Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Geist des Menschen, der die Dinge des Menschen erkennt, und der Geist Gottes, der die Dinge Gottes erkennt (2)

12 Min. Lesezeit

Viele Christen sind entweder von Lehre oder von außergewöhnlichen Erfahrungen fasziniert – und merken kaum, wie leicht dabei der innere Kern des Glaubens übersehen wird. Paulus führt uns in 1.Kor 1–2.mitten in dieses Zentrum hinein: Er verbindet den menschlichen Geist mit dem Geist Gottes und zeigt, wie Christus als gekreuzigter und auferstandener Herr persönlich erkannt und erfahren werden kann. Wer dieser Linie folgt, entdeckt eine andere Sicht auf sich selbst, auf die Gemeinde und auf Gottes Ziel mit seinem Volk.

Die zwei Geister: sich selbst und Gott wirklich erkennen

Paulus legt den Finger auf eine Wirklichkeit, die sich der bloßen Beobachtung entzieht: Der Mensch versteht sich selbst in der Tiefe nicht über Denken, Fühlen oder Erfahrung, sondern über den Geist, den Gott ihm gegeben hat. Vernunft und Gefühl können viel beschreiben, analysieren und benennen, aber sie bleiben an der Oberfläche der Seele. Unter dieser Schicht gibt es ein Innerstes, das die Schrift unseren Geist nennt. Dort, in diesem uns selbst oft verschlossenen Zentrum, liegt unser eigentlicher Zustand – unsere wahren Motive, unsere verborgenen Ängste, unsere wirkliche Haltung Gott gegenüber. Darauf zielt 1. Korinther 2:11, wenn es heißt: „Denn wer von den Menschen weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist? So hat auch niemand erkannt, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes.“ Der Geist des Menschen ist die einzige Instanz in uns, die das Ganze unseres Menschseins wirklich „weiß“, weil er der von Gott angehauchte innerste Ort ist (vgl. 1. Mose 2:7).

Denn wer von den Menschen weiß, was im Menschen ist, außer dem Geist des Menschen, der in ihm ist? So hat auch niemand erkannt, was in Gott ist, außer dem Geist Gottes. Wenn wir die Dinge des Menschen und die Dinge Gottes erkennen wollen, brauchen wir diese beiden Geister: den menschlichen Geist und den göttlichen Geist. Weil die Gläubigen in Korinth diese beiden Geister vernachlässigten, konnten sie weder die Dinge des Menschen noch die Dinge Gottes erkennen. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft zwanzig, S. 179)

Gleichzeitig bleibt dieser menschliche Geist blind, wenn er für sich bleibt. Er ist befähigt, den Menschen zu erkennen, aber er dringt nicht in Gottes Wesen ein. Nur der Geist Gottes kennt die Tiefen Gottes und erschließt sie. Paulus formuliert daher parallel: Wie nur der Geist des Menschen die Dinge des Menschen kennt, so kennt nur der Geist Gottes die Dinge Gottes. Wenn Gott uns in seinem Sohn neu geboren hat, verbindet sich der Geist Gottes mit unserem Geist. Es entsteht eine verborgene, aber höchst reale innere Begegnung – eine Art heilige Werkstatt, in der Gott uns über uns selbst aufschließt und zugleich sein eigenes Herz offenbart. „Uns aber hat Gott diese offenbart durch den Geist, denn der Geist erforscht alle Dinge, sogar die Tiefen Gottes“ (1. Korinther 2:10).

Von hier her wird verständlich, warum die Gläubigen in Korinth trotz viel Wissen und vieler Gaben ihre eigentliche Lage nicht erkannten. Sie rühmten sich ihrer Weisheit, Kultur und Begabung, aber sie achteten wenig auf das stille Zeugnis des Geistes in ihrem Innern. Sie diskutierten über Leiter, Gaben und Erkenntnisse – und übersahen gleichzeitig ihren Stolz, ihre Unversöhnlichkeit, ihren verborgenen Neid. Der Geist des Menschen hätte ihnen ihre Spaltungen gezeigt, der Geist Gottes zugleich die Größe der Berufung, in die sie gestellt waren. Weil sie beide vernachlässigten, blieben sie sowohl in Selbsttäuschung über ihren Zustand als auch in Unklarheit über Gottes Ziel mit ihnen. Dogmatische Korrektheit und religiöse Betriebsamkeit können denselben Schleier erzeugen, wenn der innere Umgang mit Gott vernachlässigt wird.

