Der Dienst des Menschen-Erretters in Seinen menschlichen Tugenden mit Seinen göttlichen Eigenschaften von Galiläa nach Jerusalem (11)
Wer Jesus nachfolgt, merkt früher oder später: Es kostet etwas, an Ihm festzuhalten, wenn Familie, Karriere, Besitz oder das eigene Wohlgefühl in Spannung dazu geraten. Lukas 14 zeichnet die ernste Seite des Evangeliums: Die Gnade ist kostenlos, aber die Nachfolge ist kostbar. Jesus spricht nicht zu Spezialchristen, sondern zu den vielen, die Ihm äußerlich nachliefen – und legt offen, was in Gottes Augen einen Jünger ausmacht, der heute im Jubeljahr der Gnade lebt und morgen im Königreich mit Ihm herrschen soll.
Die Seele lieben – oder Christus lieben?
Lukas berichtet, dass Jesus sich zu einer großen Volksmenge umwendet und dann Worte spricht, die fast hart klingen: „Wenn jemand zu Mir kommt und hasst nicht seinen eigenen Vater und seine Mutter und seine Frau und seine Kinder und seine Brüder und seine Schwestern, außerdem sogar sein eigenes Seelen-Leben, so kann er nicht Mein Jünger sein“ (Lukas 14:26). Aus dem Mund dessen, der uns lehrt, sogar unsere Feinde zu lieben, überrascht ein solches Wort. Gerade darin liegt seine Schärfe: Der Herr legt den Finger auf eine verborgene Konkurrenz in uns. Unsere Seele – unser natürliches Empfinden, Wollen und Entscheiden – sucht Nähe, Sicherheit, Anerkennung und Erfüllung. All das ist an sich nicht böse; es gehört zu den guten Gaben des Schöpfers. Doch wenn diese guten Bindungen das Maß Christi überschreiten, beginnen sie, Seine Herrschaft in uns zu relativieren. Dann liebt der Mensch nicht mehr zuerst den Herrn, sondern sein Seelenleben mit all seinen Beziehungen und Absicherungen.
Wir denken vielleicht, dass der Herr Jesus uns nur lehrt zu lieben. Aber in Vers 26 lehrt Er uns zu hassen. Das ist keine Religion, sondern eine Sache in Gottes Ökonomie. Nach dem Wort des Herrn hier sollen wir gerade die hassen, die wir lieben, nicht die, die wir nicht lieben. Besonders müssen wir uns selbst hassen, sogar unser eigenes Seelenleben. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft dreiunddreißig, S. 281)
Wenn Jesus von „Hassen“ spricht, stellt Er die Liebe nicht auf den Kopf, sondern setzt einen radikalen Maßstab: Im Vergleich zu der Zuwendung zu Ihm soll jede andere Liebe zurücktreten, wann immer sie mit Ihm in Konflikt gerät. Gemeint ist keine Verachtung der Eltern, des Ehepartners oder der Kinder, sondern eine innere Entscheidung, dass Christus in unserem Herzen nicht verhandelt wird. Sobald eine menschliche Beziehung, ein Erfolg, ein Bild von uns selbst den Platz beansprucht, der allein Ihm gehört, wird sie zur Fessel. Wer diese Fessel nicht durchtrennt, bleibt zwar durch den Glauben an Jesus ewig gerettet, aber er verfehlt den vollen Genuss des kommenden Königreichs. Der Herr ruft nicht zu Gefühlskälte, sondern zu Klarheit: Jede Liebe, die uns von der treuen Gemeinschaft mit Ihm wegzieht, ist in Seinen Augen eine gefährliche Ablenkung. Sie darf nicht das letzte Wort behalten.
