Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Enthüllung der Geheimnisse des Königreichs (5)

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Viele Christen kennen die Gleichnisse in Matthäus 13, doch oft bleiben sie wie Bilder ohne Tiefenschärfe: Wir hören von einem Schatz im Feld und einer Perle aus dem Meer, aber was sucht Christus darin wirklich, und was bedeutet das für unser Leben heute? Wer genauer hinschaut, entdeckt eine durchgehende Linie von 1. Mose über die Psalmen und Propheten bis zur Offenbarung: Gott schafft die Erde als Bühne für Sein Königreich, erlöst sie durch Christus und formt mitten aus einer chaotischen, vom Meer der Völker verschlungenen Welt eine Gemeinde, die zugleich kostbarer Schatz und herrliche Perle ist.

Der Schatz im Acker – das Königreich auf der von Gott geschaffenen Erde

Wenn Jesus vom Schatz im Acker spricht, lenkt Er den Blick auf die Erde, wie Gott sie in Seinem Herzen gedacht hat. Der Acker ist nicht bloß Kulisse, sondern Schauplatz der göttlichen Absicht. Schon am Anfang, als Gott den Menschen schuf, machte Er deutlich, was Er wollte: „Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt, und sie sollen herrschen … über die ganze Erde“ (1.Mose 1:26). Ein von Gott gewolltes Königreich auf einer von Gott geschaffenen Erde – das ist der Hintergrund des Gleichnisses. Der Schatz im Acker ist das verborgene Reich der Himmel, Gottes Herrschaft, wie sie in Seinem Volk Wirklichkeit wird. In den Augen der Geschichte ist es nur ein unscheinbares Feld, in Gottes Augen aber liegt darin ein Reichtum, der mit Gold nicht zu bezahlen ist.

474 einen Laib zu machen. Währenddessen bewirkte Satan, dass das Senfkraut, das eigentlich als Nahrungsquelle gedacht war, sich unnatürlich zu einem großen Baum auswuchs und dadurch seine Funktion verlor, Nahrung hervorzubringen. Stattdessen wurde es zu einer bösen Herberge. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft neununddreißig, S. 474)

Zwischen 1. Mose und den Evangelien liegt jedoch die Geschichte des menschlichen Falls. Die Erde wird von Reichen geprägt, die Macht und Ruhm suchen. Daniel sieht sie als ein großes Standbild aus Gold, Silber, Bronze, Eisen und Ton – beeindruckend, aber innerlich vergänglich. Dann beschreibt er etwas ganz anderes: „Du schautest, bis ein Stein losbrach, (und zwar) nicht durch Hände, und das Bild an seinen Füßen aus Eisen und Ton traf und sie zermalmte“ (Dan. 2:34). Dieser Stein ist Christus, der am Ende aller Menschenreiche das Bild zerschlägt und „zu einem großen Berg“ wird, der „die ganze Erde“ erfüllt (Dan. 2:35). So wird sichtbar, was im Gleichnis noch verborgen ist: Derselbe Christus, der den Schatz entdeckt und alles verkauft, ist der Stein, der kommt, um die Erde von der Herrschaft der Weltreiche zu befreien und das Königreich Gottes aufzurichten.

Damit erhält der Schatz im Acker eine konkrete Gestalt. Er besteht aus Menschen, die Gott aus der Masse der Menschheit herausgerufen und innerlich umgewandelt hat. Paulus spricht davon, dass auf das göttliche Fundament „Gold, Silber, Edelsteine“ gebaut werden (1.Kor 3:12). Johannes wiederum sieht im Neuen Jerusalem, wie diese Materialien zur Stadt geworden sind: „Und die Stadt war reines Gold, wie klares Glas“ (Offb. 21:18). Was heute als unscheinbares Gemeindeleben erscheint, trägt in sich die Substanz jener kommenden Stadt. Die Erde ist nicht verloren gegeben, sondern wird von innen her vorbereitet: Aus der Geschichte des Glaubens, aus verborgenen Treueakten, aus unspektakulären Schritten der Umwandlung wächst ein Schatz heran, den Gott sich für Sein Königreich bewahrt.

