Bestimmung
Viele Christen verbinden das Evangelium vor allem mit Vergebung, einem neuen Anfang und der Hoffnung auf den Himmel. Doch zwischen Bekehrung und himmlischer Herrlichkeit liegt ein gewaltiger Spannungsbogen: Was hat Gott eigentlich mit unserem Leben hier und jetzt vor? Der Römerbrief öffnet den Blick dafür, dass Gottes Herz weit über unsere persönliche Rettung hinausreicht: Er will aus Sündern Söhne machen, die seinen Sohn widerspiegeln und gemeinsam zu einem lebendigen Ausdruck seiner Herrlichkeit werden.
Gottes Ziel: viele Söhne für eine gemeinsame Ausdrucksweise
Wenn der Römerbrief davon spricht, dass Paulus „zum Evangelium Gottes abgesondert“ wurde, dann wird der Inhalt dieses Evangeliums überraschend konkret: Es geht um den Sohn, „der hervorgegangen ist aus dem Samen Davids nach dem Fleisch“ und „als Sohn Gottes in Kraft eingesetzt ist … durch Totenauferstehung“ (Röm. 1:3–4). Gottes gute Botschaft dreht sich also nicht zuerst um unsere Probleme, sondern um seine Absicht mit seinem Sohn. Vergebung, Rechtfertigung, Versöhnung – all das sind notwendige und kostbare Wirkungen des Evangeliums, aber nicht sein Zentrum. Im Zentrum steht eine Beziehung: der Sohn mit dem Vater und viele Söhne, die in diese Beziehung hineingenommen werden. Wenn Johannes schreibt: „Niemand hat Gott je gesehen; der einziggeborene Sohn, der in der Brust des Vaters ist, Er hat Ihn kundgetan“ (Johannes 1:18), dann leuchtet hier auf, was Sohnschaft bedeutet: Der Sohn macht sichtbar, wer der Vater ist. Er ist nicht nur Bote, sondern Träger und Ausdruck des väterlichen Lebens.
Nach der Bibel besteht die geistliche Bedeutung der Sohnschaft darin, dass ein Sohn der Ausdruck seines Vaters ist. Gott wünscht Sich viele Söhne, weil es Seine Absicht ist, Sich Selbst in einer gemeinschaftlichen Weise auszudrücken. Er möchte nicht nur einen individuellen Ausdruck in dem einziggeborenen Sohn, sondern einen Ausdruck des Leibes, einen gemeinschaftlichen Ausdruck, in vielen Söhnen. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft zweiundfünfzig, S. 549)
Von hier aus wird verständlich, warum Gott nicht bei einem einzigen Sohn stehen bleibt. Der einziggeborene Sohn sollte in der Auferstehung zum Erstgeborenen unter vielen Brüdern werden, damit Gott eine vielstimmige, gemeinschaftliche Ausdrucksweise seines Lebens bekommt. In Hebräer 2:10 heißt es, dass Gott „viele Söhne in die Herrlichkeit“ bringt. Diese Herrlichkeit ist nicht äußere Gloriole, sondern die Ausstrahlung seines Wesens in Menschen, die sein Leben empfangen haben. Durch Wiedergeburt macht er uns zu Teilhabern seiner Natur, wie es in 2. Petrus 1:4 heißt: „… damit ihr durch diese der göttlichen Natur teilhaftig werdet.“ Aus begnadigten Sündern werden Kinder, deren Identität, Denken und Verhalten von einem anderen Leben durchdrungen werden. In diesem Licht erscheint auch die Gemeinde neu: Nicht als religiöser Verein, sondern als Leib Christi, in dem Christus das Haupt ist und die vielen Söhne die Glieder sind, durch die er sich gemeinsam ausdrückt. Das kann leise beginnen – in unscheinbaren Beziehungen, in kleinen Gehorsamsschritten, in unspektakulären Diensten – und ist doch von größter Tragweite: Gott formt sich in einem Menschenvolk einen Wohnraum für seine Liebe. Wer seine eigene Geschichte vor diesem Hintergrund liest, darf entdecken, dass Gottes Ziel mit ihm größer ist als ein „gerettetes Leben“; er will, dass durch unser Leben etwas vom Klang des Sohnes hörbar, etwas von der Gesinnung des Sohnes sichtbar, etwas von der Freude des Sohnes spürbar wird. Das ist eine hohe Berufung – und zugleich eine Einladung, die eigene Schwachheit nicht als Hindernis, sondern als Raum zu sehen, in den Gott sein Leben hineinlegen will.
