Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Knechtschaft des Gesetzes in unserem Fleisch (2)

12 Min. Lesezeit

Viele Gläubige kennen den inneren Zwiespalt: Wir wollen das Gute tun, wir bejahen Gottes Gebote – und doch scheitern wir immer wieder an denselben Punkten. Paulus beschreibt diese Spannung in Römer 7 nicht theoretisch, sondern als eigene Lebensgeschichte. Wer ehrlich in sein Herz schaut, entdeckt dort sowohl ein echtes Verlangen nach Gutem als auch dunkle Kräfte, die dagegen ankämpfen. Gerade diese Spannung will uns nicht in Verzweiflung treiben, sondern in eine tiefere Erkenntnis dessen führen, was es bedeutet, nicht mehr unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade zu leben.

Drei Gesetze – ein entlarvter Konflikt im Menschen

Römer 7 zeichnet das Innere des Menschen nicht flach, sondern vielschichtig. Paulus spricht von drei Gesetzen, drei wirkenden Prinzipien, die ineinandergreifen und doch voneinander zu unterscheiden sind. Über allem steht das Gesetz Gottes: heilig, gerecht, gut und geistlich. Es kommt von außen an uns heran, aber es ist Ausdruck des Herzens Gottes. Wenn das Gebot sagt: „Du sollst nicht begehren“, wie es in Römer 7 entfaltet wird, dann geschieht etwas Unerwartetes: Das Gesetz schafft die Sünde nicht, sondern legt sie bloß. Es nennt das Begehren beim Namen und beleuchtet, was vorher im Halbdunkel verborgen war. So heißt es an anderer Stelle: „Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist“ (Johannes 3:6). Das Gesetz Gottes stellt diese Grenze klar: Es offenbart, was aus Gott ist, und es entlarvt, was aus dem Fleisch ist – ohne sich jemals mit dem Fleisch zu verbünden.

Der Mensch besteht aus drei Teilen: aus einem Geist, einer Seele mit dem Verstand und einem Leib mit vielen Gliedern. In den Gliedern unseres gefallenen Leibes wohnt nichts Gutes. Dennoch müssen wir daran denken, dass der Mensch von Gott gut geschaffen wurde und dass ein gewisses Maß an Gutem in allen Menschen geblieben ist. Nimm zum Beispiel ein Stück Metall und wirf es in den Schmutz: Es mag verunreinigt sein, aber seine Natur ist immer noch Metall. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft dreizehn, S. 153)

Dem gegenüber steht im Inneren des Menschen ein zweites Gesetz: ein „Gesetz des Guten“. Paulus beschreibt, dass er nach dem inneren Menschen Freude am Gesetz Gottes hat, dass er zustimmen kann und sagen: Das ist gut, das will ich. Hier leuchtet noch etwas von der guten Schöpfungsanlage auf, die Gott in den Menschen gelegt hat. Der Mensch ist nicht nur Gefäß der Sünde, er ist auch Träger eines ursprünglichen Gutseins, ähnlich wie ein Stück Metall, das in den Schmutz gefallen ist und doch Metall bleibt. Dieses innere Gesetz des Guten zeigt sich in Gewissen, Verstand und Willen: Wir können erkennen, was recht ist, wir können es sogar wollen. Aber es bleibt ein Gesetz ohne Macht, solange es sich nur auf die Fähigkeiten der Seele stützt.

Neben diesem inneren Guten gibt es jedoch ein drittes Gesetz, das Paulus mit erschütternder Klarheit benennt: das Gesetz der Sünde in unseren Gliedern. Es ist keine einzelne Tat, sondern eine wirksame Macht, eine fest verankerte Tendenz in unserem gefallenen Leib. Sie wohnt, wie Paulus sagt, „in mir, das heißt in meinem Fleisch“, und sie macht alles zunichte, was der Verstand erkennt und der Wille bejaht. So entsteht der innere Krieg: Das Gesetz Gottes fordert, das Gesetz des Guten stimmt zu, aber das Gesetz der Sünde zieht in die entgegengesetzte Richtung und reißt den Menschen mit. Galater 5 bringt diesen Konflikt in knapper Form auf den Punkt: „Denn das Fleisch begehrt auf gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; denn diese liegen miteinander im Streit, so dass ihr nicht das tut, was ihr wollt“ (Gal. 5:17).

