Das Wort des Lebens
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Der Thron des Königreichs und der Kelch des Kreuzes

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Wo Menschen zusammenkommen, entsteht fast automatisch die Frage nach Einfluss, Anerkennung und Position – sogar mitten unter Jüngern, die Jesus persönlich nachfolgen. Während der Herr seinen Weg nach Jerusalem beschreibt, spricht Er von Kreuz und Auferstehung; in den Köpfen seiner Jünger kreist jedoch alles um Ehrenplätze im zukünftigen Reich. Diese Spannung zwischen der Sehnsucht nach Herrlichkeit und dem Weg des Leidens durchzieht bis heute das Leben der Gemeinde. Wer den König und sein Königreich wirklich verstehen will, muss lernen, den Thron mit dem Kelch des Kreuzes zu verbinden.

Der Thron des Königreichs ist untrennbar mit Kreuz und Auferstehung verbunden

Wenn Jesus zum letzten Mal mit seinen Jüngern nach Jerusalem hinaufgeht, trägt er ein Geheimnis in seinem Herzen, das er immer wieder ausspricht: Er wird den Ältesten ausgeliefert, verspottet, gegeißelt, gekreuzigt werden, und am dritten Tag wird er auferstehen. In diesen Ankündigungen legt er den innersten Weg Gottes offen. Nicht ein unglücklicher Ausgang eines gescheiterten Propheten steht bevor, sondern der Durchgang des Sohnes durch das Gericht, um in die Herrlichkeit des Thrones einzutreten. Kreuz und Auferstehung sind nicht der dunkle Vorhof, den man schnell hinter sich lässt, um zur eigentlichen Herrlichkeit zu gelangen, sondern sie sind das Tor, durch das Gott sein Königreich eröffnet. Darum heißt es in Hebräer 12:28: „Darum, weil wir ein unerschütterliches Königreich empfangen, lasst uns die Gnade haben, durch die wir Gott auf wohlgefällige Weise dienen können mit ehrerbietiger Scheu und Furcht;“. Das Königreich ist unerschütterlich, weil sein Thron auf einem durchlittenen Kreuz und einer überwundenen Todesmacht gegründet ist.

Um die Belohnung des Königreichs zu empfangen, müssen wir das Kreuz und die Auferstehung erfahren. Selbst wenn wir alles über das Königreich wissen, brauchen wir dennoch ein richtiges Verständnis vom Kreuz und von der Auferstehung des Herrn. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft fünfundfünfzig, S. 649)

Paulus nimmt diesen Zusammenhang tief in seine persönliche Geschichte hinein. Er beschreibt, wie er alles, was ihm früher Gewinn war, um Christi willen für Verlust achtet, und führt den Grund aus: Er möchte Christus erkennen, „die Kraft seiner Auferstehung“ erfahren und „seinem Tod gleichgestaltet“ werden (Phil. 3:10). Die Nähe dieser beiden Worte ist kein Zufall: Kraft der Auferstehung und Gleichgestaltung mit seinem Tod gehören unauflöslich zusammen. Die Auferstehungskraft ist nicht ein religiöses Hochgefühl, das uns über den Alltag erhebt, sondern die göttliche Energie, in der wir den täglichen, manchmal unscheinbaren Tod des Selbst, der eigenen Ansprüche und Sicherheiten tragen können. Wer in dieser Weise dem Tod Christi gleichgestaltet wird, erfährt zugleich, dass ein anderes Leben in ihm wirkt – das Leben des Auferstandenen, das frei macht, trägt und leitet.

So wird die Belohnung im Königreich der Himmel nicht wie eine Medaille für überragende religiöse Leistung verliehen. Sie wächst wie eine Frucht aus einem Leben, das seine Wurzeln in den Tod Christi hinein senkt und seine Kraft aus seiner Auferstehung empfängt. „Durch viele Bedrängnisse“ müssen wir in das Königreich Gottes hineingehen, heißt es in Apg. 14:22. Bedrängnisse an sich haben keinen Wert; sie werden erst dort zu heiligem Weg, wo sie uns mit dem Kreuz Christi verbinden und unser altes Leben verurteilen, das sich selbst sichern, rechtfertigen und erhöhen will. In der Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten verlieren Selbstbehauptung und Ehrgeiz ihr Gewicht, und an ihre Stelle tritt eine stille, aber kraftvolle Gemeinschaft mit dem Auferstandenen.

