Der Weg zur Herrlichkeit (7)
Manche Christen sehnen sich nach mehr Herrlichkeit, mehr Realität von Christus und mehr Kraft im Gemeindeleben – und sind doch überrascht, wo Gott diesen Weg entlangführt. Auf dem Weg dorthin stehen Ablehnung, Mangel, innere Stürme, religiöse Anklagen und schließlich eine überraschende Entdeckung: Die Offenbarung von Christus und der Gemeinde führt unweigerlich zur Frage nach dem Kreuz. Gerade dort, wo der Himmel klar wird und der religiöse Nebel weicht, zeigt der Herr, wie eng die Erfahrung von Christus, der Aufbau der Gemeinde und der Weg des Kreuzes miteinander verbunden sind.
Christus und die Gemeinde führen in den Weg des Kreuzes
Als Petrus bekennt, dass Jesus der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes ist, scheint zunächst alles auf einen Gipfel der Offenbarung hinzulaufen. Der Herr bestätigt, dass nicht Fleisch und Blut, sondern der Vater im Himmel dies enthüllt hat, und spricht dann von seiner Gemeinde, die Er auf diesem Felsen bauen will. Kaum ist dieser Satz gefallen, schlägt der Text einen scharfen Bogen: „Von da an begann Jesus Christus seinen Jüngern zu zeigen, dass er nach Jerusalem gehen und vieles leiden müsse … und getötet werden und am dritten Tage auferweckt werden“ (Matthäus 16:21). Die Vision von Christus und der Gemeinde und der Weg des Kreuzes stehen nicht nebeneinander wie zwei Themen, sondern sind innerlich ineinander verschränkt. Der Christus, den der Vater offenbart, ist derselbe, der den Weg durch Leiden, Tod und Auferstehung antritt, um seine Gemeinde nicht in der alten Schöpfung, sondern in der Kraft eines neuen, auferstandenen Lebens aufzubauen.
Viele christliche Lehrer haben den Zusammenhang zwischen Matthäus 16:13–20 und 16:21–28 erkannt – den Zusammenhang zwischen dem Abschnitt des Wortes über Christus und die Gemeinde und dem Abschnitt über den Weg des Kreuzes. Damit wir Christus erfahren und damit die Gemeinde auf Christus gebaut wird, müssen wir den Weg des Kreuzes gehen. Christus war der Pionier, der Vorläufer auf diesem Weg des Kreuzes. Dies ist der einzige Weg, auf dem Christus freigesetzt wird, und zugleich der einzige Weg, auf dem die Gemeinde mit Christus und auf Christus gebaut wird. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft achtundvierzig, S. 572)
Damit wird deutlich, warum jeder tiefere Blick auf Christus und die Gemeinde eine Konsequenz im Lebensvollzug nach sich zieht. Wer wirklich erkennt, wer der Sohn des lebendigen Gottes ist, kann Ihn nicht länger als Ergänzung zum bestehenden eigenen Lebensentwurf behandeln. Das Kreuz tritt vor Augen als Gottes radikale Antwort auf das natürliche Leben, das sich selbst erhalten, sich entfalten und sich durchsetzen möchte. Für den Herrn hieß das: durch das religiöse Zentrum Jerusalems hindurch, von Menschen verworfen, vom Vater jedoch durch die Auferstehung bestätigt. Für die Gemeinde bedeutet es: Sie wird auf den auferstandenen Christus gebaut, und alles, was aus dem alten Menschen kommt, hat darin keinen tragenden Platz. In dieser Spannung wird das Kreuz nicht zur düsteren Drohung, sondern zur Tür in eine andere Wirklichkeit. Der Weg, auf dem das natürliche Leben keinen Raum mehr bekommt, ist derselbe Weg, auf dem Christus selbst unser Inhalt, unsere Kraft und unsere Freude wird. Wo wir in diesem Sinn „durch den Geist leben“, ruft uns das Wort weiter: „Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln“ (Galater 5:25). Auf diesem Weg wird der Aufbau seines Leibes mehr als ein Lehrsatz – er wird zu einer leisen, aber kraftvollen Wirklichkeit, in der die Herrlichkeit des auferstandenen Herrn Schritt für Schritt Gestalt gewinnt.
Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln. (Gal. 5:25)
Von da an begann Jesus Christus seinen Jüngern zu zeigen, dass er nach Jerusalem gehen und vieles leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferweckt werden. (Mt. 16:21)
Wenn sich in uns die Vision von Christus und der Gemeinde klärt, wächst zugleich die Frage, welchem Weg wir innerlich Raum geben. Die Nähe zwischen der Offenbarung des Felsens und der Ankündigung des Kreuzes lädt ein, unseren Alltag im Licht dieser Reihenfolge zu betrachten: Wo öffnet der Herr uns in diesen Tagen neu seinen Sohn, und wo bindet Er diese Offenbarung an konkrete Wege, auf denen das alte Leben keinen Vorrang mehr hat? In solchen Momenten ist es tröstlich zu wissen, dass der, der uns den Weg des Kreuzes zeigt, ihn zuerst selbst gegangen ist und uns nicht in eine abstrakte Härte führt, sondern in eine lebendige Gemeinschaft mit seiner Auferstehung. So wird der Weg zur Herrlichkeit nicht durch unsere Anstrengung markiert, sondern durch die stille, aber reale Kraft des auferstandenen Christus, der seine Gemeinde auf sich und mit sich baut.
Das Selbst verleugnen: wenn Meinung zur Stimme Satans wird
Kaum hat der Herr seinen Weg nach Jerusalem und zum Kreuz offengelegt, ertönt die Stimme Petrus’ – eine Stimme, die im ersten Moment von Sorge und Zuneigung geprägt zu sein scheint: „Gott behüte dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht!“ (Matthäus 16:22). Die Reaktion Jesu ist überraschend scharf: „Weiche hinter mich, Satan! Du bist mir ein Anstoß; denn du denkst nicht, was Gottes ist, sondern was der Menschen ist“ (Matthäus 16:23). Hier wird etwas Verborgenes sichtbar: Es ist möglich, im Namen menschlicher Fürsorge und Vernünftigkeit direkt gegen Gottes Weg zu reden. Der Herr überprüft nicht zuerst die Emotion, sondern den Ursprung des Gedankens. Wo der Sinn sich an das klammert, was menschlich einleuchtet, aber Gottes Vorsatz durchkreuzt, öffnet sich ein Raum, in dem der Widersacher wirken kann – so nahe an Jesus wie Petrus in diesem Moment.
Christus erkannte, dass nicht Petrus, sondern Satan es war, der Ihn davon abhalten wollte, das Kreuz zu nehmen. Das zeigt, dass unser natürlicher Mensch, der nicht bereit ist, das Kreuz auf sich zu nehmen, eins mit Satan ist. Wenn wir unseren Sinn nicht auf die Dinge Gottes, sondern auf die Dinge der Menschen richten, werden wir zu Satan und damit zu einem Anstoß für den Herrn bei der Erfüllung von Gottes Vorsatz. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft achtundvierzig, S. 573)
Darum bleibt Jesus nicht bei der Zurechtweisung stehen, sondern führt in die Tiefe: „Wenn jemand mir nachkommen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Seelenleben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Seelenleben verliert um meinetwillen, der wird es finden“ (Matthäus 16:24–25). Das Selbst zu verleugnen bedeutet hier nicht, die eigene Persönlichkeit auszulöschen, sondern der inneren Instanz den Thron zu entziehen, die sich auf den eigenen Sinn, die eigene Meinung, das eigene Recht stützt. Der Sinn ist der Ausdruck des Selbst, das Selbst die Verkörperung des Seelenlebens – und dieses Seelenleben sucht von sich her Sicherheit, Anerkennung, Einfluss. Wird diese Bewegung zum Maßstab, wird das Selbst unmerklich zum Verbündeten des Widersachers. Dem gegenüber steht der leise, aber bestimmte Weg des Geistes: „Ich sage aber: Wandelt durch den Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches auf keinen Fall erfüllen“ (Galater 5:16). In diesem Wandel wird das Selbst nicht heroisch überwunden, sondern unter das Licht des Kreuzes gestellt, damit Christi Sinn, Christi Bewertung und Christi Weg Raum gewinnen.
