Das Wort des Lebens
lebensstudium

Im Geist sein, um das Werk des Geistes zu erfahren

12 Min. Lesezeit

Viele Christen kennen die Verheißungen eines kraftvollen Lebens mit Gott und erleben doch oft Frust, Versagen und geistliche Trockenheit. Häufig suchen wir dann nach neuen Methoden, Ratgebern und Anleitungen: wie man richtig betet, wie man heilig lebt, wie man Sünde überwindet. Paulus zeichnet in Römer 8 jedoch keinen Katalog geistlicher Techniken, sondern öffnet den Blick für eine grundlegende Tatsache: Wer an Christus glaubt, ist von Gott her bereits „im Geist“, und gerade diese Stellung soll unser tägliches Erleben tragen. Wo wir lernen, Gottes vollbrachtes Werk zu bejahen statt uns um uns selbst zu drehen, beginnt der Geist seine stille, aber tiefgreifende Arbeit in uns zu entfalten.

Im Geist statt im Fleisch – Gottes Tatsache annehmen

Wenn Paulus sagt: „Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn der Geist Gottes wirklich in euch wohnt“ (Röm. 8:9), spricht er nicht zuerst über unsere wechselhaften Stimmungen, sondern über eine von Gott geschaffene Wirklichkeit. Der Dreieine Gott hat in Seinem Sohn alles vollbracht: Er wurde Mensch, lebte ohne Sünde, starb stellvertretend, stand auf aus den Toten und wurde der lebengebende Geist, der in die Glaubenden hineinkommt. Durch das Hören und Glauben der frohen Botschaft wurden wir nicht zu Menschen mit einem religiösen Verbesserungsprogramm, sondern zu Menschen, in denen Christus selbst Wohnung genommen hat. Deshalb heißt es: „ALSO (gibt es) jetzt keine Verdammnis für die, welche in Christus Jesus sind“ (Röm. 8:1). Wo keine Verdammnis mehr ist, da ist ein neuer Standort entstanden – weg aus dem alten Bereich des Fleisches, hinein in die Sphäre des Geistes.

Um das „Im-Geist-Sein“, wie es in Vers 9 erwähnt wird, zu verstehen, ist es hilfreich, sich vor Augen zu führen, wie wir gerettet wurden. Als wir die Verkündigung des Evangeliums hörten, erkannten wir sie und nahmen sie an. Es war nicht nötig, dass wir sagten: „Von jetzt an muss ich mich so verhalten, dass es Gott gefällt. In der Vergangenheit habe ich viele sündige Dinge getan. Wenn ich meine Sünden bekenne und mir vornehme, mein Verhalten zu verbessern, dann werde ich gerettet werden.“ Das ist falsch. Dieses falsche Konzept kann das christliche Leben eines Menschen jahrelang beeinflussen. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft neunundsechzig, S. 713)

Gerade dieser Unterschied zwischen Gottes Tatsache und unserem Empfinden ist für das geistliche Leben entscheidend. Innerlich kennen viele die Sprache des siebten Kapitels des Römerbriefes: das Ringen, das Scheitern, das Gefühl eines „elendigen Menschen“. Unmerklich verschiebt sich der Fokus: statt auf Christi vollbrachtes Werk auf eigene Anstrengung, statt auf das Geschenk auf das, was noch zu verbessern wäre. Römer 8 führt auf einen anderen Weg. Es ruft dazu, Gottes Zuspruch innerlich zu bejahen: Der Geist Gottes wohnt in mir, darum bin ich im Geist, auch wenn meine Gefühle nicht mithalten und meine Geschichte Brüche kennt. Dieses stille „Amen“ zum Wort, dieses Sich-innerlich-auf-die-Tatsache-Stellen, wird selbst schon zum Wirken des Geistes. Der Verstand, der sonst in Selbstbeobachtung kreist, beginnt, sich „auf die Dinge des Geistes“ zu richten, und damit kehren Leben und Friede ein (Röm. 8:5–6). So wächst eine nüchterne, aber tiefe Zuversicht: Ich trage Gottes Geist, und darum ist jeder Tag – mit allen Schwankungen – in der Wirklichkeit des Geistes verankert. Das entlastet von dem Druck, geistliche Höhen erreichen zu müssen, und öffnet Raum, das leise, treue Wirken des Geistes im Gewöhnlichen zu entdecken.