Diese innere Trennung ist kein einmaliger heroischer Akt, sondern ein Weg, den der Geist Gottes mit uns geht. Immer wieder deckt Er auf, woran sich unser Seelenleben festhält: an Zustimmung anderer, an einer bestimmten Rolle in der Gemeinde, an Vorstellungen von einem gelungenen Leben. In solchen Momenten wird das Wort Jesu lebendig und prüfend. Wer dann in Seiner Gegenwart lernt loszulassen, erfährt, dass nichts von dem, was Ihm überlassen wird, wirklich verloren ist. Vielmehr werden unsere Beziehungen gereinigt, unsere Arbeit geordnet und unser Selbstbild geheilt, weil sie nun von Christus her beleuchtet und getragen werden. Die Liebe zu Ihm relativiert nicht, sondern vertieft unsere Liebe zu Menschen.
Für den Weg in das Königreich ist diese innere Freiheit entscheidend. Der Herr sucht nicht vor allem Leistung, sondern Herzen, in denen Er ungeteilt wohnen kann. Wo eine solche bevorzugende Liebe zu Christus wächst, verliert das Seelenleben seine tyrannische Kraft; es darf fühlen, hoffen und planen, aber nicht mehr herrschen. In dieser Ausrichtung liegt Trost und Mut: Niemand ist von Natur aus so radikal. Es ist der Mensch-Erretter selbst, der uns in Seinen Worten begegnet und uns hineinzieht in Seine eigene Hingabe an den Vater. Wer Ihm in dieser Linie folgt, erfährt schon heute etwas von der Wirklichkeit des kommenden Königreichs – einem Leben, in dem Christus unangefochtener Mittelpunkt ist und in dem alle anderen Gaben an ihrem rechten Platz aufleuchten.
Wenn jemand zu Mir kommt und hasst nicht seinen eigenen Vater und seine Mutter und seine Frau und seine Kinder und seine Brüder und seine Schwestern, außerdem sogar sein eigenes Seelen-Leben, so kann er nicht Mein Jünger sein. (Lk. 14:26)
Das Wort vom „Hassen“ ruft in der Tiefe zu einer Neuordnung der inneren Gewichte: nicht zu einem Rückzug aus Beziehungen, sondern zu einem still entschiedenen Vorrang Christi in jedem Bereich. Wo dieser Vorrang real wird, verliert das Seelenleben seine Macht, uns zu binden, und der Weg in den vollen Genuss des Königreichs wird frei.
Das eigene Kreuz tragen – im Tod Christi bleiben
Unmittelbar nach dem Wort über das Seelenleben fügt der Herr hinzu: „und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachkommt, kann nicht mein Jünger sein“ (Lukas 14:27). Das Kreuz steht hier nicht zuerst für äußere Mühsal, sondern für ein vollzogenes Todesurteil. Das Neue Testament legt offen, dass dieses Urteil bereits gesprochen und vollzogen wurde: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2:20). In den Augen Gottes ist der alte Mensch – der Mensch in Adam, der aus sich leben und sich behaupten will – mit Christus gerichtet worden (Römer 6:6). Bevor ein Jünger sein Kreuz in den Alltag hineinträgt, hat Gott ihn in Christus schon mitgekreuzigt. Das Kreuz, das wir tragen, ist daher nicht die Suche nach zusätzlichem Leid, sondern die freiwillige Zustimmung zu einem Urteil, das bereits über unser altes Leben ergangen ist.
Das Ziel des Kreuzes ist nicht das Leiden; es ist die Beendigung der Person. Die Gläubigen in Christus sind mit Ihm gekreuzigt (beendet) worden (Gal 2:20; Röm 6:6). Nachdem sie durch den Glauben organisch mit Ihm vereinigt worden sind, sollten sie auf dem Kreuz bleiben und ihren alten Menschen in der Beendigung des Kreuzes halten (Röm 6:3; Kol 2:20). Dies ist, ihr eigenes Kreuz zu tragen. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft dreiunddreißig, S. 282)
Das eigene Kreuz zu tragen bedeutet, im Vollzug dieser Kreuzigung zu bleiben. Immer dann, wenn der alte Mensch sich zu Wort meldet – wenn er Recht behalten möchte, sich durchsetzen, glänzen, sich persönlich absichern will –, steht innerlich das Kreuz vor uns. Wir können den alten Menschen aus seiner Beendigung hervorholen oder in der Stellung bleiben, die Gott ihm zugewiesen hat. Römer 6:3. verbindet diese Stellung eng mit Christus: „dass alle von uns, die in Christus Jesus hineingetauft worden sind, in Seinen Tod hineingetauft worden sind“. In diesem Tod bleiben heißt, dem alten Menschen keinen Glauben zu schenken, auch wenn seine Stimmen vertraut klingen. Es heißt, im Glauben daran festzuhalten, dass ein anderer in mir lebt und dass Sein Leben die Richtung vorgibt.
