Die Ausbreitung in Kleinasien und Europa durch den Dienst der Gruppe um Paulus (27)
Wenn Menschen von Paulus erzählen, denken viele zuerst an seine Briefe oder an seine Missionsreisen. Doch der Wendepunkt in seinem Leben – seine Taufe und das Anrufen des Namens des Herrn – ist der Schlüssel dazu, wie Gott ihn aus seinem alten religiösen System herausgenommen und in ein völlig neues Leben hineingestellt hat. Gerade an diesem Punkt wird sichtbar, wie Gott durch sehr einfache, aber tiefgehende Schritte wie Glauben, Taufe und das bewusste Rufen des Namens Jesu eine geistliche „Überführung“ wirkt, die bis in unseren heutigen Alltag hineinreicht.
Taufe als großer Transfer aus Adam in Christus
Vor Gott geschieht mit einem glaubenden und sich taufen lassenden Menschen weit mehr, als das Auge sieht. Die Schrift verbindet Glauben und Taufe nicht zufällig, sondern als zwei Seiten eines einzigen göttlichen Handelns. Wer an den Herrn Jesus glaubt, wird nicht nur von Schuld entlastet, sondern in eine neue Herkunft gestellt. Johannes bezeugt: „So viele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er die Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, denen, die in Seinen Namen hineinglauben, die weder von dem Blut noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott gezeugt wurden“ (Johannes 1:12–13). Gott selbst wirkt eine neue Geburt, und der Mensch, der bisher in Adam stand – unter der Herrschaft der Sünde, der Vergänglichkeit und des Todes – wird in Christus hineingesetzt, in eine lebendige Beziehung zum dreieinen Gott. Er gehört nun zu denen, von denen es heißt: „weil wir Glieder Seines Leibes sind“ (Epheser 5:30).
Die Wassertaufe bedeutet, dass die Gläubigen mit dem Tod und der Auferstehung Christi einsgemacht werden (Röm. 6:3–5; Kol. 2:12), und die Geistestaufe bedeutet die Wirklichkeit der Vereinigung der Gläubigen mit Christus – im Leben ihrem Wesen nach und in der Kraft ihrer Ausführung nach. Die Wassertaufe ist das Bekenntnis der Gläubigen zu der Wirklichkeit des Geistes. Beides ist nötig, und keines kann das andere ersetzen. Alle, die an Christus glauben, sollten in rechter Weise beides haben. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft einundsechzig, S. 533)
Die Wassertaufe stellt dieses unsichtbare Werk nicht nur dar, sie besiegelt es in einer geschichtlichen, greifbaren Handlung. Paulus schreibt: „Oder wisst ihr nicht, dass alle von uns, die in Christus Jesus hineingetauft worden sind, in Seinen Tod hineingetauft worden sind? Wir sind darum zusammen mit Ihm begraben worden durch die Taufe in Seinen Tod hinein, damit, gleichwie Christus von den Toten auferweckt wurde durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in der Neuheit des Lebens wandeln können“ (Römer 6:3–4). Die Taufe ist vor Gott ein Mitgekreuzigt‑, Mitbegraben‑ und Mitauferweckt‑Werden mit Christus. Kolosser 2:12 fasst dies so: „da ihr zusammen mit Ihm begraben wurdet in der Taufe, in der ihr auch zusammen mit Ihm auferweckt wurdet durch den Glauben an die Wirkkraft Gottes, der Ihn von den Toten auferweckt hat.“ In dieser Bewegung Gottes findet ein großer Transfer statt: aus der Sphäre Adams in die Sphäre Christi, aus einer Existenz, die von der alten Schöpfung bestimmt ist, in das Leben der neuen Schöpfung.
Darum verliert die Taufe ihre Sprengkraft, wenn sie nur als religiöses Ritual, als Tradition der Familie oder als fromme Symbolhandlung verstanden wird. Sie ist nach dem Zeugnis des Herrn selbst mit der Errettung verbunden: „Wer glaubt und getauft wird, wird gerettet werden“ (Markus 16:16). Wo Taufe im Licht von Kreuz und Auferstehung gesehen wird, markiert sie vor Gott einen wirklichen Anfang, einen Bruch mit der alten Zugehörigkeit und den Eintritt in eine neue Wirklichkeit. Das verändert Identität und Alltag: der Getaufte muss sich nicht länger über seine Vergangenheit, seine Herkunft oder seine Leistung definieren, sondern über Christus, in dessen Namen er hineingetauft wurde (Matthäus 28:19). Je mehr dieses Bewusstsein reift, desto freier wird das Herz, in der „Neuheit des Lebens“ zu gehen und auch in schwierigen Situationen aus dem neuen Bereich heraus zu denken, zu reagieren und zu hoffen.
