Die unterstützenden Handlungen des Sklaven‑Erlösers für den Evangeliumsdienst (1)
Wo immer sichtbarer Erfolg, große Veranstaltungen oder schnell wachsende Zahlen im Vordergrund stehen, entsteht leicht der Eindruck, dass Gottes Werk vor allem von der Größe einer Bewegung abhängt. Im Markusevangelium begegnen wir jedoch einem Herrn, der Menschenmengen nicht benutzt, sondern ihnen ausweicht, wenn sie den Dienst des Lebens behindern, und der zugleich mitten in der Überlastung auf Essen verzichtet, um einer dringenden geistlichen Not zu begegnen. Zwischen diesen scheinbar widersprüchlichen Handlungen wird eine Linie sichtbar: Der Sklaven‑Erlöser dient nicht menschlichen Erwartungen, sondern dem Willen des Vaters und sucht Menschen, die Ihn im Glauben berühren und in Seinem Dienst mittragen.
Vom Drängen zur Berührung: Der Wert persönlicher Begegnung mit Christus
Markus beschreibt eine Szene voller Bewegung: „Denn er heilte viele, so daß alle, die Leiden hatten, sich auf ihn stürzten, um ihn anzurühren“ (Mk. 3:10). Die Menge drängt nach vorn, jeder will möglichst nahe an Jesus heran. Äußerlich sind alle in Seiner Nähe, doch innerlich ist vieles ungeklärt. Manche werden vor allem von der Faszination der Wunder, von der Wucht des Stroms mitgerissen. Das Wort „drängen“ lässt das spüren: Es ist ein Druck, der aus der Masse kommt, ein Schieben und Ziehen, in dem einzelne Personen fast verschwinden. So entsteht Bewegung, aber nicht notwendigerweise Begegnung. Das Gedränge verhindert sogar, dass die Aufrichtigen in Ruhe zu Ihm durchkommen.
Das Gedränge der Volksmenge versperrte den Aufrichtigen den Weg, zum Herrn zu kommen und Ihn unmittelbar zu berühren. Wenn wir zu denen gehören, die den Herrn nur bedrängen, werden wir nichts von Ihm empfangen. Um etwas von Ihm zu empfangen, müssen wir Ihn berühren. Daher wird in diesem Abschnitt des Evangeliums nach Markus das Wort „drängen“ in einem negativen Sinn gebraucht, während das Wort „berühren“ positiv gemeint ist. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft elf, S. 99)
In diesem Gedränge zieht sich der Herr ein Stück zurück. „Und er sagte seinen Jüngern, daß ihm wegen der Volksmenge ein Boot bereitgehalten werden sollte, damit sie ihn nicht drängten“ (Mk. 3:9). Er entzieht sich nicht aus Gleichgültigkeit, sondern um Raum zu schaffen für echte Berührung. In der Schrift ist Berühren mehr als körperlicher Kontakt; es ist ein Bild für den Glauben, der sich persönlich an Christus hängt, so dass Sein Leben übergeht. Die Menge als solche kann das nicht ersetzen. Eine religiöse Atmosphäre kann beeindrucken, aber sie kann das Herz auch daran hindern, still zu werden und Ihn wirklich zu ergreifen. Der Herr schützt daher Seinen Dienst des Lebens vor dem Lärm einer „Crowd‑Frömmigkeit“, in der viel geschieht, aber wenig innerlich geschieht.
Das kleine Boot am See trägt eine leise, aber deutliche Symbolik. Es ist ein abgesonderter Ort mitten im Wasser, getragen und zugleich umgeben von der bewegten Fläche des Sees. So steht es für die Gemeinde als einen Raum, in dem Christus heute dient, ohne im Strom des religiösen und weltlichen Betriebs unterzugehen. Er drängt sich nicht auf; Er lässt vorbereiten, was Er benutzen will. Für das Gemeindeleben bedeutet das: Es geht nicht zuerst um Zahlen, Dynamik oder äußere Sichtbarkeit, sondern um eine Atmosphäre, in der der Herr in Ruhe berührt werden kann – durch Sein Wort, durch das Gebet, durch die stille Wirkung des Geistes.
Wenn der Text berichtet, dass die Menschen „hörten, wieviel er tat“ und darum „zu ihm kamen“ (Mk. 3:8), steckt darin eine Spannung, die auch heute spürbar ist. Was der Herr tut, zieht an. Aber Sein Ziel ist nicht, dass Menschen nur von dem leben, was sie über Ihn hören, sondern dass sie Ihn selber finden. Es ist möglich, nah bei christlichen Dingen und doch fern von Christus zu sein. Es ist möglich, alles über Seine Werke zu kennen und doch wenig von Seinem Herzen. Der Sklaven‑Erlöser ordnet deshalb die äußere Bewegung der Menge so, dass die innere Bewegung des Glaubens nicht erstickt wird.
