Eine Einführung in Leben und Bau (4)
Wenn wir unser Leben betrachten, scheint vieles zufällig zu laufen: Geburt, Arbeit, Freude, Leid und schließlich der Tod. Doch aus biblischer Sicht ist unsere Zeitspanne Teil einer viel größeren Geschichte, die sich von der vergangenen Ewigkeit bis in die zukünftige Ewigkeit erstreckt. Das Johannesevangelium öffnet einen Blick auf diese gewaltige Linie: Christus, der von Ewigkeit her Gott ist, tritt in unsere Zeit ein, wird Mensch und führt alles zu Gottes endgültiger Wohnung mit den Menschen. Gerade darin finden sowohl unser persönliches Leben als auch das gemeinsame Leben als Gemeinde ihren Sinn.
Der Sohn Gottes und der Sohn des Menschen – Leben und Bau
Wenn Johannes sein Evangelium mit den Worten eröffnet: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1:1), spannt er einen Horizont auf, der weit über Bethlehem und Golgatha hinausreicht. In der vergangenen Ewigkeit ist der Sohn ganz Gott, ohne jede Spur von Menschsein. Kein Leib, kein Blut, kein Leiden, keine Tränen – nur die unendliche Fülle göttlichen Seins. In dieser reinen Göttlichkeit liegt die Quelle allen Lebens, denn in Ihm ist das Leben, und alles, was wird, entsteht durch sein Wort. Doch in dieser Ewigkeit vor aller Zeit fehlt etwas, das Gott sich vorgenommen hat: eine Menschheit, die Ihn trägt, Ihn ausdrückt und Ihm als Haus dient.
In der vergangenen Ewigkeit war Er Gott, einzig und allein göttlich, ohne irgendeine Menschheit. In der zukünftigen Ewigkeit jedoch wird Er Gott und Mensch sein, der Sohn Gottes und der Sohn des Menschen, zugleich göttlich und menschlich, mit Göttlichkeit ebenso wie mit Menschheit. Er wird zwei Naturen, zwei Wesen und zwei Substanzen haben – Göttlichkeit und Menschheit. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft fünf, S. 56)
Darum steht in Johannes 1:14 wie ein leuchtender Wendepunkt: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns.“ Der ewige Sohn Gottes tritt in die Geschichte ein, ohne aufzuhören, Gott zu sein, und nimmt doch eine wirkliche menschliche Natur an. Er bleibt, was Er war, und wird, was Er nicht war: Gott und Mensch in einer Person. Als Sohn Gottes besitzt Er das ewige Leben in sich selbst; als Sohn des Menschen trägt Er eine echte, aber ohne Sünde gelebte Menschheit in sich, die später verherrlicht wird. In der zukünftigen Ewigkeit wird Er beides bleiben: der Sohn Gottes und der Sohn des Menschen. Das bedeutet: In Gott ist für immer ein Mensch, und in einem Menschen ist für immer Gott.
Diese doppelte Identität ist nicht ein theologischer Luxus, sondern der Kern von Leben und Bau. Als Sohn Gottes ist Christus die Quelle des göttlichen Lebens. „Allen aber, die Ihn aufnahmen, denen gab Er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an Seinen Namen glauben“ (Johannes 1:12). Durch den Glauben werden Menschen, die von Natur aus Adam zugehören, in eine neue Verwandtschaft hineingeboren: Sie sind von Gott geboren, tragen sein Leben in sich und stehen in einer organischen Beziehung zu Ihm. Der Sohn Gottes öffnet die Tür in das Reich des Lebens; ohne Ihn gäbe es weder neue Geburt noch Gemeinschaft mit dem Vater.
Aber Gottes Absicht geht über die persönliche Errettung hinaus. Als Sohn des Menschen fügt Christus zu diesem ewigen Leben eine verherrlichte Menschheit hinzu, die Gott und Menschen dauerhaft zusammenbringt. In Ihm wird Menschsein nicht aufgehoben, sondern durchdrungen: Seine Auferstehungs- und Himmelfahrtsmenschheit ist die erste vollgültige, völlig taugliche Substanz für Gottes Wohnstätte. So wie ein Haus nicht nur aus Licht besteht, sondern aus tragendem Material, so besteht Gottes ewiges Haus nicht nur aus göttlicher Herrlichkeit, sondern auch aus erneuerter, geadelter Menschlichkeit. Der Sohn des Menschen ist gewissermaßen der erste Stein dieses Hauses, der Eckstein, an dem sich alles andere ausrichtet.
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (Joh. 1:1)
Allen aber, die ihn aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben. (Joh. 1:12)
Wer den Sohn Gottes ehrt, schöpft aus einer unversiegbaren Quelle des Lebens; wer den Sohn des Menschen erkennt, beginnt, sein eigenes Leben als Teil eines größeren Bauplans zu sehen. Daraus wächst eine stille, aber tiefe Zuversicht: Was Christus als Gott in uns begonnen hat, wird Er als Menschensohn in uns und unter uns zu einem Haus voll Herrlichkeit vollenden.