Die Sohnschaft, von der die Schrift spricht, ist also keine fromme Titulatur, sondern eine lebendige Wirklichkeit. In ihr werden wir hineingenommen in das, was den Sohn auszeichnet: seine Nähe zum Vater, seine Freiheit vom Zwang, sich selbst zu beweisen, seine Ruhe in dem Wissen, geliebt zu sein. Wie Jesus sagen konnte: „Und Er, der Mich gesandt hat, ist mit Mir; Er hat Mich nicht allein gelassen, denn Ich tue allezeit die Dinge, die Ihm gefallen“ (Johannes 8:29), so wächst in uns Stück für Stück eine ähnliche Gewissheit: Wir sind nicht mehr nur die, die ihre Schuld hinter sich gelassen haben, sondern die, die in die Gegenwart des Vaters hineingestellt sind. Wer so lernt, sich als Sohn oder Tochter zu verstehen, wird nicht hochmütig, sondern frei; nicht passiv, sondern innerlich bewegt. Er darf sein eigenes Leben sehen als Teil einer großen, verborgenen Geschichte Gottes, der sich viele Söhne schafft, um in dieser Welt in menschlicher Gestalt sichtbar zu werden. Darin liegt Trost, wenn das eigene Leben unscheinbar bleibt, und Ermutigung, wenn Versagen und Bruch uns entmutigen wollen: Gottes Evangelium ist größer als unsere Fehler und tiefer als unsere Wünsche. Es trägt die Verheißung in sich, dass kein Weg vergeblich bleibt, den er benutzt, um uns in die Gestalt seines Sohnes hineinzuziehen.
… über Seinen Sohn, der hervorgegangen ist aus dem Samen Davids nach dem Fleisch und der als Sohn Gottes in Kraft eingesetzt ist dem Geist der Heiligkeit nach durch Totenauferstehung: Jesus Christus, unseren Herrn, (Röm. 1:3–4)
Denn es ziemte sich für Ihn, um dessentwillen alle Dinge sind und durch den alle Dinge sind, indem Er viele Söhne zur Herrlichkeit führte, den Urheber ihrer Errettung durch Leiden zu vollenden. (Hebr. 2:10)
Sich als Sohn oder Tochter zu wissen, verändert das eigene Evangeliumsverständnis: Statt nur auf das zu schauen, wovon wir befreit wurden, öffnet sich der Blick für das, wozu wir bestimmt sind – Ausdruck des Vaters zu sein. Diese Perspektive nimmt der eigenen Geschichte das Gefühl der Zufälligkeit und gibt ihr einen inneren Faden. In Alltagssituationen kann das leise die Frage verschieben: nicht mehr zuerst „Wie komme ich hier gut heraus?“, sondern „Wie kann in diesem Moment etwas von der Gesinnung des Sohnes aufscheinen?“. Schuld, die vergeben wurde, bleibt ein kostbares Geschenk, doch sie ist erst der Anfang. In den Spannungen, Brüchen und auch in den Freuden des Lebens wirkt der Vater auf etwas Größeres hin: Er zieht uns in eine Sohnschaft hinein, in der wir immer weniger aus Mangel und immer mehr aus Fülle leben. Wer sich so verstehen lernt, findet auch für andere einen neuen Blick – nicht zuerst als Problemträger, sondern als Menschen, die Gott in seine Familie ziehen und durch die er sich einmal gemeinsam ausdrücken will.
Der Erstgebrachte: Christus als Muster mit zwei Naturen
Christus als Erstgeborener Sohn Gottes steht am Anfang einer neuen Menschheit. Der Römerbrief zeichnet Ihn als das Muster, nach dem Gott seine vielen Söhne hervorbringt. Paulus fasst dieses Geheimnis in knapper Form zusammen: Christus ist „aus dem Samen Davids nach dem Fleisch“ hervorgegangen und zugleich „als Sohn Gottes in Kraft eingesetzt … dem Geist der Heiligkeit nach durch Totenauferstehung“ (Röm. 1:3–4). In einer Person begegnen sich hier zwei Vollkommenheiten: Er ist ganz Mensch und ganz Gott. Seine Menschwerdung bedeutet, dass er unsere menschliche Natur annimmt, mit all ihren Begrenzungen, ohne die Reinheit seiner göttlichen Natur zu verlieren. Er hungert, wird müde, weint, leidet – und doch leuchtet durch sein ganzes Menschsein hindurch die Nähe und Wirklichkeit Gottes.