Wo der wiedergeborene Geist jedoch ernstgenommen wird, verliert das Christsein seinen rein lehrhaften oder rein sensationsorientierten Charakter. Gottes Geist prüft, erhellt, tröstet und richtet auf – nicht laut, sondern oft leise und anhaltend. Er zeigt, was im Menschen ist, ohne zu zerstören, und führt in Gottes Gedanken ein, ohne zu überfordern. Dann wird das Evangelium nicht nur verstanden, sondern wie ein Licht, das jeden Winkel unseres Innern erreicht. Es entsteht eine nüchterne, zugleich hoffnungsvolle Sicht auf uns selbst: ehrlich gegenüber Schwachheit und Schuld, aber getragen von dem Wissen, dass Gott genau an diesem Ort gegenwärtig ist.

Denn wer von den Menschen weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist? So hat auch niemand erkannt, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes. (1.Kor 2:11)

Uns aber hat Gott diese offenbart durch den Geist, denn der Geist erforscht alle Dinge, sogar die Tiefen Gottes. (1.Kor 2:10)

Wer den eigenen Geist und den Geist Gottes ernstnimmt, gewinnt einen inneren Ort, an dem Wahrheit und Gnade sich begegnen. In dieser Begegnung wächst ein stiller Mut, sich von Gott anschauen zu lassen, und zugleich eine wachsende Klarheit über Gottes Gedanken. Daraus erwächst ein Leben, das weniger von äußeren Eindrücken gesteuert ist, sondern mehr von einer leisen, doch tragfähigen Gewissheit: Gott spricht in meinem Geist, Er kennt mich, und Er führt mich hinein in das, was Er mir geschenkt hat.

Der gekreuzigte Christus als Mittelpunkt von Gottes Plan

Mitten in eine Gemeinde, die von Parteiengeist, Stolz auf Gaben und vielfältigen Lehrmeinungen geprägt war, setzt Paulus einen schlichten, aber radikalen Satz: „Denn ich hatte mich dafür entschieden, unter euch nichts außer Jesus Christus zu wissen, und diesen als gekreuzigt“ (1. Korinther 2:2). Dieser Entschluss ist keine Verengung, sondern eine Konzentration. Der Apostel blendet nicht alles andere aus, aber er ordnet alles – auch Lehre, Gaben und Gemeindepraxis – unter die eine Mitte: Christus, und zwar Christus im Zeichen des Kreuzes. Am Kreuz ist alles ans Licht gebracht und verurteilt worden, was den Menschen von Gott trennt: Sünde, religiöse Selbstgerechtigkeit, menschliche Weisheit, die sich gegen Gott erhebt, und die selbstdarstellerische Suche nach geistlichem Prestige.

Im Blick auf die Spaltung und Verwirrung in Korinth stützte sich Paulus nicht auf Lehre. Stattdessen nahm er die Erfahrung Christi als Grundlage. In 2:1 und 2 heißt es: „Und ich, als ich zu euch kam, Brüder, kam nicht mit Vortrefflichkeit der Rede oder Weisheit, indem ich euch das Zeugnis Gottes verkündigte. Denn ich nahm mir vor, nichts unter euch zu wissen außer Jesus Christus, und zwar Ihn als gekreuzigt.“ Der gekreuzigte Christus war das einzigartige Thema, das Zentrum, der Inhalt und die Substanz des Dienstes des Apostels. Christus als Gekreuzigter ist das Zentrum der Ökonomie Gottes. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft zwanzig, S. 184)

Damit macht Paulus deutlich, dass Gottes Plan nicht in erster Linie eine Sammlung religiöser Einsichten oder Systeme ist, sondern eine Person: der Sohn, der sich am Kreuz hingibt und in der Auferstehung als lebengebender Geist zu uns kommt. Das Kreuz ist für ihn nicht nur der Beginn des Glaubens, sondern die laufende Mitte allen geistlichen Lebens. „Damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft beruhe“, heißt es in 1. Korinther 2:5. Diese Kraft ist keine anonyme Energie, sondern der gekreuzigte und auferstandene Christus selbst, der sich denen mitteilt, die sich Ihm öffnen. So wird Er uns „zur Weisheit von Gott und zur Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung“ (vgl. 1. Korinther 1:30).

