Einsmachung mit Christus
Viele Gläubige wissen, dass ihre Sünden vergeben sind, erleben aber dennoch innerlich wenig Veränderung. Paulus beschreibt im Römerbrief, dass Gott nicht nur unsere Taten, sondern unsere ganze Person an der Wurzel anspricht: unser altes Leben in Adam und unser neues Leben in Christus. Zwischen diesen beiden Menschen verläuft eine unsichtbare, aber entscheidende Grenze, und an dieser Grenze entscheidet sich, ob wir weiter unter der Herrschaft der Sünde leben oder in der Freiheit des göttlichen Lebens stehen.
Vom ersten Adam zum letzten Adam – ein göttlicher Tausch
Wenn Paulus in Römer 5 von Adam und Christus spricht, öffnet sich vor uns eine weite, ernste und zugleich tröstliche Landschaft. Er beschreibt nicht nur zwei religiöse Möglichkeiten, sondern zwei Menschheiten, zwei Quellen, zwei Reiche. In Adam stehen Schuld, Sünde, Gericht, Verdammnis, und als Summe dieser Kette steht der Tod. Wir sind nicht bloß Menschen, die hier und da etwas Falsches tun; wir gehören von Natur her einer gefallenen Linie an, in der der Tod regiert. Darum heißt es: „durch eines Menschen Übertretung ist die Verurteilung zu allen Menschen gekommen“ und weiter: „der Tod herrschte“ (vgl. Röm. 5:16–17). Es ist bemerkenswert, wie nüchtern die Schrift über diesen Zustand spricht. Sie beschönigt nicht, dass das ganze Menschengeschlecht unter einer Macht steht, die stärker ist als guter Wille, Religion oder Kultur.
Die Summe von Adam, Übertretung, Sünde, Gericht und Verurteilung ergibt den Tod. Das ist die Gesamtsumme der universellen Soll-Spalte in der Buchführung des Menschengeschlechts. Halleluja für die Haben-Spalte! In diesem universellen Konto gibt es auch eine Haben-Spalte. Der erste Posten in dieser Spalte ist Christus, der Adam gegenübersteht. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft elf, S. 129)
Dem gegenüber entfaltet Paulus eine andere Linie, die nicht mit unseren Anstrengungen beginnt, sondern mit einer Person: Christus, der letzte Adam. Er steht der ganzen Geschichte Adams gegenüber wie ein neues Haupt, ein neuer Ursprung. In Ihm stehen Gehorsam, Gnade, die Gabe der Gerechtigkeit, Rechtfertigung und als Summe das Leben. Wenn Gott uns aus Adam herausnimmt und in Christus hineinsetzt, bedeutet das einen wirklichen Wechsel der Zugehörigkeit. Es ist, als würde Er die universelle Buchführung des Menschengeschlechts aufschlagen und unseren Namen aus der Soll-Spalte des ersten Adam in die Haben-Spalte Christi übertragen. Dazu passt das Wort: „Denn wie durch des einen Menschen Ungehorsam die vielen zu Sündern hingestellt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die vielen zu Gerechten hingestellt werden“ (Röm. 5:19). Unsere Einsmachung mit Christus heißt darum nicht zuerst, dass wir uns sehr anstrengen, Ihm ähnlich zu werden, sondern dass Gott uns eine neue Stellung, eine neue Quelle und ein neues Haupt gegeben hat.
Diese Verlagerung aus Adam in Christus hat eine rechtliche und eine reale Seite. Rechtlich spricht Gott uns auf der Grundlage des Kreuzes gerecht, weil Er uns die Gerechtigkeit Christi zurechnet. Real beginnt Er, uns innerlich aus der alten, sündigen Verfassung herauszulösen und in das göttliche Leben hineinzuziehen. Was auf Christi Seite steht, wird uns angerechnet, aber es bleibt nicht bei einer trockenen Rechnungsbuch-Notiz. Das zugerechnete Leben beginnt, in uns zu wirken. Deshalb heißt es: „Denn wenn infolge der Übertretung des Einen der Tod durch den Einen herrschte, so werden vielmehr die, welche die überströmende Fülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den Einen, Jesus Christus“ (Röm. 5:17). Wo früher der Tod regierte, darf jetzt das Leben regieren; wo früher die Macht der Sünde selbstverständlich war, wird die Gegenwart Christi zur neuen Bestimmungsgröße.