Nach dem Römerbrief ist das Evangelium Gottes ein Evangelium der Sohnschaft. Das zentrale Ziel von Gottes Evangelium ist es, viele Söhne hervorzubringen, die dem Bild Seines Sohnes gleichförmig sind (8:29). Sein einziggeborener Sohn ist das Muster, das Vorbild, für das Hervorbringen der vielen Söhne. Römer 1:3 und 4 beschreiben dieses Vorbild, während Römer 8 die Massenproduktion offenbart. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft zweiundfünfzig, S. 550)
In der Auferstehung geschieht dann etwas, das über menschliches Denken hinausgeht: Die Menschlichkeit Jesu wird nicht abgelegt, sondern erhöht, verklärt, mit göttlicher Herrlichkeit gekrönt. Er bleibt der menschgewordene, leidende und gekreuzigte Jesus, aber er wird als Sohn Gottes „in Kraft“ offenbar, wie ein Samenkorn, das in die Erde fällt und in neuer Gestalt aufbricht. Seine Menschlichkeit ist nun vollständig vom Geist der Heiligkeit durchdrungen. Damit zeigt Gott, wohin er auch mit uns will. In 1. Korinther 15:42–44 wird unser Weg mit dem eines Samenkorns verglichen: „So ist auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät in Verweslichkeit und wird auferweckt in Unverweslichkeit; es wird gesät in Unehre und wird auferweckt in Herrlichkeit; es wird gesät in Schwachheit und wird auferweckt in Kraft; es wird gesät ein natürlicher Leib, es wird auferweckt ein geistlicher Leib.“ Unser physischer Leib ist also kein Irrtum, den Gott irgendwann korrigiert, sondern ein Anfang, den er einmal vollenden wird.
Durch Wiedergeburt haben die Glaubenden jetzt schon Anteil am Leben des auferstandenen Christus. Johannes 3:36 fasst es schlicht: „Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben.“ Dieses ewige Leben ist nicht nur endlose Fortdauer, sondern die Qualität des göttlichen Lebens selbst. Christus bleibt der göttlich-menschliche Sohn, wir werden zu menschlich-göttlichen Söhnen: echte Menschen, durchdrungen von Gottes Leben. Unsere Menschlichkeit wird nicht ausgelöscht, sondern geordnet, gereinigt, erhoben. Wenn Paulus schreibt, dass wir „allezeit das Sterben Jesu am Leib umhertragen, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib offenbar werde“ (2. Korinther 4:10), dann beschreibt er genau dieses Spannungsfeld: Sterblichkeit, Schwachheit, Druck – und mitten darin die leise, aber reale Wirksamkeit des Auferstehungslebens. Die Berufung zur Sohnschaft wird so nicht zu einem idealistischen Überbau, sondern berührt den Alltag: in Erschöpfung, in Krankheiten, in inneren Kämpfen arbeitet Gott an etwas, das größer ist als unsere momentane Erleichterung.
Wer auf Christus als Erstgeborenen Sohn schaut, blickt damit wie in ein Fenster auf die eigene Bestimmung. In Ihm sehen wir, was Gott mit Menschlichkeit vorhat: Sie soll zu einem Ort werden, an dem seine Herrlichkeit wohnlich wird. Jesus ist nicht als schwebende Lichtgestalt aufgetreten, sondern als Zimmermannssohn, der unter ganz gewöhnlichen Menschen lebte. Matthäus berichtet, wie seine Landsleute staunen: „Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria …?“ (Matthäus 13:55). Gerade in dieser Alltäglichkeit bricht Gottes Wesen auf – in seiner Rede, in seinen Beziehungen, in seinem Umgang mit den Randständigen. Je mehr sein Leben in uns Gestalt gewinnt, desto mehr kann auch durch unsere gewöhnliche Existenz etwas von der Würde und Güte des Vaters sichtbar werden. Das nimmt der eigenen Schwachheit nicht die Schwere, aber es schenkt ihr einen neuen Rahmen: Kein Schmerz, keine Begrenzung, kein verborgenes Ringen ist für Gott verschwendet, wenn er daran arbeitet, uns dem Bild des Erstgeborenen gleichförmig zu machen. Diese Perspektive darf leise Hoffnung wecken, gerade dort, wo man sich am meisten unvollkommen fühlt.