So wird die Taufe zu einem bleibenden Bezugspunkt. Sie erinnert daran, dass die alte Geschichte vor Gott begraben ist und dass das neue Leben nicht aus eigener Kraft aufrechterhalten werden muss, sondern aus der Wirkkraft Gottes kommt, der Christus von den Toten auferweckt hat. Wer auf diese Weise auf seine Taufe zurückschaut, kann in den verschiedensten Lebenslagen innerlich sagen: Ich stehe nicht mehr in Adam, ich stehe in Christus; meine Vergangenheit hat nicht das letzte Wort, sondern seine Auferstehung. In dieser Erinnerung liegt Trost, aber auch stille Ermutigung, das neue Leben nicht klein zu denken, sondern mit Erwartung zu leben, dass der Herr das, was Er in diesem großen Transfer begonnen hat, auch im Alltag entfaltet.
So viele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er die Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, denen, die in Seinen Namen hineinglauben, (Joh. 1:12)
die weder von dem Blut noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott gezeugt wurden. (Joh. 1:13)
Wer im Glauben versteht, dass seine Taufe vor Gott ein wirklicher Übergang aus Adam in Christus ist, beginnt sich selbst, seine Geschichte und seine Zukunft anders zu sehen: nicht mehr unter dem Vorzeichen des Alten, sondern unter der Auferstehungskraft Christi; dieses Bewusstsein schenkt innere Freiheit von lähmender Vergangenheit und weckt Mut, im Alltag der neuen Identität als Kind Gottes und Glied am Leib Christi entsprechend zu denken, zu entscheiden und zu handeln.
Das Anrufen des Namens des Herrn – Zeichen der Zugehörigkeit und Weg der Erfahrung
Als Paulus in seiner Verteidigungsrede erzählt, wie er dem Herrn begegnet ist, erinnert er sich an die Worte des Ananias: „Und nun, was zögerst du? Steh auf, laß dich taufen und deine Sünden abwaschen, indem du seinen Namen anrufst“ (Apostelgeschichte 22:16). Für einen Mann, der „die an dich Glaubenden ins Gefängnis werfen und hin und her in den Synagogen schlagen ließ“ (Apostelgeschichte 22:19), ist das eine erstaunliche Wendung. Paulus hatte genau die verfolgt, „die deinen Namen anrufen“ (vgl. Apostelgeschichte 9:14); nun soll er selbst in dieses hörbare Anrufen eintreten. Taufe, Vergebung der Sünden und das Rufen „Herr Jesus“ werden zu einem ungeteilten Vorgang. Das Aussprechen des Namens ist nicht bloß Begleitmusik zur Taufe, sondern Ausdruck eines neuen Vertrauens, eines Sich‑Werfens auf den, dessen Namen er einst bekämpft hatte.
In 22:16 sagte Ananias zu Paulus, er solle sich taufen lassen und seine Sünden abwaschen, indem er den Namen des Herrn anruft. In diesem Vers bezieht sich „Seinen Namen anrufen“ sowohl auf „sich taufen lassen“ als auch auf „abwaschen“. Hier scheint Ananias zu sagen: „Paulus, steh auf und lass dich taufen. Während du getauft wirst, musst du den Namen des Herrn anrufen. Den Namen des Herrn anzurufen ist die Bedingung dafür, dass du getauft wirst.“ (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft einundsechzig, S. 534)
Dieses Anrufen ist in der Schrift mehr als ein einmaliges Bekehrungserlebnis. Paulus schreibt: „sondern was sagt sie? ‹Das Wort ist dir nahe, in deinem Mund und in deinem Herzen.› Das ist das Wort des Glaubens, das wir predigen“ (Römer 10:8). Der Glaube bleibt nicht im Inneren verborgen, er drängt zum Mund, er ruft, bekennt und nimmt in Anspruch. Kurz darauf heißt es: „Denn ‹jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird gerettet werden›“ (Römer 10:13). Hier geht es nicht nur um das erste Gerettetwerden, sondern um das wiederholte, konkrete Erfahren des rettenden Eingreifens Gottes. Im Rufen „O Herr Jesus“ tritt der Mensch aus der Enge seiner Gedanken und Gefühle heraus in den Raum der Gegenwart Christi, der durch seinen Geist nahe ist. Die Worte sind einfach, aber sie öffnen den inneren Menschen für den lebengebenden Geist, der nach Jesu eigenem Wort Leben ist (Johannes 6:63).