Damit ist der Mensch nicht einfach in gute und böse Menschen eingeteilt, sondern als innerlich gespaltener Mensch gezeichnet. In ihm stehen ein von Gott geschaffenes Gutsein und eine eingedrungene Macht der Sünde einander gegenüber. Das Gesetz Gottes beleuchtet diesen Widerspruch; es verschärft ihn sogar, aber es erzeugt ihn nicht. Je ernster ein Mensch Gottes Willen nehmen will, desto schärfer erlebt er diese Spannung. In dieser Einsicht liegt keine Verkleinerung des Menschen, sondern eine realistische Sicht seiner Lage: Der Mensch ist groß genug, Gottes Anspruch zu verstehen und zu bejahen, aber zu schwach, ihm aus sich heraus zu entsprechen.

Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. (Joh. 3:6)

Denn das Fleisch begehrt auf gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; denn diese liegen miteinander im Streit, so dass ihr nicht das tut, was ihr wollt. (Gal. 5:17)

Wenn die drei Gesetze aus Römer 7 vor Augen stehen, gewinnt auch der eigene innere Kampf Kontur: Das gute Wollen, das Versagen, die Spannung zwischen Einsicht und Praxis erscheinen nicht mehr als bloße Launen der Psyche, sondern als Ausdruck einer geistlichen Realität. Wer das erkennt, muss sich nicht länger vormachen, er könne aus eigener Entschlossenheit sein Fleisch überwinden, sondern darf ehrlich werden vor Gott – ehrlich über das Gute, das er will, und ehrlich über die Macht der Sünde, die stärker ist als sein Wille. Gerade in dieser Ehrlichkeit öffnet sich Raum für eine neue Erwartung: dass Gott selbst einen Weg durch diesen Konflikt hindurch hat und dass Sein Ziel nicht die Verzweiflung des Menschen, sondern seine Hinwendung zu Christus ist.

Die Widerspruchserfahrung von Römer 7 – gut wollen, böse tun

Römer 7 stellt die Erfahrung eines Menschen vor Augen, der Gottes Gesetz ernst nimmt und doch an sich selbst scheitert. Es geht nicht um einen gleichgültigen Sünder, sondern um jemanden, der sagen kann: Ich will das Gute, ich stimme dem Gebot Gottes zu. Paulus formuliert es radikal offen: Er versteht sein eigenes Tun nicht, denn er praktiziert nicht, was er will, sondern was er hasst. So entsteht eine schmerzliche Kluft zwischen Einsicht und Verhalten, zwischen Zustimmung und Praxis. Das Gute ist nicht fern, es liegt im Bereich des Wollens, und gerade darum ist das Scheitern so bedrückend.

„Denn nicht das Gute, das ich will, übe ich aus, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ (V. 19). Dieser Vers beweist, dass es Gutes in uns gibt, denn wir haben einen guten Willen, einen Willen, das Gute zu tun. Dennoch sind wir unfähig, das Gute zu tun, das wir tun wollen. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft dreizehn, S. 152)

Dieses Scheitern ist nicht das Ergebnis mangelnder Aufrichtigkeit, sondern fehlender Kraft. Paulus erkennt: „Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt.“ Das Gesetz des Guten ist im Verstand vorhanden, aber in den Gliedern waltet ein anderes Gesetz, das Gesetz der Sünde. Damit wird klar: Das Problem liegt tiefer als in einzelnen Fehlentscheidungen; es ist strukturell. Der Mensch versucht, mit einem von der Sünde geprägten Leib das hochheilige Gesetz Gottes zu erfüllen, und dieser Versuch muss an der inneren Schieflage zerbrechen. Das Gesetz Gottes verstärkt den inneren Druck, indem es die Sünde ans Licht bringt; es wird zum Anlass, dass die Sünde „über die Maßen sündig“ erscheint.