Und er sagte seinen Jüngern, daß ihm wegen der Volksmenge ein Boot bereitgehalten werden sollte, damit sie ihn nicht drängten. (Mk. 3:9)
Denn er heilte viele, so daß alle, die Leiden hatten, sich auf ihn stürzten, um ihn anzurühren. (Mk. 3:10)
In einer Zeit, in der geistliches Leben leicht mit Erlebnisdichte verwechselt wird, lenkt dieser Abschnitt den Blick auf etwas Schlichteres und Tieferes: nicht der Druck der Menge, sondern die Berührung des Glaubens bringt das Leben Christi in Bewegung. Der Herr, der sich von der drängenden Menge auf das kleine Boot zurückziehen ließ, bleibt derselbe, wenn es um unser heutiges Gemeindeleben geht. Wo Er Räume schafft, die äußerlich unspektakulär, aber innerlich klar auf Ihn ausgerichtet sind, bereitet Er eine Umgebung, in der Menschen Ihn wirklich ergreifen können. Der Gedanke, von äußerer Bewegung hin zur inneren Berührung zu finden, schützt vor Enttäuschung und Überforderung. Er entlastet von dem Gefühl, ständig mehr tun, lauter sein, größer denken zu müssen, und richtet das Herz auf die einfache, aber tiefgreifende Wirklichkeit: Christus ist da, um sich berühren zu lassen. Wer das erkennt, beginnt die Stille, die Absonderung und das schlichte Zusammensein mit Ihm in der Gemeinde nicht als Mangel, sondern als kostbares Geschenk für den Evangeliumsdienst zu schätzen.
Der Sklaven‑Erlöser beruft Ungeeignete: Dienst im Licht des Willens des Vaters
Nachdem Markus den starken Zulauf der Menge geschildert hat, lenkt er den Blick plötzlich weg von der Breite hin zur Tiefe: „Und er steigt auf den Berg und ruft zu sich, die er wollte. Und sie kamen zu ihm; und er bestellte zwölf, damit sie bei ihm seien und damit er sie aussende, zu predigen, und Vollmacht zu haben, die Dämonen auszutreiben“ (Mk. 3:13‑15). Der Weg auf den Berg ist ein Weg der Sammlung. Es geht nicht mehr um alle, die irgendetwas von Jesus erwarten, sondern um einige, die Er nach dem Willen des Vaters für einen besonderen Dienst auswählt. Lukas ergänzt, dass dieser Schritt aus einer Nacht des Gebets hervorging (Luk. 6:12‑13). Die Berufung geschieht also nicht im Schatten spontaner Sympathie, sondern im Licht der Gemeinschaft mit Gott.
Hier erkennen wir, dass es das Ziel des Herrn war, als Er auf den Berg hinaufging, bestimmte Menschen zu rufen und sie zu Seinen Aposteln zu machen. Dass Er sie zu Aposteln einsetzte, diente der Ausbreitung Seines Evangeliumsdienstes. Nach den Versen 14 und 15 sollten die Zwölf, die Er einsetzte, predigen und Dämonen austreiben. Das Evangelium zu predigen bedeutet, den Menschen Gott zu dienen; Dämonen auszutreiben bedeutet, Satan von den Menschen fernzuhalten. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft elf, S. 102)
Die Namen, die Markus aufzählt, sind erstaunlich. „Und Jakobus, den (Sohn) des Zebedäus, und Johannes, den Bruder des Jakobus, und er gab ihnen den Beinamen Boanerges, das ist Söhne des Donners; und Andreas und Philippus und Bartholomäus und Matthäus und Thomas … und Simon, den Kananäer, und Judas Ischarioth, der ihn auch überlieferte“ (Mk. 3:17‑19). Hitzige Charaktere, ein politisch geprägter Eiferer, ein verachteter Zöllner, ein Mann, der ihn später verraten wird – die Liste wirkt wie ein Gegenentwurf zu unseren Vorstellungen eines idealen Teams. Gerade darin liegt jedoch der Glanz dieses Handelns: Der Herr beruft nicht aus einem Human‑Potential‑Katalog heraus, sondern aus der Perspektive dessen, was Seine Gnade aus Menschen machen kann. Der Sklaven‑Erlöser trägt den Dienst des Evangeliums nicht allein, sondern bindet eine sehr unterschiedliche Gruppe an sich, um durch sie zu dienen.
