Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Anfang des Evangeliums und die Einleitung des Sklaven‑Erlösers (2)

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Wenn Gott etwas völlig Neues beginnt, sieht es oft erstaunlich unscheinbar aus: keine großen Bühnen, keine religiösen Zentren, sondern eine einsame Stimme in der Wüste. Genau so startet nach Markus das Evangelium – nicht mit Glanz und Tradition, sondern mit einem Ruf zur Umkehr, der die ganze bisherige religiöse Ordnung infrage stellt. Wer diese Anfänge versteht, erkennt, wie radikal Gottes Gnade ist und was es bedeutet, dass Jesus als Sklaven‑Erlöser seinen Dienst nicht in eigener Kraft, sondern im Weg von Tod, Auferstehung und völliger Abhängigkeit von Gott begann.

Das Ende des Gesetzes und das Keimen der Gnade

Wenn Markus schreibt: „ANFANG des Evangeliums Jesu Christi“ (Mk. 1:1), setzt er ein kräftiges Zeichen. Dieser Anfang fällt nicht in den Glanz des Tempels, sondern in die Einfachheit der Wüste. Johannes ist Sohn eines Priesters, der nach der Ordnung des Gesetzes im Tempel räuchert (Lukas 1.berichtet davon), und doch steht er nicht am Räucheraltar, sondern am Jordan. Damit macht Gott sichtbar, dass die Zeit des alten Opferdienstes abgelaufen ist. Johannes „trat … auf und taufte in der Wüste und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden“ (Mk. 1:4). Der Weg geht weg vom Altar aus Stein, hin zu einem Menschen in der Wüste; weg von Tieropfern, hin zu einem untergehenden Menschen im Wasser. So endet das Zeitalter des Gesetzes nicht durch eine theoretische Erklärung, sondern durch ein dramatisches Zeichen: Der Mensch selbst wird gewissermaßen zum Opfer, sein altes Leben wird begraben.

Der Anfang des Evangeliums bedeutet das Ende des Gesetzes und den Beginn der Gnade als Keim. Mit dem Anfang des Evangeliums wurde die Haushaltung des Gesetzes beendet und die Haushaltung der Gnade eingesetzt. Der Anfang des Evangeliums hat die Haushaltung der Gnade nicht nur eingeleitet, sondern sie auch zum Keimen gebracht. Etwas zu beginnen, ist etwas Äußerliches; etwas zum Keimen zu bringen bedeutet, ihm einen inneren Anfang im Leben zu geben. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft vier, S. 30)

Buße ist in diesem Zusammenhang weit mehr als das Bedauern einzelner Taten. Wer von ganz Judäa und aus Jerusalem zu Johannes hinausgeht, verlässt Religion, gewohnte Formen, vertraute Sicherheiten. „Und es ging zu ihm hinaus das ganze jüdische Land und alle Einwohner Jerusalems, und sie wurden im Jordanfluß von ihm getauft, indem sie ihre Sünden bekannten“ (Mk. 1:5). Der Sinn wendet sich – weg von Gesetz, Kultur und eigenem Weg, hin zu Gott selbst. Die Taufe im Jordan bedeutet ein Begräbnis: das alte Leben, das sich auf Leistung, Abstammung oder Frömmigkeit stützt, wird bis auf den Grund unter Wasser gedrückt. Damit öffnet Gott Raum für etwas, das nicht aus dem Menschen kommt, sondern aus ihm: die Gnade beginnt zu keimen. Wo ein Mensch innerlich „stirbt“, pflanzt Gott seinen Samen hinein. So wird der Anfang des Evangeliums nicht nur als neuer Abschnitt der Geschichte sichtbar, sondern als innerer Anfang des Lebens.

Diese Gnade bleibt nicht an der Oberfläche. Der Weg, den Johannes bereitet, führt auf Christus hin, der die Getauften nicht nur mit Wasser berührt, sondern sie in eine neue Wirklichkeit hineinführt. Paulus fasst diesen Übergang so: „Oder wißt ihr nicht, daß wir, so viele auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? So sind wir nun mit ihm begraben worden durch die Taufe auf den Tod, damit, wie Christus aus den Toten auferweckt worden ist …, so auch wir in Neuheit des Lebens wandeln“ (Römer 6:3‑4). Wo das Gesetz an seine Grenze kommt, beginnt diese Neuheit: nicht mehr ein äußerer Maßstab, sondern ein innerer Strom des Lebens. Das Gesetz konnte fordern, aber nicht beleben; die Gnade keimt in Menschen, indem Christus selbst ihr Leben wird.