Wer auf diese Weise von Adam zu Christus versetzt wird, schaut sein eigenes Leben in einem neuen Licht. Vergangenes Versagen verliert den Charakter eines unausweichlichen Schicksals; es wird Teil der alten Geschichte, die in Adam endet. Gegenwart und Zukunft stehen unter einem anderen Vorzeichen: Christus selbst ist die Haben-Seite unseres Lebens geworden. Dieser Tausch entwürdigt den Menschen nicht, sondern befreit ihn. Wir müssen nicht länger aus einer erschöpften, beschädigten inneren Quelle schöpfen, sondern dürfen uns einem Haupt anvertrauen, das Gehorsam, Gerechtigkeit und Leben bereits vollendet hat. Wer sich in dieser Wahrheit birgt, entdeckt Schritt für Schritt, wie der Tod seine letzte Macht verliert und der auferstandene Christus zur leisen, aber beharrlichen Melodie des Alltags wird.
Denn wenn infolge der Übertretung des Einen der Tod durch den Einen geherrscht hat, so werden vielmehr die, welche den Überfluss der Gnade und das Geschenk der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den Einen, Jesus Christus. (Röm. 5:17)
Denn wie durch des einen Menschen Ungehorsam die Vielen zu Sündern hingestellt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten hingestellt werden. (Röm. 5:19)
Die Einsmachung mit Christus ist ein göttlicher Tausch, in dem Gott uns aus der Linie Adams herausnimmt und in die Linie Christi hineinversetzt, sodass Schuld, Verdammnis und Tod nicht mehr unsere endgültige Geschichte sind, sondern Gnade, Gerechtigkeit und Leben aus Christus unsere neue Stellung und Quelle bilden, aus der wir Tag für Tag leben dürfen.
Mit Christus gekreuzigt und auferstanden – die Wirklichkeit der Taufe
Zwischen Adam und Christus stellt Gott eine Grenze, die nicht aus Stein, sondern aus Tod und Auferstehung besteht. Diese Grenze berührt uns ganz konkret in der Taufe. Paulus schreibt: „Oder wißt ihr nicht, daß wir, so viele auf Christus Jesus hineingetauft worden sind, auf seinen Tod hineingetauft worden sind?“ (Röm. 6:3). Taufe ist in der Sicht Gottes nicht nur ein frommes Symbol, sondern die von Ihm eingesetzte Linie, an der Er festmacht: Bis hierher geht die Geschichte in Adam, von hier an beginnt die Geschichte in Christus. Wer getauft wird, wird in Christus Jesus hineingetauft und damit in seinen Tod hineingenommen. Das bedeutet: Das alte Menschsein in Adam – mit all seiner Religiosität, Moral, Rebellion und Schwachheit – wird vor Gott mit Christus gekreuzigt und begraben.
Taufe bedeutet, in Christus und in Seinen Tod hineingebracht zu werden. Ob wir gut oder schlecht waren – wir wurden in Adam geboren. Jetzt sehen wir einen anderen Menschen: Christus. Wie können wir in Ihn hineinkommen und ein Teil von Ihm werden? Der Weg dazu ist, in Christus hineingetauft zu werden. Das bedeutet, dass die Taufe die Menschen in Christus hineinbringt. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft elf, S. 132)
Dieses Begraben ist kein dunkler Endpunkt, sondern die Kehrseite eines neuen Anfangs. Paulus knüpft an das Bild eines Samens an, der in die Erde fällt, stirbt und gerade dadurch zu neuem Leben durchbricht. So heißt es: „Wir sind nun mit ihm einsgemacht worden in der Gleichheit seines Todes, so werden wir es auch in der seiner Auferstehung sein“ (Röm. 6:5). In der Taufe werden wir gewissermaßen eingepflanzt in die Gestalt seines Todes, damit wir in der Kraft seiner Auferstehung wachsen. Das Auferstehungsleben, das dann in uns wirksam wird, ist nicht unsere eigene Energie, nicht ein gesteigerter Wille oder eine verfeinerte Psyche. Es ist das göttliche Leben Christi selbst, das den Tod nicht nur überstanden, sondern überwunden und verschlungen hat. Darum konnte der Herr sagen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer in mich hineinglaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“ (Johannes 11:25).
