Das Wort des Lebens
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Die Anforderungen des Königreichs

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Wenn Jesus in Matthäus 19 über Ehe, Kinder und Reichtum spricht, wirkt das zunächst wie eine Aneinanderreihung ganz verschiedener Themen. Erst beim genaueren Hinsehen wird deutlich, dass all diese Situationen eine gemeinsame Frage berühren: Wer kann wirklich in das Königreich der Himmel hineinkommen und darin leben? Zwischen Pharisäern, Jüngern und einem reichen jungen Mann zeichnet der Herr ein klares, zugleich aber sehr herausforderndes Bild davon, was das Königreich Gottes von uns verlangt – und wie nur Gottes Gnade uns zu einem solchen Leben befähigt.

Zurück zu Gottes Anfang: Ehe, Lust und die Ordnung des Königreichs

Wenn Jesus auf die Frage der Pharisäer nach der Scheidung antwortet, steigt Er nicht in ein Gefeilsche um Formulierungen des Gesetzes ein. Er führt zurück an den Anfang, dorthin, wo Gottes Gedanke über Mann und Frau noch ungebrochen sichtbar ist: „Habt ihr nicht gelesen, dass der, welcher sie schuf, sie von Anfang an als Mann und Frau schuf und sprach: Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein? So sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ (Matthäus 19:4–6). Der König spricht hier nicht nur als Ausleger des Gesetzes, sondern als Ausleger der Schöpfung. Ehe ist nach Seinem Wort keine private Vereinbarung, die man wieder lösen kann, sondern eine göttlich gefügte Einheit, ein Bund, in dem Gott selbst den Knoten bindet. Indem Jesus auf diesen Anfang verweist, macht Er deutlich, dass jede Diskussion, die nur bei Scheidungspapieren, Fristen oder Ausnahmeregelungen stehenbleibt, bereits am Wesen der Ehe vorbeiredet.

Die Wurzel der Scheidung ist die Lust. Gäbe es keine Lust, gäbe es keine Scheidung. Das Wort des Herrn in 19:4–6 anerkennt nicht nur Gottes Schöpfung des Menschen, sondern bestätigt auch Gottes Anordnung der Ehe: dass nämlich ein Mann und eine Frau als ein Fleisch zusammengefügt und zusammengebunden werden, vom Menschen untrennbar. Die Ehe ist die Vereinigung eines Mannes und einer Frau. Das ist Gottes Anordnung, und es ist sehr ernst, wenn jemand sie bricht. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft dreiundfünfzig, S. 627)

Damit entlarvt Jesus die Wurzel der Scheidung. Er erklärt, dass Mose die Scheidungsurkunde „wegen eurer Herzenshärtigkeit“ zugelassen habe, dass dies aber nicht Gottes ursprünglicher Wille war (Matthäus 19:8). Herzenshärtigkeit ist hier nicht bloß eine grobe Gefühlskälte, sondern ein Herz, das seine eigenen Begierden höher stellt als Gottes Ordnung. Hinter gebrochenen Ehebünden stehen nicht zuerst juristische Mängel, sondern ungezügelte Lust, innere Kompromisse und die Weigerung, sich Gottes Herrschaft gerade im intimsten Bereich zu beugen. Wenn Jesus in der Bergpredigt sagt: „Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen“ (Matthäus 5:28), nimmt Er der Lust den scheinbar harmlosen Charakter. Sie ist nicht ein Randproblem, sondern eine Kraft, die Ehe zerstört, Vertrauen untergräbt und die Atmosphäre vergiftet, in der das Königreich der Himmel Gestalt gewinnen soll.

Darum verbindet Jesus das Thema Ehe mit der Frage nach dem Eintritt in das Königreich. Wer Gottes Gedanken über Ehe ernst nimmt, stellt sich einem inneren Kampf: dem Kampf gegen die Lust des Herzens. Das betrifft Verheiratete und Unverheiratete gleichermaßen. Nicht zufällig spricht Paulus, selbst unverheiratet, von einer besonderen Gabe, die den ledigen Lebensstand trägt: „Ich wünsche aber, alle Menschen wären wie ich; doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so“ (1.Kor 7:7). Jesus greift dieselbe Linie auf, wenn Er von „Eunuchen um des Königreichs der Himmel willen“ spricht (Matthäus 19:12). Er verherrlicht weder Ehelosigkeit noch Sexualität, sondern zeigt: Beide Bereiche brauchen Gnade. Es ist Gottes Gnadengabe, in der Ehe treu zu bleiben, und es ist Gottes Gnadengabe, auf Ehe zu verzichten. In beiden Fällen wird die natürliche Triebkraft der Lust unter die sanfte, aber reale Herrschaft Gottes gestellt.

