Das Wort des Lebens
lebensstudium

Ein Leben ganz gemäß und für Gottes neutestamentliche Ökonomie (4)

10 Min. Lesezeit

Wer die Geschichten aus dem Markus-Evangelium kennt, denkt leicht an eine kurze Biografie Jesu voller eindrucksvoller Wunderberichte. Doch hinter dieser scheinbar einfachen Darstellung verbirgt sich eine geistliche Tiefe: Gott setzt mit Jesus Christus einen völlig neuen Anfang in der Geschichte. Zwischen religiöser Tradition, hoher Moral und menschlicher Anstrengung steht die Frage, was Gottes eigentliche Absicht im Neuen Testament ist und welche Rolle unser alltägliches Leben darin spielt.

Der Anfang des Evangeliums – ein neuer Schritt Gottes in der Geschichte

Wenn Markus seine Schrift mit den schlichten Worten eröffnet: „ANFANG des Evangeliums Jesu Christi“ (Mk. 1:1), greift er in eine ungeheure Tiefe hinein. Er verwendet denselben Begriff, den wir aus Johannes 1.kennen: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ (Johannes 1:1). Bei Johannes steht der Anfang in der vergangenen Ewigkeit, jenseits aller Zeit, wo der Sohn in der innigen Gemeinschaft der Göttlichen Dreieinigkeit ist. Markus dagegen spricht von einem Anfang in der Geschichte: Gott tritt in die von Ihm geschaffene Zeit ein und setzt mit dem Evangelium einen neuen Abschnitt Seines Handelns. Es ist, als würde die ewige Wirklichkeit, die schon immer bei Gott ist, nun konkret in unsere Welt hinein erscheinen und in den Raum unserer Erfahrungen treten.

Wenn wir jedoch tiefer in das Evangelium nach Markus eindringen, werden wir erkennen, dass dieses Evangelium mehr ist als nur eine Biographie oder eine Sammlung von Geschichten. Das Evangelium nach Markus zeigt ein Leben, das ganz gemäß Gottes neutestamentlicher Ökonomie gelebt wird. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft fünfundfünfzig, S. 470)

Vor diesem Anfang liegt eine lange Geschichte: 1. Mose erzählt von Schöpfung, Fall und Verheißung; das Gesetz wird gegeben, der Tempel gebaut, der Opferdienst eingerichtet, Propheten werden gesandt. Alles ist echt, von Gott gegeben, voller Bedeutung – und doch bleibt es Vorbereitung. Die alttestamentlichen Ordnungen sind nicht das Ziel, sondern eine göttliche Pädagogik, die auf etwas Größeres hinweist. Mit Jesus beginnt das Evangelium als die Verwirklichung von Gottes neutestamentlicher Ökonomie: Gott gibt nicht nur Weisung, sondern sich selbst; Er teilt nicht nur Gebote aus, sondern Sein eigenes Leben. In der Ausgießung des Geistes zu Pfingsten und in der fortlaufenden Geschichte der Gemeinde setzt sich dieser Anfang fort, bis in unsere Gegenwart hinein. Wer so den „Anfang des Evangeliums“ wahrnimmt, sieht sich selbst mitten in einer lebendigen, anhaltenden Geschichte Gottes. Das schenkt Trost und Mut: Unsere Tage, mit allen Spannungen und Begrenzungen, sind Teil eines Weges, den der Dreieine Gott selbst begonnen hat und den Er gewiss auch zum Ziel bringen wird.

ANFANG des Evangeliums Jesu Christi; (Mk. 1:1)

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (Joh. 1:1)

Im Licht dieses Anfangs wird das eigene Leben nicht mehr als lose Folge von Zufällen verstanden, sondern als hineingenommen in einen großen göttlichen Zusammenhang. Christus ist der Punkt, an dem Gottes ewiger Ratschluss und unsere konkrete Geschichte sich berühren. Wer sich innerlich immer wieder an diesen Anfang erinnern lässt, findet eine neue Ruhe: Nicht wir tragen das Evangelium durch die Zeit, sondern das Evangelium trägt uns. Und in den ganz alltäglichen Zusammenhängen – im Beruf, in der Gemeinde, in der Familie – kann leise die Gewissheit wachsen: Hier, heute, setzt Gott das fort, was mit dem Kommen Jesu begonnen hat.

