Die Freiheit des Geistes in unserem Geist (2)
Viele Gläubige wissen, dass sie durch Jesu Blut von Gottes Gericht befreit sind – und stehen doch unter einem dauernden inneren Druck, es endlich „richtig zu machen“. Der Kopf will Gottes Gebote halten, aber das Herz ist müde, das Gewissen klagt an, und die eigenen guten Vorsätze scheitern immer wieder. Römer 7 und 8 beschreiben genau diesen Weg: vom verzweifelten Ringen im eigenen Fleisch hin zur befreienden Erfahrung, dass der Geist des Lebens in unserem Geist eine neue Wirklichkeit schafft.
Keine Verdammnis in Christus – Befreiung von innerer Anklage
Paulus zeichnet im Römerbrief eine klare Linie zwischen dem Gericht Gottes und der Verdammnis, die wir in uns selbst tragen. Vor Gott stand der Mensch unter einem objektiven Schuldspruch: „Damit jeder Mund verstopft werde und die ganze Welt dem Gericht Gottes verfallen sei“ (Röm. 3:19). Christus ist diesem Urteil nicht ausgewichen, sondern ist daruntergetreten. Er hat die Last der Sünde getragen, bis in ihre äußerste Konsequenz hinein, und ist an unserer Stelle dem Gericht begegnet. Darum kann derselbe Apostel, der das universale Schuldspruchen ausspricht, zugleich sagen: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind“ (Röm. 8:1). In Christus ist der Fall abgeschlossen, das Urteil vollstreckt, die Schuld bezahlt; vor Gott steht kein offener Anklagepunkt mehr. Das Kreuz ist nicht nur ein Symbol der Liebe, sondern der Ort, an dem Gottes gerechte Forderung ein für alle Mal erfüllt wurde.
186 Jesus selbst. In Johannes 3:14 heißt es: „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden“, was darauf hinweist, dass die eherne Schlange ein Vorbild von Ihm selbst am Kreuz an unserer Stelle war. Als Er am Kreuz war, war Jesus in den Augen Gottes in der Gestalt der Schlange. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft fünfzehn, S. 186)
Trotzdem kennen viele Gläubige die innere Szene von Römer 7: ein aufrichtiger Wille, Gottes Gebot zu halten, und doch ein ständiges Scheitern. „Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das übe ich aus“ – dieses Bekenntnis ist keine Randnotiz, sondern der Schrei eines Menschen, der sich ehrlich an Gottes Maßstab misst (Röm. 7:19). Aus diesem Erleben heraus wächst die zerstörerische Selbstverdammnis: Man übernimmt gewissermaßen Gottes Richterstuhl im eigenen Innern, spricht Urteile, die hart und unerbittlich sind, und lebt unter einem ständigen inneren Prozess. Doch dieser innere Richter ist nicht der Vater der Barmherzigkeit. Er lebt aus einem Zustand „außerhalb von Christus“, auch wenn er christliche Worte benutzt. In Wirklichkeit ersetzt er die Gnade durch Gesetzlichkeit im eigenen Herzen.
Der Wendepunkt in Römer 7 ist nicht eine neue Anstrengung, sondern ein Aufschrei: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Todesleib?“ (Röm. 7:24). Der Blick wendet sich vom „Was“ und „Wie“ zum „Wer“. Auf diese Frage folgt die Antwort: „Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn!“ und unmittelbar danach das mächtige Wort: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind“ (Röm. 7:25; 8:1). In diesem „So“ liegt der Übergang: Wer in Christus ist, verlässt die Bühne des Selbstprozesses und tritt in den Raum des vollbrachten Werkes ein. Gottes Urteil über den Glaubenden lautet nicht mehr „schuldig“, sondern „gerecht in Christus“; und wo Gott nicht mehr verdammt, hat die Selbstverdammnis ihr Recht verloren. Der Gläubige darf lernen, seine eigene Anklage an das Kreuz zu binden und sich unter das Wort Gottes zu stellen, das ihn freispricht.
