Das Wort des Lebens
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Rechtfertigung auf Gottes Weise

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Viele Menschen hoffen, vor Gott irgendwie „gut genug“ zu sein – durch ein anständiges Leben, religiösen Eifer oder moralische Leistungen. Doch das Neue Testament macht deutlich, dass Gottes Maßstab weit höher liegt als alles, was wir jemals erreichen können. Die gute Nachricht ist: Gott selbst hat in Christus einen Weg geschaffen, auf dem seine absolute Gerechtigkeit gewahrt bleibt und wir dennoch voll angenommen werden. Wer versteht, wie Gott rechtfertigt, entdeckt einen sicheren Boden für sein Gewissen und einen neuen, freien Zugang in die Gemeinschaft mit ihm.

Gottes Gerechtigkeit und unsere Rechtfertigung

Wenn die Schrift von der „Gerechtigkeit Gottes“ spricht, meint sie mehr als ein abstraktes Maß oder ein kaltes Prinzip. Sie beschreibt, wie Gott in sich selbst ist – gerade, verlässlich, ohne Schatten oder Unaufrichtigkeit. Alles, was Gott in seiner Geradheit ist und wie er handelt, bildet seine Gerechtigkeit. Darum kann Paulus sagen: „JETZT aber ist ohne Gesetz Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten: Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus für alle, die glauben“ (Röm. 3:21–22). Diese Gerechtigkeit ist nicht von uns zu produzieren, sie wird offenbart. Und sie wird nicht zuerst als Forderung sichtbar, sondern als Geschenk in einer Person.

Was ist die Gerechtigkeit Gottes? Man kann sagen, dass die Gerechtigkeit Gottes das ist, was Gott in Bezug auf Gerechtigkeit und Recht ist (Röm. 3:21–22; 1:17; 10:3; Phil. 3:9). Gott ist gerecht und recht. Alles, was Gott in Seiner Gerechtigkeit und Rechtmäßigkeit ist, macht Seine Gerechtigkeit aus. Außerdem ist alles, was Gott in Seiner Gerechtigkeit und Rechtmäßigkeit ist, in Wirklichkeit Er Selbst. Daher ist die Gerechtigkeit Gottes Gott Selbst. Die Gerechtigkeit Gottes ist eine Person, nicht nur ein göttliches Attribut. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft fünf, S. 49)

In Christus tritt uns die Gerechtigkeit Gottes nicht mehr nur als Maßstab gegenüber, sondern als Mensch gewordene Wirklichkeit. Er ist das Leben, das in jedem Gedanken, in jedem Wort, in jeder Tat vollkommen mit Gottes Recht übereinstimmt. Darum konnte Paulus sagen, er wolle „in Ihm angetroffen werde, wobei ich nicht meine eigene Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die, die durch den Glauben an Christus ist, die Gerechtigkeit, die aus Gott und aufgrund des Glaubens ist“ (Phil. 3:9). Rechtfertigung heißt dann nicht, dass Gott unsere Bilanz schönrechnet, sondern dass er uns mit Christus verbindet. In Christus sieht Gott uns so, wie er seinen eigenen Sohn sieht. „Er hat den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden“ (2. Kor. 5:21).

Das verändert den Blick auf unser „Recht-haben“ vor Gott. Eigene Leistung, Frömmigkeit oder moralischer Einsatz bleiben immer brüchig. Sie können nie das widerspiegeln, was Gott selbst in seiner Heiligkeit ist. Wo der Mensch seine eigene Gerechtigkeit aufrichten will, stellt er sich unmerklich neben Gott, statt sich ihm zu unterwerfen; so heißt es über Israel: „Denn da sie Gottes Gerechtigkeit nicht erkannten und ihre eigene aufzurichten trachteten, haben sie sich der Gerechtigkeit Gottes nicht unterworfen“ (Röm. 10:3). Rechtfertigung auf Gottes Weise führt aus diesem Kreislauf heraus: Sie stellt uns an den Ort, an dem Gottes Urteil nicht länger an unserem wechselhaften Zustand gemessen wird, sondern an der beständigen Gerechtigkeit Christi.

Wer so denkt, beginnt, ruhiger zu werden. Der innere Druck, sich vor Gott beweisen zu müssen, löst sich. Die gleiche Gerechtigkeit, die uns einmal verurteilt hätte, ist nun unser Schutz, weil sie in Christus für uns einsteht. Gott würde gegen sich selbst handeln, wenn er jemanden verwerfen wollte, den er in seinem Sohn gerecht gesprochen hat. In dieser Gewissheit wird das Herz weit: Demütig, weil alles geschenkt ist; mutig, weil Gottes eigenes Urteil unsere Identität trägt. Aus einer solchen Rechtfertigung wächst ein neues Leben – nicht aus Angst um das eigene Standing, sondern aus Dankbarkeit für eine Gerechtigkeit, die in einer lebendigen Person bei uns wohnt.