… über Seinen Sohn, der hervorgegangen ist aus dem Samen Davids nach dem Fleisch und der als Sohn Gottes in Kraft eingesetzt ist dem Geist der Heiligkeit nach durch Totenauferstehung: Jesus Christus, unseren Herrn, (Röm. 1:3–4)
So ist auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät in Verweslichkeit und wird auferweckt in Unverweslichkeit; es wird gesät in Unehre und wird auferweckt in Herrlichkeit; es wird gesät in Schwachheit und wird auferweckt in Kraft; es wird gesät ein natürlicher Leib, es wird auferweckt ein geistlicher Leib. (1.Kor 15:42–44)
Christus als Erstgeborener Sohn eröffnet einen Blick dafür, dass unsere Berufung nicht in einer abstrakten Geistigkeit liegt, sondern mitten in der konkreten Menschlichkeit. Wer seine eigenen Grenzen, seine Müdigkeit oder auch sein Altern nur als Störung betrachtet, unter der Gott idealerweise hinwegtrösten sollte, bleibt leicht in einem inneren Konflikt stecken. Wird derselbe Weg jedoch im Licht des Auferstehungslebens gesehen, verändert sich der Ton: Schwachheiten werden zu Orten, an denen das Leben Jesu Raum gewinnt, statt sie nur zu überdecken. Das entzieht dem Perfektionismus den Boden und macht zugleich wachsam für jene stillen Bewegungen des Geistes, in denen er uns Christus ähnlich macht – manchmal durch Freude, manchmal durch Zerbruch. In dieser Spannung zwischen Samenkorn und Herrlichkeit zu leben, bedeutet, mit einem leisen, aber tiefen Vertrauen unterwegs zu sein: dass Gott nichts an uns verschwendet, sondern selbst das Unvollendete in sein Werk der Gleichgestaltung einwebt.
Der Weg der Auferstehung: Heiligung, Umwandlung, Gleichgestaltung und Verherrlichung
Wie werden aus Menschen, die innerlich zerrissen, ängstlich oder selbstbezogen sind, Söhne und Töchter, die Gottes Herrlichkeit widerspiegeln? Der Römerbrief verbindet diese Frage mit dem Weg der Auferstehung. Christus wurde „durch Totenauferstehung … als Sohn Gottes in Kraft eingesetzt“ (Röm. 1:4); und Paulus fügt hinzu: „Denn wenn wir mit Ihm verwachsen sind in der Gleichheit Seines Todes, so werden wir es auch in der Gleichheit Seiner Auferstehung sein“ (Röm. 6:5). Was an Christus sichtbar wurde, erhält in unserem Leben eine Entsprechung: Durch eine Reihe innerer Prozesse wird seine Auferstehungswirklichkeit in uns wirksam. Die Schrift beschreibt diesen Weg mit Begriffen wie Heiligung, Umwandlung, Gleichgestaltung und Verherrlichung – keine abstrakten Etiketten, sondern verschiedene Blickrichtungen auf ein und dieselbe Bewegung des Lebens.
Christus wurde als Sohn Gottes „aus der Auferstehung der Toten“ bestimmt. In 6:5 sagt Paulus, dass „wir es auch sein werden in der Gleichheit Seiner Auferstehung“. Christus wurde durch Auferstehung bestimmt, und wir werden in der Gleichheit dieser Auferstehung sein. Wenn wir an der Auferstehung Christi teilhaben, durchlaufen wir den Prozess, als Söhne Gottes bestimmt zu werden. Tatsächlich werden wir durch Auferstehung bestimmt. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft zweiundfünfzig, S. 552)
Heiligung ist dabei mehr als eine äußere Trennung von „Weltlichem“. Sie meint, dass Gott uns für sich absondert und zugleich innerlich durchdringt. In Römer 6:22 heißt es: „Nun aber, von der Sünde frei gemacht und zu Sklaven Gottes geworden, habt ihr eure Frucht zur Heiligung, das Ende aber ewiges Leben.“ Heiligung hat Frucht, sie wächst, sie nimmt Gestalt an. Ein Bild kann helfen: Ein Teebeutel wird in heißes Wasser gehängt; das Wasser wird nicht nur vom Beutel getrennt, sondern von ihm durchfärbt. So wirkt Gottes Geist in unserem Denken, in unseren Motiven, in unseren Reaktionen. Er bleibt nicht an der Oberfläche, sondern berührt jene Schichten, in denen wir uns selbst sichern, rechtfertigen oder verschließen. Gerade dort, wo wir merken, wie hartnäckig alte Muster sind, wird die Heiligung konkret – nicht als Vorwurf, sondern als stille Einladung Gottes, seine Gegenwart tiefer in uns wirken zu lassen.