Das Ende der alten Dinge – Christus als allumfassender Ersatz

Der neue Anfang in Christus steht nicht neben allem Bisherigen, als wäre er nur eine weitere fromme Möglichkeit. Er ist ein Wendepunkt, der das Vorläufige zu seinem Ziel bringt und damit zugleich beendet. Am Berg der Verklärung wird diese Bewegung wie in einem Bild verdichtet. Dort erscheinen neben Jesus Mose und Elia, Verkörperungen von Gesetz und Propheten. „Und es erschien ihnen Elia mit Mose, und sie unterredeten sich mit Jesus.“ (Markus 9:4). Zunächst scheint alles gleichberechtigt nebeneinander zu stehen; Petrus möchte drei Hütten aufrichten, als könnten Gesetz, Propheten und der Sohn doch gemeinsam die Mitte bilden. Doch die Stimme aus der Wolke durchbricht dieses Nebeneinander: „Dieser ist mein geliebter Sohn, ihn hört!“ (Markus 9:7).

Nun lesen wir in 1:1 – mitten unter all diesen guten, positiven Dingen – vom Anfang von etwas anderem: vom Anfang des Evangeliums Jesu Christi. Dieser Anfang des Evangeliums Jesu Christi bedeutet das Ende vieler Dinge, die seit Tausenden von Jahren bestanden hatten. Ja, dieser Anfang bedeutet das Ende von allem, was nicht Gott selbst ist. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft fünfundfünfzig, S. 472)

Wenn die Jünger sich dann umblicken, heißt es nüchtern: „Und plötzlich, als sie sich umblickten, sahen sie niemand mehr bei sich außer Jesus allein.“ (Markus 9:8). Hier verdichtet sich die Bewegung der ganzen Bibel: Alles, was Gott vorher gegeben hat – Gesetz, Opfer, Priesterdienst, Tempel – fand seinen Sinn darin, auf Christus hinzuweisen. Wo aber der Sohn selbst erscheint, wird das Vorläufige zurückgenommen. Nicht, weil es schlecht wäre, sondern weil das Vollkommene gekommen ist. In Gottes neutestamentlicher Ökonomie ist Christus der allumfassende Ersatz, nicht nur für Sünde, Götzendienst und offenkundige Finsternis, sondern sogar für das, was an sich gut ist, wenn es an die Stelle lebendiger Gemeinschaft mit Ihm tritt. Religiöse Formen, moralische Anstrengung, sorgfältige Charakterbildung – all das kann leicht zu einem System werden, in dem der Mensch sich um seine eigene Frömmigkeit dreht, während Christus praktisch an den Rand gedrängt ist. Das Evangelium stellt diesen inneren Kurs radikal um: Das Ziel ist nicht die Veredelung des alten Menschen, sondern das Leben des neuen Menschen in Christus, in dem Er selbst durch den Geist Ursprung, Inhalt und Ziel unseres Weges ist.

Wer so lernt, Jesus allein als Maßstab und Mitte zu sehen, verliert nicht, sondern gewinnt. Der Maßstab verschiebt sich von „Was kann ich erreichen?“ hin zu „Was wirkt Christus in mir?“. Gerade darin liegt eine befreiende Gnade: Viele Lasten religiöser Selbstoptimierung werden als das erkennbar, was sie sind – Übergangsformen, die zurücktreten dürfen, wenn der Sohn Raum gewinnt. Und mitten in der Unvollkommenheit eines realen Gemeindelebens, in dem viel Menschliches sichtbar ist, kann die leise Freude wachsen, dass Gottes Ziel viel höher reicht: Christus als der alles ersetzende, alles erfüllende Mittelpunkt, der im Leib Christi Gestalt gewinnt.

Relevante Schriftstellen: Mark. 9:2-8, Hebr. 1:1-2, Phil. 3:7-9.

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.

Christliche Tugenden – Ausdruck des göttlichen Lebens in uns

Auf den ersten Blick scheinen viele biblische Forderungen nach einem heiligen Leben gar nicht so verschieden von den Idealen großer Philosophen und Religionsstifter: Eltern ehren, nicht lügen, treu sein, den Nächsten achten. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch nicht zuerst im Inhalt, sondern im Ursprung. Menschliche Tugenden wachsen aus Erziehung, Kultur, Gewohnheit und Selbstdisziplin. Sie können beeindrucken und wertvoll sein, bleiben aber an die begrenzte Kraft des alten Menschen gebunden. Christliche Tugenden dagegen entspringen einem anderen Leben, das in den Glaubenden eingepflanzt ist. Die Schrift bezeugt, dass Gott uns „die kostbaren und überaus großen Verheißungen geschenkt hat, damit ihr durch diese Teilhaber der göttlichen Natur werdet“ (2.Pet. 1:4). Die Quelle dessen, was Gott in Seinem Volk sehen möchte, ist nicht gesteigerte menschliche Moral, sondern das göttliche Leben selbst, das in Christus zu uns gekommen ist.