So verstanden, verliert das Kreuz seine düstere Farbe und wird zu einem Tor. Es beendet nicht nur, es öffnet: Es beendet den Anspruch des alten Menschen, und es öffnet uns für einen wachsenden Genuss Christi als unseres Lebens und unserer Lebensversorgung. Der Weg über das Kreuz führt in das Jubeljahr, von dem das Neue Testament spricht – in die Erfahrung von Freilassung, Rückkehr zu Gott und reichem Besitz in Christus, heute im Gemeindeleben und morgen in der Herrlichkeit des Königreichs. Wo wir unser Kreuz tragen, verlieren wir nicht unser wahres Leben, sondern die Macht der Fesseln, die uns davon abhalten, Christus frei zu genießen.
In dieser Perspektive erhält jeder Alltagstag Gewicht. Die unscheinbaren Entscheidungen, in denen wir dem alten Menschen nicht den Vorrang geben, sind keine moralischen Kleinigkeiten, sondern Schritte in einer bestimmten Richtung: entweder zurück in alte Muster oder weiter hinein in die Wirklichkeit des Königreichs. Das Kreuz, das wir tragen, ist der stille Begleiter auf diesem Weg; es erinnert uns daran, dass die Geschichte des alten Menschen entschieden ist und dass Christus in uns der eigentliche Handelnde ist. Diese Sicht macht nicht hart, sondern nüchtern und hoffnungsvoll: Selbst dort, wo wir straucheln, bleibt die Tatsache bestehen, dass wir mit Christus verbunden sind. Darauf gründet der Mut, immer neu zum Kreuz zurückzukehren und von dort aus den Weg der Nachfolge zu gehen.
und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachkommt, kann nicht mein Jünger sein. (Lk. 14:27)
Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; und das Leben, das ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben, in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und Sich Selbst für mich hingegeben hat. (Gal. 2:20)
Das eigene Kreuz zu tragen heißt, im Licht der bereits vollbrachten Kreuzigung mit Christus zu leben und dem alten Menschen seinen Anspruch zu verweigern. Dieser Weg ist kein Sonderweg einzelner Frommer, sondern der normale Pfad in einen vertieften Genuss Christi – heute unscheinbar, in der kommenden Herrlichkeit offenbar.
Alles ausgießen – Salz mit bleibendem Geschmack sein
Nachdem Jesus von Kreuz und Nachfolge gesprochen hat, richtet Er den Blick der Menge auf zwei eindringliche Bilder: den Mann, der einen Turm bauen will, und den König, der in den Krieg zieht. „Denn wer unter euch, der einen Turm bauen will, setzt sich nicht zuvor hin und berechnet die Kosten, ob er (das Nötige) zur Ausführung habe?“ (Lukas 14:28). In beiden Gleichnissen geht es nicht um Baukunst oder Kriegstaktik, sondern um die Ernsthaftigkeit einer Lebensausrichtung. Nachfolge ist kein Nebenprojekt, das man unverbindlich mitlaufen lässt, sondern eine Aufgabe, die unser Ganzes beansprucht. Wer den Weg mit Christus beginnt, ohne zu bedenken, dass er seine eigenen Sicherheiten preisgeben muss, bleibt leicht auf halbem Wege stehen – der Turm bleibt Torso, der Krieg endet in einem faulen Frieden.
