Umwandlung im Aufnehmen der Gläubigen (2)
Man kann mit anderen Christen in vielen Punkten übereinstimmen und sich doch an Kleinigkeiten stoßen – an Essgewohnheiten, Frömmigkeitsstilen, Lehrfragen oder kulturellen Unterschieden. Gerade dort, wo wir einander praktisch begegnen und annehmen, offenbart sich, ob unser Christsein nur aus Überzeugungen besteht oder ob Christus selbst unsere Haltung prägt. Die Frage ist nicht nur, wie recht wir haben, sondern wozu Gott unsere Verschiedenheit gebraucht und wie dadurch sein Reich heute inmitten der Gemeinde Gestalt gewinnt.
Annehmen in der Liebe statt richten und verletzen
Wo Christen zusammenleben, entstehen Spannungen oft an kleinen Punkten. In Rom entzündete sich vieles an Essen und Trinken, an Tagen und Gewohnheiten. Paulus richtet den Blick jedoch weg von den Themen hin zu den Menschen. Er schreibt: „Lasst uns nun nicht mehr einander richten, sondern richtet vielmehr dieses, dem Bruder keinen Anstoß oder Ärgernis in den Weg zu legen“ (Röm. 14:13). Die Frage ist nicht zuerst, was erlaubt ist, sondern wer vor uns steht: ein Mensch, für den Christus sein Blut vergossen hat. In dem Moment, in dem wir den Bruder nur noch als den Andersdenkenden sehen, verliert unser Herz die Sicht dessen, was er in Gottes Augen ist. Liebe öffnet uns die Augen für diesen verborgenen Wert; sie hört hinter der Meinung die Angst, die Geschichte, das Gewissen des anderen.
Wenn wir die Gläubigen in Liebe aufnehmen, werden wir andere nicht richten, ihnen keine Stolpersteine in den Weg legen, die Brüder nicht betrüben und den Menschen, für den Christus gestorben ist, nicht zugrunde richten, sondern vielmehr in Liebe wandeln. Im Grundsatz der Liebe müssen wir alle Gläubigen aufnehmen, für die Christus gestorben ist. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft neunundzwanzig, S. 343)
So wird Annehmen zu einem Akt der inneren Umwandlung. Von Natur aus verteidigt der Mensch seine Freiheit, seine Sicht, seine Erkenntnis. Die Liebe Christi aber lässt sich lieber einschränken, als das Gewissen eines Schwächeren zu verletzen. Paulus warnt: „Zerstöre nicht mit deiner Speise den, für den Christus gestorben ist“ (Röm. 14:15). Hier tritt etwas sehr Ernstes hervor: Es ist möglich, dass unsere Freiheit, unsere scharfen Urteile oder unser Drängen auf Konsequenz das zarte Werk Gottes im Herzen eines anderen niederreißen. Wo Christus geduldig aufbaut, können wir mit einem einzigen Wort zerstören. Wer merkt, wie kostbar Gott jeden Gläubigen hält, wird vorsichtiger mit dem, was er durchsetzen möchte.
In diesem Licht wird auch deutlich, warum wahre Liebe nicht darin besteht, alle Unterschiede zu nivellieren. Sie nimmt die Verschiedenheit ernst, aber sie macht sie nicht zum Maßstab der Gemeinschaft. Sie fragt: Was dient dem Glauben des anderen? Was stärkt seine innere Lebensversorgung? Paulus fasst es mit einem einfachen, aber tiefen Satz: „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Röm. 14:17). Wenn Essen und Trinken, Formen und Freiheiten höherstehen als Gerechtigkeit, Friede und Freude, ist etwas verrutscht. Dann stehen nicht mehr Christus und sein Leib im Mittelpunkt, sondern unsere Vorlieben.