Christus ist der Mann, der den Schatz findet, ihn wieder verbirgt und dann in Freude hingeht, um „alles zu verkaufen“, damit Er den Acker kauft. Er gibt nicht nur ein Opfer, Er gibt sich selbst hin – Sein Leben, Sein Blut, Seine Herrlichkeit. Er erlöst nicht bloß einzelne Menschen, sondern den ganzen Acker, die von Gott geschaffene, aber durch die Sünde verdorbene Erde. So wird sichtbar, wie tief Gottes Ja zu Seiner Schöpfung reicht: Er verwirft die Erde nicht, Er kauft sie zurück. Wo Christus heute Menschen berührt und verändert, leuchtet etwas von diesem Schatz auf. Inmitten einer Welt, in der vieles zerfällt, formt der Herr auf der Erde eine Wirklichkeit, die Bestand haben wird, wenn alle anderen Reiche vergangen sind. Wer sich von Ihm in dieses Werk hineinnehmen lässt, entdeckt, dass sein Leben Teil eines verborgenen, aber unerschütterlichen Schatzes ist – des Königreichs, das Gott auf dieser Erde sichtbar machen wird.

Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt, und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über jedes Kriechtier, das auf der Erde umherkriecht! (1.Mose 1:26)

Du schautest, bis ein Stein losbrach, (und zwar) nicht durch Hände, und das Bild an seinen Füßen aus Eisen und Ton traf und sie zermalmte. (Dan. 2:34)

Ermutigend ist, dass dieser Schatz nicht erst in einer fernen Zukunft existiert. In jeder stillen Entscheidung für den Willen Gottes, in jeder unscheinbaren Treue im Alltag, in jeder Gemeinde, die sich der Herrschaft Christi öffnet, wird ein Stück dieses Schatzes sichtbar. Das, was äußerlich gering und unspektakulär ist, trägt in Gottes Augen ewiges Gewicht. Wer das erkennt, lernt seine Umgebung mit anderen Augen zu sehen: nicht als verlorenes Feld, sondern als Acker, den Christus teuer erkauft hat, damit daraus Sein Reich erwachse.

Die kostbare Perle – die Gemeinde aus der von Satan verdorbenen Welt

Im zweiten Gleichnis erscheint Christus nicht als Mann auf dem Feld, sondern als Kaufmann auf der Suche. Er durchstreift gewissermaßen die Märkte dieser Welt, um „schöne Perlen“ zu finden. Als Er „eine sehr kostbare Perle“ entdeckt, zögert Er nicht, sondern verkauft alles, um sie zu erwerben. Diese Perle ist die Gemeinde – nicht als Institution, sondern als Gesamtheit der von Christus erneuerten Menschen. Auffällig ist der Ort ihres Ursprungs: Die Perle stammt aus dem Meer. Über das Meer heißt es im Propheten Jesaja: „Aber die Gottlosen sind wie das aufgewühlte Meer. Denn es kann nicht ruhig sein, und seine Wasser wühlen Kot und Schlamm auf“ (Jes. 57:20). Und in der Offenbarung wird erklärt: „Die Wasser, die du gesehen hast, wo die Hure sitzt, sind Völker und Völkerscharen und Nationen und Sprachen“ (Offb. 17:15). Das Meer steht für die unruhige, von Gott entfremdete und von Satan verdorbene Welt der Nationen.

479 des Meeres, das die durch Satan verdorbene Welt versinnbildlicht (Jes. 57:20; Offb. 17:15), muss es sich auf die Gemeinde beziehen, die hauptsächlich aus wiedergeborenen Gläubigen aus der Heidenwelt besteht und von großem Wert ist. Der Herr sucht nicht nur das Reich; Er wünscht Sich auch eine schöne Gemeinde, die Perle. Wir haben darauf hingewiesen, dass nach Offenbarung 21 das Neue Jerusalem mit kostbaren Steinen und Perlen gebaut ist. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft neununddreißig, S. 479)

Dass die Gemeinde als Perle aus diesem Meer beschrieben wird, zeigt, wie tief Christus in diese Welt hinabgestiegen ist. Eine Perle entsteht, wenn ein Fremdkörper in eine Muschel eindringt und sie verwundet. Die Muschel heilt sich, indem sie ihre eigene Substanz um den störenden Kern legt – Schicht um Schicht, bis daraus etwas Kostbares geworden ist. Geistlich betrachtet ist Christus wie diese Muschel inmitten der Todeswasser der Welt. Der Sünder gleicht dem Fremdkörper, der Wunde verursacht; doch statt ihn auszuwerfen, umhüllt Christus ihn mit Seinem Leben. Sein Erlösungswerk besteht nicht nur darin, Schuld zu vergeben, sondern Sein göttlich-menschliches Leben um unser verwundetes Menschsein zu legen, bis es verwandelt ist.