Zugleich fällt ein Satz ins Auge, der oft überlesen wird: Er beruft sie „damit sie bei ihm seien“ und „damit er sie aussende“. Der Dienst steht nicht am Anfang, sondern die Gemeinschaft. Ehe sie Prediger und Vollmachtsträger sind, sind sie Menschen, die bei Ihm sind, von Seiner Gegenwart geprägt werden, Seine Worte, Seine Wege, Seine Art aufnehmen. Der Evangeliumsdienst entsteht daraus, dass diese Gemeinschaft sich nicht nach innen verschließt, sondern sendet. So wird offensichtlich, dass die Ausbreitung des Evangeliums nicht aus dem Drang einzelner starker Persönlichkeiten hervorgeht, sondern aus einer gemeinsam getragenen Verantwortung, in der Christus der eigentliche Mittelpunkt bleibt.
Für das Gemeindeleben zeigt sich hier eine andere Optik als die, die uns oft prägt. Leitende Verantwortung ist nicht die Bühne für die besonders Begabten, sondern ein Dienst, der da beginnt, wo Menschen vom Herrn zu sich gerufen werden und sich von Ihm formen lassen. Wer nur nach natürlicher Tüchtigkeit schaut, wird an vielen vorbeisehen, die der Herr gebrauchen will. Wer dagegen mit Ihm „auf den Berg“ geht, lernt, Menschen nicht nur nach dem zu beurteilen, was sie sind, sondern nach dem, was Gott mit ihnen vorhat. In diesem Licht verlieren auch die eigenen Empfindungen der Ungeeignetheit ihre Schwere. Der Herr, der „Boanerges“ und einen Zöllner in den engsten Kreis aufnimmt, weiß um unsere Begrenzungen und scheut sie nicht.
Und er steigt auf den Berg und ruft zu sich, die er wollte. Und sie kamen zu ihm; und er bestellte zwölf, damit sie bei ihm seien und damit er sie aussende, zu predigen und Vollmacht zu haben, die Dämonen auszutreiben. (Mk. 3:13-15)
und Jakobus, den (Sohn) des Zebedäus, und Johannes, den Bruder des Jakobus, und er gab ihnen den Beinamen Boanerges, das ist Söhne des Donners; und Andreas und Philippus und Bartholomäus und Matthäus und Thomas und Jakobus, den (Sohn) des Alphäus, und Thaddäus und Simon, den Kananäer, und Judas Ischarioth, der ihn auch überlieferte. (Mk. 3:17-19)
Die Berufung der Apostel befreit von dem Bild, der Evangeliumsdienst sei eine Bühne für naturgemäß brillante Menschen. Der Herr handelt anders: Er ruft zuallererst „damit sie bei ihm seien“ und erst danach „damit er sie aussende“. Darin liegt eine sanfte Korrektur für das Gemeindeleben. Nicht die fehlerlosen Lebensläufe, sondern die, die sich in die Nähe Christi rufen lassen, werden zu Trägern Seines Dienstes. Das weitet den Blick: Begrenzte Fähigkeiten, schwierige Biographien oder ein temperamentvoller Charakter disqualifizieren nicht automatisch – sie werden im Licht Seiner Gnade zu Material, mit dem Er arbeitet. Wer so sieht, verliert die Angst, zu wenig zu sein, und auch die Härte gegenüber den Brüdern und Schwestern, die nicht in unsere Muster passen. Stattdessen entsteht Raum für ein Miteinander, in dem der Evangeliumsdienst auf viele Schultern verteilt wird, weil man zutraut, dass der Herr mehr in anderen sieht, als wir auf den ersten Blick erkennen.
Dringliche Liebe: Wenn der Dienst wichtiger ist als das Essen
Nach der Berufung der Zwölf zeichnet Markus eine Szene, die die innere Dringlichkeit des Dienstes offenlegt: „Und er kommt in ein Haus. Und wieder kommt eine Volksmenge zusammen, so daß sie nicht einmal Brot essen konnten“ (Mk. 3:20). Das Bild ist einfach und eindrücklich. Der Herr und die Seinen haben kaum Zeit, ein Mahl zu sich zu nehmen; sofort füllt sich der Raum mit Menschen und ihren Anliegen. Vor kurzem noch hatte Jesus sich vor dem Druck der Menge zurückgezogen und ein Boot bereitstellen lassen, um Abstand zu gewinnen (Mk. 3:9). Jetzt aber bleibt Er im Haus und lässt sich in Seiner Ruhe stören, bis der Alltag, symbolisiert durch das gemeinsame Brot, kaum noch Platz findet.