Der Weg aus einer solchen Verengung führt nicht über moralische Anstrengung, sondern über die Verbindung mit dem Herrn selbst. Paulus bezeugt an einer anderen Stelle: „Und Er hat zu mir gesagt: Meine Gnade ist genug für dich, denn Meine Kraft wird in Schwachheit vollkommen gemacht“ (2.Kor 12:9). Wo wir unsere eigene Schwachheit im Umgang mit Geschwistern erkennen, öffnet sich Raum für diese Gnade. Sie formt ein Herz, das nicht mehr sich selbst gefallen will, sondern fähig wird, die Schwachheiten der anderen zu tragen. Es ist ein leiser, aber tiefgreifender Prozess: Das Ich verliert an Gewicht, Christus gewinnt Gestalt. Daraus erwächst eine Haltung, die nicht richtet und verletzt, sondern bewahrt und aufrichtet.
Lasst uns nun nicht mehr einander richten, sondern richtet vielmehr dieses, dem Bruder keinen Anstoß oder Ärgernis in den Weg zu legen. (Röm. 14:13)
Denn wenn wegen einer Speise dein Bruder betrübt wird, so wandelst du nicht mehr nach Liebe. Zerstöre nicht mit deiner Speise den, für den Christus gestorben ist. (Röm. 14:15)
Annehmen in der Liebe statt richten und verletzen bedeutet, die konkrete Situation mit anderen Gläubigen als Ort zu begreifen, an dem Christus seine selbsthingebende Liebe in uns einprägt. Nicht Argumente, sondern der Preis, den Christus für den anderen bezahlt hat, wird zum Maßstab. So wird jede Spannung zu einer Chance, dass das Ich zurücktritt und der Leib Christi bewahrt und gestärkt wird.
Gemeindeleben als praktische Wirklichkeit des Königreiches Gottes
Die Gemeinde ist mehr als eine Versammlung von Menschen, die dieselben Überzeugungen teilen. Paulus verbindet sie mit dem Königreich Gottes und eröffnet damit einen doppelten Blickwinkel. Einerseits ist die Gemeinde „Haus Gottes“, ein Ort, an dem Gnade, Annahme und Lebensversorgung erfahrbar werden. So heißt es: „So seid ihr nun nicht mehr Fremde und Nichtbürger, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Glieder des Haushaltes Gottes“ (Eph. 2:19). Wer zur Gemeinde gehört, kommt heim – weg von der Fremdheit, hinein in den väterlichen Raum der Annahme. Hier ist Platz für Schwachheit, hier trägt der Herr, hier gibt Er sich selbst als tägliche Nahrung.
Von einer Seite her sehen wir die Gemeinde als eine Sache der Gnade und des Lebens, von einer anderen Seite her sehen wir sie als das Königreich Gottes mit Übung und Zucht. In der Gemeinde genießen wir einerseits Gnade und erfahren Leben, andererseits durchlaufen wir ein gewisses Maß an Übung. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft neunundzwanzig, S. 345)
Andererseits beschreibt Paulus die Gemeinde als Ort der Ordnung, der Wahrheit und der heiligen Ernsthaftigkeit. „…damit du weißt, wie man sich im Haus Gottes verhalten muss, das die Gemeinde des lebendigen Gottes ist, die Säule und die Grundfeste der Wahrheit“ (1.Tim. 3:15). Wo Gott wohnt, regiert Er auch. Der gleiche Ort, an dem Er uns mit Gnade umgibt, ist der Raum, in dem Er uns erzieht und ordnet. Diese Spannung ist fruchtbar: Gnade ohne Königreichsdimension würde in Unverbindlichkeit münden, Reich ohne Gnade in Härte. In der Gemeinde kommen beide Seiten zusammen: Wir werden getröstet und zugleich in eine neue Lebensweise hineingenommen.
