Das bedeutet, dass die Gemeinde in jeder Hinsicht und in jedem Aspekt mit Christus aufgebaut werden sollte. Alles, was die Gemeinde betrifft, muss Christus sein. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft siebenundzwanzig, S. 251)
Wo Christus Fundament und Inhalt wird, verliert die Gemeinde ihre kulturellen Etiketten. Dann ist sie nicht primär „deutsch“ oder „chinesisch“, „charismatisch“ oder „brüderisch“, sondern schlicht christlich – getragen von dem, was Christus ist und tut. „Rettete Er uns, nicht aus Werken in Gerechtigkeit, die wir getan hätten, sondern nach Seiner Barmherzigkeit, durch die Waschung der Wiedergeburt und die Erneuerung des Heiligen Geistes“ (Tit. 3:5): dieselbe Gnade, die uns aus reiner Barmherzigkeit errettet, ist auch die Kraft, die unser natürliches Bauen beendet und uns in ein neues, geistliches Arbeiten hineinführt. Immer wenn im Miteinander, im Dienst, im Leiten etwas von Gottes Sanftmut, von der reinigenden Wirkung des Kreuzes und von der stillen Umwandlung durch den Geist spürbar ist, schimmert dieses göttliche Baumaterial durch. Das lässt hoffen: Wir sind nicht darauf angewiesen, unsere Kultur geistlich aufzupolieren, sondern dürfen lernen, aus der inwohnenden Fülle Christi zu schöpfen. Er selbst wird dann zum Baustoff, der aus schwachen Menschen einen Wohnort für Gott formt.
Uns aber hat Gott diese offenbart durch den Geist, denn der Geist erforscht alle Dinge, sogar die Tiefen Gottes. (1.Kor 2:10)
rettete Er uns, nicht aus Werken in Gerechtigkeit, die wir getan hätten, sondern nach Seiner Barmherzigkeit, durch die Waschung der Wiedergeburt und die Erneuerung des Heiligen Geistes, (Tit. 3:5)
Christus als Fundament und Baustoff neu zu entdecken, löst den Druck, mit eigenen Mitteln Eindruck machen oder etwas „auf die Beine stellen“ zu müssen. Wo er die Mitte wird, dürfen vertraute Etiketten verblassen und gewohnte Ordnungen relativ werden, ohne dass Chaos entsteht – denn an ihre Stelle tritt die leise, beharrliche Wirksamkeit seines Lebens. Diese Ausrichtung macht mutig: Auch wenn vieles, was wir bisher als geistlich empfanden, sich als natürliches Material erweist, ist das kein Verlust ohne Ersatz. Der Herr bietet sich selbst an – als Gold, Silber und kostbare Steine – und lädt uns ein, Schritt für Schritt in einem anderen Stoff zu leben und zu dienen, der dem kommenden Tag standhält.
Das Feuer des Herrn und die Hoffnung trotz Verlust
Paulus spricht nüchtern von einem kommenden Tag, an dem das Werk eines jeden offenbar werden wird: „wird das Werk eines jeden offenbar werden; denn der Tag wird es offenkundig machen, weil es durch Feuer offenbart wird, und das Feuer selbst wird eines jeden Werk prüfen, welcher Art es ist“ (1.Kor 3:13). Das göttliche Feuer unterscheidet nicht nach Größe, Sichtbarkeit oder Erfolg, sondern nach Art: Ist das, was wir gebaut haben, aus göttlichem oder aus natürlichem Stoff? Holz, Gras und Stroh werden im Feuer vergehen, nicht weil Gott sie willkürlich verwirft, sondern weil sie seinem eigenen Wesen nicht entsprechen. Die Folge nennt Paulus „Schaden leiden“ – ein reales, schmerzhaftes Verlusterleben, wenn sichtbar wird, wie viel unseres Eifers an Gottes Absicht vorbeiging.