Im Licht dieser Tatsache verliert das christliche Leben seinen nervösen Grundton. Wer sich immer wieder von neuem an die Wahrheit hält, dass er im Geist ist, wird innerlich stabiler. Versagen, Versuchung oder Müdigkeit werden dadurch nicht harmlos, aber sie definieren nicht mehr die Identität. Stattdessen tritt eine andere Stimme in den Vordergrund: der Zuspruch Gottes, dass Sein Geist wirklich in uns wohnt. Aus dieser Gewissheit entspringt ein leiser Mut, den Tag zu begehen, Beziehungen zu tragen, Arbeit zu tun – nicht aus dem Zwang, sich zu beweisen, sondern aus dem Bewusstsein: Ich lebe nicht allein. Die Tatsache, im Geist zu sein, wird zur stillen Basis, aus der Trost, Korrektur und neue Schritte wachsen. Wer so lernt, Gottes Wort über die eigenen wechselnden Bilder zu stellen, entdeckt nach und nach, wie viel Freiheit in diesem einfachen Vertrauen liegt.

ALSO (gibt es) jetzt keine Verdammnis für die, welche in Christus Jesus sind. (Röm. 8:1)

Denn die, die nach dem Fleisch sind, richten den Verstand auf die Dinge des Fleisches, die aber, die nach dem Geist sind, auf die Dinge des Geistes. (Röm. 8:5)

Im Alltag beginnt dieses „Im-Geist-Sein“ damit, dass wir Gottes Sichtweise an die erste Stelle setzen: Wir dürfen uns an das erinnern, was Er getan hat, und innerlich Ja dazu sagen, noch bevor sich etwas besser anfühlt. Der Geist Gottes, der in uns wohnt, macht dieses Ja lebendig und verwandelt es zunehmend in eine Haltung des Vertrauens. So wird das Evangelium nicht nur zur Eintrittskarte in den Glauben, sondern zur tragenden Wirklichkeit jedes Tages.

Der vermischte Geist – Gottes Geist und unser Geist als eine Wirklichkeit

Wenn der Römerbrief beschreibt, wie der Geist Gottes in uns wirkt, gebraucht er eine auffallend innige Sprache: „Der Geist Selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind“ (Röm. 8:16). Das ist mehr als eine äußere Stimme, die neben uns steht und uns etwas zuruft. Es ist ein gemeinsames Zeugnis: Gottes Geist und unser wiedergeborener menschlicher Geist sprechen gewissermaßen mit einer vereinten Stimme. Darum kann man von einem vermischten Geist sprechen – nicht im Sinn einer Vermengung, die Gott und Mensch verwischt, sondern als tiefe Gemeinschaft, in der der göttliche Geist unseren Geist erfüllt, durchdringt und als sein inneres Organ gebraucht. So wird unser Geist zum Ort, an dem der Dreieine Gott sich mit dem Menschen verbindet.

Es ist nicht leicht festzustellen, ob das Wort Geist in der Wendung „im Geist“ großgeschrieben werden sollte. Der Grund dafür ist, dass sich dieses Wort auf den vermengten Geist bezieht, auf den göttlichen Geist, der mit unserem wiedergeborenen menschlichen Geist vermengt ist. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft neunundsechzig, S. 716)

Aus dieser Einheit entfaltet Paulus verschiedene Wirkungen. Der Geist ist der innewohnende Geist: „Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn der Geist Gottes wirklich in euch wohnt“ (Röm. 8:9). Er kommt nicht auf Besuch, sondern richtet bleibend Wohnung ein. Derselbe Geist ist der lebengebende Geist: „Wenn aber Christus in euch ist, ist zwar der Leib der Sünde wegen tot, der Geist aber ist Leben der Gerechtigkeit wegen“ (Röm. 8:10). Mitten in Müdigkeit, innerer Leere oder Versagen fließt von innen her eine neue Lebenskraft, die nicht aus unserer Willensanstrengung stammt. Zugleich wirkt der Geist als tötender Geist: „wenn ihr aber durch den Geist die Handlungen des Leibes zu Tode bringt, werdet ihr leben“ (Röm. 8:13). Das geschieht oft unspektakulär: Ein Gedanke verliert seine Macht, ein altes Muster wird unterbrochen, ein unheiliger Impuls wird leiser – weil der Geist im Verborgenen die Herrschaft Christi zur Geltung bringt.