In dieser Perspektive verlieren viele für Korinth so zentrale Themen ihre scheinbare Größe. Die Frage, wer der bedeutendste Lehrer ist – Paulus, Apollos oder Kephas – relativiert sich, sobald nur noch einer im Mittelpunkt stehen darf, der sich am Kreuz entäußert hat. Die Diskussion um Gaben und spektakuläre Erscheinungen tritt zurück, wenn das Kriterium nicht mehr Wirkung nach außen, sondern Übereinstimmung mit dem gekreuzigten Herrn ist. Wo der Gekreuzigte die Mitte ist, tritt das eigene Ich aus dem Rampenlicht, und die Gemeinde wird von einem Raum der Konkurrenz zu einem Raum der Hingabe. Das Kreuz schützt vor Ablenkungen, weil es beständig fragt: Dient dies Christus, wie Er sich am Kreuz gezeigt hat, oder dient es meinem eigenen Ruhm?

Zugleich öffnet der gekreuzigte Christus den Blick für die Fülle, zu der wir berufen sind. In der Auferstehung ist Er nicht im Tod geblieben, sondern ist der geworden, der uns in Gottes eigenes Leben hineinzieht. So heißt es über Gottes Verheißungen: „… damit ihr durch diese Teilhaber der göttlichen Natur werdet“ (2. Petrus 1:4). Diese Teilhabe ist nichts anderes als die Frucht des Kreuzes. Was am Kreuz gerichtet wurde, wird in der Auferstehung verwandelt; was begrenzt war, wird hineingenommen in Gottes Weite; was an die alte Schöpfung gebunden war, wird hineinversetzt in eine neue Wirklichkeit in Christus.

Denn ich hatte mich dafür entschieden, unter euch nichts außer Jesus Christus zu wissen, und diesen als gekreuzigt. (1.Kor 2:2)

damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft beruhe. (1.Kor 2:5)

Ein Herz, das den gekreuzigten Christus in die Mitte stellt, wird innerlich gesammelt und entlastet zugleich. Es muss nicht mehr in jeder Frage das letzte Wort haben, sondern darf sich in die Bewegung hineinnehmen lassen, in der Gott durch das Kreuz alles auf Christus hin ordnet. Daraus wächst ein nüchterner, zugleich freier Blick auf Gemeindeleben, Dienst und persönliche Frömmigkeit: Vieles wird wichtig, aber nur eines bleibt entscheidend – dass Christus, wie Er sich am Kreuz offenbart hat, Gestalt gewinnt.

Der Leib Christi: die Frucht des einen Geistes in vielen Gliedern

Wenn Paulus vom Wirken des einen Geistes spricht, zielt er nicht zuerst auf außergewöhnliche Erfahrungen, sondern auf ein organisches Ganzes: den Leib Christi. Gottes Weg mit uns läuft nicht auf eine Sammlung besonders begabter Einzelner hinaus, sondern auf ein lebendiges Miteinander, in dem Christus in vielen verschiedenartigen Gliedern Gestalt gewinnt. In seinen Briefen zeichnet Paulus dieses Bild in großer Dichte: Die Gemeinde ist „der Leib Christi, die Fülle Christi, die Wohnstätte Christi, die Braut Christi und sogar der neue Mensch“. Dahinter steht eine Bewegung Gottes selbst: Der Dreieine Gott ist durch Menschwerdung, Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt hindurchgegangen, um als lebengebender Geist in die Glaubenden einziehen zu können. So entsteht ein innerer Zusammenhang: Wir sind in Christus, Christus ist in uns, und wir sind mit Ihm „als ein Geist“ verbunden (vgl. 1. Korinther 6:17).