So wird Ehe in Matthäus 19 zu einem Prüfstein für die Wirklichkeit des Königreichs. Nicht, weil Gott Menschen mit unerfüllbaren Idealen quälen würde, sondern weil hier sichtbar wird, ob Seine Königsherrschaft nur ein Bekenntnis bleibt oder tatsächlich in unser Begehren, unsere Fantasie, unsere Entscheidungen hineingreift. Lust raubt nicht nur Ehen ihre Tiefe; sie raubt auch Kraft für Gebet, Verfügbarkeit für das Gemeindeleben und Sensibilität für den Geist. Wo Begierde unangefochten bleibt, verengt sich das Herz – und ein verengtes Herz kann die Weite des Königreichs kaum erfassen. Umgekehrt: Wo Gottes Gnade ein klares, innerlich getragenes Nein zur Lust wirkt, wird Raum frei. Beziehungen gewinnen an Wahrheit, Verbindlichkeit und Wärme; der Leib wird nicht mehr als Werkzeug der Lust, sondern als Tempel Gottes verstanden. „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?“ (1.Kor 6:19). In dieser Perspektive erscheint die Forderung Jesu nicht als drohende Last, sondern als Einladung in eine tiefere Freiheit. Wer sich von Gottes Gnade in diesem Bereich anrühren lässt, entdeckt, dass die Ordnung des Königreichs nicht ein enges Korsett ist, sondern der Raum, in dem Treue, Zärtlichkeit und Reinheit aufblühen können.

Er aber antwortete und sprach: Habt ihr nicht gelesen, dass der, welcher sie schuf, sie von Anfang an als Mann und Frau schuf und sprach: Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein? So sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. (Matthäus 19:4–6)

Ich aber sage euch, dass jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen hat. (Matthäus 5:28)

Die Rückkehr zu Gottes Anfang in der Ehefrage ist ein Ruf in die Tiefe: weg von der Suche nach Schlupflöchern, hin zu einem Herzen, das sich von Christus ordnen und reinigen lässt. In der Stille vor Ihm kann deutlich werden, wo Lust, Kompromiss und innere Reserven Seine Herrschaft beschneiden. Gerade dort setzt Seine Gnade an. Sie verurteilt nicht von außen, sondern verwandelt von innen. Wer versteht, dass der eigene Leib dem Herrn gehört und dass Er selbst der Hüter aller unserer Bindungen ist, beginnt vertrauensvoller zu leben – in Ehe oder Ehelosigkeit, in Erfüllung oder Entbehrung. So wächst eine Lebenshaltung, in der die Anforderungen des Königreichs nicht als abstrakte Vorschriften über uns stehen, sondern als Ausdruck eines Königs, der unser Bestes sucht.

Wie ein Kind: Demut als Zugang zum Königreich

Mitten zwischen gewichtigen Worten über Ehebruch und Reichtum geschieht in Matthäus 19 etwas scheinbar Nebensächliches: „Dann wurden Kinder zu ihm gebracht, damit er ihnen die Hände auflege und bete; die Jünger aber fuhren sie an“ (Matthäus 19:13). Für die Jünger sind jetzt offenbar wichtigere Dinge dran. Jesus diskutiert mit Pharisäern, klärt komplexe Fragen – Kinderlärm passt nicht in diese Szene. Gerade darin aber tritt der verborgene Stolz ans Licht: Sie halten sich selbst, ihren Dienst und die großen Themen für zu bedeutend, um sich mit den Kleinen aufzuhalten. Jesus reagiert scharf und zärtlich zugleich: „Lasst die Kinder und wehrt ihnen nicht, zu mir zu kommen; denn solchen gehört das Königreich der Himmel“ (Matthäus 19:14). Er kehrt die Werteskala um. Diejenigen, die in den Augen der Erwachsenen nichts vorzuweisen haben, werden zum Maßstab für den Zugang zum Königreich.