In dieser Spannung von Ende und Anfang liegt eine leise Ermutigung. Gott beendet nicht nur, er entwertet nicht einfach ein ganzes Zeitalter und lässt seine Menschen ratlos zurück. Wo er ein altes System ans Ziel bringt, legt er zugleich etwas Neues in die Herzen. Die Taufe der Buße ist darum kein dunkler Schlusspunkt, sondern ein verborgenes Saatbett. Auch im persönlichen Erleben gibt es Zeiten, in denen Strukturen, Sicherheiten, Formen des Glaubens zerbröckeln. Gerade dort, in der Wüste und am Jordan, wo vieles begraben wird, beginnt die Gnade neu zu keimen. Der Anfang des Evangeliums in Markus ist damit ein leiser Zuspruch: Kein Ende, das Gott setzt, bleibt leer. In der Furche, die der Abschied zieht, lässt er das Leben seines Sohnes aufgehen.

ANFANG des Evangeliums Jesu Christi; (Mk. 1:1)

So trat Johannes auf und taufte in der Wüste und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden. (Mk. 1:4)

Wo der Herr im eigenen Leben etwas zum Abschluss bringt – eine vertraute Art zu glauben, zu dienen, zu planen –, ist das nicht das Signal, sich zu verhärten oder nostalgisch an Vergangenem festzuhalten. Es ist Einladung, dem inneren Anfang nachzuspüren, den er gleichzeitig schenkt: dem Keimen seiner Gnade, die den Menschen nicht verbessert, sondern von innen her neu ansetzt. Wer das zulässt, entdeckt, dass jedes von Gott gesetzte Ende zugleich ein verborgener Beginn seines Evangeliums ist.

Buße als Vorbereitung von Weg und Pfaden für den Sklaven‑Erlöser

Das Bild, das Markus zeichnet, ist schlicht und zugleich tief: „Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Pfade gerade!“ (Mk. 1:3). Johannes ist nicht die Person, um die alles kreist; er ist eine Stimme. Was zählt, ist der Weg, den diese Stimme freimacht. Der Weg des Herrn führt nicht zuerst durch äußere Landschaften, sondern durch den Verstand des Menschen. Unsere Gedanken sind oft eine befahrene Straße voller Einflüsse – Philosophie, Kultur, religiöse Gewohnheiten, persönliche Pläne. Wenn Johannes zur Buße ruft, richtet sich dieser Ruf in das Zentrum unserer Gesinnung: Die Richtung soll sich ändern, hin auf den kommenden Sklaven‑Erlöser. Dieser Weg wird nicht mit Argumenten gepflastert, sondern mit einem inneren Loslassen von dem, worauf der Mensch sich bisher stützt.

Den Weg des Herrn zu bereiten bedeutet, das Denken der Menschen zu verändern: ihre Gesinnung dem Sklaven-Heiland zuzuwenden und ihr Herz in Ordnung zu bringen, indem jeder Bereich ihres Herzens durch Buße gerade gemacht wird, damit der Sklaven-Heiland in sie hineinkommen kann, um ihr Leben zu sein und sie in Besitz zu nehmen (Lk. 1:17). (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft vier, S. 34)

Neben dem großen Weg erwähnt die Schrift die „Pfade“. Sie erinnern an die vielen Nebenstraßen unseres Inneren: verborgene Wünsche, Verletzungen, Motive, Sympathien und Antipathien. Hier können die Linien krumm und verschlungen werden, selbst wenn die großen Überzeugungen stimmen. Wenn Lukas von Johannes sagt, er komme, „um die Herzen der Väter zu bekehren zu den Kindern und die Ungehorsamen zur Klugheit der Gerechten, um dem Herrn ein zugerüstetes Volk zu bereiten“ (Lukas 1:17), wird deutlich, wie konkret Buße wirkt: Beziehungsebenen, Haltungen, innere Spannungen werden gerade gezogen. Der Sklaven‑Erlöser sucht keinen aufgeräumten äußeren Lebenslauf, sondern ein Herz, in dessen Winkeln nichts Bewusstes gegen ihn verschoben bleibt.