Wenn die Schrift davon spricht, dass wir „in Neuheit des Lebens wandeln“ (Röm. 6:4), öffnet sie eine Perspektive, die weit über den Moment der Taufe hinausreicht. Neuheit des Lebens ist nicht in erster Linie ein neuer Stil oder ein verändertes Verhalten, sondern die Wirklichkeit, dass ein anderer lebt – Christus in uns. Seine Auferstehung ist nicht nur ein Datum der Heilsgeschichte, sie ist eine Kraft, die unser Inneres durchdringen will. Sie entlastet uns von der Pflicht, aus uns selbst heilig sein zu müssen, und führt uns in die Freiheit, in einer vorhandenen Heiligkeit zu leben, die in Christus vollendet ist und sich nun in unserem Alltag entfalten möchte.
Dort, wo diese Sicht der Taufe unser Herz prägt, bekommt selbst der unscheinbare Alltag einen anderen Klang. Momente des Versagens, der Müdigkeit, auch des inneren Widerstands verlieren ihren absoluten Charakter, weil sie zu dem gehören, was Gott bereits mit Christus in den Tod gegeben hat. Demgegenüber steht eine leise, aber beharrliche Wirklichkeit: das Auferstehungsleben, das in uns ruht und sich entfalten will. Wer so auf die Taufe zurückblickt, schaut nicht nur auf einen vergangenen Ritus, sondern auf eine göttliche Zusage: Du bist mit Christus gestorben, und du bist mit ihm auferstanden; du darfst heute in seinem Leben stehen, getragen von der Kraft, mit der Gott ihn aus den Toten auferweckt hat.
Oder wißt ihr nicht, daß wir, so viele auf Christus Jesus hineingetauft worden sind, auf seinen Tod hineingetauft worden sind? Wir sind nun mit ihm zusammen begraben worden durch die Taufe auf den Tod, damit, so wie Christus aus den Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in Neuheit des Lebens wandeln. (Röm. 6:3–4)
Denn wenn wir verwachsen sind mit der Gleichheit seines Todes, so werden wir es auch mit der seiner Auferstehung sein. (Röm. 6:5)
Die Taufe ist Gottes gesetzte Grenze zwischen Adam und Christus, in der unser altes Menschsein mit Christus gekreuzigt und begraben und wir zugleich in sein Auferstehungsleben eingepflanzt werden, sodass wir unseren Alltag nicht aus eigener Kraft, sondern in der Neuheit und Kraft dieses göttlichen Lebens gestalten dürfen.
Sehen, rechnen, sich Gott zur Verfügung stellen – Leben aus der Einsmachung
Die Einsmachung mit Christus bleibt nicht in der unsichtbaren Welt stehen, sie drängt in den Alltag hinein. Paulus führt uns in Römer 6 auf einen Weg mit drei Bewegungen, die sich gegenseitig durchdringen. Zuerst geht es um das Sehen: „Wir wissen, daß unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde abgetan sei, so daß wir der Sünde nicht mehr dienen“ (Röm. 6:6). Dieses Wissen ist mehr als ein abstraktes Dogma. Der Heilige Geist öffnet uns die Augen dafür, dass die Kreuzigung und Auferstehung Christi vor Gott unsere Geschichte geworden sind. Wenn Gott auf unser Leben schaut, sieht Er den alten Menschen bereits mit Christus gekreuzigt und den neuen Menschen bereits in Christus lebendig gemacht.
Da wir in Ihm sind, ist alles, was Er durchschritten hat, auch unsere Geschichte. Er ist gekreuzigt worden und auferstanden. Somit sind Seine Kreuzigung und Seine Auferstehung die unsrigen. Dies ist eine herrliche Tatsache. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft elf, S. 134)
Auf dieses Sehen folgt das Rechnen: „So auch ihr, haltet euch selbst für tot für die Sünde, aber lebend für Gott in Christus Jesus“ (Röm. 6:11). Paulus greift hier die Sprache der Buchführung auf. Wir sollen uns selbst so betrachten, wie Gott uns bereits sieht, und diese Sicht innerlich übernehmen. Dieses Rechnen stützt sich nicht auf wechselhafte Gefühle, sondern auf die beständige Tatsache des Werkes Christi. Es bedeutet, dass wir in konkreten Situationen innerlich Stellung beziehen: Ich gehöre nicht mehr dem alten Adam, ich stehe in Christus; sein Tod ist mein Tod, sein Leben ist mein Leben. Dazu passt das Wort: „Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden“ (Kolosser 3:4). Christus ist nicht nur ein Helfer neben uns, sondern unser Leben in uns.