Es scheint einen Widerspruch zu geben zwischen dem Verhalten des Herrn, als Er in 3:7–12 die Volksmenge von sich abwandte, und Seinem Verhalten in 3:20–21. Zuerst mied Er die Volksmenge. Als Er jedoch im Haus war und sich die Volksmenge dort versammelte, versuchte Er nicht, ihr auszuweichen. … Dennoch handelte Er anders: Er hörte auf zu essen und kümmerte Sich um das dringende Bedürfnis derer aus der Volksmenge. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft elf, S. 107)
Die Reaktion Seiner Angehörigen ist aufschlussreich: „Und als seine Angehörigen es hörten, gingen sie aus, um ihn zu greifen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen“ (Mk. 3:21). Aus ihrer Sicht überschreitet Jesus eine Grenze. Er scheint nicht mehr auf sich zu achten, vernachlässigt das Essen, lässt sich ununterbrochen in Anspruch nehmen. Was sie als Maßlosigkeit deuten, ist in Wahrheit die Konsequenz einer Liebe, die den Willen des Vaters höher stellt als berechtigte Bedürfnisse. Dass Markus beide Szenen nebeneinander erzählt – das Ausweichen vor dem bloßen Druck der Menge und das Bleiben angesichts eines dringlichen Bedarfs – macht deutlich: Es geht dem Herrn nicht um pauschale Aktivität oder pauschale Absonderung. Er lebt nicht aus einer Prinzipienlogik, sondern aus der unmittelbaren Führung Gottes.
Für den Evangeliumsdienst ergibt sich daraus ein feines, aber wichtiges Unterscheidungsvermögen. Nicht jede Gelegenheit, etwas zu tun, ist eine Berufung; nicht jede Unterbrechung ist ein Ruf. Dort, wo eine Menge den Herrn nur bedrängt, ohne wirklich nach Ihm zu verlangen, zieht Er sich zurück, um den Dienst des Lebens zu schützen. Dort aber, wo Menschen mit echter Not in Seine Nähe drängen, lässt Er zu, dass selbst elementare Bedürfnisse wie das Essen zurücktreten. Damit wird kein asketisches Ideal gezeichnet, das den Körper verachtet, sondern der Vorrang des Willens Gottes vor dem, was Er doch selbst als gut geschaffen hat. Der Sklaven‑Erlöser unterordnet Sein Recht auf Ruhe dem Auftrag, Leben zu spenden, wenn der Vater eine Tür öffnet.
Vor diesem Hintergrund gewinnen auch unsere Spannungen im Dienst ein anderes Licht. Das Ringen zwischen notwendiger Erholung, geordnetem Alltag und unerwarteten Anforderungen ist nicht neu. Die Geschichte im Haus zeigt, dass Christus diese Spannung von innen kennt. Er weiß, wie es ist, wenn der Tag „übervoll“ wird, wenn man „nicht einmal Brot essen“ kann, weil ein Mensch, eine Situation, eine Not sich dazwischenschiebt. Gleichzeitig hat Er zuvor gezeigt, dass Rückzug kein Mangel an Liebe, sondern Ausdruck von Weisheit sein kann. Beides gehört zusammen: eine Liebe, die sich nicht vor echter Dringlichkeit verschließt, und eine Freiheit, sich dem bloßen Sog religiöser Geschäftigkeit zu entziehen.
Und er kommt in ein Haus. Und wieder kommt eine Volksmenge zusammen, so daß sie nicht einmal Brot essen konnten. Und als seine Angehörigen es hörten, gingen sie aus, um ihn zu greifen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen. (Mk. 3:20-21)
Die Szene im Haus macht deutlich, dass treuer Evangeliumsdienst weder im dauerhaften Zurückziehen noch im dauerhaften Aufreiben besteht, sondern im sensiblen Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes. Jesus kennt Zeiten, in denen Er sich von der Menge distanziert, und Zeiten, in denen Er sich unterbrechen lässt, bis keine Zeit mehr für das Brot bleibt. Beides entspringt derselben Liebe. Wer auf Ihn sieht, findet einen Maßstab, der tiefer reicht als äußere Regeln und fromme Ideale. Die Unterscheidung zwischen bloßem Druck und wirklicher Dringlichkeit wird zu einer inneren Orientierung: Nicht jede Erwartung ist ein Ruf, aber jeder Ruf des Herrn trägt die Kraft, das Eigene hintanzustellen. Das nimmt dem Dienst die Schwere des ständigen „Zu wenig“ und „Zu viel“ und ersetzt sie durch das stille Vertrauen, im Strom eines Dieners zu stehen, der selbst treu war bis zum Kreuz und der weiß, wie Er die Seinen in einem weisen Maß an dieses Kreuz beteiligt.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Mark, Chapter 11