Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das Bedürfnis der Hungrigen – die Speisung des Lebens (2)

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Unser Alltag ist voller Spannungen: Beziehungen fordern uns heraus, Arbeit und Schule lassen uns selten zur Ruhe kommen, und innerlich bleibt oft ein nagender Hunger nach Sinn und Erfüllung. Das Johannesevangelium zeichnet ein realistisches Bild dieser hungrigen, unruhigen Welt – und stellt ihr die Person Jesu gegenüber, der sich selbst als Brot des Lebens vorstellt. Nicht neue Methoden oder fromme Leistungen, sondern Christus selbst soll die Antwort auf unseren Mangel und unsere Unruhe sein.

Der Frieden bringende Christus inmitten der aufgewühlten Welt

Die Jünger auf dem See, der Wind, der sie anheult, die Wellen, die das Boot anheben und fallenlassen – dieses Bild hat etwas Erschreckend Konkretes. Es ist nicht schwer, darin die Bewegungen unserer eigenen Zeit wiederzuerkennen: politische Erschütterungen, innere Unruhe, unerwartete Schläge, die uns den Boden unter den Füßen zu nehmen scheinen. Die Schrift beschreibt hinter den sichtbaren Vorgängen unsichtbare Mächte: Unter uns gleichsam eine tobende Tiefe, über uns feindliche geistliche Kräfte wie ein stürmischer Wind, der die Atmosphäre vergiftet (vgl. Eph. 6:12). In dieses Bild hinein tritt Christus, und Johannes berichtet: Jesus kommt zu den Jüngern, „gehend auf dem See“ (Johannes 6:19). Die Wellen, die ihnen Angst einjagen, sind für Ihn kein Hindernis; sie tragen Ihn. Was die Jünger ausliefert, ist für den Herrn ein Weg.

199 Christus im Fleisch oder als den Geist empfangen? Der Apostel Paulus sagte, dass einige Christus früher nach dem Fleisch kannten, jetzt aber kennen sie Ihn nicht mehr nach dem Fleisch (2.Kor. 5:16). Jetzt kennen sie Christus als den Geist (2.Kor. 3:17). (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft sechzehn, S. 199)

Damit ist nicht nur erzählt, dass Jesus stärker ist als die Naturgewalten. Es wird sichtbar, wie Er allem, was uns durcheinanderbringt, gegenübersteht: Die Bewegungen, die uns schrecken, liegen unter seinen Füßen. Ein anderes Wort beschreibt Ihn so: „Er … stützt und trägt alle Dinge durch das Wort Seiner Kraft“ (Hebräer 1:3). Er entfernt nicht zuerst den Sturm; Er kommt in den Sturm hinein. Als die Jünger Ihn voller Furcht sehen, spricht Er: „Ich bin es; fürchtet euch nicht!“ (Johannes 6:20). Zuerst verändert sich nicht die Witterung, sondern die Atmosphäre in ihrem Innern. Die Gegenwart Christi wird zum Wendepunkt – noch bevor sich die äußere Lage geklärt hat.

Bemerkenswert ist, was anschließend geschieht: „Sie wollten ihn nun in das Boot nehmen, und sogleich war das Boot am Land, zu dem sie fuhren“ (Johannes 6:21). Nicht ein neuer Kurs, nicht eine bessere Ruderleistung, sondern das Aufnehmen des Herrn in ihr kleines, ausgeliefertes Fahrzeug bringt sie ans Ziel. Das Boot ist ein sprechendes Bild für die konkreten Räume unseres Lebens: Ehe, Familie, Beruf, Gemeinde, der eigene Innenraum mit seinen Erinnerungen und Hoffnungen. Diese Bereiche sind dem Sturm nicht entzogen; sie werden von ihm getroffen. Der Unterschied liegt darin, ob Christus draußen bleibt – als eine ferne Gestalt auf den Wellen – oder ob Er aufgenommen ist in das tatsächliche Geschehen unseres Lebens.

Christus zeigt sich hier als Frieden bringender Herr, nicht indem Er von außen ein wenig Ruhe verschafft, sondern indem Er selbst unsere Ruhe wird. Sein Friede ist nicht das Ergebnis idealer Umstände, sondern das Übergewicht seiner Person mitten in unfertigen, zerrissenen Situationen. Wenn Er eintritt, beginnt eine neue Ordnung: Die Mächte, die uns bedrohen, behalten nicht mehr das letzte Wort; der Sturm wird nicht zum Maßstab, sondern der, der darüber steht. Aus dieser Perspektive verliert die Frage nach einem „ruhigen Tag“ ihre Schwere, weil die Gegenwart des Herrn schwerer wiegt als die Unruhe der Umstände.

