Das Wort des Lebens
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Jubeljahr (4)

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Viele Menschen kennen das Gefühl, innerlich leer zu sein und zugleich an Dinge gebunden, von denen sie wussten, dass sie ihnen nicht guttun. Die Bibel beschreibt diese Realität mit zwei starken Bildern: verlorenes Erbe und Leben in Sklaverei. Vor diesem Hintergrund leuchtet das biblische Jubeljahr als gewaltiges Vorbild für das, was Gott im Evangelium getan hat: Er ruft aus der Ferne nach Hause, und er öffnet Ketten, die niemand selbst sprengen kann.

Gott selbst ist unser wahres Erbteil

Wenn in 3. Mose 25 vom Jubeljahr die Rede ist, klingt durch jedes Detail der tiefere Klang eines anderen Besitzes. Es geht nicht nur um Felder, Weinberge und Häuser, die an ihre ursprünglichen Eigentümer zurückfallen. Wenn es heißt: „Ihr sollt das Jahr des fünfzigsten Jahres heiligen und sollt im Land Freilassung für all seine Bewohner ausrufen. Ein Jobel(jahr) soll es euch sein, und ihr werdet jeder wieder zu seinem Eigentum kommen und jeder zu seiner Sippe zurückkehren“ (3.Mose 25:10), dann öffnet sich dahinter ein weiter Horizont: Der wahre Eigentümer des Volkes ist nicht zuerst ein Stück Land, sondern der lebendige Gott selbst. Darum bekennt der Psalmist: „Der HERR ist das Teil meines Erbes und mein Becher; du bist es, der mein Los festlegt“ (Ps. 16:5). Was für Israel äußerlich Land war, ist innerlich der Herr als Teil, Becher und Los – der, von dem man lebt, aus dem man trinkt und in dessen Grenzen das Leben geborgen ist.

Wir haben in der vorangehenden Botschaft darauf hingewiesen, dass der erste der zwei Hauptsegen des Jubeljahres darin besteht, dass diejenigen, die ihr Erbe verloren haben, zu ihrem Besitz zurückgebracht werden können (3. Mose 25:9-13). Gott beabsichtigte, der Besitz des Menschen zu sein (Ps. 16:5; 90,1), aber der Mensch verlor Gott wegen des Falls des Menschen (Eph. 2:12). Doch Gottes Jubeljahr bringt den Menschen zu Gott als seinem Erbe zurück (Apg. 26:18; Eph. 1:14; Kol. 1:12; Luk. 15:12-23). (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft siebenundsechzig, S. 572)

Diese innere Wirklichkeit wird noch einmal vertieft, wenn Mose betet: „Herr, du bist unsere Wohnung gewesen von Geschlecht zu Geschlecht“ (Ps. 90:1). Gott ist nicht nur Geber eines Erbes, er ist die Wohnung selbst. In diesem Licht bekommt das Jubeljahr ein anderes Gewicht: Der Mensch wurde geschaffen, um Gott zu besitzen und in Gott zu wohnen. Durch den Sündenfall aber verliert er dieses Erbe. Paulus beschreibt diesen Verlust als Zustand „ohne Christus, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremdlinge hinsichtlich der Bündnisse der Verheißung; und ihr hattet keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt“ (Eph. 2:12). Es ist, als wäre das eigentliche Land verpfändet, das Haus verschlossen, der Mensch innerlich heimatlos geworden.

Das Jubeljahr ist daher ein starkes Bild für das Evangelium. Wenn Gott in Christus das Horn der Gnade über die ganze Erde erschallen lässt, ruft er verlorene Menschen nicht zuerst in eine bessere Moral oder in eine neue Religion, sondern zu sich selbst. Als der auferstandene Christus dem Paulus erschien und ihn berief, fasst er seine Sendung so: Menschen sollen „von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt Satans zu Gott“ gewendet werden „damit sie Vergebung der Sünden empfangen und ein Erbteil unter denen, die durch den Glauben an Mich geheiligt worden sind“ (Apg. 26:18). Vergebung und Erbteil gehören untrennbar zusammen: Gott vergibt, um Raum zu schaffen, dass er selbst wieder zum Besitz des Menschen wird.