Gott hat das Gesetz nicht gegeben, damit der gefallene Mensch sich mit seiner Hilfe optimiert, sondern damit sichtbar wird, wie unheilbar tief die Sünde in den Menschen eingedrungen ist. Wo das Gesetz ankommt, wird die Sünde als das erkannt, was sie ist: eine Macht, die den Willen übersteigt und den Menschen in eine Gefangenschaft führt, die er selbst nicht sprengen kann. In dieser Perspektive gewinnt der Aufschrei „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?“ eine andere Farbe. Er ist nicht das Zeichen billigem Resignierens, sondern der Moment, in dem der Mensch die Grenze seiner eigenen Möglichkeiten klar erkennt.

An dieser Stelle beginnt echte Hoffnung. Solange der Mensch meint, er könne mit etwas mehr Anstrengung, etwas besserem Management seiner Zeit oder etwas schärferer Selbstdisziplin das Gesetz Gottes erfüllen, bleibt er gefangen in einem Kreis aus Vorsatz, Scheitern und Schuldgefühlen. Erst dort, wo er in die Tiefe der eigenen Ohnmacht geführt wird, entsteht Raum für eine neue Frage: nicht „Wie schaffe ich es besser?“, sondern „Wer wird mich erlösen?“. Der Blick löst sich von der eigenen Person und sucht einen Retter, der nicht aus derselben beschädigten Quelle stammt.

Denn das Fleisch begehrt auf gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; denn diese liegen miteinander im Streit, so dass ihr nicht das tut, was ihr wollt. (Gal. 5:17)

Die Widerspruchserfahrung von Römer 7 zu erkennen, nimmt der eigenen inneren Zerrissenheit das Stigma. Sie zeigt, dass der Kreislauf aus Vorsätzen, Versagen und Selbstanklage nicht Ausdruck einzigartigen persönlichen Versagens ist, sondern Teil eines geistlichen Prozesses, den Gott in vielen seiner Kinder zulässt. In dieser Sichtweise kann das ehrliche Eingeständnis „Ich kann nicht“ zum Wendepunkt werden: nicht als Kapitulation vor der Sünde, sondern als Öffnung hin zu Christus. Wer seine Grenzen nicht mehr beschönigen muss, wird frei, die Frage „Wer wird mich erlösen?“ zu stellen – und damit den Blick von der eigenen Stärke auf den Erlöser zu verlagern, der gerade in der Schwachheit groß werden will.

Befreiung durch Christus – vom Gesetz des Fleisches zur Gnade

Auf den Aufschrei „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?“ folgt bei Paulus ohne Pause der Dank: „Gott aber sei Dank durch Jesus Christus, unseren Herrn!“ Damit wird deutlich: Die Antwort auf den inneren Konflikt besteht nicht in einer neuen Technik der Selbstverbesserung, sondern in einer neuen Person. Christus tritt in die Szene nicht als zusätzlicher Helfer für den alten Menschen, sondern als der Gekreuzigte und Auferstandene, mit dem unser alter Mensch mitgekreuzigt wurde. Römer 6 beschreibt, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt ist, „damit der Leib der Sünde arbeitslos gemacht sei“. Der Leib, in dem das Gesetz der Sünde wirkt, wird nicht verschönert, sondern unter das Urteil des Kreuzes gestellt.

„Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von dem Leib dieses Todes?“ (V. 24). Warum wird unser Leib „der Leib dieses Todes“ genannt? Weil in unserem Leib das böse Gesetz ist, das gegen das gute Gesetz in unserer Seele Krieg führt. Dieses böse Gesetz macht unseren Leib zu einem „Leib dieses Todes“. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft dreizehn, S. 154)

Das hat eine radikale Folge für das Verhältnis zum Gesetz: In Christus ist der Mensch dem Gesetz gestorben. Paulus verwendet das Bild einer Ehe: Solange der Mann lebt, ist die Frau an ihn gebunden; stirbt der Mann, ist sie frei, einem anderen zu gehören. So waren wir dem Gesetz „verheiratet“ – gebunden an seine Forderung, ohne die Kraft, sie zu erfüllen. Durch den Tod Christi sind wir diesem alten „Ehemann“ gestorben, um einem anderen zu gehören, dem aus den Toten Auferweckten, „damit wir Gott Frucht bringen“ (Röm. 7:4). Die Befreiung geschieht also nicht im Raum der bloßen Moral, sondern im Raum einer neuen Beziehung: an die Stelle des nackten Gebots tritt die lebendige Gemeinschaft mit Christus.

