Das Evangelium Gottes
Viele kennen die vier Evangelien und denken dabei an Jesus, der sichtbar unter den Menschen lebte. Doch der Römerbrief spricht von einem Evangelium, das noch tiefer greift: Christus nicht nur unter uns, sondern in uns, als auferstandener, lebensspendender Herr. Wer diese Perspektive entdeckt, beginnt das Evangelium nicht nur als Nachricht, sondern als gegenwärtige Kraft Gottes zu verstehen, die Menschen verwandelt.
Das von Gott verheißene Evangelium
Wenn Paulus im Römerbrief sagt, dass das Evangelium Gottes „zuvor verheißen“ wurde, öffnet er den Blick auf eine Geschichte, die länger ist als unsere persönliche Bekehrung und älter als die Zeit. Das Evangelium beginnt nicht in den Evangelien, sondern in der vergangenen Ewigkeit im Herzen Gottes. Bevor irgendetwas geschaffen war, beschloss Gott, Menschen in die Gemeinschaft mit sich zu bringen – nicht als nachträgliche Reparatur eines missglückten Projekts, sondern als innerstes Ziel seines Handelns. Deshalb webt sich durch die Heilige Schrift von 1. Mose bis Maleachi eine leise, aber beharrliche Spur von Zusagen, Symbolen und Andeutungen, die wie ein roter Faden auf Christus zulaufen. Das Opfer des Abel, der Widder an Stelle Isaaks, das Blut des Passahlammes, die Sünd-, Speis- und Friedensopfer in 3. Mose, die Verheißung des leidenden Knechtes bei Jesaja – all das ist keine lose Sammlung religiöser Bilder, sondern vorlaufende Sprache Gottes über sein eigenes Evangelium.
Dieses Evangelium wurde von Gott durch die Propheten in den Schriften verheißen. Das bedeutet, dass das Evangelium Gottes kein Zufall war, sondern von Gott geplant und vorbereitet wurde. Die Bibel zeigt uns, dass dieses Evangelium von Gott in der vergangenen Ewigkeit geplant wurde. Vor Grundlegung der Welt hatte Gott dieses Evangelium bereits vorgesehen. So hat Gott unzählige Male in der Heiligen Schrift, von 1. Mose bis Maleachi, durch die Propheten Verheißungen in Bezug auf das Evangelium Gottes ausgesprochen. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft zwei, S. 18)
In Jesus tritt dann ans Licht, was Gott von Ewigkeit her im Herzen trug. Johannes bezeugt: „Am folgenden Tag sah er Jesus zu sich kommen und sagte: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“ (Johannes 1:29). Das Lamm, von dem die Bilder und Propheten sprachen, steht plötzlich leibhaftig in der Mitte Israels. Doch das Evangelium erschöpft sich nicht in einem vergangenen Ereignis. In der Menschwerdung geht der ewige Sohn in unser Menschenleben hinein; am Kreuz vergibt er nicht nur Sünden, sondern trägt unsere ganze verlorene Existenz ins Gericht; in der Auferstehung bestätigt Gott dieses Werk und macht den Sohn mit verherrlichter Menschlichkeit öffentlich. Und durch seinen Geist bringt Christus heute die Frucht dieses Werkes in das Herz des Glaubenden hinein. Das Evangelium Gottes umfasst darum zwei untrennbare Seiten: das vollbrachte Werk Christi für uns und seine lebendige Gegenwart in uns. Wer das erkennt, beginnt seine eigene Geschichte nicht mehr bei sich, sondern bei Gottes ewigem Plan – und darin liegt eine tiefe Ruhe: Mein Glaube hängt nicht an einer spontanen Idee Gottes, sondern ist hineingenommen in eine Liebe, die vor Grundlegung der Welt begonnen hat und kein Ende kennt.
Am folgenden Tag sah er Jesus zu sich kommen und sagte: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt! (Joh. 1:29)
Das Bewusstsein, dass das Evangelium Gottes von Ewigkeit her verheißen und vorbereitet ist, nimmt dem Glauben die Hast und dem Herzen die Angst vor dem Zufall. Das eigene Leben steht dann nicht länger unter dem Vorzeichen des Improvisierens und Korrigierens, sondern unter dem Zeichen eines großen, weisen Ratschlusses, in dem Christus das Zentrum ist. Aus dieser Gewissheit wächst stille Dankbarkeit und die Zuversicht, dass der Gott, der so weit im Voraus geplant und so treu erfüllt hat, auch die offenen Fäden unseres heutigen Lebens in seine Vollendung führen wird.