Der vermischte Geist ist darüber hinaus der führende und rufende Geist. „Denn so viele vom Geist Gottes geleitet werden, diese sind Söhne Gottes“ (Röm. 8:14). Die Leitung des Geistes ist selten laut, eher ein stilles Ziehen, ein innerer Frieden in einer Richtung und Unruhe in einer anderen. Und in derselben Innerlichkeit erklingt der Ruf der Sohnschaft: „einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir schreien: Abba, Vater!“ (Röm. 8:15). Unser Rufen und des Geistes Rufen fallen ineinander – unser kindliches Vertrauen ist Ausdruck Seines Werkes in uns. In Schwachheit zeigt sich dieselbe Einheit: „In gleicher Weise kommt außerdem der Geist unserer Schwachheit zu Hilfe … der Geist Selbst tritt mit unaussprechlichen Seufzern fürbittend für uns ein“ (Röm. 8:26). Unsere Seufzer und seine Fürbitte berühren sich; unsere Hilflosigkeit wird nicht verdrängt, sondern vom Geist aufgenommen und vor Gott getragen.

Wer lernt, das eigene Innenleben unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten, erkennt nach und nach: Viele leise Impulse, Tröstungen oder auch korrigierende Unruhen waren nicht nur „mein Bauchgefühl“, sondern Ausdruck des vermischten Geistes. Dadurch verliert das geistliche Leben seine Schwere. Es geht weniger darum, besondere Erlebnisse zu produzieren, und mehr darum, im Alltag auf diese sanfte, treue Gegenwart zu achten. Jeder Ort, an dem wir sind, kann so zum Raum der Begegnung mit Gott werden: im Gespräch, in der Stille, in der Arbeit. In all dem bleibt die Zusage bestehen, dass der Geist in uns bezeugt, leitet, tötet, lebendig macht und bittend eintritt. Diese Gewissheit schenkt Ruhe: Das Entscheidende geschieht nicht am Rand, sondern im Zentrum unseres Seins – dort, wo Gottes Geist und unser Geist eins geworden sind.

Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn der Geist Gottes wirklich in euch wohnt. Doch wenn jemand den Geist Christi nicht hat, ist er nicht Sein. (Röm. 8:9)

Wenn aber Christus in euch ist, ist zwar der Leib der Sünde wegen tot, der Geist aber ist Leben der Gerechtigkeit wegen. (Röm. 8:10)

Der vermischte Geist bedeutet, dass jede innere Bewegung nicht vorschnell als bloß subjektiv abgetan werden muss. Wo ein stilles Ziehen zu Christus hin, ein Licht über Gottes Wort oder eine heilsame Unruhe über das eigene Verhalten spürbar wird, wirkt der Geist Gottes in unserem Geist. Das macht wachsam, aber nicht verkrampft: Wir dürfen nüchtern prüfen und zugleich darauf vertrauen, dass Gott uns nicht von außen antreibt, sondern uns von innen her in die Kindschaft, in die Freiheit und in ein reiferes Leben mit Ihm hineinführt.

Die erste Frucht jetzt, die volle Herrlichkeit kommt

Römer 8 weitet den Blick über das Jetzt hinaus und bindet das gegenwärtige Wirken des Geistes an eine gewaltige Zukunftsperspektive. „Und nicht nur dies, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns und erwarten sehnlichst die Sohnschaft, die Erlösung unseres Leibes“ (Röm. 8:23). Paulus beschreibt den Geist als Erstlingsgabe – als erste Frucht einer noch kommenden Fülle. Alles, was wir heute an innerer Erneuerung, Trost, Korrektur, Führung, kindlicher Freiheit und Kraft gegen die Sünde erfahren, ist Vorgeschmack. Es ist real, aber noch nicht die Vollheit. So wie die erste Frucht den Charakter der ganzen Ernte trägt, so trägt jede Erfahrung im Geist bereits den Geschmack der kommenden Herrlichkeit in sich.