Die Befreiung von innerer Verdammnis geschieht nicht durch psychologische Tricks, sondern durch das Wirken einer anderen Kraft: „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes“ (Röm. 8:2). Der Geist des Lebens legt den Griff der Anklage innen los, indem er den Blick auf Christus lenkt. Selbstvorwürfe haben ihre scheinbare moralische Würde nur so lange, wie der Blick an uns hängenbleibt. Sobald das Herz auf den erhöhten Sohn des Menschen schaut, verliert die Stimme der Anklage ihr Fundament. Wie Israel in der Wüste, das die eherne Schlange ansah und leben durfte, so findet der von Schuld und Scheitern Gebissene heute Heilung, indem er auf den am Kreuz erhöhten Christus blickt: „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden“ (Johannes 3:14). In diesem Blick geschieht innerlich ein Tausch: statt Selbstgericht tritt Dank, statt innerer Härte milde Buße, statt Verdammnis die Gewissheit, angenommen zu sein.
So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. (Röm. 8:1)
Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Todesleib? (Röm. 7:24)
Wer lernt, Gottes Freispruch höher zu achten als seine eigene Anklage, tritt aus dem engen Raum innerer Verurteilung in den weiten Raum der Gnade. Aus diesem Raum heraus wird Umkehr nicht von Angst, sondern von Vertrauen getragen, und der Alltag bekommt einen anderen Klang: weniger Selbstbeobachtung, mehr Blick auf Christus, weniger lähmende Scham, mehr stille Freudigkeit darüber, dass Gott sein endgültiges Wort schon gesprochen hat.
Das Gesetz des Geistes des Lebens – Freiheit im vermischten Geist
Römer 7 ist von einer eindrücklichen Sprachform geprägt: Immer wieder taucht das Wort „Gesetz“ auf, und doch ist nicht immer das gleiche gemeint. Da ist zuerst das äußere Gesetz Gottes, heilig und gut, als Maßstab vor uns. Dann beschreibt Paulus ein inneres Gesetz in seinem Wollen – die Neigung seines Verstandes, das Gute zu tun. Und schließlich entdeckt er ein anderes Gesetz in seinen Gliedern, das Gesetz der Sünde, das den guten Vorsatz beständig unterläuft (Röm. 7:22–23). So entsteht ein innerer Bürgerkrieg: „Denn ich habe Wohlgefallen am Gesetz Gottes nach dem inneren Menschen; ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meines Sinnes widerstreitet“ (Röm. 7:22–23). An diesem Punkt bricht jede moralische Hochspannung zusammen; der beste Wille bleibt dem stärkeren Gesetz der Sünde unterlegen.
187 das Fleisch am Kreuz. Am Kreuz war Christus „in Gleichheit des Fleisches der Sünde“ nicht nur der Stellvertreter der Sünder, der alle ihre Sünden wegnahm; Er wurde auch in der Gestalt der Schlange gekreuzigt und zerstörte Satan, den Teufel, völlig. Wegen des Fleisches der Sünde war das Gesetz Gottes schwach. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft fünfzehn, S. 187)
Genau hier setzt Römer 8 an, nicht mit einem Appell zur größeren Anstrengung, sondern mit der Vorstellung eines vierten Gesetzes: „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes“ (Röm. 8:2). Der Geist des Lebens ist nicht ein bloßer Einfluss, sondern Christus selbst als lebengebender Geist, der in den Glaubenden eingezogen ist. Paulus kann darum sagen: „Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn wirklich Gottes Geist in euch wohnt“ (Röm. 8:9). Wenn dieser Geist in den menschlichen Geist kommt, entsteht eine innige Einheit, die er an anderer Stelle so beschreibt: „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist mit Ihm“ (1. Kor. 6:17). Dies ist der „vermischte Geist“: nicht Gott statt Mensch, nicht Mensch neben Gott, sondern ein durchdrungener innerer Raum, in dem der Dreieine Gott und der menschliche Geist sich berühren.
