Die Austeilung des Dreieinen Gottes zur Hervorbringung Seiner Wohnung (3)
Viele Christen verbinden die Worte Jesu in Johannes 14 spontan mit einem fernen Himmel und zukünftigen Wohnungen. Doch der Zusammenhang des Kapitels lenkt den Blick auf etwas Näheres: Gott selbst kommt in Christus durch den Geist zu uns, um in uns und mit uns zu wohnen. Wer diesen göttlichen „Umzug“ versteht, entdeckt, dass der Dreieine Gott nicht nur angebetet, sondern im Innersten erfahren und genossen werden möchte.
Der Vater im Sohn – das Geheimnis des Dreieinen Gottes
Wenn Jesus zu Philippus sagt: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Johannes 14), öffnet sich ein Blick in das innerste Geheimnis Gottes. Der Vater, den niemand je gesehen hat und den kein Mensch fassen kann, verbirgt sich nicht in unzugänglichem Licht, sondern lässt sich im Sohn anschauen. Im Handeln, Reden, Lieben und Leiden des Sohnes wird der unsichtbare Vater sichtbar. Darum fügt der Herr hinzu, der Vater sei in Ihm und Er im Vater; die Werke und Worte Jesu sind das gegenwärtige Wirken des Vaters in der Welt. So wird deutlich: der Sohn ist nicht ein zweiter Gott neben dem Vater, sondern der eine wahre Gott, der sich als Vater und Sohn unterscheidet, ohne sich zu teilen.
370 wird der mächtige Gott genannt. Daher ist nach dem klaren Wort der Bibel der Sohn der Vater. Keiner von uns sollte wie Philippus sein. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft einunddreißig, S. 370)
Die Schrift scheut sich nicht, diese Einheit in scharfen Worten zu bekennen: Über das Kind, das uns geboren ist, heißt es: „Man nennt seinen Namen: Wunder-Rat, starker Gott, Ewig-Vater, Friedefürst“ (Jesaja 9). Das geborene Kind ist der mächtige Gott, der Sohn heißt Ewig-Vater – nicht, um die Personen zu verwischen, sondern um zu zeigen, dass in diesem Sohn der ganze Gott gegenwärtig ist. So wird Johannes 14 verständlich: Wenn der Sohn unter den Jüngern steht, steht der Vater mitten unter ihnen; wenn der Sohn redet, redet der Vater; wenn der Sohn sein Leben hingibt, offenbart der Vater seine Liebe. Daraus wächst Trost für das Herz: Gott bleibt nicht ein fernes Gegenüber, das aus der Distanz Forderungen stellt, sondern Er macht sich im Sohn erreichbar, berührbar, liebbar. Wo der Sohn aufgenommen wird, dort kommt der Vater zur Ruhe, und dort beginnt das zu entstehen, was Gott seit 1. Mose im Sinn hat: eine Wohnstätte, in der Er mitten bei Menschen wohnt. Wer auf den Sohn schaut, sieht nicht nur, wie Gott ist; er wird zugleich hineingenommen in dieses göttliche Miteinander von Vater und Sohn, in dem Gottes Wohnung aus lebendigen Menschen gebaut wird.
So liegt in dem einfachen Wort Jesu an Philippus eine stille Einladung: nicht an einem abstrakten Gottesbild festzuhalten, sondern im Angesicht Christi den Vater zu erkennen. Wer sich von diesem Licht treffen lässt, darf erfahren, dass der ferne Gott zu einem nahen Vater wird, der im Sohn sein Haus unter uns aufschlägt. In dieser Nähe wächst Vertrauen, und im Vertrauen wächst Bereitschaft, selbst ein Baustein seiner Wohnung zu sein – getragen von der Gewissheit, dass der mächtige Gott und der Ewig-Vater in der Gestalt des Sohnes unsere Mitte sucht.
Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und man nennt seinen Namen: Wunder-Rat, starker Gott, Ewig-Vater, Friedefürst. (Jes. 9:5)
Wo der Vater im Sohn vor unseren Augen Gestalt gewinnt, löst sich die Kälte eines abstrakten Gottesbildes. Das Herz darf lernen, Gott als den zu sehen, der wirklich in Christus auf uns zukommt, sich in unsere Geschichte hineinbegibt und aus unserem Leben eine Stätte seiner Gegenwart machen will. Diese Erkenntnis entzieht uns dem Gefühl, heimatlos und allein zu sein, und führt hinein in das Staunen: Der Dreieine Gott, den niemand fassen kann, hat sich so tief herabgelassen, dass sein ewiger Plan – eine Wohnung bei den Menschen – in der Gestalt des Sohnes vor uns steht und uns mit einbezieht.
Der Sohn als der lebengebende Geist in uns
Als Jesus mit den Jüngern unterwegs war, war Er ihnen gegenüber, vor Augen, hörbar und greifbar – aber noch nicht in ihnen. Darum sagt Er in Johannes 14, dass es gut für sie ist, wenn Er weggeht, damit ein anderer Beistand kommt: der Geist der Wirklichkeit, der bei ihnen bleibt und in ihnen sein wird. Die Nähe Gottes verlagert sich von außen nach innen. Der gleiche Christus, der am Kreuz gestorben und auferstanden ist, kommt nach der Auferstehung in einer neuen Weise zurück. Johannes berichtet: „Und als Er dies gesagt hatte, hauchte Er in sie hinein und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist“ (Johannes 20:22). Der auferstandene Herr teilt sich nicht mehr nur durch hörbare Worte mit, sondern wie ein Atem, der ins Innerste eindringt und Leben schenkt.
372 4. Der Geist des Lebens als der Odem Der Geist, der hier verheißen und in 7,39 erwähnt wird, ist „der Geist des Lebens“ (Röm 8:2) als der Odem. Diese Verheißung des Herrn wurde an dem Tag der Auferstehung des Herrn erfüllt, als der Geist von dem Herrn als der Odem des Lebens in die Jünger hineingehaucht wurde (20,22). (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft einunddreißig, S. 372)
Die Schrift beschreibt diese neue Gegenwart mit reichen Namen: Er ist der Geist des Lebens, der vom Gesetz der Sünde und des Todes frei macht; Er ist der Geist Jesu Christi, die überströmende Versorgung aus der Fülle des gekreuzigten und verherrlichten Herrn; Er ist der lebengebende Geist, der alles, was Christus in seinem Tod und seiner Auferstehung geworden ist, in unser Inneres bringt (vgl. Röm. 8:2; Philipper 1:19; 1. Korinther 15). Wenn Jesus sagt, dass die Jünger an dem Tag der Auferstehung erkennen würden: „Ich bin in meinem Vater, und ihr seid in mir und ich in euch“ (Johannes 14), beschreibt Er genau diese geheimnisvolle Wohnordnung: Der Sohn ist im Vater, wir sind in Christus, und Christus ist im Geist in uns. So wird unser Geist zu einem Tempel, von dem es heißt: „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?“ (1. Korinther 6:19). Das christliche Leben ist darum nicht zuerst ein äußerliches Nachahmen, sondern das Leben eines Gastgebers: Christus wohnt durch den Geist in uns und entfaltet von innen her sein Leben, seine Gesinnung, seine Kraft.
Wer anfängt, diesen innewohnenden Christus wahrzunehmen, entdeckt eine leise, aber beständige Lebensquelle im eigenen Inneren: eine Freiheit, die nicht aus Leistung stammt, ein Trost, der nicht von Stimmungen abhängt, eine Kraft zum Bleiben, wo man sich sonst entziehen würde. Der lebengebende Geist lässt das, was Christus objektiv vollbracht hat, subjektiv in uns aufgehen. Darin liegt viel Ermutigung: Auch schwache, zerrissene, unsichere Menschen sind nicht auf sich selbst zurückgeworfen. In ihnen wohnt der, der den Tod überwunden hat. Aus dieser verborgenen Gegenwart kann ein Alltag erwachsen, in dem nicht die eigene Kraft im Vordergrund steht, sondern der stille, treue Wirkende in uns, der Schritt für Schritt Raum in unserem Inneren gewinnt.