Gerade weil dieses Rufen so schlicht ist, wird es leicht unterschätzt oder als bloße Frömmigkeitsform abgetan. Doch die Verbindung von Mund und Herz, von Bekenntnis und Vertrauen, ist tief biblisch. Das hörbare Anrufen des Namens des Herrn erinnert an die ersten Christen, deren Kennzeichen es war, dass sie „den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen“ (vgl. 1. Korinther 1:2). Aus dieser Sicht ist das Rufen kein Zusatz für besonders emotionale Momente, sondern ein konkreter Ausdruck der Zugehörigkeit: wer den Namen eines anderen ruft, stellt sich ausdrücklich in dessen Schutz und unter dessen Autorität. So wird das „O Herr Jesus“ zum einfachen, aber wirkungsvollen Weg, sich dem Herrn im Alltag immer wieder zu öffnen – in Freude und Dank, in Ratlosigkeit und Not, in Versuchung und Müdigkeit.
Im Licht dieser Zusammenhänge gewinnt das Anrufen des Namens eine stille Schönheit. Es verbindet das Wissen um Christus mit seiner erfahrbaren Nähe, die Lehre vom lebengebenden Geist mit der spürbaren Berührung des Herzens. In Situationen, in denen die eigenen Worte versagen, bleibt dieses eine Wort: „Herr“. Wer so ruft, steht nicht auf der Höhe seiner Gefühle, sondern auf der Zusage des Herrn selbst, dass sein Name rettet, tröstet und trägt. Daraus wächst allmählich eine Haltung des Vertrauens, in der der Name Jesu nicht nur im Gottesdienst, sondern mitten im Alltag zum natürlichen Atem der Seele wird.
Und nun, was zögerst du? Steh auf, laß dich taufen und deine Sünden abwaschen, indem du seinen Namen anrufst. (Apg. 22:16)
Und ich sprach: Herr, sie selbst wissen, daß ich die an dich Glaubenden ins Gefängnis werfen und hin und her in den Synagogen schlagen ließ; (Apg. 22:19)
Wer lernt, den Namen des Herrn Jesus bewusst und einfach aus einem auf Ihn ausgerichteten Herzen anzurufen, erlebt, wie das eigene Christsein aus der Distanz bloßer Erkenntnis in die Nähe lebendiger Gemeinschaft rückt – der Glaube bekommt Stimme, die Gegenwart Christi wird spürbar, und mitten in der Unruhe des Alltags entsteht ein innerer Raum, in dem Frieden, Trost und neue Orientierung wachsen.
In der neuen Sphäre bleiben – treu der himmlischen Vision
Die Begegnung des Paulus mit Christus führte nicht nur zu einem momentanen Umschlag in seinem Leben, sondern eröffnete ihm eine neue Sphäre, in der er fortan leben sollte. Später konnte er vor dem König Agrippa sagen, er sei „der himmlischen Erscheinung nicht ungehorsam gewesen“ (Apostelgeschichte 26:19). Diese Erscheinung umfasste nicht nur die Person Jesu, die ihn auf dem Weg nach Damaskus ansprach, sondern eine Vision von Christus als dem auferstandenen Herrn, vom Königreich Gottes und von der Gemeinde als seinem Leib. Paulus wurde aus der Enge seiner bisherigen religiösen Welt versetzt in den weiten Raum des verbreiteten Christus, der als lebengebender Geist wirkt. Doch diese Versetzung war kein Automatismus; sie verlangte, dass er sich innerlich immer wieder diesem Licht unterstellte und nicht in alte Muster aus Gesetzlichkeit, Tradition und Menschenfurcht zurückfiel.