„Wenn jemandes Werk verbrennen wird, so wird er Schaden leiden, er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer.“ Das Werk aus Holz, Gras und Stoppeln taugt nur dazu, verbrannt zu werden. Dies ist das Werk, das bei der Wiederkunft des Herrn durch Sein richtendes Feuer verzehrt werden wird. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft siebenundzwanzig, S. 254)
Gerade in diese Ernsthaftigkeit hinein legt die Schrift aber eine ebenso klare Zusage: „Wenn jemandes Werk verbrennen wird, so wird er Schaden leiden, er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer“ (1.Kor 3:15). Die Frage im Gericht des Werkes ist nicht mehr die Frage der ewigen Errettung. Über sie ist bereits entschieden in dem Einen, der „allen, die Ihm gehorchen, zur Quelle ewiger Errettung geworden“ ist (Hebr. 5:9). Und dieser Retter sagt: „Und Ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden auf keinen Fall verloren gehen in Ewigkeit, und niemand wird sie Meiner Hand entreißen“ (Johannes 10:28). Der Tag des Feuers ist deshalb für die Glaubenden eine gleichzeitig ernste und tröstliche Perspektive: Ernst, weil nichts Nutzloses bleiben wird; tröstlich, weil selbst der, dessen Werk weitgehend verbrennt, in der Hand des guten Hirten geborgen bleibt. Aus dieser Spannung wächst eine stille Motivation: jetzt schon in dem zu leben und zu bauen, was dem Feuer verwandt ist. Nicht aus Angst vor Verlust, sondern aus der Gewissheit, dass der Herr alles Vergängliche verzehren wird, um uns freizumachen für das Unvergängliche, das er selbst in uns gewirkt hat.
und nachdem Er vollkommen gemacht worden ist, ist Er allen, die Ihm gehorchen, zur Quelle ewiger Errettung geworden (Hebr. 5:9)
und Ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden auf keinen Fall verloren gehen in Ewigkeit, und niemand wird sie Meiner Hand entreißen. (Joh. 10:28)
Die Vorstellung eines prüfenden Feuers könnte lähmen, würde sie nicht von der Stimme dessen begleitet, der uns ewige Errettung zuspricht. So wird sie nicht zur Drohung, sondern zu einem hellen Horizont: Unser Leben und unser Dienst laufen nicht ins Ungefähre, sondern auf einen Tag der Klärung zu. Was aus Christus ist, wird bleiben; was aus uns selbst stammt, darf vergehen. Diese Sichtweise nimmt der Gegenwart das Dramatische und verleiht ihr zugleich Gewicht. Sie ermutigt, manche scheinbare „Erfolge“ loszulassen und sich eher nach verborgenem, beständigem Werk des Geistes zu sehnen. In der Gewissheit, dass der Herr selbst uns durch sein Feuer hindurchträgt, kann der Blick weit werden: Er geht mit uns einen Weg, der nicht im Verlust endet, sondern in einem Bauwerk, das seine Herrlichkeit widerspiegelt.
Herr Jesus Christus, danke, dass du das einzige Fundament bist und dass unsere Errettung in dir sicher und ewig ist. Du siehst, wie viel Holz, Gras und Stroh noch in unseren Vorstellungen, Gewohnheiten und Diensten steckt. Reinige uns durch dein Wort und dein Licht, damit unser Bauen nicht vom Natürlichen, sondern von deiner göttlichen Natur, deiner Erlösung und dem Wirken deines Geistes geprägt wird. Wo du in unserem Leben und in der Gemeinde durchs Feuer gehst und Vergängliches verbrennst, schenk uns Vertrauen in deine Liebe und die Gewissheit, dass du uns nicht verwirfst, sondern läuterst. Lass dein Bauwerk in uns und unter uns Gestalt gewinnen, so dass mehr von dir sichtbar wird und weniger von uns. Bewahre uns in deiner Gnade, bis dein Werk vollendet ist. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 27