JETZT aber ist ohne Gesetz Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten: (Röm. 3:21)

Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus für alle, die glauben. Denn es ist kein Unterschied, (Röm. 3:22)

Wer erkennt, dass Gottes Gerechtigkeit Christus selbst ist, darf aufhören, sich an eigenen Maßstäben aufzurichten, und lernt, im Vertrauen auf die vollkommene Gerechtigkeit des Sohnes zu leben – still vor Gott, aber innerlich frei und froh, weil sein Urteil bereits in Christus gefallen ist.

Sühnung, Erlösung und Versöhnung in Christus

Der Weg, auf dem Gott uns so gerecht sprechen kann, führt durch die Tiefe von Sühnung, Erlösung und Versöhnung. Im Alten Testament wurden diese Wirklichkeiten bildhaft vor Augen gestellt. Einmal im Jahr, am Versöhnungstag, trat der Hohepriester mit dem Blut des Sünd- und des Brandopfers ins Allerheiligste und sprengte es auf den goldenen Deckel der Lade des Zeugnisses. Unter dieser Deckplatte lag das Gesetz, das die Sünde des Volkes unbarmherzig offenbarte; über ihr standen die Cherubim der Herrlichkeit. Zwischen Gesetz und Herrlichkeit wurde das Blut gebracht. „Und er nehme (etwas) von dem Blut des Jungstiers und sprenge (es) mit seinem Finger auf die Vorderseite der Deckplatte nach Osten zu, und vor die Deckplatte soll er siebenmal (etwas) von dem Blut mit seinem Finger sprengen“ (3. Mose 16:14). So wurde die verurteilende Stimme des Gesetzes vorläufig zum Schweigen gebracht, ohne dass die Herrlichkeit Gottes herabgesetzt wurde.

Als das Blut des Sühnopfers auf die Deckplatte der Lade gesprengt wurde, befriedigte es die gerechten Forderungen von Gottes Gesetz und erfüllte die Ansprüche von Gottes Herrlichkeit. Daher konnte Gott auf der Sühnplatte der Lade dem Menschen begegnen, zu ihm sprechen und mit ihm Gemeinschaft haben – und zwar auf gesetzmäßige Weise, ohne Seine Gerechtigkeit oder Herrlichkeit zu widersprechen. An diesem Ort wurden Gott und Mensch eins gemacht. Das war die Sühnung, die Expiation. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft fünf, S. 52)

Was damals nur ein jährlich wiederkehrender Schatten war, ist in Christus endgültig Wirklichkeit geworden. Er ist zugleich das wahre Sündopfer und der Ort, an dem Gott begegnet. Darum heißt es: „Und Er Selbst ist die Sühnung für unsere Sünden, und nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt“ (1. Johannes 2:2). Am Kreuz stand Christus zwischen der Forderung des Gesetzes und der Herrlichkeit Gottes. Alles, was Gottes Gerechtigkeit, Heiligkeit und Herrlichkeit gegen uns vorzubringen hatten, wurde auf ihn gelegt. Er trug unsere Sünden „in Seinem Leib an das Holz hinauf“ (1. Petrus 2:24), und er hat „ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht“ (Hebr. 10:12). Dort, wo Gottes Zorn die Sünde traf, öffnete sich zugleich der Gnadenort, an dem Sünder und heiliger Gott sich rechtmäßig begegnen können.

Mit der Sühnung ist untrennbar die Erlösung verbunden. Erlösung meint mehr als Vergebung; sie bedeutet Freikauf unter einem bestimmten Anspruch. „Nicht mit verderblichen Dingen, mit Silber oder Gold, von eurer nichtigen, von euren Vätern überlieferten Lebensweise erlöst worden“, sondern „mit dem kostbaren Blut als eines Lammes ohne Makel und ohne Flecken, mit dem Blut Christi“ (1. Petrus 1:18–19). Hier wird deutlich: Der Preis wurde nicht an den Teufel bezahlt, sondern vor Gott. Gottes eigene Gerechtigkeit verlangte, dass Sünde nicht einfach übergangen wird. Indem Christus sein Blut vor Gott bringt (Hebräer 9:12.14), bezahlt er alles, was Gottes Thron fordert, und öffnet zugleich den Weg aus der Macht der Sünde und ihrer Konsequenzen heraus. Erlösung heißt: Es gibt nichts mehr offen in der Schuldakte vor Gott.

Auf dieser Grundlage geschieht Versöhnung. Sühnung betrachtet die Sünde vor Gott, Erlösung den Preis, der unter seinen Anforderungen bezahlt wird, Versöhnung die Beziehung, die dadurch neu wird. „Denn wenn wir, als wir Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod Seines Sohnes, werden wir viel mehr in Seinem Leben gerettet werden, nachdem wir versöhnt worden sind“ (Römer 5:10). Gott begnügt sich nicht damit, dass unsere Akte juristisch bereinigt ist; er will uns zu sich selbst hinführen. In Christus tritt er uns nicht mehr als Richter gegenüber, der uns auf Distanz hält, sondern als der, der uns an sein Herz zieht. „Alles aber ist aus Gott, der uns durch Christus mit Sich Selbst versöhnt hat“ (2. Korinther 5:18).