Dieses Erbteil ist nicht etwas, das wir erst in ferner Zukunft in Händen halten. In Christus ist das Kommende schon gegenwärtig angeschnitten. Der Heilige Geist wird „das Unterpfand unseres Erbteils genannt zur Erlösung des erworbenen Besitzes, zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit“ (Eph. 1:14). Und der Vater hat uns jetzt schon „qualifiziert… zu einem Anteil am zugelosten Anteil der Heiligen im Licht“ (Kol. 1:12). Wie im Jubeljahr die Grenzen neu gezogen werden und jeder sein Feld wieder betritt, so führt der Geist uns nach und nach in die Erfahrung hinein, dass der Herr unser inneres Land ist: eine Weite, in der wir atmen, arbeiten, ruhen und Frucht bringen.

Und ihr sollt das Jahr des fünfzigsten Jahres heiligen und sollt im Land Freilassung für all seine Bewohner ausrufen. Ein Jobel(jahr) soll es euch sein, und ihr werdet jeder wieder zu seinem Eigentum kommen und jeder zu seiner Sippe zurückkehren. (3.Mose 25:10)

Der HERR ist das Teil meines Erbes und mein Becher; / du bist es, der mein Los festlegt. / (Ps. 16:5)

So wird das Evangelium zur Einladung, die Suche nach Ersatz-Erben zu beenden und sich von Gott selbst als Erbteil gewinnen zu lassen. In allen wechselnden Lebenslagen darf sich das Herz daran erinnern: Mein wahrer Besitz ist nicht das, was ich halte, sondern der, der mich hält; nicht die Größe meines Feldes, sondern die Nähe des Vaters, der sagt: Ich bin dein Teil und deine Wohnung.

Frei von der Sklaverei der Sünde

Das Gesetz über das Jubeljahr nimmt einen realistischen Blick auf menschliche Geschichte: Ein Israelit konnte so tief in Armut geraten, dass er erst sein Land verkaufte und schließlich sich selbst. „Und wenn dein Bruder bei dir verarmt und sich dir verkauft, sollst du ihn nicht Sklavendienst tun lassen … bis zum Jobeljahr soll er bei dir dienen. Dann soll er frei von dir ausgehen, er und seine Kinder mit ihm, und zu seiner Sippe zurückkehren und wieder zum Eigentum seiner Väter kommen“ (3.Mose 25:39–41). Und wenn keine frühere Lösung geschah, galt der unbedingte Satz: „Und wenn er nicht in dieser Weise eingelöst wird, dann soll er im Jobeljahr frei ausgehen, er und seine Kinder mit ihm“ (3.Mose 25:54). Hinter dieser Regel steht eine göttliche Grenze: Kein Mensch soll endgültig Eigentum eines anderen bleiben; die Freiheit gehört zum Wesen des Volkes Gottes.

Der zweite Segen des Jubeljahres besteht darin, dass diejenigen, die sich selbst als Sklaven verkauft haben, aus ihrer Sklaverei freikommen (3.Mose 25:39–41, 54). Nach dem Vorbild in 3. Mose 25 kann ein Israelit so verarmen, dass er seinen Besitz verkaufen muss. Dann kann er noch tiefer in die Armut sinken und schließlich sogar sich selbst verkaufen. Nachdem er sich selbst verloren hat, wird er ein Sklave. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft siebenundsechzig, S. 572)

Dieses Bild legt eine noch tiefere Wirklichkeit bloß. Seit dem Sündenfall ist der Mensch innerlich in eine Armut geraten, die weit über äußere Not hinausgeht. Paulus bekennt: „Denn wir wissen, daß das Gesetz geistlich ist, ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft“ (Röm. 7:14). Und Jesus sagt mit scharfer Klarheit: „Jeder, der die Sünde tut, ist ein Sklave der Sünde“ (Johannes 8:34). Man kann die eigene Lage gut erkennen, hohe Vorsätze fassen und doch immer wieder an denselben Mustern scheitern. Wie ein Israelit, der Stück um Stück verkauft, verliert der Mensch zuerst einzelne Bereiche – eine Gewohnheit, eine Beziehung, ein verborgenes Begehren – und merkt irgendwann: Er hat sich selbst preisgegeben.