Schließlich haben wir gemäß Vers 23 „die Erstlingsfrucht des Geistes“. Was wir heute genießen, ist nur die Erstlingsfrucht, noch nicht die volle Ernte. Die Erstlingsfrucht ist ein Beispiel, ein Vorgeschmack, eine Garantie für den vollen Geschmack, der noch kommt. Wie Vers 23 zeigt, steht dieser volle Geschmack in Beziehung zur Erlösung unseres Leibes. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft neunundsechzig, S. 719)

Gerade darum gehört zu einem Leben im Geist auch das Seufzen. Die Gegenwart des Geistes hebt uns nicht aus der Realität von Schwachheit, Leid und Unvollkommenheit heraus, sondern macht uns zugleich empfindsamer für das, was noch aussteht. In uns selbst, in der Schöpfung, in der Geschichte ist vieles noch nicht so, wie es der verherrlichte Christus einmal voll sichtbar machen wird. Der Geist aber ist Unterpfand, Garant und Voranzahl: Was Gott begonnen hat, wird Er vollenden. „Und wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird Er, der Christus von den Toten auferweckt hat, durch Seinen Geist, der in euch wohnt, auch euren sterblichen Leibern Leben geben“ (Röm. 8:11). Der Geist, der jetzt unser Inneres lebendig macht, wird einmal auch unseren Leib in die Auferstehungsherrlichkeit hineinziehen. So verbindet der Geist die innere Gegenwart Gottes mit der zukünftigen Verwandlung des ganzen Menschen.

Diese Hoffnung schützt davor, das Leben im Geist mit momentanen Hochgefühlen zu verwechseln. Manches bleibt spannungsvoll: Gebete werden nicht sofort erhört, Krankheit bleibt, innere Kämpfe hören nicht abrupt auf. Doch in allem geht eine leise Linie der Hoffnung durch: Der Geist, der in uns ruft, „Abba, Vater“, ist derselbe, der in uns die Sehnsucht nach der kommenden Herrlichkeit wachhält. Unsere jetzigen Erfahrungen im Geist – ob hell oder dunkel – sind Stationen auf einer größeren Reise. Sie haben Gewicht, aber sie sind nicht das letzte Wort. Das letzte Wort gehört der Sohnschaft in ihrer Vollendung, der Erlösung des Leibes, der Freiheit der Herrlichkeit, in die Gott Seine Kinder führen wird.

Wer diese Perspektive im Herzen trägt, lebt gelassener und zugleich wacher. Gelassener, weil Schuldgefühle, Leistungsdruck und Versagensängste nicht mehr das Zentrum bilden, sondern das Vertrauen, dass Gott selbst der Vollender ist. Wacher, weil jeder kleine Gehorsam, jedes stille Gebet, jedes Loslassen in dieses große Werk eingeflochten ist, das der Geist jetzt in uns und einmal sichtbar an uns vollbringen wird. So wird das Leben im Geist zu einem Weg der Hoffnung: Heute schon echte Erfahrungen des Geistes, morgen die volle Entfaltung dessen, was jetzt als Erstlingsfrucht in uns gegenwärtig ist. Diese Hoffnung trägt durch Dunkelheiten, relativiert die Macht des Sichtbaren und macht innerlich frei, den nächsten Schritt zu gehen – mit dem Wissen, dass der Geist, der in uns wohnt, auch unsere Zukunft in Gottes Hände gelegt hat.

Und wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird Er, der Christus von den Toten auferweckt hat, durch Seinen Geist, der in euch wohnt, auch euren sterblichen Leibern Leben geben. (Röm. 8:11)

Und nicht nur dies, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns und erwarten sehnlichst die Sohnschaft, die Erlösung unseres Leibes. (Röm. 8:23)

Die Erstlingsfrucht des Geistes erinnert daran, dass unser jetziges Erleben nicht die ganze Geschichte ist. Die innere Gegenwart Gottes, die wir kennen, ist Vorgeschmack auf eine viel größere Herrlichkeit. Das nimmt dem Heute nicht seine Ernsthaftigkeit, aber seinen absoluten Anspruch. Mit dieser Hoffnung lässt sich das eigene Leben realistischer und zugleich hoffnungsvoller sehen: als Weg, auf dem der Geist uns durch Höhen und Tiefen hindurch auf die volle Verwandlung vorbereitet, die Gott zugesagt hat.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Romans, Chapter 69

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