So begräbt Johannes die Bußfertigen im Jordan. Das Bild ist drastisch: Der Mensch, wie er aus sich ist – geprägt von Religion, aber auch von Eigensinn – wird als für das Grab geeignet erklärt. Evangelium heißt dann nicht: das alte Ich nachbessern, sondern: Platz machen, damit ein anderer in mir leben kann. Jesus wird diesen inneren Wechsel später mit der neuen Geburt verbinden: „Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen“ (Johannes 3:3). Genauso wenig, wie ein im Grab liegender Körper aus sich heraus steht, kann der alte Mensch das Reich Gottes betreten. Der Weg muss vorbereitet werden, indem das Alte wirklich ans Ende kommt.

Damit ist Buße nicht nur die Schwelle zum Glauben, sondern eine bleibende Haltung auf dem Weg mit Christus. Auch wer längst an den Sklaven‑Erlöser glaubt, kennt die Erfahrung, dass sich die Gedanken wieder füllen mit Nebensachen, Sicherheiten und Selbstrechtfertigungen, und dass die Pfade im Herzen neu krumm werden. Der Ruf der Stimme in der Wüste bleibt darum aktuell. Er lädt ein, schlicht und ehrlich anzuerkennen, wo das Innere von anderen Dingen besetzt ist. In dieser ehrlichen Umkehr gewinnt der Herr neu Raum, in uns Wohnung zu machen. So werden Weg und Pfade nicht durch Anstrengung begradigt, sondern dadurch, dass Christus selbst in die Mitte rückt – und sein leises, dienendes Leben in uns wächst. Das schenkt eine stille Zuversicht: Auch wenn das Herz verwinkelt wirkt, ist der Sklaven‑Erlöser nicht fern; er wartet darauf, dass der Weg für ihn frei wird.

«Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Pfade gerade!» (Mk. 1:3)

Und er wird vor ihm hergehen in dem Geist und der Kraft des Elia, um die Herzen der Väter zu bekehren zu den Kindern und die Ungehorsamen zur Klugheit der Gerechten, um dem Herrn ein zugerüstetes Volk zu bereiten. (Lk. 1:17)

Buße wird in dieser Sicht nicht zur Last, sondern zum Geschenk: Sie entlastet von der Pflicht, sich selbst zurechtzubiegen, und öffnet Weg und Pfade für den, der als Sklaven‑Erlöser dienend einzieht. Wer sich dieser inneren Vorbereitung nicht entzieht, erfährt, dass Christus nicht an den äußeren Grenzen scheitert, sondern das Innere ordnet – leise, aber wirksam. So wird der eigene Lebensweg zu einem Raum, in dem er Schritt für Schritt mehr Platz gewinnt.

Die Einleitung des Sklaven‑Erlösers: Taufe, Geist und Bewährung

Der Evangelist zeichnet den Beginn des Dienstes Jesu mit wenigen Strichen, aber von großer Dichte: „Und es geschah in jenen Tagen: Jesus kam von Nazareth in Galiläa und wurde von Johannes im Jordan getauft“ (Mk. 1:9). Nazareth und Galiläa stehen in der Wahrnehmung der Zeit nicht für Ansehen, sondern für Randständigkeit. „Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen?“ (Joh. 1:46), fragt Nathanael – und gibt damit der verbreiteten Skepsis Ausdruck. Gerade aus dieser Verachtung heraus tritt der Sklaven‑Erlöser hervor. Er reiht sich ein unter die, die zur Taufe der Buße kommen, obwohl er ohne Sünde ist. Seine Taufe ist kein Zeichen eigener Schuld, sondern ein bewusstes Sich‑Einschreiben in den Weg, den Gott für die Menschen eröffnet: das alte Leben zu beenden und sich ohne Vorbehalt in den Willen des Vaters zu geben.

Als Sklave Gottes ließ sich der Sklaven-Heiland taufen. Seine Taufe bedeutet, dass Er bereit war, Gott zu dienen, und dass Er nicht auf natürliche Weise dienen würde, sondern durch Tod und Auferstehung. Eine solche Taufe war der Beginn Seines Dienstes. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft vier, S. 37)

Buße im tiefsten Sinn bedeutet, das eigene Leben, das eigene Handeln und Wollen nicht mehr zum Maßstab zu machen. Wenn der Sündlose sich taufen lässt, gibt er zu erkennen, dass sein Dienst als Sklave Gottes nicht aus natürlicher Kraft, sondern durch Tod und Auferstehung geschehen wird. In diesem Moment öffnet sich der Himmel: „Und sobald er aus dem Wasser heraufstieg, sah er die Himmel sich teilen und den Geist wie eine Taube auf ihn herniederfahren. Und eine Stimme kam aus den Himmeln: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden“ (Mk. 1:10‑11). Hier zeigt sich die Göttliche Dreieinigkeit in Bewegung: der Sohn, der sich dem Weg des Todes überlässt; der Geist, der in sanfter Gestalt auf ihm ruht; der Vater, der sein Wohlgefallen ausspricht. Der Sklaven‑Erlöser empfängt seinen Dienst nicht aus sich, sondern aus dem geöffneten Himmel.