Er aber sagte zu ihnen: Ich bin es; fürchtet euch nicht! Sie wollten ihn nun in das Boot nehmen, und sogleich war das Boot am Land, zu dem sie fuhren. (Joh. 6:20-21)

Er, der die Ausstrahlung Seiner Herrlichkeit und der exakte Abdruck Seiner Substanz ist und alle Dinge durch das Wort Seiner Kraft stützt und trägt, und nachdem Er die Reinigung von den Sünden vollbracht hat, hat Er Sich zur Rechten der Majestät in der Höhe niedergesetzt, (Hebr. 1:3)

Christus inmitten der Stürme zu erkennen, bedeutet, die Wirklichkeit seiner Gegenwart höher zu achten als die Gewalt der Wellen. Wer das eigene Leben nicht mehr als Spielball der Umstände versteht, sondern als Boot, in das der Herr einsteigt, entdeckt: Der Weg durch die Unruhe hindurch ist nicht der Weg der Überlegenheit, sondern der Weg der Gemeinschaft. In dieser Gemeinschaft wird sein Friede nicht nur zugesprochen, sondern erlebbar – im Lärm der Welt und zugleich tiefer als jeder Lärm.

Vom Tun zum Glauben: Christus als wahres Brot des Lebens

Die Volksmenge, die Jesus nach der Brotvermehrung sucht, kommt mit einem tief vertrauten Denkstil zu Ihm: Wenn Gott so mächtig ist, dann muss der Mensch etwas tun, was Ihm entspricht. Ihre Frage ist deutlich: „Was sollen wir tun, damit wir die Werke Gottes wirken?“ (Johannes 6:28). Darin steckt die alte Sehnsucht des Menschen, Gott durch Leistung zu begegnen, durch „richtige“ Werke, durch religiöse Anstrengung. Diese Spur reicht zurück bis in den Garten Eden. Dort waren zwei Bäume genannt: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen (1. Mose 2:9). Der Baum der Erkenntnis steht für ein Dasein, das vom Unterscheiden zwischen gut und böse bestimmt ist, von Bewertung, Vergleich, Leistungsdenken – ein Leben, das sich ständig selbst misst und kontrolliert.

192 in der Luft sind böse Geister. Deshalb haben wir Schwierigkeiten. Wie könnten wir jemals erwarten, einen friedlichen Tag zu haben? (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft sechzehn, S. 192)

Jesus antwortet dieser Arbeitslogik mit einem Satz, der das religiöse Denken auf den Kopf stellt: „Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat“ (Johannes 6:29). Das Entscheidende ist nicht etwas, das wir für Gott tun, sondern was Gott in Christus für uns getan hat und wie wir uns dem öffnen. Glauben ist hier nicht bloßes Fürwahrhalten, sondern ein „Glauben in Ihn hinein“ – ein inneres Aufnehmen, ein Sich-verbinden. Aus der Perspektive des Baum-des-Lebens ist Gottes Beziehung zum Menschen nicht primär Forderung, sondern Speisung: Gott schenkt Leben, der Mensch empfängt.

Darum bleibt Jesus nicht bei der abstrakten Rede vom Glauben stehen, sondern spricht in einer Sprache, die kaum missverstanden werden kann: „Ich bin das lebendige Brot, das aus dem Himmel herabgekommen ist; wenn jemand von diesem Brot isst, wird er leben in Ewigkeit; und das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt“ (Johannes 6:51). Und wenige Verse später: Sein Fleisch essen, sein Blut trinken (Johannes 6:53-54). Diese Worte sind bewusst anstößig, weil sie jede Distanz aufheben. Es reicht nicht, den Herrn von außen zu bewundern oder Ihm zuzustimmen; Er will aufgenommen, verinnerlicht, „gegessen“ werden.

Vor dem Sündenfall war Gott dem Menschen als Baum des Lebens gegeben, „angenehm anzusehen und gut zur Speise“ (1. Mose 2:9). Nach dem Fall findet sich dieselbe Linie in einer anderen Gestalt wieder: Christus wird das wahre Passahlamm. Über Ihn heißt es: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“ (Johannes 1:29). In der Nacht des Auszugs aus Ägypten sollte Israel nicht nur das Blut des Lammes an die Türpfosten streichen, sondern „das Fleisch … in derselben Nacht essen, am Feuer gebraten“ (2. Mose 12:8). Das Blut rettet vor dem Gericht, das Fleisch stärkt für den Weg. So verbindet sich in Christus beides: Sein Blut, vergossen zur Vergebung (vgl. Matthäus 26:28; Hebräer 9:22), und sein Leib, gegeben als Nahrung.

Da sagten sie zu ihm: Was sollen wir tun, damit wir die Werke Gottes wirken? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat. (Joh. 6:28-29)

Ich bin das lebendige Brot, das aus dem Himmel herabgekommen ist; wenn jemand von diesem Brot isst, wird er leben in Ewigkeit; und das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt. (Joh. 6:51)

Christus als Brot des Lebens ernst zu nehmen, heißt, das eigene Vertrauen wegzunehmen von der eigenen religiösen Leistungsfähigkeit und es auf den zu setzen, den Gott gesandt hat. Wer lernt, nicht mehr unablässig an den eigenen Werken zu ziehen, sondern sich von der Fülle des vollbrachten Werkes Christi nähren zu lassen, wird innerlich entlastet und zugleich fähig, in einem neuen, ruhigen Eifer zu leben – getragen von dem, den er im Glauben „isst“.