Wenn Paulus in diesem Zusammenhang vom Königreich Gottes spricht, lenkt er den Blick weg von äußeren religiösen Formen. „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Röm. 14:17). Gerechtigkeit meint hier nicht nur die rechtliche Stellung vor Gott, sondern eine aufrichtige, gerade Lebenshaltung im Alltag der Gemeinschaft – ohne doppeltes Spiel, ohne religiöse Fassade. Friede ist mehr als die Abwesenheit von Streit; es ist ein Zustand, in dem Beziehungen geheilt, Schulden benannt und ausgeräumt, Misstrauen in Vertrauen verwandelt wird. Freude im Heiligen Geist schließlich ist das leise Strahlen eines Herzens, das sich von Gott getragen weiß, auch wenn äußere Umstände schwierig bleiben.
In diesem Licht ist Gemeindeleben eine Schule der königlichen Reife. Menschen, mit denen wir uns nicht von Natur aus verstehen, Umstände, die nicht zu unserem Plan passen, Missverständnisse, die uns innerlich treffen – all dies wird zu Werkzeugen in Gottes Hand. Nichts davon ist Zufall, sondern Teil einer liebevollen, aber sehr realen Erziehung zum Königreich. Der Herr führt uns so, dass verborgene Beweggründe ans Licht kommen, Selbstgerechtigkeit brüchig wird, und wir lernen, auf eine andere Gerechtigkeit, einen anderen Frieden, eine andere Freude zu vertrauen als auf das, was wir selbst hervorbringen können. Gerade in den unbequemen Seiten des Gemeindelebens arbeitet Gott an unserer inneren Gestalt.
So seid ihr nun nicht mehr Fremde und Nichtbürger, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Glieder des Haushaltes Gottes, (Eph. 2:19)
Falls ich mich aber verzögere, schreibe ich, damit du weißt, wie man sich im Haus Gottes verhalten muss, das die Gemeinde des lebendigen Gottes ist, die Säule und die Grundfeste der Wahrheit. (1.Tim. 3:15)
Gemeindeleben als praktische Wirklichkeit des Königreiches Gottes heißt, die Gemeinschaft der Gläubigen sowohl als Ort zarter Gnade als auch als Raum göttlicher Erziehung zu verstehen. In dieser Spannung lernt das Herz, Gerechtigkeit, Frieden und Freude im Heiligen Geist höher zu achten als äußere Formen. So wird der Alltag mit den Geschwistern zur Straße, auf der Gott uns Schritt für Schritt in die Reife seines Reiches hineinführt.
Nach Christus empfangen: allumfassende Einheit von Juden, Nationen und allen Gläubigen
Der Blick auf andere Christen wird tief geprägt von der Frage, was wir im Zentrum sehen. Für Paulus ist die Antwort klar: Nicht Lehren, nicht Traditionen, nicht kulturelle Prägungen bilden den Maßstab, sondern Christus selbst. Er schreibt: „Wir aber, die Starken, sind verpflichtet, die Schwachheiten der Kraftlosen zu tragen und nicht uns selbst zu gefallen“ (Röm. 15:1). Stärke zeigt sich nicht darin, sich über andere zu erheben, sondern darin, ihre Lasten auf sich zu nehmen. Der Herr Jesus ist hierin das große Vorbild: „Denn auch der Christus hat nicht sich selbst gefallen“ (Röm. 15:3). In Ihm sehen wir, wie göttliche Größe sich in den Dienst stellt, wie Heiligkeit sich nicht abgrenzt, sondern sündige Menschen in Liebe aufnimmt.
Wenn wir die Gläubigen aufnehmen, müssen wir die Schwachheiten der Schwachen tragen und nicht uns selbst gefallen. Der Herr Jesus trägt beständig die Schwachheiten Seiner Gläubigen und gefällt Sich nicht Selbst. Beim Aufnehmen der Gläubigen müssen wir in Übereinstimmung mit Ihm dasselbe tun: nicht uns selbst gefallen, sondern die Schwachheiten der anderen tragen. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft neunundzwanzig, S. 350)
Wer so auf Christus schaut, erhält einen neuen Maßstab für das Annehmen der Geschwister. Paulus fasst ihn in einem Satz zusammen: „Darum nehmt einander auf, wie auch der Christus euch aufgenommen hat, zur Herrlichkeit Gottes“ (Röm. 15:7). Christus hat uns nicht erst angenommen, als unsere Lehre ausgereift, unsere Praxis geordnet, unsere Kultur geläutert war. Er kam mitten in unsere Verwirrung hinein, trug unsere Schwachheiten, durchkreuzte unsere selbstbezogenen Wege – und nannte uns seine Brüder. Dieser Christus ist der gleiche für Juden und Nationen, für Menschen aus Israel und aus den Völkern. Seine Annahme sprengt die Grenzen von Herkunft, Frömmigkeitsstil und Fraktion.