Ein Gesetz wirkt nicht durch ständige bewusste Entscheidung, sondern durch eine ihm eigene, verlässliche Wirksamkeit. Niemand muss sich jeden Morgen neu vornehmen, dass die Schwerkraft gelten soll; sie wirkt, ob wir an sie denken oder nicht. So ist das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus eine innewohnende, installierte, automatische und innerlich wirkende Kraft. Sie hebt den Glaubenden aus der Macht des anderen Gesetzes heraus, ohne dass er sich nach allen Seiten freikämpfen müsste. In der Sprache der modernen Kriegsführung: Wo früher Soldaten, wenn sie umzingelt waren, sich mühsam einen Korridor freikämpfen mussten, gibt es jetzt einen Weg nach oben – die Luftbrücke. So ist der Geist des Lebens Gottes „Weg nach oben“ für den Gläubigen, der sich von Sünde, Verdammnis und innerem Druck umstellt erlebt.
Diese Freiheit wird konkret erfahrbar, wenn der Mensch aufhört, im eigenen Eifer das Gesetz Gottes zu erfüllen, und seinen inneren Blick auf den Herrn im Geist richtet. Römer 8 spricht davon, dass der Sinn entweder „auf das Fleisch gerichtet“ oder „auf den Geist gerichtet“ ist, mit entsprechenden Früchten: „Denn die Gesinnung des Fleisches ist Tod, die Gesinnung des Geistes aber Leben und Frieden“ (Röm. 8:6). Auf den Geist gerichtet zu sein bedeutet nicht, sich fortwährend unter religiösen Vorsätzen anzutreiben, sondern den inneren Ort zu wechseln: vom Selbst zum inwohnenden Christus. Wer so innerlich „nach oben“ sieht, erlebt, dass der Geist trägt, wo vorher nur Mühe war. Alte Fesseln fallen nicht, weil man sie mit letzter Kraft sprengt, sondern weil eine stärkere Hand einen aus dem Kreis der Versuchung heraushebt.
Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes. (Röm. 8:2)
Denn die Gesinnung des Fleisches ist Tod, die Gesinnung des Geistes aber Leben und Frieden. (Röm. 8:6)
Wo das Herz lernt, weniger auf die eigene Kraft und mehr auf das stille, aber zuverlässige Wirken des Geistes des Lebens zu achten, beginnt das christliche Leben seinen Zwangscharakter zu verlieren. Die Beziehung zu Gott wird weniger von Angst und Erfolgsdruck geprägt, sondern von dem Bewusstsein, in einem vermischten Geist zu leben: nicht allein gelassen, sondern getragen von einer Kraft, die stärker ist als die Sünde und tiefer als die innerste Erschöpfung.
Sünde verurteilt, Gerechtigkeit erfüllt – ein neues Leben im Geist
Das Versagen, das Paulus in Römer 7 beschreibt, hat eine klare Ursache: nicht das Gesetz Gottes ist schwach, sondern das Fleisch des Menschen. „Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; das Wollen ist bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten gelingt mir nicht“ (Röm. 7:18). Im Fleisch wohnt die Sünde wie eine innere Macht, die jeden Versuch, das Gute zu tun, unterläuft. Gott begegnet diesem Dilemma nicht, indem er seinen Maßstab senkt oder unsere Schwachheit schönredet. Er setzt bei der Wurzel an. „Denn das dem Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem Er Seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und um der Sünde willen sandte und die Sünde im Fleisch verurteilte“ (Röm. 8:3). Das Problem liegt im Fleisch; die Lösung besteht darin, dass Gott seinen Sohn genau in dieser Gestalt sendet – jedoch ohne Sünde.
182 Kriegsführung wären einige Soldaten, wenn sie von feindlichen Truppen umzingelt worden wären, gezwungen gewesen, sich den Weg freizukämpfen. In der modernen Kriegsführung besteht jedoch keine solche Notwendigkeit. Wenn wir vom Feind umzingelt sind, brauchen wir uns nicht durchzukämpfen – wir haben einen Weg nach oben. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft fünfzehn, S. 182)
Um diese Spannung zu erhellen, verweist das Neue Testament zurück auf eine auffällige Szene aus 4. Mose 21. Das Volk ist von Schlangen gebissen; das Gift der Sünde hat es getroffen. Gott ordnet etwas an, das auf den ersten Blick befremdlich wirkt: „Und Mose machte eine Schlange von Bronze und tat sie auf die Stange; und es geschah, wenn eine Schlange jemanden gebissen hatte und er schaute auf zu der ehernen Schlange, so blieb er am Leben“ (4. Mose 21:9). Eine Schlange, die aussieht wie das, was den Menschen tötet, aber selbst kein Gift hat. Jesus greift dieses Bild auf und bezieht es auf sich: „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden“ (Johannes 3:14). Am Kreuz erscheint Christus vor den Augen Gottes „in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde“ – in der Gestalt dessen, was uns zugrunde richtet –, ohne selbst Sünde zu haben. So kann Gott in Ihm die Sünde im Fleisch richten, ohne den Sünder zu vernichten.