In seinen Briefen offenbart Paulus außerdem, dass die Gemeinde der Leib Christi, die Fülle Christi, die Wohnstätte Christi, die Braut Christi und sogar der neue Mensch ist. Ferner macht Paulus in seinem Dienst deutlich, dass wir in Christus sind, dass Christus in uns ist und dass wir mit Christus als ein Geist verbunden sind. (Witness Lee, Life-Study of 1 Corinthians, Botschaft zwanzig, S. 185)

Diese Verbindung geschieht konkret, wenn Gott unseren menschlichen Geist berührt. Wer den Namen des Herrn anruft, wird nicht nur äußerlich gläubig, sondern innerlich neu. Der Geist Gottes kommt in den menschlichen Geist und beginnt, ihn auszurichten, zu erhellen, zu kräftigen. Aus dieser verborgenen Mitte heraus beginnt ein Wachstum im Leben bis zur Reife. Das äußert sich nicht zuerst in Leistungen, sondern in einer Veränderung der inneren Reaktionsweise: Christus wird mehr zum Maßstab, zur Freude, zur Kraftquelle. „Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir die Dinge kennen, die uns von Gott geschenkt sind“ (1. Korinther 2:12). Dieses Kennen ist mehr als Information; es ist Teilhabe. Was Christus ist und hat, beginnt in vielen Gliedern unterschiedlich aufzuleuchten, und gerade darin wird der Leib sichtbar.

So entsteht eine Gemeinde, die nicht durch äußere Gleichförmigkeit, sondern durch das gemeinsame Innensein in demselben Geist geprägt ist. Die Glieder unterscheiden sich in Temperament, Begabung und Geschichte, aber sie tragen denselben inneren Stempel: Christus wohnt in ihnen. Dort, wo der Geist Raum bekommt, rückt der Blick weg von reiner Formenpflege und von der Faszination des Spektakulären hin zur Frage: Was dient dem Aufbau des Leibes? Paulus fasst es so: „damit ihr euch auf denselben Sinn und auf dieselbe Meinung ausrichten lasst“ (1. Korinther 1:10). Dieser „Sinn“ ist kein bloßer Konsens, sondern der Sinn Christi (vgl. 1. Korinther 2:16), der in vielen Herzen zur gemeinsamen inneren Richtung wird.

Gerade in dieser Perspektive wird deutlich, wie der Leib Christi die Frucht des einen Geistes in vielen Gliedern ist. Der Geist wirkt nicht abstrakt, sondern immer konkret in Einzelnen – tröstend, überführend, ermutigend –, und doch zielt Sein Wirken über das Individuum hinaus. Was Er in einem Glied wirkt, ist zum Wohl der anderen bestimmt; was Er einem offenbart, soll zur Erbauung des Ganzen dienen. Wenn Christus in uns wächst, werden wir zu Kanälen des Lebens für andere: „Für den Aufbau des Leibes Christi müssen wir Leben darreichen; wir erfahren und genießen das Auferstehungsleben innerlich und reichen dann dieses Leben dar, indem wir ein Kanal sind, durch den dieses Leben in andere Glieder des Leibes hineinfließen kann.“

Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir die Dinge kennen, die uns von Gott geschenkt sind. (1.Kor 2:12)

Ich flehe euch nun an, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle dasselbe redet und dass keine Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr euch auf denselben Sinn und auf dieselbe Meinung ausrichten lasst. (1.Kor 1:10)

Wer lernt, das Wirken des einen Geistes im eigenen Geist zu achten, entdeckt nach und nach seine Zugehörigkeit zu etwas Größerem: zum Leib Christi. Diese Zugehörigkeit nimmt dem Glauben die Enge eines rein privaten Projekts und gibt ihm den Raum einer gemeinsamen Geschichte mit Gott und den Geschwistern. So wächst eine stille Bereitschaft, das eigene Leben als Teil dieses Leibes zu verstehen – nicht überheblich, aber auch nicht gering von sich denkend, sondern getragen von der Gewissheit, dass Christus sich gerade durch viele verschiedene Glieder sichtbar machen will.


Herr Jesus Christus, danke, dass du als der lebengebende Geist in unseren Geist gekommen bist und uns nicht im Dunkel über uns selbst oder über deine Gedanken lässt. Öffne unsere inneren Augen, damit wir weniger von menschlicher Weisheit und spektakulären Eindrücken bestimmt werden, sondern mehr von dir selbst als dem Gekreuzigten und Auferstandenen in uns. Lass deinen Geist in unserem Geist frei wirken, damit wir in dir zur Reife kommen und miteinander als dein Leib leben, durch den du heute sichtbar wirst. Richte unseren Blick immer wieder auf dich als die Mitte von Gottes Plan, und stärke in uns die Hoffnung, dass du deine Gemeinde zu einer bereiten Braut vollendest. In deiner Treue bewahrst du, was du begonnen hast, und du wirst es zur Herrlichkeit führen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 Corinthians, Chapter 20

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