Vor diesem Hintergrund erhält auch die Frage des Herrn ihr Gewicht: „Denn was für einen Nutzen hat ein Mensch, wenn er die ganze Welt gewinnt, sich selbst aber verliert oder einbüßt?“ (Lukas 9:25). Es ist möglich, äußerlich viel zu erreichen und innerlich an Christus vorbeizuleben. Der Verlust, von dem hier die Rede ist, geschieht nicht erst im Gericht, sondern beginnt dort, wo das Selbst im Zentrum bleibt und die feine Stimme des Geistes übertönt. Umgekehrt liegt in jeder Verleugnung des Selbst eine verborgene Entdeckung: Dort, wo die eigene Meinung zurücktritt und der Raum frei wird für des Herrn Gedanken, beginnt eine andere Qualität von Leben. Nicht das laute Ich, sondern der stille Christus prägt dann unsere Reaktionen, Entscheidungen und Beziehungen. In diesem Sinn ist die Verleugnung des Selbst keine düstere Askese, sondern eine Öffnung hin zu einem reicheren, freieren Leben in Ihm.
Denn was für einen Nutzen hat ein Mensch, wenn er die ganze Welt gewinnt, sich selbst aber verliert oder einbüßt? (Lk. 9:25)
Ich sage aber: Wandelt durch den Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches auf keinen Fall erfüllen. (Gal. 5:16)
Der Zusammenhang zwischen Sinn, Selbst, Seelenleben und der Stimme Satans führt in eine ehrliche Selbstprüfung, aber er drängt nicht in Selbstanklage. Es entsteht ein Lernweg: die eigenen spontanen Reaktionen, guten Absichten und festen Überzeugungen unter das Licht dieser Szene mit Petrus zu stellen. Wo sich zeigt, dass unsere Sichtweise Gott in seinem Weg behindert, liegt darin nicht nur eine Entlarvung, sondern auch eine Einladung. Das Kreuz, vor dem Petrus zurückschreckt, wird zum Ort, an dem das Selbst seine Herrschaft verliert und Christus seinen Platz einnimmt. So kann sogar das Erschrecken über das eigene Herz zur Tür werden in eine tiefere Erfahrung des Geistes, der uns von innen her leitet und bewahrt. In dieser inneren Schule wird die Nachfolge nicht von der Stärke unseres Vorsatzes getragen, sondern von dem Herrn, der uns Schritt für Schritt lehrt, wie sein Sinn unser Denken und Wollen durchdringen kann.
Das Kreuz als Beendigung des alten Menschen und Belohnung im kommenden Königreich
Wenn Jesus vom Kreuz spricht, denkt Er nicht zuerst an eine allgemeine Leidensbereitschaft, sondern an ein Ende. Im römischen Alltag war das Kreuz kein religiöses Symbol, sondern das Instrument, das dem Leben eines Verurteilten unwiderruflich ein Ende setzte. Wenn der Herr seine Jünger ruft, ihr Kreuz auf sich zu nehmen, ruft Er sie in die Wirklichkeit hinein, in der das Urteil Gottes über den alten Menschen praktisch wird. Paulus greift dies auf, wenn er schreibt: „unser alter Mensch ist mitgekreuzigt worden, damit der Leib der Sünde zunichtegemacht sei, dass wir der Sünde nicht mehr dienen“ (Römer 6:6). In diesem Licht wird deutlich: Das Tragen des Kreuzes heißt, unter der Wirksamkeit dieses vollzogenen Todes zu bleiben. Ein „toter Mensch“ verteidigt sein Ansehen nicht mehr, kämpft nicht um seine eigene Position und klammert sich nicht an das Seelenleben, das seine Erfüllung in irdischem Gewinn sucht.