Das Evangelium über die Person Christi
Das Evangelium Gottes ist reich an Gaben: Vergebung, Rechtfertigung, Befreiung, Trost, Hoffnung. Doch wenn Paulus es zusammenfasst, sagt er schlicht, es „betreffe seinen Sohn“. Damit ordnet er alles andere diesem einen Mittelpunkt unter. Die gute Nachricht ist nicht zuerst, dass wir etwas bekommen, sondern dass uns jemand geschenkt wird. Dieser Jemand ist Jesus Christus, der Sohn Gottes, unser Herr – eine einzige Person mit zwei vollen Naturen, wahrer Gott und wahrer Mensch. Als „Same Davids nach dem Fleisch“ tritt er in die Geschichte ein, teilt Hunger, Müdigkeit, Tränen und Freude; als ewiger Sohn bleibt er untrennbar mit dem Vater eins. Am Kreuz vergießt er als Lamm Gottes sein Blut zur Erlösung, doch in der Auferstehung legt er seine Menschheit nicht ab, sondern bringt sie in den Bereich der Herrlichkeit hinein. So wird er, wie es in den Schriften heißt, als Sohn Gottes in Kraft aus der Auferstehung designiert und offenbart.
Dieses Evangelium Gottes dreht sich um eine Person: Christus. Natürlich sind Vergebung, Errettung usw. im Evangelium enthalten, aber sie sind nicht der zentrale Punkt. Das Evangelium Gottes betrifft die Person des Sohnes Gottes, Jesus Christus, unseren Herrn. Diese wunderbare Person hat zwei Naturen – die göttliche Natur und die menschliche Natur, Göttlichkeit und Menschlichkeit. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft zwei, S. 18)
Damit verschiebt sich der Horizont unseres Glaubens. „Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht“ (1. Johannes 5:12), heißt es. Nicht: wer bestimmte religiöse Leistungen vorweisen kann, oder wer eine bestimmte innere Erfahrung gemacht hat, sondern wer den Sohn hat. Das Evangelium lädt nicht nur dazu ein, eine Schuldfrage zu klären, sondern in eine lebendige Verbindung mit dieser Person hineinzutreten. Christus kommt als Geist des Lebens in die Glaubenden, wohnt in ihnen und teilt ihnen sein Auferstehungsleben mit. Daraus erwächst nach und nach eine neue Gestalt: Menschen, die in ihrer Schwachheit bleiben und zugleich als Söhne Gottes geformt werden, bis hin zur Verherrlichung. Wer so auf das Evangelium schaut, beginnt seine Segnungen nicht mehr losgelöst von Christus zu denken. Vergebung wird dann Ausdruck seiner Nähe, Veränderung Frucht seiner Gegenwart, Hoffnung Widerschein seiner Herrlichkeit. In dieser Sicht wird das Evangelium persönlich: Es ist der lebendige Christus selbst, der sich dem Glaubenden schenkt – und in ihm ist alles andere enthalten.
Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht. (1.Joh. 5:12)
Wenn Christus selbst die Mitte des Evangeliums ist, verliert der Glaube an Strenge und gewinnt an Beziehungstiefe. Es geht nicht zuerst um das Erreichen eines geistlichen Zustandes, sondern um das Kennenlernen einer Person, die sich treu und geduldig mitteilt. Aus dieser Beziehung wächst alles andere: ein neues Leben, neue Motive, neue Kräfte. Wer sein Herz immer wieder auf den Sohn ausrichtet, wird entdecken, dass er im Lauf der Zeit weniger um sich kreist und mehr von dem geprägt wird, der sein wahres Leben ist.