Ich wollte immer noch den Unterschied zwischen den menschlichen Tugenden, die Konfuzius lehrt, und den Tugenden der Christen, wie sie in der Bibel gelehrt werden, erkennen. Jahrelang war mir dieser Unterschied nicht klar. Erst nach fast zehnjährigem Bibelstudium wurden mir die Augen geöffnet, den allumfassenden Christus zu sehen. Ich begann, Christus als das Zentrum und den Umfang von Gottes neutestamentlicher Ökonomie zu erkennen. Dann fing ich an, zwischen den menschlichen Tugenden, die Konfuzius lehrt, und den christlichen Tugenden, die die Bibel lehrt, zu unterscheiden. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft fünfundfünfzig, S. 475)

Damit verschiebt sich das Zentrum des christlichen Lebens. Paulus fasst es in dem Satz: „Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2:20). Was von außen betrachtet wie Geduld, Treue oder Sanftmut wirkt, ist im Inneren Ausdruck eines Anderen, der Wohnung genommen hat. Der Dreieine Gott arbeitet sich in Seine Kinder hinein, bis Er sich in ihren Reaktionen, Entscheidungen und Beziehungen widerspiegelt. Hier liegt auch der Unterschied in der Wirkung: Menschliche Tugend kann stark „ich-zentriert“ bleiben und dient oft subtil dem eigenen Ansehen oder inneren Gleichgewicht. Christliche Tugend ist auf den Leib Christi hin ausgerichtet; sie dient dem Aufbau, verbindet, trägt und heilt. „Durch welche Er uns die kostbaren und überaus großen Verheißungen geschenkt hat, damit ihr durch diese Teilhaber der göttlichen Natur werdet“ (2.Pet. 1:4) – dieser Satz zeigt, dass das Ziel Gottes nicht eine raffinierte Selbsterziehung ist, sondern Teilhabe an Seinem eigenen Wesen.

Wer diesen Unterschied erkennt, darf sowohl dankbar als auch kritisch auf die eigenen Stärken blicken. Dankbar, weil Gott sich menschlicher Anlagen und Prägungen bedienen kann. Kritisch, weil keine natürliche Begabung, noch so glänzend, das Wirken des göttlichen Lebens ersetzt. Echte Ermutigung wächst daraus, dass selbst unsere Unzulänglichkeiten nicht das letzte Wort haben. Gerade dort, wo Geduld reißt, Liebe versagt oder Treue brüchig wird, öffnet sich der Raum für ein anderes Leben, das nicht aus uns stammt. In diesem Bewusstsein wird das Christsein weniger ein dauerndes Anspannen der eigenen moralischen Muskeln und mehr ein lernendes Hinwenden zu dem, der in uns lebt. So können Tugenden entstehen, die nicht nur schön aussehen, sondern den Duft Christi tragen und im Leib Christi etwas Dauerhaftes aufbauen.

durch welche Er uns die kostbaren und überaus großen Verheißungen geschenkt hat, damit ihr durch diese Teilhaber der göttlichen Natur werdet, die ihr dem Verderben entronnen seid, das durch die Begierde in der Welt ist. (2.Pet. 1:4)

Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir. Was ich aber jetzt im Fleisch lebe, lebe ich im Glauben, im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat. (Gal. 2:20)

Das macht den Blick auf den Alltag zugleich realistischer und hoffnungsvoller. Realistischer, weil es nicht überrascht, dass reine Willensanstrengung an Grenzen stößt. Hoffnungsvoller, weil in jeder Situation – besonders in den schwierigen – die leise Möglichkeit verborgen liegt, dass Christus selbst sich ausdrückt. Wo wir innerlich vor Ihm bleiben und Ihm Raum geben, werden Liebe, Demut, Langmut und Treue weniger zum Ergebnis angespannten Wollens und mehr zur Frucht eines Lebens, das größer ist als wir selbst. So werden christliche Tugenden zu Wegzeichen: nicht auf unsere moralische Leistungsfähigkeit, sondern auf den lebendigen Herrn, der in Seinem Leib gegenwärtig ist und sich durch gewöhnliche Menschen hindurch sichtbar macht.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du der Anfang des Evangeliums und das Ziel all Deiner Wege mit uns bist. Du kennst unsere Neigung, uns auf eigene Anstrengung, religiöse Formen und menschliche Tugenden zu verlassen. Öffne unsere Augen für die Größe Deiner neutestamentlichen Ökonomie, in der Du selbst als Leben in uns wohnen und Dich durch uns ausdrücken willst. Lass alles, was uns von Dir ablenkt, sanft an sein Ende kommen, damit in unserem Denken, Fühlen und Handeln mehr von Dir und weniger vom alten Menschen sichtbar wird. Stärke in uns die Gewissheit, dass Dein Geist in uns wirkt und uns in Deinen Leib einfügt, und fülle unser Herz mit Hoffnung, dass Du Dein gutes Werk vollendest. Lass uns inmitten einer unruhigen Welt einen Vorgeschmack Deiner neuen Wirklichkeit tragen, zur Ehre Deines Namens und zum Segen für viele. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Mark, Chapter 55