Wenn wir den Namen des Herrn anrufen, erfahren wir eine wirkliche Versetzung. Wir werden in einen anderen Bereich hineingebracht; wir werden in das Königreich Gottes hineingebracht, das in Wirklichkeit der verbreitete Christus Selbst ist. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft einundsechzig, S. 538)
Ein Schlüssel, um in dieser neuen Sphäre zu bleiben, liegt im fortgesetzten Anrufen des Namens des Herrn. Was bei seiner Taufe begann – „Steh auf, laß dich taufen und deine Sünden abwaschen, indem du seinen Namen anrufst“ (Apostelgeschichte 22:16) – setzte sich durch sein ganzes Leben fort. Indem Paulus den Herrn anrief, gab er Christus Raum, sich in ihm auszubreiten, seine Gedanken zu erneuern und seine Beziehungen zu verändern, etwa zu den Gläubigen aus den Nationen oder zu denen, die er früher verfolgt hatte. So wurde der Transfer, den er in Christus empfangen hatte, nicht zu einem bloßen Lehrsatz, sondern zu einer gelebten Wirklichkeit. In seinem Dienst und Leid konnte er darum auch in Gefängnissen, auf Reisen und in Auseinandersetzungen aus dem Reich Gottes heraus reagieren, dessen Wesen „Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ ist (Römer 14:17).
Diese Treue zur himmlischen Vision hat eine Bedeutung, die über Paulus hinausgeht. Die Schrift zeichnet das Bild eines Volkes Gottes, das immer wieder in die Gefahr gerät, in äußere Formen, religiöse Selbstverständlichkeiten und menschliche Traditionen abzurutschen. Vor diesem Hintergrund ist die Aussage, dass der Herr nicht das ganze System eines niedergegangenen Christentums beleben, sondern einen Überrest zu sich zurückrufen will, in die Mitte seiner Gedanken über Gemeinde und Königreich, von großer Klarheit. Wer dieser Vision folgt, wird auf den einfachen, aber tiefen Grund zurückgeführt, den der Herr selbst gelegt hat: Christus als der Mittelpunkt, die Gemeinde als sein Leib und Haus, die Gegenwart des Geistes als die eigentliche Atmosphäre des Zusammenkommens.
Im persönlichen Leben zeigt sich diese Treue nicht zuerst in großen Taten, sondern in einer inneren Ausrichtung: Entscheidungen werden vor dem Licht der Vision getroffen, Beziehungen vom Evangelium her gedacht, das eigene Dienen an Christus und seinem Leib ausgerichtet. Wo das geschieht, bewahrt der Herr uns davor, innerlich in alte Bereiche zurückzuwandern, auch wenn äußerlich vieles gleich bleibt. Der anfängliche Transfer aus Adam in Christus wird so zu einem Weg der Bewahrung: Christus selbst wird mehr und mehr zu der Sphäre, in der gedacht, geliebt und gehandelt wird. In dieser Perspektive ist es tröstlich zu wissen, dass derselbe Herr, der auf der Straße nach Damaskus in das Leben des Paulus hineingesprochen hat, auch heute seine Stimme hören lässt – nicht, um uns in Angst zu treiben, sondern um uns in der neuen Sphäre zu halten, in der seine Gnade trägt und seine Treue ans Ziel bringt.
Daher, König Agrippa, bin ich der himmlischen Erscheinung nicht ungehorsam geworden, (Apg. 26:19)
Und nun, was zögerst du? Steh auf, laß dich taufen und deine Sünden abwaschen, indem du seinen Namen anrufst. (Apg. 22:16)
Wer der himmlischen Vision treu bleibt und im Alltag bewusst in dem lebt, was Gott in Christus eröffnet hat, erfährt, dass der einmalige Transfer aus der alten in die neue Sphäre zu einer Quelle beständiger Bewahrung wird – Christus selbst wird zum inneren Raum, aus dem heraus gedacht, geliebt und gedient wird, und in diesem Raum wächst stille Zuversicht, dass Er das begonnene Werk auch durch Spannungen, Gewohnheiten und Widerstände hindurch vollendet.
Herr Jesus Christus, wir danken Dir, dass Du uns durch Deinen Tod und Deine Auferstehung aus Adam herausgenommen und in Dich selbst hineingesetzt hast. Lass unsere Taufe nicht bloß eine Erinnerung sein, sondern eine lebendige Wirklichkeit, in der unsere alte Schöpfung losgelassen wird und Dein neues Leben Gestalt gewinnt. Lehre uns, Deinen Namen mit einem aufrichtigen Herzen anzurufen, damit wir Deine Nähe, Deine Vergebung und Deine Kraft im Alltag erfahren und aus dem Bereich unserer eigenen Gedanken in die Gemeinschaft mit Dir hineingezogen werden. Stärke in uns die himmlische Vision von Dir, Deinem Reich und Deiner Gemeinde, und bewahre uns darin, Dir treu zu bleiben, bis Du wiederkommst. Fülle uns durch Deinen lebengebenden Geist mit Deinem Frieden und Deiner Freude, damit Dein Evangelium auch heute weitergetragen wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Acts, Chapter 61