Römer 8 entfaltet, was das praktisch bedeutet: „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat dich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (Röm. 8:2). Wieder ist von einem Gesetz die Rede – diesmal vom Gesetz des Geistes des Lebens. Es ist kein juristisches Gesetz, sondern ein inneres Wirkprinzip, ähnlich zuverlässig wie ein Naturgesetz. Wo Christus durch den Heiligen Geist im Menschen wohnt, beginnt ein neues Gesetz in ihm zu wirken, das stärker ist als das Gesetz der Sünde im Fleisch. Nicht der Wille wird aufgerüstet, sondern ein neues Leben wird wirksam, das das alte Leben überwindet.

Damit verschiebt sich der Schwerpunkt des Christenlebens: nicht mehr der Versuch, mit der Kraft des Fleisches die Forderung des Gesetzes zu erfüllen, sondern das Leben im Geist. „Was aus dem Geist geboren ist, ist Geist“ (Johannes 3:6) – dieser Satz beschreibt nun eine erlebte Realität. Im Geist zu leben heißt, sich der inneren Gegenwart Christi zu öffnen und sich ihrer Wirkung nicht zu entziehen. Dort, wo der Geist Raum gewinnt, wird das Begehren des Fleisches nicht veredelt, sondern zurückgedrängt und „abgetötet“. Das Gesetz wird nicht verachtet, aber seine Forderung wird in einem anderen Raum erfüllt: nicht unter dem Druck von außen, sondern durch das Leben von innen.

Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. (Joh. 3:6)

Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Wer Mein Wort hört und dem glaubt, der Mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen. (Joh. 5:24)

Die Befreiung durch Christus ernst zu nehmen bedeutet, den Blick allmählich von der eigenen Leistung auf die innere Wirklichkeit des Geistes zu verlagern. Wer erlebt hat, dass seine besten Vorsätze an der Macht des Fleisches zerbrechen, darf in Römer 8 eine neue Perspektive entdecken: Sein Leben hängt nicht mehr an der Frage, ob er das Gesetz aus eigener Kraft erfüllt, sondern daran, ob er Christus Raum gibt, in ihm zu wirken. Diese Sichtweise nimmt dem Kampf nicht die Schwere, aber sie nimmt ihm die Hoffnungslosigkeit. Im Bewusstsein, dass das Gesetz des Geistes des Lebens stärker ist als das Gesetz der Sünde und des Todes, kann der Gläubige lernen, mit seinen Schwächen vor Gott zu bleiben und zugleich mit der leisen, aber tragenden Zuversicht zu leben, dass Christus ihn nicht loslässt, sondern ihn Schritt um Schritt in die Freiheit der Gnade hineinführt.


Herr Jesus Christus, du kennst unser Herz, unser gutes Wollen und zugleich unsere Ohnmacht gegenüber dem Gesetz der Sünde in unserem Fleisch. Danke, dass du uns nicht unter der Last des Gesetzes zurücklässt, sondern uns durch deinen Tod und deine Auferstehung einen neuen Anfang geschenkt hast. Vater, öffne die Augen, damit die Befreiung durch deinen Sohn tiefer erkannt und die Hoffnung auf dein Wirken im Alltag gestärkt wird. Heiliger Geist, wir vertrauen darauf, dass du in unserer Schwachheit mächtig bist und dass das Gesetz des Geistes des Lebens stärker ist als jede Macht der Sünde. So möge dein Friede unsere oft zerrissenen Herzen ordnen und deine Gnade über den Kampf triumphieren, bis wir voller Dankbarkeit sagen können: „Gott aber sei Dank durch Jesus Christus, unseren Herrn.“ Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Romans, Chapter 13