Als die Jünger diejenigen zurechtwiesen, die einige kleine Kinder zum Herrn brachten, sagte der Herr Jesus: „Lasst die Kinder und wehrt ihnen nicht, zu Mir zu kommen; denn solcher ist das Königreich der Himmel“ (19:14). Dann legte Er ihnen die Hände auf. Hier betont der Herr erneut, dass wir, um am Königreich der Himmel teilzuhaben, wie kleine Kinder sein müssen. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft dreiundfünfzig, S. 630)

Kindsein bedeutet bei Jesus nicht Naivität oder Gefühlsduselei, sondern eine Tiefe, die dem religiösen Menschen schwerfällt. Kinder bringen nichts mit, auf das sie sich berufen könnten. Sie kommen nicht mit Verdiensten, sondern mit leeren Händen; und gerade deshalb können sie empfangen. Vor Gott werden nicht Leistung, religiöse Routine oder geistliche Erfahrung angerechnet, sondern ein Herz, das offen, vertrauend und empfänglich ist. Jesus hat diesen Zusammenhang schon früher betont: „Wer sich nun selbst erniedrigt wie dieses Kind, der ist der Größte im Königreich der Himmel“ (Matthäus 18:4). Demut ist hier nicht die demonstrative Selbsterniedrigung, sondern die nüchterne Einsicht: Ich bin angewiesen, ich brauche Hilfe, ich lebe von Gnade. Ein solches Herz passt zum Königreich, weil es Gottes Herrschaft nicht als Bedrohung erlebt, sondern als Schutzraum.

In der Struktur von Matthäus 19 steht die Kinderszene nicht zufällig zwischen den Themen Lust und Reichtum. Stolz verbindet beide. Wer sich selbst im Zentrum sieht, wird im sexuellen Bereich dazu neigen, seine Wünsche absolut zu setzen, und im materiellen Bereich, seine Sicherheiten festzuhalten. Demut durchbricht diesen Kreis. Wer wie ein Kind wird, rückt sich selbst aus der Mitte. Er misst seinen Wert nicht an Besitz, Leistung oder Ausstrahlung, sondern daran, dass er vom Vater angenommen ist. So kann er auch leichter loslassen: Ansprüche, Rechtfertigungen, den Zwang, groß zu erscheinen. Ein demütiges, kindliches Herz ist innerlich beweglich; es kann ermahnt werden, ohne zu zerbrechen, und gesegnet werden, ohne stolz zu werden. Es ist kein Zufall, dass Jesus den Kindern die Hände auflegt. Es ist, als wolle Er zeigen: So nah, so ungehindert möchte Er jedem begegnen, der bereit ist, klein zu werden.

Demut wird damit zu einem Schlüssel für die Erfahrung des Königreichs. Wo sie fehlt, bleibt das Königreich eine Lehre, vielleicht sogar ein Ideal, aber es bleibt außerhalb. Wo Demut wächst, öffnet sich eine Tür. Paulus beschreibt dieses Paradox, wenn er sagt: „Ich aber will mich am meisten meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft des Christus über mir wohne“ (2.Kor 12:9). Wer nicht mehr an seinem eigenen Bild arbeiten muss, der gewinnt Raum für Gottes Wirken. In der Gegenwart des Königs verlieren Hierarchien ihre Schärfe: Kinder sind nicht nebensächlich, angeblich Schwache nicht bedeutungslos. Alle werden auf denselben Boden gestellt – den Boden der Gnade. Daraus erwächst eine stille Ermutigung: Der Zugang zum Königreich hängt nicht an außergewöhnlichen Fähigkeiten, sondern an einem Herz, das bereit ist, sich von Christus berühren zu lassen, wie ein Kind, das seine leeren Hände hinhält und nicht daran zweifelt, dass sie gefüllt werden.