Die zwei Ewigkeiten und die Brücke der Zeit
Die Schrift zeichnet kein endloses Kreisen der Weltgeschichte, sondern eine Wegstrecke zwischen zwei Ewigkeiten. Johannes nennt den ersten Abschnitt schlicht „Anfang“ – und doch ist mit diesem „Anfang“ mehr gemeint als der Startpunkt der Zeit. In Johannes 1:1. ist dieser Anfang die vergangene Ewigkeit, in der Gott seinen ewigen Plan fasst, ohne dass schon ein Universum existiert. Am anderen Ende steht die zukünftige Ewigkeit, wenn Gott „einen neuen Himmel und eine neue Erde“ schafft und seine Stiftshütte endgültig „bei den Menschen“ ist (Offenbarung 21:1–3). Zwischen diesen beiden Polen spannt sich die „Brücke der Zeit“: eine begrenzte, aber für Gott hochbedeutende Strecke, auf der Er alles ausführt, was zu seinem Ziel gehört.
Johannes 1 offenbart die zwei Abschnitte der Ewigkeit. Johannes 1:1 bezieht sich auf die Ewigkeit in der Vergangenheit, denn „der Anfang“ bezeichnet die Ewigkeit in der Vergangenheit. Vers 51 bezieht sich auf die Ewigkeit in der Zukunft, denn als der Herr zu Nathanael sagte, dass er den geöffneten Himmel sehen werde und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen, sprach Er nicht über die Gegenwart, sondern über die Ewigkeit in der Zukunft. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft fünf, S. 55)
Auf dieser Brücke geschieht kein zielloses Nebeneinander von Ereignissen. Johannes 1.zeigt in verdichteter Form fünf Stationen dieses göttlichen Handelns. Zuerst die Schöpfung: „Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eines, das geworden ist“ (Johannes 1:3). Das Wort, das in Ewigkeit bei Gott ist, ruft eine Welt ins Dasein. Andere Stimmen bezeugen dasselbe: „Rom 4:17“ spricht von Gott, „der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ruft, wie wenn es da wäre“, und Sacharja 12:1. erinnert daran, dass Er „den Himmel ausspannt und die Grundmauern der Erde legt und den Geist des Menschen in seinem Inneren bildet“. Himmel und Erde sind nicht Selbstzweck; sie bilden den Rahmen für einen Menschen mit Geist, der fähig ist, Gott aufzunehmen.
Die zweite Station ist die Menschwerdung. Der, durch den alles wurde, tritt in sein eigenes Werk ein. „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns“ (Johannes 1:14). Gott zieht nicht nur in ein Menschenleben ein, Er schlägt mitten in der Geschichte sein Zelt auf. In dieser menschlichen Stiftshütte, Jesus Christus, wird sichtbar, was Gott in der zukünftigen Ewigkeit vollenden will: Er will bei Menschen wohnen, nicht nur über ihnen herrschen. Das Bild der Stiftshütte, das im Alten Testament aus Holz, Gold und Stoffen besteht, findet in der Person Christi seine Erfüllung – und vorausweisend im Neuen Jerusalem als endgültiger Wohnstätte Gottes bei den Menschen.
Die dritte Station ist die Erlösung. Als das Lamm Gottes, das „die Sünde der Welt wegnimmt“ (Johannes 1:29), trägt Christus mehr als individuelle Schuld. In seinem Kreuz kommt die alte Schöpfung unter das Gericht; das, was von Gott getrennt ist, wird in den Tod hineingenommen. Der Tod, den Er schmeckt, reicht weiter als unser persönliches Vergehen – er berührt die gesamte von der Sünde deformierte Ordnung. In seiner Auferstehung steht Er als Haupt einer neuen Schöpfung auf, bereit, „alle Dinge“ mit Gott zu versöhnen (vgl. Kolosser 1:20, auch wenn Johannes diesen Gedanken nicht ausdrücklich entfaltet). Erlösung ist damit nicht nur ein Freispruch, sondern der Wendepunkt, an dem Gott den Weg zu einer erneuerten Schöpfung öffnet.
Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eines, das geworden ist. (Joh. 1:3)
Ausspruch, Wort des HERRN über Israel. Es spricht der HERR, der den Himmel ausspannt und die Grundmauern der Erde legt und den Geist des Menschen in seinem Inneren bildet: (Sach. 12:1)
Das eigene Leben zwischen vergangener und zukünftiger Ewigkeit zu verorten, bewahrt vor Resignation und vor Überheblichkeit. Man lernt, die heutige Zeit nicht zu überschätzen und doch sehr ernst zu nehmen: In ihr führt Gott die Schöpfung zur Erlösung, die Erlösten zur Salbung und die Gesalbten in seinen Bau. Wer so sieht, findet Mut, den oft unscheinbaren Weg mit Christus weiterzugehen, weil er weiß, dass diese Brücke sicher in Gottes ewige Wohnstätte mündet.