Gerade darin liegt Trost. Das Ziel Gottes mit seinem Volk ist kein fernes Ideal für besonders Starke, sondern ein Weg, den Christus selbst vorangegangen ist und in dem er seine Jünger mitnimmt. Wer sich innerlich mühselig abmüht, „für das Königreich zu leisten“, darf aufatmen: Der Thron des Königreichs ist nicht das Ergebnis unserer Anstrengung, sondern der Ausdruck eines Lebens, das Christus durch Kreuz und Auferstehung in uns geformt hat. Wo das geschieht, beginnt ein leiser, aber tiefer Wandel: Gottesdienst wird nicht mehr durch Angst oder Pflicht bestimmt, sondern durch Gnade; Hoffnung hängt nicht mehr an unserem Gelingen, sondern an dem, der den Tod bereits durchschritten hat. Darin liegt eine nüchterne, aber tiefe Ermutigung: Kein Schritt mit dem Kreuz, kein Verzicht aus Liebe zu Christus, kein verborgenes Sterben des eigenen Rechts ist verloren. Alles wird in seiner Auferstehung aufgehoben und einst in der Herrlichkeit seines Thrones aufstrahlen.

Darum, weil wir ein unerschütterliches Königreich empfangen, lasst uns die Gnade haben, durch die wir Gott auf wohlgefällige Weise dienen können mit ehrerbietiger Scheu und Furcht; (Hebr. 12:28)

festigten die Seelen der Jünger und ermahnten sie, im Glauben auszuharren, und sagten, dass wir durch viele Bedrängnisse in das Königreich Gottes hineingehen müssen. (Apg. 14:22)

Dieser Zusammenhang von Thron, Kreuz und Auferstehung bewahrt davor, das Königreich als Bühne eigener Größe zu missverstehen. Er lädt ein, den unscheinbaren Weg des täglichen Mitgestorbenseins mit Christus nicht als Verlust, sondern als Vorrecht zu sehen, weil gerade dort die Kraft seiner Auferstehung Raum gewinnt und unser Leben still in die Form des Königreichs verwandelt.

Der Kelch des Kreuzes richtet unsere Ambitionen und formt dienende Leiter

Die Bitte der Mutter von Jakobus und Johannes ist erschreckend vertraut: In dem Moment, in dem Jesus von Kreuz und Auferstehung spricht, flammt in ihr und ihren Söhnen der Wunsch nach den höchsten Plätzen im kommenden Reich auf. Der Herr reagiert nicht mit scharfer Verurteilung, sondern stellt eine Frage, die tiefer geht als jede moralische Belehrung: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?“ (Matthäus 20:22). Der Kelch, von dem er spricht, ist der Kelch des Leidens und der Hingabe, der Kelch, den er im Garten Gethsemane zittern in die Hände nimmt und doch annimmt. Er legt damit offen, dass die Nähe zu seinem Thron nicht durch eine direkte Abkürzung der Ehre führt, sondern durch die Teilnahme an seinem Weg der Erniedrigung.

Obwohl der Herr von der Kreuzigung und der Auferstehung gesprochen hatte, waren ihre Gedanken auf den Thron gerichtet. Oft sind wir ganz ähnlich wie Jakobus und Johannes. Immer wieder hörten sie von der Kreuzigung und der Auferstehung, doch in ihnen und in ihrer Mutter lebte das Verlangen nach dem Thron. Das ist der Ehrgeiz nach einer Stellung. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft fünfundfünfzig, S. 651)

Im Rückblick wird deutlich, dass Jakobus und Johannes diesen Kelch tatsächlich in je eigener Weise berühren. Jakobus wird der erste Märtyrer unter den Zwölf, Johannes der letzte, der als alter Mann die Last der Gemeinden trägt und die Offenbarung empfängt. Doch in diesem Moment verstehen sie kaum, worum es geht. Ihr Ehrgeiz verengt ihren Blick. Jesus aber verschiebt die Perspektive: Er spricht vom „Dienen“ und davon, der „Sklave“ aller zu werden. „So ist es unter euch nicht; sondern wer unter euch groß werden will, soll euer Diener sein, und wer unter euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein; gleichwie der Sohn des Menschen nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“ (Matthäus 20:26–28). Die Maßstäbe werden umgekehrt: Größe zeigt sich nicht im Zugriff auf Menschen, sondern in der Bereitschaft, sich selbst zur Verfügung zu stellen.