Die Geschichte der Menschheit in der Schrift bestätigt dieses Drama. Unter dem Gewissen, unter menschlicher Regierung, unter Verheißung und unter dem Gesetz hat Gott dem Menschen Raum gegeben, sich zu beweisen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Gewalt, Götzendienst, Ungehorsam, Stolz. Die Diagnose lautet immer wieder: Der Mensch kann sich nicht selbst freikaufen. Darum weist das Jubeljahr auf eine andere Zeit hin. Es kündigt eine Gnadenzeit an, in der die Freiheit nicht aus menschlicher Kraft erwächst, sondern aus einer Tat Gottes. Jesus knüpft genau hier an: „Wenn darum der Sohn euch frei macht, werdet ihr wirklich frei sein“ (Johannes 8:36). Wirklich frei – nicht nur zeitweise entlastet, sondern der Macht entzogen, die bis dahin das Leben beherrscht hat.

Diese Freiheit gründet im Kreuz und in der Auferstehung Christi. Paulus fasst das so: „da wir dies wissen, dass unser alter Mensch mit Ihm zusammen gekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde außer Kraft gesetzt werde, damit wir nicht mehr der Sünde als Sklaven dienen; denn wer gestorben ist, ist von der Sünde gerechtfertigt“ (Röm. 6:6–7). Das Evangelium verkündet nicht nur, dass Gott Sünden vergibt, sondern dass er an der Wurzel unseres alten Sklavendaseins ansetzt. In Christus rechnet er den alten Menschen für gekreuzigt, damit ein neues Leben beginnen kann, das nicht länger unter der Herrschaft der Sünde steht. Darum kann Paulus sagen: „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens hat mich in Christus Jesus frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (Röm. 8:2).

Und wenn dein Bruder bei dir verarmt und sich dir verkauft, sollst du ihn nicht Sklavendienst tun lassen. Wie ein Tagelöhner, wie ein Beisasse soll er bei dir sein; bis zum Jobeljahr soll er bei dir dienen. Dann soll er frei von dir ausgehen, er und seine Kinder mit ihm, und zu seiner Sippe zurückkehren und wieder zum Eigentum seiner Väter kommen. (3.Mose 25:39-41)

Und wenn er nicht in dieser Weise eingelöst wird, dann soll er im Jobeljahr frei ausgehen, er und seine Kinder mit ihm. (3.Mose 25:54)

Aus der Sicht des Jubeljahres wird das Christenleben zu einem Weg zunehmender Befreiung: nicht in eigener Anstrengung aus den Ketten zu reißen, sondern sich immer tiefer der Kraft des Sohnes und des Geistes des Lebens zu öffnen. In der Begegnung mit ihm beginnt Sklaverei an Macht zu verlieren, und die stille Weisheit der Gnade stärkt den Mut, in der gewonnenen Freiheit zu bleiben und sie nicht wieder gegen alte Joche einzutauschen.

Jubeljahr – Gnade in der Kraft der Auferstehung

Die Ordnung des Jubeljahres ist von Zahlen geprägt, die in der Bibel mehr sind als bloße Rechenwerte. „Und du sollst dir sieben Sabbatjahre zählen, siebenmal sieben Jahre, so daß die Tage von sieben Sabbatjahren dir 49 Jahre ausmachen“ (3.Mose 25:8). Nach diesen sieben „Wochen“ von Jahren sollte Israel „das Jahr des fünfzigsten Jahres heiligen und … Freilassung für all seine Bewohner ausrufen“ (3.Mose 25:10). Die Zahl sieben steht in der Schrift oft für eine Vollendung eines Abschnitts – wie in den sieben Tagen der Schöpfung, nach denen Gott ruhte. Auch das Fest der ungesäuerten Brote dauert sieben Tage und beschreibt so den ganzen Lauf eines Lebens, das getrennt von der Sünde ist. Wenn aber nicht nur eine Siebener-Reihe, sondern siebenmal sieben Jahre voll geworden sind, beginnt etwas, das über diese Vollendung hinausgeht: das fünfzigste Jahr, das erste Jahr einer neuen, achten Siebener-Einheit.