Der lebensspendende Geist und das Wort des Lebens als tägliche Speise

Die Frage, wie Christus heute für uns zur realen Nahrung wird, führt in die Mitte des Johannesevangeliums. Der Weg Christi lässt sich in wenigen, aber gewichtigen Worten zeichnen: Er wird Mensch, nimmt „Blut und Fleisch“ an, wie es von Ihm heißt: „Darum die Kinder Anteil bekommen haben an Blut und Fleisch, hat auch Er in gleicher Weise an denselben Anteil erhalten“ (Hebräer 2:14). Er stirbt als Lamm, vergossen wird sein Blut, gegeben sein Leib. Er steht auf aus den Toten, fährt auf zum Vater und vollendet die Reinigung von den Sünden. Hebräer 1:3. fasst dies zusammen: Er hat die Reinigung vollbracht und sich „zur Rechten der Majestät in der Höhe“ gesetzt. Damit bleibt sein Werk nicht im Vergangenen stehen; es wird zum gegenwärtigen Zugang für alle, die glauben.

193 Unabhängig davon, nach welcher Art von Nahrung die Menschen suchen – letztlich suchen sie alle nach Befriedigung. Diese Menschen versuchten, etwas zu tun und für Gott zu arbeiten. Außerdem suchten sie nach Zeichen und Wundern. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft sechzehn, S. 193)

In dieser Vollendung ereignet sich etwas Entscheidendes: Christus wird zum lebensspendenden Geist. Paulus sagt: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele; der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist“ (1. Korinther 15:45). Der, der einst neben den Jüngern in einem Boot saß, kann nun in den Glaubenden wohnen. Er bleibt derselbe Herr, aber seine Gegenwart hat eine andere Gestalt: nicht mehr an einen physischen Ort gebunden, sondern als Geist in der Lage, das Innerste zu erfüllen. So erklärt sich auch das Wort Jesu: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, bleibt in mir und ich in ihm … wer mich isst, der wird auch durch mich leben“ (Johannes 6:56-57). Essen wird hier zur Metapher für eine innere, dauerhafte Teilhabe.

Dieses Wirken des lebensspendenden Geistes ist eng mit dem Wort verbunden. Jesus selbst zieht die Linie: „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben“ (Johannes 6:63). Nicht das buchstäbliche Essen eines irdischen Körpers ist gemeint; vielmehr schenkt sich Christus in der Gestalt des gesprochenen und geschriebenen Wortes, das vom Geist durchdrungen ist. Wenn das Evangelium verkündigt wird, wenn eine Verheißung aus der Schrift das Herz trifft, dann geschieht mehr als Informationsweitergabe. Das äußere Wort wird, im Glauben aufgenommen, zum inneren Geist, der lebendig macht.

Petrus bringt das zum Ausdruck, als viele sich an der Rede vom Essen und Trinken stoßen und weggehen. Jesus fragt die Zwölf, ob auch sie gehen wollen. Da antwortet Petrus: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens“ (Johannes 6:68). Diese Worte sind keine bloßen Sätze; sie tragen Leben in sich. Wo sie geglaubt werden, beginnt ein stiller Prozess: Trost, wo zuvor Verzweiflung war; Licht in dunklen Gedanken; Korrektur von Wegen, die in die Enge führen; Kraft, wo Schwäche das letzte Wort zu haben schien. Der Heilige Geist, von dem Jesus sagt, Er werde uns „alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Johannes 14:26), macht dieses Wort in der Gegenwart frisch und wirksam.

Da Darum die Kinder Anteil bekommen haben an Blut und Fleisch, hat auch Er in gleicher Weise an denselben Anteil erhalten, damit Er durch den Tod den vernichte, der die Macht des Todes hat, das heißt den Teufel, (Heb. 2:14)

Er, der die Ausstrahlung Seiner Herrlichkeit und der exakte Abdruck Seiner Substanz ist und alle Dinge durch das Wort Seiner Kraft stützt und trägt, und nachdem Er die Reinigung von den Sünden vollbracht hat, hat Er Sich zur Rechten der Majestät in der Höhe niedergesetzt, (Heb. 1:3)

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus Christus, Du kennst die Stürme meiner Zeit und den Hunger meines Herzens besser als ich selbst. Du bist das Brot des Lebens und der Frieden bringende Herr, der auf den Wellen steht, die mir Angst machen. Ich danke Dir, dass Dein am Kreuz gegebenes Fleisch und Dein vergossenes Blut für meine Erlösung ausreichen und dass Du in der Auferstehung zum lebensspendenden Geist geworden bist, der in mir wohnen will. Lass Dein lebendiges Wort in mir zu Geist und Leben werden, der meine Gedanken erneuert, meine Ängste stillt und meine Kraftlosigkeit in Deine Stärke verwandelt. Erfülle mich neu mit Dir selbst, bis mein Alltag nicht mehr von Unruhe und Selbstleistung geprägt ist, sondern von dem stillen Vertrauen eines Menschen, der von Deinem Leben lebt. Bewahre mein Herz in Deinem Frieden und nähre mich Tag für Tag aus der Fülle Deiner Gnade. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 16