Paulus entfaltet diese Weite, indem er Christus als Diener Israels und Hoffnung der Nationen beschreibt. „Ich sage nämlich, dass Christus ein Diener der Beschneidung geworden ist um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen der Väter zu bestätigen; die Nationen aber sollen Gott um der Barmherzigkeit willen verherrlichen“ (Röm. 15:8-9). Auf der einen Seite steht die Treue Gottes zu seinem Volk Israel, auf der anderen seine Barmherzigkeit gegenüber den Nationen. In Christus treffen Treue und Barmherzigkeit zusammen. Er ist die Wurzel, aus der Israel leben soll, und gleichzeitig der, „auf den die Nationen hoffen werden“ (Röm. 15:12). Wo dieser Christus groß wird, verlieren ethnische, kulturelle und religiöse Grenzen ihre trennende Macht.
Damit wird deutlich: „Nach Christus empfangen“ bedeutet, jeden Gläubigen zuerst als jemanden zu sehen, der in diesen Christus hineingenommen ist. Nicht seine Nähe zu meiner Tradition entscheidet, sondern seine Zugehörigkeit zu Ihm. Wo wir so sehen, öffnen sich neue Räume: Gläubige aus anderen Hintergründen werden nicht mehr als Bedrohung, sondern als Bereicherung wahrgenommen; Unterschiede in Frömmigkeit und Praxis werden Anlässe, gemeinsam zu Christus hin zu wachsen, statt Gründe für Abgrenzung. Die Schrift beschreibt die Folge so: „Damit ihr einmütig, mit einem Mund, den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus verherrlicht“ (Röm. 15:6). Einmütigkeit entsteht nicht aus Uniformität, sondern aus der gemeinsamen Ausrichtung auf denselben Herrn.
Wir aber, die Starken, sind verpflichtet, die Schwachheiten der Kraftlosen zu tragen und nicht uns selbst zu gefallen. (Röm. 15:1)
Denn auch der Christus hat nicht sich selbst gefallen, sondern wie geschrieben steht: Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen. (Röm. 15:3)
Nach Christus empfangen heißt, die Annahme anderer Gläubiger an der Person und dem Werk des Herrn auszurichten und nicht an Lehrdifferenzen, Frömmigkeitsstil oder kultureller Nähe. Indem Christus als der allumfassende Herr der Juden und der Nationen groß wird, verlieren unsere engen Maßstäbe an Kraft. So kann Einmütigkeit wachsen, in der Gott verherrlicht wird und der Leib Christi in seiner Vielfalt aufgebaut wird.
Gott des Ausharrens, der Ermutigung und der Hoffnung, wir danken Dir für Christus, der uns trotz aller Schwachheit angenommen und für uns sein Leben hingegeben hat. Lass seine Liebe unser Herz so verwandeln, dass wir unsere Geschwister nicht nach Maßstäben von Wissen, Kultur oder Praxis beurteilen, sondern sie in der Kraft des Heiligen Geistes als von Dir geliebte Menschen sehen. Stärke in uns ein Leben der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freude, damit unser Miteinander in der Gemeinde wirklich die Gegenwart Deines Königreiches widerspiegelt und der Leib Christi aufgebaut wird. Fülle uns neu mit Deiner Freude und Deinem Frieden im Glauben, damit wir voller Hoffnung vorangehen und Deine Herrlichkeit in der Gemeinschaft der Gläubigen sichtbar wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Romans, Chapter 29