Und er nehme (etwas) von dem Blut des Jungstiers und sprenge (es) mit seinem Finger auf die Vorderseite der Deckplatte nach Osten zu, und vor die Deckplatte soll er siebenmal (etwas) von dem Blut mit seinem Finger sprengen. (3.Mose 16:14)

Und Er Selbst ist die Sühnung für unsere Sünden, und nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. (1.Joh. 2:2)

Wer Sühnung, Erlösung und Versöhnung in Christus zusammendenkt, lernt Gottes Treue und Strenge zugleich zu ehren und findet gerade darin tiefen Trost: Vor dem Thron steht ein vollbrachtes Werk, das stärker ist als jede Anklage und jede Schwankung der eigenen Gefühle.

Glauben an Christus als Gnadenort und neuer Lebensgrund

Die Rechtfertigung, die Gott in Christus vollbracht hat, bleibt nicht theoretisch. Sie wird sichtbar und wirksam, wenn der Mensch in den Raum des Glaubens hineingezogen wird. Paulus fasst diesen Vorgang so: „Denn die Gerechtigkeit Gottes wird darin offenbart aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: ‚Der Gerechte aber soll durch Glauben Leben haben und leben‘“ (Römer 1:17). Gottes Gerechtigkeit war immer da, aber für uns war sie verborgen, bis der Augenblick kam, in dem das Evangelium unser Herz traf und wir Christus anvertraut wurden. In diesem Moment hörte Gott auf, uns nach unserem eigenen Maß zu beurteilen; er sah uns in seinem Sohn. Das ist Rechtfertigung: die Offenbarung einer schon immer vollkommenen Gerechtigkeit an einem konkreten Menschenleben.

Was ist Rechtfertigung? Rechtfertigung bedeutet, dass die Gerechtigkeit Gottes offenbar geworden ist. Obwohl die Gerechtigkeit Gottes seit Zeitaltern existiert, wurde sie uns erst dann offenbar, als wir an den Herrn glaubten und Seinen Namen anriefen. In diesem Moment wurde uns die Gerechtigkeit Gottes geoffenbart. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft fünf, S. 57)

Dieses Leben im Glauben ist kein vager religiöser Zustand, sondern die innere Haltung eines Menschen, der weiß, wo er steht. Bildhaft gesprochen: Wer an Christus glaubt, steht auf dem Sühnedeckel. Unter ihm liegt das Gesetz, das seine Schuld schonungslos aufdeckt; über ihm wölbt sich die Herrlichkeit Gottes, die nichts Unreines dulden kann. Doch zwischen beidem ist das Blut – Christus selbst, der Gnadenort, an dem Gott sich treffen lässt. Paulus beschreibt das so: „JETZT aber ist ohne Gesetz Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden … Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus für alle, die glauben“ (Römer 3:21–22). Wer dort steht, muss seine Anklage nicht mehr selbst beantworten. Alles, was das Gesetz gegen ihn vorbringt, ist schon in Christus geahndet worden.

Weil der Glaube auf solch fester Grundlage ruht, kann er als ruhendes Vertrauen beschrieben werden. Hebräer 12:2. lädt ein, „wegschauend unseren Blick auf Jesus zu richten, den Urheber und Vollender unseres Glaubens“. Der Glaube, in dem wir vor Gott stehen, ist letztlich sein eigenes Werk in uns. Christus schenkt ihn, trägt ihn und führt ihn ans Ziel. Darum hat das Rühmen der eigenen Leistung keinen Raum mehr. Wenn Gott rechtfertigt, tut er dies auf einem Weg, der uns die Hände leert und den Mund öffnet für ein anderes Rühmen: „Und nicht nur das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben“ (Römer 5:11).

Praktisch bedeutet das: Unsere Beziehung zu Gott hängt nicht länger an der Tagesform des Gewissens. Es gibt Tage, an denen Schuld deutlicher ist, an denen Unzulänglichkeiten grell vor Augen stehen. Und es gibt Stunden, in denen alles leicht scheint. Die Rechtfertigung auf Gottes Weise trägt durch beides hindurch, weil sie nicht an unser Empfinden gebunden ist, sondern an die unwandelbare Gerechtigkeit Christi. „Darum, nachdem wir aus Glauben gerechtfertigt worden sind, haben wir Frieden zu Gott hin durch unseren Herrn Jesus Christus“ (Römer 5:1). Dieser Frieden ist mehr als ein Gefühl: Er ist das objektive Ende der Feindschaft zwischen Gott und uns.

Denn die Gerechtigkeit Gottes wird darin offenbart aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: „Der Gerechte aber soll durch Glauben Leben haben und leben.“ (Röm. 1:17)

JETZT aber ist ohne Gesetz Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten: (Röm. 3:21)

Wer im Glauben auf Christus als seinem Gnadenort steht, lernt, sein Gewissen an Gottes vollbrachtem Urteil auszurichten, und findet gerade so einen bleibenden Frieden, aus dem ein schlichtes, ehrliches und zugleich fröhliches Leben vor Gott erwächst.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Romans, Chapter 5