Das Evangelium als Kraft, die durch Glaubensgehorsam wirkt
Das Evangelium Gottes ist nicht nur eine Botschaft, die gehört und bejaht wird; es ist eine Kraft, die im Leben eines Menschen wirksam wird. Paulus spricht von der „Kraft Gottes zur Rettung für jeden, der glaubt“ und macht deutlich, dass diese Rettung weiter reicht als die Befreiung von Verdammnis. Sie umfasst Heiligung, innere Verwandlung, Einfügung in den Leib Christi und schließlich die Verherrlichung. Der Weg beginnt damit, dass Gott ruft – heraus aus allen Sicherheiten, Ordnungen und Selbstbildern, die ohne ihn gebaut sind. Wer diesen Ruf hört, steht an einer Grenze: Entweder bleibt er bei sich selbst, oder er tritt in den „Gehorsam des Glaubens“ ein.
Nachdem wir berufen wurden, glaubten wir. Glauben bedeutet, hinein zu glauben. An Jesus zu glauben heißt nicht einfach, zu glauben, dass es Jesus gibt. An Jesus zu glauben bedeutet, in Jesus hinein zu glauben; an Gott zu glauben bedeutet, in Gott hinein zu glauben. Glauben setzt voraus, dass wir zugeben, dass wir hoffnungslos und hilflos sind und dass wir nichts tun können, um Gott zu gefallen. Wir müssen uns selbst vergessen und uns selbst ein Ende setzen, allem ein Ende setzen, was wir sind, haben und tun. Das ist Glauben. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft zwei, S. 25)
Glauben heißt in der Sprache des Neuen Testaments „hinein glauben“. Es ist mehr als das Für-wahr-Halten von Tatsachen; es ist das Sich-Hineingeben in Christus. „Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes“ (Johannes 3:18). Dieser Glaube beginnt mit einem Eingeständnis: dass wir hoffnungslos und hilflos sind, dass wir Gott weder beeindrucken noch besänftigen können. In diesem Licht verliert das eigene Leistungsvermögen seinen Glanz, und Christus wird zur einzigen Zuflucht. Wer so glaubt, wird unter die Bindung der Gerechtigkeit Gottes gestellt: Weil Christus das Gesetz erfüllt und sein Blut vergossen hat, ist Gott gerecht, wenn er vergibt und rettet. Diese Gewissheit bewahrt vor dem ständigen Hin und Her eines ängstlichen Gewissens und öffnet einen neuen Weg: Der Gerechte lebt aus Glauben, und dieses Leben entfaltet sich im Alltag, in der Gemeinschaft der Gemeinde und in der Hoffnung auf kommende Herrlichkeit. Dort, wo Menschen sich immer neu dem Evangelium anvertrauen, wird seine Kraft sichtbar – oft leise, unspektakulär, aber nachhaltig: in Versöhnung, in neuer Freiheit, in wachsender Christusähnlichkeit.
Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. (Joh. 3:18)
Wo das Evangelium als Kraft Gottes erfahren wird, wird das christliche Leben weniger von Selbstbeobachtung und mehr von Zuversicht geprägt. Die eigenen Grenzen verlieren ihren abschreckenden Charakter, weil sie zum Raum werden, in dem Gottes Wirken sichtbarer wird. Aus dieser Erfahrung wächst eine stille, aber tief verwurzelte Hoffnung: Der, der angefangen hat, durch sein Evangelium in uns zu wirken, wird nicht aufhören, bis er uns in die ganze Fülle seines Lebens hineingeführt hat.
Herr Jesus Christus, du vom Vater verheißener und gesandter Sohn Gottes, danke, dass du als Mensch in unsere gefallene Wirklichkeit hinabgestiegen bist, um für uns mit deinem Blut die Erlösung zu vollbringen, und dass du in der Auferstehung als Sohn Gottes in Kraft offenbar geworden bist. Danke, dass du jetzt als Geist des Lebens in denen wohnst, die dir vertrauen, und dass dein Evangelium eine Kraft ist, die Schuld vergibt, Herzen erneuert und Menschen in Söhne und Töchter der Herrlichkeit verwandelt. Stärke in uns den Glauben, der sich nicht auf eigene Leistung stützt, sondern auf deine vollbrachte Gerechtigkeit, damit wir aus deiner Gnade leben und von deinem Frieden getragen werden. Lass dein Leben in uns reifen, bis deine Herrlichkeit sichtbar wird und deine Pläne mit uns vollendet sind. Dir sei alle Ehre in deinem Volk und in jeder einzelnen Biographie, die du durch das Evangelium neu geschrieben hast. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Romans, Chapter 2