So bekommt die Erfahrung des Geistes ein konkretes Gesicht: nicht als bloßes Gefühl, sondern als die Gegenwart des Sohnes im Herzen, der in uns betet, liebt, vergibt, ausharrt. Wer sich diesem inneren Wohnen öffnet, muss sich nicht ständig neu zusammennahmen, sondern darf auf eine Lebensversorgung zählen, die ihn durchträgt. Inmitten aller Unruhe bleibt diese einfache Gewissheit: Ich trage den nicht in mir, den ich festhalten müsste; vielmehr bin ich von dem gehalten, der als Geist in mir Wohnung genommen hat und mein Leben von innen her erneuert.
Und als Er dies gesagt hatte, hauchte Er in sie hinein und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist. (Joh. 20:22)
Denn das Gesetz des Geistes des Lebens hat mich in Christus Jesus frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. (Röm. 8:2)
Die Erkenntnis des Sohnes als des lebengebenden Geistes in uns bewahrt davor, das Christsein auf äußere Formen und Erwartungen zu reduzieren. Sie lenkt den Blick nach innen, dahin, wo Christus durch seinen Geist real gegenwärtig ist – als Atem, der belebt, als Kraft, die trägt, als Trost, der nicht versiegt. In diesem Bewusstsein kann das eigene Leben, bei aller Brüchigkeit, zu einem Raum der Begegnung mit Gott werden, in dem Seine Gegenwart langsam, aber gewiss Gestalt gewinnt.
Die Austeilung des Dreieinen Gottes und der Aufbau seiner Wohnung
Der Dreieine Gott handelt nicht nebeneinander als drei getrennte Akteure. Der Vater ist die Quelle und der Ursprung, der Sohn ist Ausdruck und Weg, der Geist ist die Wirklichkeit dessen, was Vater und Sohn sind. In Johannes 14 verschränken sich diese Linien: Der Vater ist im Sohn, der Sohn bittet den Vater, den anderen Beistand zu senden, und dieser Beistand ist der Geist, der in den Glaubenden wohnt. So erreicht der eine Gott im Geist unseren menschlichen Geist, um sich selbst als Leben auszuteilen. Paulus fasst es so: „Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn der Geist Gottes wirklich in euch wohnt. Doch wenn jemand den Geist Christi nicht hat, ist er nicht Sein“ (Römer 8:9). Derselbe Geist heißt Geist Gottes, Geist Christi, Geist des Lebens – weil in Ihm der ganze Reichtum des Vaters und des Sohnes gegenwärtig ist.
371 das Auferstehungsleben, und wir leben durch Ihn, indem wir Ihn als das Auferstehungsleben teilen. 1. Ein anderer Tröster In Vers 16 sagte der Herr: „Und ich werde den Vater bitten, und Er wird euch einen anderen Tröster geben, dass Er bei euch sei in Ewigkeit.“ Erstens ist der Geist „ein anderer Tröster“. Das griechische Wort für Tröster, paracletos, eingedeutscht Paraklet, bedeutet einen, der zur Seite ist, der sich um unseren Fall, unsere Angelegenheiten und all unsere Bedürfnisse kümmert. Tröster ist im Griechischen dasselbe Wort wie Anwalt in 1. Johannes 2:1. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft einunddreißig, S. 371)
Von unserem Geist her beginnt ein stiller Vorgang der Durchdringung. Der Geist, der in uns wohnt, bleibt nicht an der Peripherie, sondern will Denken, Fühlen, Wollen und schließlich sogar unseren sterblichen Leib erfassen. Darauf zielt die Verheißung: „Und wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird Er, der Christus von den Toten auferweckt hat, durch Seinen Geist, der in euch wohnt, auch euren sterblichen Leibern Leben geben“ (Römer 8:11). Diese Austeilung ist kein abstrakter Vorgang, sondern ein Leben aus Auferstehungskraft mitten im Alltag: alte Muster verlieren ihre Herrschaft, neue Bereitschaft zum Dienen wächst, eine Freude, die nicht von Umständen abhängig ist, beginnt, das Herz zu bestimmen. So wird, was in uns geschieht, Teil eines größeren Bauwerks.