Dann wurden Kinder zu ihm gebracht, damit er ihnen die Hände auflege und bete; die Jünger aber fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst die Kinder und wehrt ihnen nicht, zu mir zu kommen; denn solchen gehört das Königreich der Himmel. (Matthäus 19:13–14)

Wer sich nun selbst erniedrigt wie dieses Kind, der ist der Größte im Königreich der Himmel. (Matthäus 18:4)

Demut im Sinn Jesu ist kein diffuses Ideal, sondern eine sehr konkrete innere Bewegung: weg vom eigenen Gewicht, hin zu Gottes Gewicht. Wer sich als Kind vor Gott versteht, muss sich nicht mehr über andere erheben, um sich sicher zu fühlen, und braucht sich auch nicht kleinzureden, um demütig zu wirken. Er darf einfach empfangend sein. Aus dieser Haltung erwächst eine neue Freiheit, Fehler einzugestehen, Hilfe anzunehmen und andere nicht abzuwerten. In einem solchen Klima kann das Königreich Gestalt gewinnen – nicht spektakulär, aber tief. Die Szene mit den Kindern erinnert daran, dass das Tor zum Königreich so niedrig ist, dass nur hindurchkommt, wer bereit ist, sich zu bücken.

Reichtum, Selbst und die überragende Gerechtigkeit des Königreichs

Der reiche junge Mann aus Matthäus 19 tritt zunächst sympathisch auf. Er kommt nicht, um Jesus zu prüfen, sondern um eine ernsthafte Frage zu stellen: „Meister, was soll ich Gutes tun, um ewiges Leben zu haben?“ (Matthäus 19:16). Er hat die Gebote gehalten, er ist moralisch achtbar, er sucht mehr als das Übliche. Doch gerade an ihm zeigt Jesus, wie subtil das Hindernis des Reichtums ist. Als der Herr ihn einlädt, über die Einhaltung der Gebote hinauszugehen – „Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach“ (Matthäus 19:21) –, da kommt ans Licht, woran sein Herz hängt. Nicht an einer einzelnen Sünde, sondern an einem System von Sicherheit, Einfluss und Selbstgefühl, das durch seinen Besitz abgestützt wird. Er geht traurig weg, nicht weil Jesus hart wäre, sondern weil der Preis, den er empfindet, sein Herz erschreckt.

Während es im Matthäusevangelium bedeutet, ewiges Leben zu haben, an der Wirklichkeit des Königreichs der Himmel in diesem Zeitalter teilzuhaben und an seiner Offenbarung im kommenden Zeitalter Anteil zu haben, ist im Johannesevangelium das ewige Leben in erster Linie für die Wiedergeburt, für die neue Geburt. … Im Matthäusevangelium hingegen ist das ewige Leben nicht für die neue Geburt, sondern für das Königreich. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft dreiundfünfzig, S. 631)

Hier wird sichtbar, dass „ewiges Leben“ im Matthäusevangelium nicht nur die Frage der Errettung anspricht, sondern die Teilhabe an der Wirklichkeit des Königreichs. Es geht nicht darum, durch ein extremes Werk Himmelspunkte zu sammeln, sondern darum, ob ein Mensch bereit ist, sich von Jesus so führen zu lassen, dass Gottes Wille seine höchste Priorität gewinnt. In der Bergpredigt hat der Herr eine überragende Gerechtigkeit beschrieben, die über die Schriftgelehrten und Pharisäer hinausgeht (Matthäus 5:20) – eine Gerechtigkeit, die nicht nur äußere Normen erfüllt, sondern das Herz umfasst. Reichtum wird in diesem Zusammenhang zum Prüfstein. Er deckt auf, ob Gehorsam an Grenzen stößt, sobald es an die Substanz geht. Geld ist mehr als Tauschmittel; es ist mit dem Selbst verflochten: mit dem Bedürfnis, sich abzusichern, sich etwas leisten zu können, sich im Vergleich gut zu fühlen. Darum sagt Jesus: „Wie schwer werden die Reichen in das Königreich der Himmel hineinkommen!“ (Matthäus 19:23).