Vom geschaffenen Menschen zum lebendigen Bau Gottes
Am Anfang steht der Mensch als Geschöpf: geformt aus Staub, belebt durch den Odem Gottes, gestellt in eine geschaffene Welt. Doch schon in 1. Mose klingt an, dass in ihm mehr angelegt ist als bloßes Erdendasein. Sacharja fasst diesen Gedanken auf, wenn er vom Herrn spricht, „der den Himmel ausspannt und die Grundmauern der Erde legt und den Geist des Menschen in seinem Inneren bildet“ (Sacharja 12:1). Der Mensch besitzt einen Geist – nicht nur Verstand und Gefühle. Dieser Geist ist wie eine innere Empfangsstation, die auf Gott ausgerichtet ist. Dazu kommt der Mund, fähig, zu rufen und zu bekennen. So ist der Mensch von Anfang an dafür vorbereitet, Gott aufzunehmen und mit Ihm in Beziehung zu treten.
Durch seine Schöpfung hat Gott die Himmel um der Erde willen hervorgebracht, die Erde um des Menschen willen und den Menschen mit einem Geist als Empfänger, damit er Gott als sein Leben aufnehmen kann. Der Mensch ist das Zentrum des Universums. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft fünf, S. 59)
Doch zwischen dieser Möglichkeit und Gottes eigentlichem Ziel klafft ein großer Abstand. Jesaja stellt Gottes Frage scharf: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße. Wo ist das Haus, das ihr mir bauen könntet, und wo der Ort meiner Ruhe?“ (Jesaja 66:1). Gott sucht nicht eine imposante Architektur, sondern eine Wohnstätte, die zu seinem Wesen passt. Die Antwort gibt Er selbst: „In der Höhe und im Heiligen wohne ich und bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist“ (Jesaja 57:15). Der Weg vom geschaffenen Menschen zum lebendigen Bau Gottes führt also nicht über menschliche Größe, sondern über das Werk Gottes im Innern, das einen demütigen, geöffneten Geist hervorbringt.
Johannes 1.lässt sehen, wie dieser Prozess beginnt und weitergeht. Zuerst begegnet der einzelne Mensch dem Sohn Gottes. Wer Ihn aufnimmt und an seinen Namen glaubt, empfängt das Recht, Kind Gottes zu werden, „die nicht aus dem Blut, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Johannes 1:13). Hier geschieht mehr als moralische Besserung: Das göttliche Leben wird in den menschlichen Geist eingepflanzt. Der geschaffene Geist wird zum Wohnort des empfangenen Lebens Gottes; in diesem unsichtbaren Inneren beginnt der Bau.
Doch Gott belässt es nicht bei einem inneren Anfang. Der Geist, den Johannes in der Gestalt der Taube auf Christus herabkommen sieht, wirkt nun weiter in denjenigen, die von Gott geboren sind. Er salbt, richtet aus, reinigt und verbindet. Aus natürlichen, oft widersprüchlichen Menschen macht Er „lebendige Steine“ (1. Petrus 2:5), die nicht mehr isoliert nebeneinanderliegen, sondern in einen Bau eingefügt werden. Simon, der impulsive Fischer, wird von Christus „Kephas“ – Stein – genannt (Johannes 1:42). Dahinter steht nicht ein schmeichelnder Spitzname, sondern eine Zusage: Dein brüchiger Charakter wird durch meine Gegenwart zu tragfähigem Material für Gottes Haus.
Ausspruch, Wort des HERRN über Israel. Es spricht der HERR, der den Himmel ausspannt und die Grundmauern der Erde legt und den Geist des Menschen in seinem Inneren bildet: (Sach. 12:1)
So spricht der HERR: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße. Wo wäre das Haus, das ihr mir bauen könntet, und wo der Ort meiner Ruhe? (Jes. 66:1)
Wer sich als von Gott geschaffenen Geistträger versteht, der um Gottes Gegenwart weiß, beginnt, seine Geschichte anders zu deuten: nicht als zufällige Aneinanderreihung von Erfolgen und Brüchen, sondern als behutsamen Bau Gottes. Diese Perspektive ermutigt, auch die schmerzhaften Bearbeitungen nicht als Abwertung, sondern als Vorbereitung für eine tiefere Gemeinschaft mit Ihm zu sehen – als Schritte hin zu jenem Haus, in dem Gott einmal für immer inmitten seiner verwandelten Menschheit ruhen wird.
Herr Jesus Christus, Du ewiger Sohn Gottes und Sohn des Menschen, wir staunen darüber, wie Du von der Ewigkeit her in unsere Zeit hinabgekommen bist, um uns Leben zu schenken und uns in Gottes Haus einzubauen. Danke, dass Du uns nicht nur erlösst, sondern uns durch Deinen Geist verwandelst, damit wir zu lebendigen Steinen in Deiner ewigen Wohnstätte werden. Stärke in uns das Vertrauen, dass Dein Werk in uns und unter uns nicht scheitert, auch wenn wir uns schwach und unfertig sehen. Lass uns in Dir geborgen sein, während Du uns formst, reinigst und miteinander verbindest, bis Deine Herrlichkeit in Deiner Gemeinde sichtbar wird. Und wenn wir an die zukünftige Ewigkeit denken, erfülle uns mit der Gewissheit, dass wir mit Dir vereint sein werden – Du in uns und wir in Dir – zur Freude Gottes und zum Trost unserer Herzen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 5