Denn Gottes Ziel ist nicht nur unser persönliches Inneres, sondern eine gemeinsame, organische Wohnstätte. Der Geist verbindet, was Er erfüllt. Menschen, die vom selben Leben durchdrungen sind, werden zu Gliedern eines Leibes, zu lebendigen Steinen eines Hauses. Darum beschreibt das Neue Testament die Gemeinde als Tempel, in dem Gott wohnt, und die Vollendung als heilige Stadt, in der Gottes Wohnung bei den Menschen ist. Es gibt nicht zwei Projekte Gottes – hier eine Kirche, dort ein himmlisches Haus –, sondern ein einziges Bauwerk: der Leib Christi heute und in der Vollendung das Neue Jerusalem. Jeder Schritt, in dem der Dreieine Gott mehr Raum in uns gewinnt, dient zugleich dem Aufbau dieses einen Hauses.
In dieser Perspektive erhält auch das unscheinbare Wachstum im Verborgenen Gewicht. Wenn der Geist in einem Herzen ein Stück Bitterkeit löst, einen neuen Gehorsam wirkt, eine stille Liebe zu den Geschwistern weckt, dann wird nicht nur eine einzelne Biografie verändert; am großen Haus Gottes entsteht ein weiterer lebendiger Stein, ein weiterer Ort, an dem Seine Gegenwart aufscheint. Das macht Mut, die eigene Geschichte nicht isoliert zu sehen. Der Dreieine Gott, der in uns Wohnung nimmt, verfolgt mit uns ein weites Ziel: Er bereitet sich eine Wohnung, in der Er ewig bei den Menschen ist und durch Menschen sichtbar wird.
Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn der Geist Gottes wirklich in euch wohnt. Doch wenn jemand den Geist Christi nicht hat, ist er nicht Sein. (Röm. 8:9)
Und wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird Er, der Christus von den Toten auferweckt hat, durch Seinen Geist, der in euch wohnt, auch euren sterblichen Leibern Leben geben. (Röm. 8:11)
Die Austeilung des Dreieinen Gottes macht das persönliche Glaubensleben und den Aufbau der Gemeinde untrennbar. Was der Geist in einem einzelnen Herzen wirkt, fügt sich in das eine Bauwerk ein, das Gott seit Anbeginn sucht: eine Wohnung aus Menschen, die von Ihm erfüllt sind. Wer aus dieser Sicht lebt, darf seinen Weg, mit allen Schwächen und Umwegen, als Teil eines großen, von Gott selbst geführten Bauprozesses verstehen – getragen von der Zusage, dass der Geist, der in uns wohnt, auch vollenden wird, was Er begonnen hat.
Herr Jesus Christus, Du mächtiger Gott und Ewig-vater, danke, dass Du als der lebengebende Geist in uns wohnst und uns mit der überreichen Versorgung Deiner selbst füllst. Stärke in uns das Bewusstsein, dass wir in Dir sind und Du in uns bist, damit unser tägliches Leben mehr zu einem Ausdruck Deiner Gegenwart und Deiner Herrlichkeit werden kann. Sättige unser ganzes Wesen mit Dir, bis unsere Gedanken, Gefühle und Entscheidungen von Deinem Leben geprägt sind und Du in uns eine Wohnung findest, die Dir Freude bereitet. Lass Deine Gemeinde immer mehr zu einem sichtbaren Haus werden, in dem der Dreieine Gott erkannt, genossen und gepriesen wird, bis Dein ewiger Ratschluss im neuen Himmel und auf der neuen Erde vollkommen erfüllt ist. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 31