Diese Umkehrung trifft besonders das Verständnis von Leitung im Volk Gottes. Im römischen Reich war Autorität untrennbar mit Herrschaft, Kontrolle und sichtbarer Macht verbunden. In den Gemeinden des Neuen Testaments sollte dagegen eine andere Form von Führung sichtbar werden: eine Leitung, die weidet statt zu besitzen, schützt statt zu dominieren, und Verantwortung trägt, ohne Menschen an sich zu binden. Paulus beschreibt sein eigenes Dienstverständnis so: „Ich diente dem Herrn als ein Sklave mit aller Demut und unter Tränen und Prüfungen“ (Apg. 20:19). Er war Apostel, aber sein innerer Ort war der eines Sklaven – gebunden nicht an menschliche Erwartungen, sondern an den Willen des Herrn.

Der Kelch des Kreuzes entlarvt damit den inneren Drang, vorn zu stehen, zu bestimmen und gesehen zu werden. Unter seinem Licht zeigt sich, wie sehr selbst geistliche Wünsche von der Sehnsucht nach Bestätigung durchdrungen sein können. Doch derselbe Kelch, der ehrgeizige Motive bloßstellt, wird zum Gefäß einer neuen Liebe: Der, der ihn zuerst getrunken hat, teilt seinen Geist aus, der in uns dient, wo wir uns früher durchsetzen wollten, und der uns in die Freude des verborgenen Dienstes hineinzieht. Wo dieser Geist wirkt, verliert der Kampf um die ersten Plätze seine Faszination. Leitung wird nicht mehr als Privileg verstanden, sondern als Last, die in der Gemeinschaft mit dem dienenden Herrn getragen wird.

Unter euch soll es nicht so sein; sondern wer unter euch groß werden will, soll euer Diener sein, und wer unter euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein; gleichwie der Sohn des Menschen nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele. (Matth. 20:26-28)

Ich diente dem Herrn als ein Sklave mit aller Demut und unter Tränen und Prüfungen, die mir durch die Anschläge der Juden widerfuhren; (Apg. 20:19)

So wie Jakobus und Johannes werden auch heutige Jünger auf dem Weg des Königreichs mit der Frage nach dem Kelch konfrontiert. Diese Frage richtet nicht nur äußere Pläne aus, sondern berührt die verborgenen Motive. Indem Christus seinen eigenen Dienst als Sklavendienst offenbart, öffnet er einen Raum, in dem Leitung zur Stelle der Liebe, der Selbstverleugnung und des stillen Tragens wird – und gerade darin dem kommenden Thron entspricht.

Geistliche Blindheit und der Weg vom Rand auf den Weg des Königs

Die Erzählung von der Bitte um Thronplätze in Matthäus 20 wird unmittelbar von der Heilung zweier Blinder am Wegesrand gefolgt. Diese Nähe ist mehr als ein Zufall der Überlieferung. Sie legt eine innere Linie frei: Jakobus und Johannes gehen zwar äußerlich mit Jesus auf der Straße, innerlich sitzen sie am Rand – blind für den Weg, den er wirklich geht. Der Herr spricht von Kreuz und Auferstehung, sie aber sehen ein Reich, in dem es freie Plätze zu besetzen gibt. Geistlicher Ehrgeiz verengt den Blick: Was nicht in das eigene Schema von Erfolg und Bedeutung passt, wird überhört oder in den Hintergrund gedrängt.

Anscheinend waren Jakobus und Johannes auf dem Weg; in Wirklichkeit aber waren sie blind und saßen am Wegesrand. Ihre Augen waren noch nicht geöffnet, um den Weg des Kreuzes zu erkennen. In 20:17–34 sehen wir drei Dinge: die Offenbarung des Kreuzes und der Auferstehung, die schwache Reaktion der Jünger aufgrund ihres Ehrgeizes nach einer Stellung und die Heilung der zwei Blinden. Jeder, der ehrgeizig ist, ist blind. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft fünfundfünfzig, S. 657)

Die Schrift setzt dieser Blindheit das Bild des geöffneten Auges entgegen. Über den Auftrag des Paulus heißt es: er sei gesandt, „um ihnen die Augen zu öffnen, um sie zu wenden von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt Satans zu Gott“ (Apg. 26:18). Finsternis ist hier nicht nur grobe Gottlosigkeit, sondern jede Lebensweise, in der der Mensch sich und seine Ziele in den Mittelpunkt stellt und den Weg Gottes nicht erkennt. Wo Christus Menschen die Augen öffnet, beginnt ein innerer Ortswechsel: Sie wenden sich vom Rand der Straße – vom passiven, beobachtenden, kritisierenden oder auch berechnenden Verhältnis zum Geschehen – hin auf den Weg, auf dem er selbst geht.