Doch dieser Himmel führt nicht in eine Zone ungestörter religiöser Gefühle. „Und sogleich treibt ihn der Geist in die Wüste hinaus. Und er war vierzig Tage in der Wüste und wurde von dem Satan versucht; und er war unter den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm“ (Mk. 1:12‑13). Die Salbung durch den Geist wird unmittelbar von der Bewährung gefolgt. In der Einsamkeit, unter dem Druck des Versuchers und im Umfeld der wilden Tiere wird sichtbar, was in der Taufe beschlossen wurde: Jesus bleibt dem Weg des Vaters treu, er greift nicht zu Abkürzungen, er dient nicht sich selbst. Zwischen Satan, Tieren und Engeln erweist sich, dass sein Dienst als Sklaven‑Erlöser ein durchkämpfter Dienst ist, getragen von Gehorsam und gehalten vom Dienst der himmlischen Welt.

Diese Szene ist voller Trost. Der, der uns als Sklaven‑Erlöser ruft, kennt die Wüste nicht von außen, sondern hat sie durchschritten. Er weiß um die Versuchung, das eigene Leben zu bewahren, statt es im Willen des Vaters loszulassen. Seine Taufe und seine Bewährung sind mehr als historische Daten: Sie markieren den Weg, auf dem er uns in das Leben des Reiches Gottes hineinführt. Wer sich ihm anvertraut, wird nicht in ein leichtes Programm hineingeführt, sondern in einen Weg, auf dem Tod und Auferstehung erlebbar werden – aber auch der geöffnete Himmel, der sanfte, tragende Geist und das bejahende Wort des Vaters. So gewinnt der Glaube eine leise, tiefe Zuversicht: Der Dienst Christi als Sklaven‑Erlöser ist geprüft, bewährt und vom Vater bestätigt; in diesem Dienst ist auch unser Weg geborgen.

Und es geschah in jenen Tagen: Jesus kam von Nazareth in Galiläa und wurde von Johannes im Jordan getauft. Und sobald er aus dem Wasser heraufstieg, sah er die Himmel sich teilen und den Geist wie eine Taube auf ihn herniederfahren. Und eine Stimme kam aus den Himmeln: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden. (Mk. 1:9-11)

Und sogleich treibt ihn der Geist in die Wüste hinaus. Und er war vierzig Tage in der Wüste und wurde von dem Satan versucht; und er war unter den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm. (Mk. 1:12-13)

Die Taufe und Bewährung Jesu zeigen, dass der Dienst des Sklaven‑Erlösers aus einem geöffneten Himmel lebt und doch durch harte Wüstenphasen hindurchgeht. Das nimmt dem eigenen Erleben von Schwachheit und Versuchung nicht den Ernst, aber den Stachel der Verzweiflung. Wer weiß, dass sein Herr denselben Weg gegangen ist und darin vom Geist getragen und vom Vater bestätigt wurde, kann Wüstenzeiten als Teil eines größeren Weges verstehen – eines Weges, auf dem der gekreuzigte und auferstandene Diener Gottes sein Leben mit uns teilt.


Herr Jesus Christus, Sklaven‑Erlöser, danke, dass du mit dem stillen Anfang in der Wüste das alte Zeitalter beendet und die Gnade zum Keimen gebracht hast. Du hast dich taufen lassen, bist den Weg der Versuchung gegangen und hast dich ganz dem Willen des Vaters überlassen, damit für uns der Weg in das Leben des Reiches Gottes geöffnet wird. Wo unsere Gedanken und inneren Wege von anderem besetzt sind, schenke uns eine tiefe Buße, die uns innerlich für deine Gegenwart und dein Auferstehungsleben öffnet. Stärke alle, die sich nach einem neuen Anfang sehnen, durch deinen Geist, der wie eine Taube sanft und zielgerichtet führt. Lass uns die Hoffnung festhalten, dass deine Gnade stärker ist als unsere Geschichte und dass du uns treu durch Prüfungen hindurchträgst. In dir ist unser Neuanfang und unsere Zukunft geborgen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Mark, Chapter 4