Die drastische Metapher vom Kamel und dem Nadelöhr unterstreicht, wie ernst Jesus diese Bindung nimmt: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Königreich Gottes hineinkommt“ (Matthäus 19:24). Für die Jünger ist das unvorstellbar, denn in ihrer Vorstellung ist Reichtum ein Zeichen von Gottes Wohlgefallen. Jesus verschiebt die Perspektive: Das, was Menschen als Segen deuten, kann sich als Fessel erweisen. Zugleich lässt Er keinen im Fatalismus zurück. Auf den erschrockenen Ausruf der Jünger antwortet Er: „Bei den Menschen ist dies unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich“ (Matthäus 19:26). Das Band zwischen Herz und Besitz lässt sich nicht mit heroischen Entschlüssen durchtrennen; es braucht das eingreifende, befreiende Wirken Gottes. Seine Gnade löst die Angst, leer auszugehen, und schenkt eine neue Sicht auf Wert und Sicherheit.

Wo diese Gnade wirkt, beginnt ein anderes Rechnen. Reichtum verliert den Charakter einer letzten Sicherung und wird zu anvertrautem Gut. Teilen, Geben, Verzichten erscheinen dann nicht mehr als Verlust, sondern als Investition in eine Wirklichkeit, die nicht vergeht. Die Hebräer konnten so handeln, dass von ihnen heißt: „Denn ihr habt sowohl mit den Gefangenen gelitten als auch den Raub eurer Güter mit Freuden aufgenommen, da ihr wisst, dass ihr für euch selbst einen besseren und bleibenden Besitz habt“ (Hebr. 10:34). Sie hatten verstanden, dass die eigentliche Zukunft nicht an Kontostände und Immobilien gebunden ist, sondern an Christus und Sein Königreich. In diesem Licht wird klar, weshalb Reichtum ein so großes Hindernis sein kann: Nicht, weil Gott uns grundsätzlich etwas gönnt, sondern weil die Liebe zum Geld unser inneres Koordinatensystem verschiebt. Sie lenkt den Blick weg von Gottes Auftrag hin zur eigenen Komfortzone.

Jesus sprach zu ihm: Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach. Als aber der junge Mann das Wort hörte, ging er betrübt weg, denn er hatte viele Güter. (Matthäus 19:21–22)

Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer in das Königreich der Himmel hineinkommen. Wiederum aber sage ich euch: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Königreich Gottes hineinkommt. (Matthäus 19:23–24)

Reichtum wird im Licht des Königreichs zur Vertrauensfrage. Nicht, ob Besitz an sich erlaubt ist, sondern ob das Herz an ihm hängt. Die Begegnung des Herrn mit dem reichen jungen Mann entlarvt die Illusion, man könne Jesus nachfolgen und zugleich seine letzte Sicherheit im Materiellen suchen. Zugleich zeigt sie, dass Gott niemanden in der eigenen Unfähigkeit sitzen lässt. Wo Seine Gnade das Vertrauen zum Vater vertieft, verliert Geld seine Macht, Identität und Zukunft zu definieren. Daraus entstehen stille, aber tiefgreifende Veränderungen: Freigiebigkeit, Gelassenheit angesichts von Verlusten, Mut zu einfachen Wegen. In solchen Haltungen spiegelt sich etwas von der Wirklichkeit des Königreichs wider – nicht laut, aber glaubwürdig. Und gerade dort, wo das Loslassen schwerfällt, eröffnet sich die Chance, Gottes Zusage neu zu erfahren: Bei Ihm sind alle Dinge möglich.


Herr Jesus Christus, du König des Königreichs der Himmel, danke, dass du uns nicht nur die Anforderungen deines Königreichs zeigst, sondern uns auch deine Gnade schenkst, sie zu leben. Du kennst die versteckten Wurzeln von Lust, Stolz und Geldliebe in unseren Herzen; nichts ist vor dir verborgen. Wir bringen dir unsere Beziehungen, unsere Wünsche und unseren Umgang mit Besitz und bitten dich: richte sie nach Gottes ursprünglichem Willen aus und löse uns von allem, was deine Herrschaft in uns blockiert. Schenke uns ein kindliches, demütiges Herz, das sich nicht auf Leistung und Sicherheit verlässt, sondern auf dich, der allein gut ist. Stärke uns durch dein Leben in uns, damit wir fähig werden, Ja zu deiner Ordnung und Nein zu zerstörerischen Begierden zu sagen und unsere Schätze mehr im Himmel als auf der Erde zu sehen. Lass uns schon heute etwas von der Freude und Freiheit des Königreichs kosten und bewahre uns in der Hoffnung auf deine kommende Herrlichkeit. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Matthew, Chapter 53