Aus Sehen und Rechnen erwächst schließlich eine Haltung der Verfügbarkeit: „Stellt eure Glieder nicht der Sünde zur Verfügung als Waffen der Ungerechtigkeit, sondern stellt euch selbst Gott zur Verfügung … und eure Glieder Gott als Waffen der Gerechtigkeit“ (Röm. 6:13). Wer so mit seiner Einsmachung mit Christus lebt, führt eine stille, aber reale Auseinandersetzung im Inneren. Die Sünde erhebt Anspruch auf unsere Gedanken, Worte, Körperkräfte; doch wir dürfen innerlich Partei ergreifen für den auferstandenen Christus in uns und uns selbst samt unseren Gliedern Gott hinhalten. Heiligung bekommt so ein lebendiges Gesicht: Sie ist nicht zuerst ein äußerer Katalog von Verhaltensregeln, sondern der Raum, den wir dem göttlichen Leben in uns eröffnen, damit es uns durchdringt und prägt.
Wo dieser Weg gegangen wird, beginnt der Alltag, auch in seinen unscheinbaren Stunden, eine neue Tiefe zu gewinnen. Scheitern bleibt möglich, Schwäche auch, doch sie müssen nicht mehr das letzte Wort haben. Immer wieder dürfen wir zu dem zurückkehren, was Gott bereits getan hat: Wir sind mit Christus gekreuzigt, wir sind mit Christus auferstanden, Christus ist unser Leben. In diesen einfachen, tiefen Sätzen liegt eine große Ermutigung verborgen. Sie erinnern uns daran, dass Heiligung nicht aus der Erschöpfung unserer Kräfte, sondern aus der Überfülle seiner Gnade und aus der stillen Standhaftigkeit seines in uns wohnenden Auferstehungslebens erwächst. In dieser Gewissheit kann unser Herz aufatmen und zugleich neu bereit werden, sich Gott zur Verfügung zu stellen – nicht aus Zwang, sondern aus dem Vertrauen heraus, dass Er in uns das vollenden wird, was Er in Christus bereits erfüllt hat.
Dies wissend, daß unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde abgetan sei, so daß wir der Sünde nicht mehr dienen. (Röm. 6:6)
So auch ihr, haltet euch selbst für tot für die Sünde, aber lebend für Gott in Christus Jesus. (Röm. 6:11)
Indem wir im Licht der Schrift sehen, was Gott in Christus bereits mit unserem alten und neuen Menschen getan hat, uns selbst entsprechend dieser Tatsache als der Sünde gestorben und Gott lebend rechnen und unsere Glieder Gott statt der Sünde zur Verfügung stellen, wird die Einsmachung mit Christus zur prägenden Kraft unseres Alltags und öffnet Raum für eine stille, wachsende Heiligung aus seinem in uns wohnenden Leben.
Herr Jesus Christus, danke, dass du mich aus Adam herausgenommen und in dich hineingestellt hast, dass dein Tod mein Tod und deine Auferstehung mein neues Leben sind. Öffne mir die Augen, damit ich tiefer sehe, was du vollbracht hast, und lehre mich, mich selbst als der Sünde gestorben und dir lebendig zu sehen. Stärke in mir dein Auferstehungsleben, damit es leiser, aber stärker ist als jede innere Anklage, Versuchung und Schwachheit. Ich bringe dir mein Denken, meine Worte und Taten und vertraue darauf, dass du in mir wirkst, was dir gefällt, bis deine heiligende Gnade in meinem Leben sichtbar wird. Bewahre mich unter der überströmenden Fülle deiner Gnade und lass mich in dir bleiben, bis dein Leben in mir zur Reife kommt und du durch mich verherrlicht wirst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Romans, Chapter 11