Betrachten wir noch einmal die Bedeutung dessen, dass das Jubeljahr das fünfzigste Jahr ist. In 3. Mose 25:8 heißt es: „Und du sollst dir sieben Sabbatjahre zählen, siebenmal sieben Jahre, so daß die Tage von sieben Sabbatjahren dir 49 Jahre ausmachen.“ Nach Vers 10 sollten die Israeliten „das fünfzigste Jahr heiligen und im Land Freiheit ausrufen für alle seine Bewohner; ein Jubeljahr soll es euch sein, und ihr sollt ein jeder wieder zu seinem Besitz kommen und ein jeder wieder zu seiner Familie zurückkehren“. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft siebenundsechzig, S. 573)

In dieser Struktur liegt eine verborgene Botschaft über Auferstehung. Die Zahl acht ist in der Bibel eng mit einem neuen Anfang verbunden. Christus wurde am „ersten Tag der Woche“, dem Tag nach dem Sabbat, auferweckt – im Bild der „achte Tag“ nach der bisherigen Woche. Das Jubeljahr steht damit unter dem Zeichen einer Gnade, die über alle abgeschlossenen Kreisläufe hinausweist. Man könnte sagen: Es ist „siebenmal vollendete Vergangenheit plus eins“, Gnade, die nicht aus dem vergangenen Zyklus hervorgeht, sondern von außen hereinbricht. Ähnlich wird der Pfingsttag als fünfzigster Tag nach dem Passah beschrieben: Nach sieben vollen Wochen kommt der Geist mit neuer Fülle auf die Gemeinde herab. Das Muster ist dasselbe: Auf siebenmal sieben folgt ein Geschenk, das nicht aus menschlicher Leistung erwächst, sondern aus Gottes Initiative.

Übertragen auf das Heil wird deutlich, wie tief der Charakter des Jubeljahres mit der Auferstehung Christi verknüpft ist. Der Mensch durchläuft seine eigenen Siebener-Reihen: Etappen von Versuch und Irrtum, von Bemühen und Scheitern, von Jahren, in denen er etwas aufbaut, und Jahren, in denen vieles zerbricht. Wer ehrlich zurückschaut, erkennt: Viele Kreisläufe schließen sich, aber nicht alle Ketten fallen. Irgendwann scheint alles einmal versucht, jede „Woche“ durchlebt, und gerade dann öffnet Gott eine Tür, mit der niemand gerechnet hat. So wirkt Auferstehung: Sie setzt nicht einfach einen weiteren Abschnitt an das Ende der alten Reihe, sondern eröffnet eine neue Qualität von Leben. In Christus ist dieses neue Leben bereits angebrochen; er ist der Auferstandene, der inmitten alter Ordnungen eine andere Wirklichkeit aufrichtet.

So lehrt das Jubeljahr, das Heil nicht als geringfügige Korrektur des Alten zu verstehen, sondern als radikalen Neuanfang in der Kraft der Auferstehung. Es bedeutet, dass Gott Menschen, die sich selbst verloren, ihre Erbteile verspielt und sich in fremde Dienste verstrickt haben, nicht nur „nachjustiert“, sondern sie in eine neue Stellung und eine neue Freiheit stellt. Die Rückkehr ins Land und die Befreiung aus der Sklaverei sind keine bloßen Rehabilitationsmaßnahmen, sondern Ausdruck einer Gnade, die „überströmend“ ist. Für viele wird das besonders sichtbar, wenn Gottes Ruf sie an einem Punkt erreicht, an dem sie subjektiv „am Ende“ sind. Dort erweist sich das fünfzigste Jahr im übertragenen Sinn: Das Eigene ist ausgeschöpft, und gerade da beginnt der Jubel eines anderen Lebens.

Relevante Schriftstellen: 3.Mose 25:8-10, 2.Mose 12:15-20, Dan. 9:24-26, Apg. 2:1-4.

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus Christus, danke für das Jubeljahr deiner Gnade, in dem du uns zu Gott als unserem Erbteil zurückbringst und uns aus der Sklaverei der Sünde befreist. Du kennst jeden verlorenen Weg, jede verpasste Chance und jede Bindung in unserem Leben, und doch rufst du uns ohne Vorwurf in deine Nähe und schenkst uns ein neues Beginnen in der Kraft deiner Auferstehung. Lass uns tiefer erkennen, dass du selbst unser wahres Teil bist, unser Zuhause, unsere Sicherheit und Freude, und dass keine Kette zu stark ist, als dass du sie nicht sprengen könntest. Erfülle unser Herz mit der Freude und Freiheit des Jubeljahres, damit Hoffnung an die Stellen tritt, wo Resignation war, und dein Friede dort regiert, wo früher Furcht herrschte. Stärke uns im Innersten durch deinen Geist, dass wir aus der Freiheit leben, die du erworben hast, und in allem deine Gnade als größer sehen als unsere Schuld. Dir sei Ehre in unserem Leben, heute und bis in Ewigkeit. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 67