Dieses Wort und das in Vers 31 zeigen an, dass es, dem Herrn als Laufbahn zu folgen, von uns verlangt, alles, was wir haben, und alles, was wir tun können, dafür hinzugeben. Andernfalls werden wir ein Versagen sein und zum geschmacklosen Salz werden, das aus dem herrlichen Bereich hinausgeworfen wird in eine Sphäre der Schande (V. 34-35). (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft dreiunddreißig, S. 283)
Aus diesem Zusammenhang heraus gewinnt das Salzwort am Schluss an Schärfe: „Darum, das Salz ist gut; wenn aber auch das Salz seinen Geschmack verliert, womit wird ihm die Salzkraft wiedergegeben werden?“ (Lukas 14:34). Die Jünger sollen wie Salz sein – unscheinbar, aber durchdringend, bewahrend in einer Welt, die zur Fäulnis neigt. Diese Salzkraft hängt eng mit dem Preis der Nachfolge zusammen. Wo Christen innerlich festhalten wollen – an Besitz, Ansehen, religiischen Erfolgen –, verlieren sie ihre Unterscheidbarkeit von der Umgebung. Sie sind zwar noch Salz, aber ohne Geschmack; formell Gläubige, doch ohne die durchdringende Qualität eines Lebens, das wirklich von Christus her bestimmt ist. Der Herr verbindet darum das Loslassen von „allem, was er hat“ (Lukas 14:33) mit dem Erhalt der Salzkraft.
Auffällig ist, dass Jesus bei dem tastlosen Salz von einem Wegwerfen spricht: „Es ist weder für das Land noch für den Misthaufen tauglich; sie werden es hinauswerfen“ (Lukas 14:35). Das „Land“ erinnert an Gottes Ackerfeld, von dem Paulus sagt: „ihr seid Gottes Ackerfeld, Gottes Bau“ (1. Korinther 3:9); es steht für den Bereich, in dem heute und im kommenden Königreich Frucht für Gott hervorkommt. Der „Misthaufen“ dagegen weist auf den Ort der endgültigen Verwerfung hin, den die Offenbarung als Feuersee bezeichnet (Offenbarung 21:8). Zwischen diesen Polen deutet der Herr auf einen dritten Bereich: tastloses Salz, das weder für das fruchtbare Land noch für den Misthaufen taugt, wird an einen Ort der Nutzlosigkeit und Beschämung geworfen. Es verliert nicht seine Existenz als Salz, aber seinen Platz in der unmittelbaren Fruchtbarkeit des Königreichs.
Im Licht des ganzen Neuen Testaments lässt sich dieser dritte Ort als eine ernste, aber väterliche Zucht im kommenden Zeitalter verstehen. Gläubige, die Christus gehört haben, aber im Leben hier den Preis der Nachfolge scheuten, bleiben nicht ewig verloren, doch sie treten zunächst nicht ein in die Belohnung des Tausendjährigen Königreichs. Ihre Werke werden geprüft, ihr Mangel offenbar, und ihre Erfahrung ist geprägt von Beschämung und Verlust, nicht von herrlicher Mitregentschaft. So spricht dieses Wort weniger von einem abrupten Verdammungsurteil als von einer Konsequenz, die sich durch das ganze Leben hindurch anbahnt: Wer heute sein Leben für Christus ausgießt, wird fähig, im kommenden Zeitalter mit Ihm zu genießen; wer sich verschließt, erfährt die Ernsthaftigkeit dessen, was er vernachlässigt hat.
Denn wer unter euch, der einen Turm bauen will, setzt sich nicht zuvor hin und berechnet die Kosten, ob er (das Nötige) zur Ausführung habe? (Lk. 14:28)
So kann nun keiner von euch, der nicht allem entsagt, was er hat, mein Jünger sein. (Lk. 14:33)
Das Bild vom tastlosen Salz verbindet die Ernsthaftigkeit der Nachfolge mit einer tröstlichen Perspektive: Unser Herr ruft nicht zur Verzweiflung über unsere Begrenztheit, sondern zum Vertrauen, dass alles, was wir Ihm ausgehändigt haben, zu bleibender Salzkraft wird – heute als stilles Zeugnis, morgen als Anteil an der Herrlichkeit Seines Königreichs.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 33