Das Kreuz ist nicht einfach nur ein Leiden, sondern in erster Linie ein Töten. Es tötet den Verbrecher und macht seinem Leben ein Ende. Christus trug zuerst das Kreuz und wurde danach gekreuzigt. Wir, seine Gläubigen, sind zuerst mit Ihm gekreuzigt worden und tragen heute das Kreuz. Für uns bedeutet das Tragen des Kreuzes, unter dem Töten im Tod Christi zu bleiben, damit unser Selbst, unser natürliches Leben und unser alter Mensch ein Ende finden. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft achtundvierzig, S. 576)
Jesus verbindet diese Beendigung mit der Frage nach dem wahren Gewinn: „Denn was wird es einem Menschen nützen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber seine Seele einbüßt? Oder was wird ein Mensch als Lösegeld geben für seine Seele?“ (Matthäus 16:26). Die Spannung zwischen dem Versuch, das eigene Seelenleben in diesem Zeitalter zu retten, und der Bereitschaft, es um des Herrn willen zu verlieren, ist der Hintergrund für eine weitere ernste, zugleich tröstliche Aussage: „Denn der Sohn des Menschen wird kommen in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln, und dann wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun“ (Matthäus 16:27). Hier geht es nicht mehr um die Frage der ewigen Errettung, sondern um die Belohnung im kommenden Königreich – um das Maß, in dem das heutige Leben unter der Beendigung des Kreuzes stand und Christus Raum hatte, sich durch uns auszudrücken.
Diese Perspektive nimmt die ganze Schrift auf: „Siehe, Ich komme schnell, und Mein Lohn ist mit Mir, um einem jeden zu vergelten, wie sein Werk ist“ (Offenbarung 22:12). Die Werke, die hier ins Gewicht fallen, sind nicht äußerlich glänzende Leistungen, sondern das, was aus dem lebengebenden Geist hervorgegangen ist. Darum schließt Paulus seinen letzten Brief mit einem schlichten, aber tiefen Gruß: „Der Herr sei mit deinem Geist. Die Gnade sei mit euch“ (2. Timotheus 4:22). Wo der Herr mit unserem Geist ist, wird das Kreuz nicht zu einer drückenden Last, sondern zu einem inneren Schutz: Es stellt sich zwischen uns und das Wiederaufleben des alten Menschen und lässt zugleich die Auferstehungskraft Christi durchbrechen. So entsteht eine Lebensspur, in der der Aufbau seines Leibes vorangeht und in der das kommende Königreich nicht wie eine ferne, abstrakte Hoffnung wirkt, sondern wie ein naher Horizont, der unseren heutigen Entscheidungen Gewicht und Würde verleiht.
Siehe, Ich komme schnell, und Mein Lohn ist mit Mir, um einem jeden zu vergelten, wie sein Werk ist. (Offb. 22:12)
Da wir dies erkennen, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde zunichtegemacht sei, so dass wir der Sünde nicht mehr dienen. (Röm. 6:6)
Das Kreuz als Beendigung zu sehen, rückt unseren Blick weg von der Frage, wie viel wir leiden, hin zu der Frage, was beendet wird: wo das natürliche Leben seinen Anspruch verliert und Christus Gestalt gewinnt. In jeder Situation, in der das eigene Recht, der eigene Ehrgeiz oder die eigene Empfindlichkeit stirbt, ohne dass Bitterkeit zurückbleibt, ist etwas von dieser Beendigung wirksam. Dort, wo wir lernen, im Bewusstsein zu leben, dass der Herr mit unserem Geist ist, wird das Tragen des Kreuzes nicht zu einem permanenten Druck, sondern zu einem leisen Ja zu dem, was Christus in uns vollenden will. Aus diesem Ja erwächst eine Hoffnung, die den kommenden Lohn nicht als Drohung, sondern als Zuspruch versteht: Nichts, was in der Gemeinschaft mit seinem Kreuz und in der Kraft seiner Auferstehung gelebt wurde, ist vergeblich. Alles wird im Licht seines Königreichs sichtbar werden – zur Ehre des Herrn und zur Freude derer, die sich von Ihm in diesen Weg hineinrufen ließen.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Matthew, Chapter 48