Umwandlung setzt an dieser Heiligung an und beschreibt, wie sich unser Inneres tatsächlich verändert. Paulus schreibt: „Und werdet nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes“ (Röm. 12:2). Das Wort „verwandelt“ weist auf eine innere Umgestaltung hin, vergleichbar mit der Metamorphose einer Raupe zum Schmetterling. Hier geht es nicht um ein paar fromme Verhaltensanpassungen, sondern um eine neue Form, in der wir denken, fühlen und handeln. 2. Korinther 3:18 macht deutlich, wer diese Umwandlung bewirkt: „Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie vom Herrn, dem Geist.“ Nicht der Druck, besser zu werden, verändert uns, sondern der Blick auf den Herrn, in dessen Nähe andere Maßstäbe wirksam werden. Gleichzeitig scheut Gott nicht davor zurück, unsere Lebensumstände zu gebrauchen: Enttäuschungen, Konflikte, Grenzen werden zu Orten, an denen unsere alten Formen brüchig werden und das Auferstehungsleben sich einen neuen Ausdruck schafft.
Gleichgestaltung geht noch einen Schritt weiter: Sie macht deutlich, dass das Ziel nicht eine allgemeine Verbesserung ist, sondern die Ähnlichkeit mit einer bestimmten Person. Römer 8:29 sagt: „Denn die er zuvor erkannt hat, die hat er auch zuvor bestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein, damit Er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.“ Gleichgestaltet zu werden heißt: Unsere inneren Konturen werden so gezeichnet, dass sie mit denen Jesu übereinstimmen. Nicht nur seine Taten werden unser Vorbild, sondern sein Herz. Seine Ehrfurcht vor dem Vater, seine Freiheit von Eigenruhm, seine Bereitschaft, sich unterbrechen zu lassen, seine Liebe zu den Schwachen – all das sind Linien dieses Bildes. Das bedeutet auch, dass Gottes Wirken manchmal quer zu unseren eigenen Wünschen verläuft. Was sich wie Verlust anfühlt, kann in Wirklichkeit eine Formung sein, durch die unser Leben dem des Sohnes ähnlicher wird. In Momenten, in denen uns die Kontrolle entgleitet, wird diese Gleichgestaltung oft am tiefsten.
… und der als Sohn Gottes in Kraft eingesetzt ist dem Geist der Heiligkeit nach durch Totenauferstehung: Jesus Christus, unseren Herrn, (Röm. 1:4)
Denn wenn wir mit Ihm verwachsen sind in der Gleichheit Seines Todes, so werden wir es auch in der Gleichheit Seiner Auferstehung sein. (Röm. 6:5)
Der Weg der Sohnschaft gewinnt praktische Kontur, wenn Heiligung, Umwandlung, Gleichgestaltung und Verherrlichung nicht als fromme Fachbegriffe im Kopf bleiben, sondern als Beschreibung eines Weges gelesen werden, auf dem Gott uns tatsächlich führt. In inneren Konflikten und Rückfällen kann die Erinnerung daran bewahren, alles nur als persönliches Scheitern zu deuten; sie öffnet den Blick dafür, dass Gott gerade durch das, was uns beschämt oder überfordert, tiefer an uns wirkt. Statt sich von der eigenen Unveränderlichkeit entmutigen zu lassen, kann eine leise Erwartung wachsen: dass der Geist, der Jesus aus den Toten auferweckt hat, auch in meinem konkreten Leben nicht untätig ist. Diese Erwartung macht nicht passiv, sondern wach – für kleine Bewegungen des Herzens, für neue Gedanken, für eine andere Reaktion als bisher. So wird die Hoffnung auf Verherrlichung nicht an das Ende des Lebens verschoben, sondern beginnt schon jetzt, den Alltag zu färben: als Gewissheit, dass Gott sein Werk der Sohnschaft in uns treu zu Ende führen wird.
Vater im Himmel, danke, dass du uns nicht nur aus der Finsternis herausgerufen hast, sondern uns als deine Söhne und Töchter in dein eigenes Leben hineinziehst. Du kennst unsere Schwachheit, unsere Brüche und unsere unerfüllten Sehnsüchte, und dennoch hast du über uns das Wort gesprochen, dass wir mit Christus verbunden und zur Herrlichkeit bestimmt sind. Lass das Leben deines auferstandenen Sohnes in unserem Inneren wachsen, auch dort, wo wir nur trockene Erde und verborgenes Samenkorn sehen. Stärke das Vertrauen, dass du selbst durch Umwege, Versagen und Leid hindurch an uns arbeitest und uns Schritt für Schritt dem Bild Jesu ähnlich machst. Erfülle uns mit deinem Geist, damit wir heute schon etwas von der kommenden Herrlichkeit ausstrahlen und die Hoffnung deiner Berufung in unserem Alltag tragen können. Und wenn unser Weg schwer wird, erinnere uns daran, dass du uns bis zur Vollendung unserer Sohnschaft durchtragen wirst und dass kein Leid stärker ist als die Kraft deiner Auferstehung. Dir sei die Ehre für das Werk, das du begonnen hast und gewiss vollenden wirst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Romans, Chapter 52