Die beiden Blinden in Matthäus 20 schreien nach Erbarmen, obwohl die Menge sie zum Schweigen bringen will. Ihr Rufen zeigt, dass sie innerlich schon mehr sehen als manche Sehenden um sie herum: Sie erkennen im „Sohn Davids“ den König, der ihnen begegnet. Als sie sehend werden, heißt es am Ende schlicht: „Und sie folgten ihm nach.“ Der Wechsel ist deutlich: vom Sitzen am Wegesrand zum Gehen hinter Jesus her. In diesem Bild wird sichtbar, wie Christus seine Gemeinde heilt. Er deckt die verborgene Liebe zu Rang und Ansehen auf, nicht um zu beschämen, sondern um das Auge frei zu machen für den eigentlichen Schatz – seine Person und seinen Weg.

Dieser Weg führt durch Kreuz und Auferstehung, und gerade dort wird die Heilung der inneren Blindheit erfahrbar. Solange die eigene Stellung, das eigene Gelingen und das Urteil der anderen im Zentrum stehen, bleibt der Blick getrübt. Doch wo der Gekreuzigte im Licht seines Wortes vor die Seele tritt, verlieren diese Dinge ihre absolute Bedeutung. Der Mensch beginnt zu sehen, dass er schon in Christus eine unwiderrufliche Annahme, eine unverlierbare Gerechtigkeit und eine unerschütterliche Hoffnung besitzt. In diesem Licht schrumpft der Kampf um Position zur Nebensache, und das Leben des Königreichs wird in Sanftmut, Demut und brüderlicher Gleichheit greifbar.

um ihnen die Augen zu öffnen, um sie zu wenden von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt Satans zu Gott, damit sie Vergebung der Sünden empfangen und ein Erbteil unter denen, die durch den Glauben an Mich geheiligt worden sind. (Apg. 26:18)

Die Verbindung von Ehrgeiz und Blindheit, wie sie Matthäus zeigt, macht deutlich, wie sehr das Herz Heilung braucht, um den Weg des Königreichs zu erkennen. Christus öffnet die Augen nicht nur bei der ersten Bekehrung, sondern immer wieder neu, indem er seine Jünger aus der Fixierung auf Rang und Sicherheit herauslöst und ihnen den Reichtum seiner Gegenwart auf dem Weg des Kreuzes vor Augen stellt. Daraus wächst eine stille Freiheit, auf Anerkennung zu verzichten und dennoch reich zu sein – weil der König selbst die eigentliche Belohnung ist.


Herr Jesus Christus, du König der Herrlichkeit, du bist den Weg nicht über, sondern durch das Kreuz gegangen, und aus deiner Auferstehung strömt bis heute Leben in dein Volk. Öffne unsere Augen, wo wir wie die Jünger mehr auf den Thron blicken als auf den Kelch, und heile uns von der Blindheit eines Herzens, das nach eigener Ehre sucht. Lass dein Wort über Kreuz und Auferstehung tief in uns eindringen, damit unser Denken über Größe, Leitung und Anerkennung aus dem Himmel erneuert wird. Wo Ehrgeiz und Vergleich uns innerlich gefangen genommen haben, erfülle uns neu mit der Freiheit deiner Liebe, die dienen kann, ohne gesehen zu werden, und sich hingibt, ohne etwas zurückzufordern. Stärke alle, die Verantwortung in deiner Gemeinde tragen, durch deinen Geist, damit sie als demütige Diener und fröhliche „Sklaven“ deines Willens leben und dein Volk sanft, klar und ohne Herrschsucht führen. Und schenke uns allen die Gnade, dir auf deinem Weg zu folgen – vom Rand der Straße mitten hinein in die Spur des Kreuzes, in der wir deine Auferstehungskraft erfahren und die Wirklichkeit deines Königreichs schon jetzt schmecken. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Matthew, Chapter 55