In dieser Handlung geschieht mehr als bloße Schuldvergebung. Paulus bezeugt an anderer Stelle: „Er hat den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden“ (2. Kor. 5:21). Christus nimmt nicht nur unsere Taten auf sich, sondern stellt sich in die Position der Sünde selbst, um sie im Gericht Gottes zu tragen. Zugleich wird am Kreuz auch der, der die Sünde beherrscht, getroffen: „Damit er durch den Tod den zunichtemachte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel“ (Hebr. 2:14). Und Jesus sagt über sein Sterben: „Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt; jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen werden“ (Johannes 12:31). In einem Akt richtet Gott die Sünde im Fleisch, entwaffnet den Feind und öffnet einen Weg, auf dem der Mensch nicht mehr unter der Herrschaft der Sünde leben muss.
Dieses Gericht Gottes hat ein Ziel: nicht nur, uns aus der Schuld zu entlassen, sondern uns in ein neues Leben hineinzustellen. Paulus formuliert es präzise: Gott verurteilte die Sünde im Fleisch, „damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt würde in uns, die wir nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln“ (Röm. 8:4). Das Gesetz Gottes bleibt heilig, gerecht und gut; es wird nicht beiseitegeschoben. Aber es bekommt eine neue Erfüllungsweise. Nicht mehr der Mensch aus eigener Kraft versucht, die Forderung des Gesetzes zu erfüllen, sondern der Geist Gottes, der in uns wohnt, trägt diese Erfüllung. Das gerechte Verlangen des Gesetzes – Liebe zu Gott und dem Nächsten, Reinheit, Wahrhaftigkeit – wird zur Frucht eines Lebens nach dem Geist.
Und Mose machte eine Schlange von Bronze und tat sie auf die Stange; und es geschah, wenn eine Schlange jemanden gebissen hatte und er schaute auf zu der ehernen Schlange, so blieb er am Leben. (4. Mose 21:9)
Denn das dem Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem Er Seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und um der Sünde willen sandte und die Sünde im Fleisch verurteilte, damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt würde in uns, die wir nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln. (Röm. 8:3-4)
Wo ein Mensch lernt, seine Geschichte mit Sünde nicht mehr nur als Abfolge von Versagen, sondern im Licht von Gottes radikalem Gericht im Kreuz zu sehen, verändert sich seine Haltung zum eigenen Weg. Scham und heimliche Rebellion verlieren an Kraft, an ihre Stelle tritt eine wachsende Offenheit vor Gott und ein stiller Mut, im Geist weiterzugehen – nicht trotzig und nicht verzagt, sondern im Vertrauen darauf, dass der, der die Sünde im Fleisch verurteilt hat, auch die Gerechtigkeit in uns zur Entfaltung bringen wird.
Herr Jesus Christus, danke, dass du nicht nur meine Schuld getragen, sondern auch die Macht der Sünde im Fleisch gerichtet und gebrochen hast. Danke, dass der Geist des Lebens in meinem Geist wohnt und jede Verdammnis, die mich niederdrückt, durch deine Gegenwart überwindet. Richte meinen Sinn immer wieder neu auf dich im Geist aus, damit Leben und Frieden mehr Raum in mir gewinnen als jede innere Anklage. Lass dein Gesetz der Liebe und Gerechtigkeit in meinem Alltag ganz natürlich Gestalt annehmen, sodass dein Leben aus mir hervorleuchten kann. In deiner Freiheit und in deinem Frieden ruhe ich mich aus – du bist genug. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Romans, Chapter 15