So wird verständlich, warum die Perle einen anderen Charakter hat als der Schatz im Acker. Der Schatz wird aus der Erde gehoben; die Perle wächst im Meer, aber gehört ihm am Ende nicht mehr an. Sie wird herausgenommen, gereinigt und zum Schmuckstück geformt. Die Offenbarung zeichnet dieses Bild weiter, wenn sie vom Neuen Jerusalem sagt, dass seine zwölf Tore aus Perlen sind. Die Gemeinde, hervorgegangen aus der Völkerwelt, wird zur Eingangspforte der ewigen Stadt. Jeder Gläubige, der aus den Wasserfluten von Schuld, Gottferne und innerer Unruhe herausgerufen wurde, gehört zu dieser Perle. Seine Herkunft mag vom „Meer“ geprägt sein; seine Bestimmung ist es, Teil der Schönheit Christi zu werden.

In diesem Licht erhält die eigene Identität eine neue Tiefe. Viele tragen Spuren der Vergangenheit in sich wie Wunden, die sich kaum schließen. Vor Gott sind diese Narben nicht das letzte Wort. In Christus werden sie zum Ort, an dem Seine Lebenssubstanz ansetzt, Schicht um Schicht. Was einst Schmerz war, wird unter Seiner Hand zum Ausgangspunkt von Schönheit. Die Gemeinde ist nicht ein Kreis von Menschen mit makelloser Biografie, sondern eine Perle, in der die Geschichte der Wunde und die Geschichte der Heilung untrennbar miteinander verwoben sind. Der Kaufpreis, den Christus bezahlt hat, macht deutlich, welchen Wert Er in Seiner Gemeinde sieht. Wer sich von dieser Sicht prägen lässt, begegnet sich selbst und den anderen nicht mehr primär als Produkten des „Meeres“, sondern als Menschen, die für die Tore der himmlischen Stadt bestimmt sind.

Aber die Gottlosen sind wie das aufgewühlte Meer. Denn es kann nicht ruhig sein, und seine Wasser wühlen Kot und Schlamm auf. (Jes. 57:20)

Und er spricht zu mir: Die Wasser, die du gesehen hast, wo die Hure sitzt, sind Völker und Völkerscharen und Nationen und Sprachen; (Offb. 17:15)

Daraus erwächst stille Zuversicht. Die Welt, aus der die Gemeinde stammt, ist laut, unruhig und oft verletzend; dennoch ist sie nicht das Maß dessen, was aus einem Menschen werden kann. Christus hat alles gegeben, um aus den Tiefen dieser Wasser eine Perle hervorzubringen. In Seiner Gegenwart darf die eigene Geschichte neu gelesen werden: nicht mehr als Beweis der Verlorenheit, sondern als Stoff, aus dem Er Schönheit formt. Die Gemeinde ist der Ort, an dem diese Verwandlung sichtbar wird – oftmals unspektakulär, doch in Gottes Augen von unvergleichlichem Glanz.

Schatz und Perle zusammen – umgewandeltes Leben für Gemeinde und Königreich

Die beiden Gleichnisse vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle stehen nicht isoliert, sondern schließen sich an die ersten vier Gleichnisse in Matthäus 13 an. Dort ging es um das Säen und Wachsen des Lebens: der Sämann, der gute Same und das Unkraut, das Senfkorn, der Sauerteig im Mehl. In all dem erscheint Christus als Same, der in die Menschheit hineingesät wird, um göttliches Leben hervorzubringen. Mit Schatz und Perle tritt ein weiterer Gedanke hinzu: Aus diesem hervorgebrachten Leben entstehen Bau-Materialien. Gold, Silber, Edelsteine und Perlen sind in der ganzen Schrift nicht nur Bilder für Wert, sondern auch für den Aufbau von Gottes Wohnort. Johannes sieht in der Offenbarung, wie diese Linie zur Vollendung kommt: „Und das Baumaterial ihrer Mauer war Jaspis; und die Stadt war reines Gold, wie klares Glas …“ (Offb. 21:18). Die Tore aus Perlen und die mit Edelsteinen geschmückten Fundamente zeigen, dass das, was Christus heute in Seinem Volk wirkt, auf den Bau des Neuen Jerusalems zielt.

475 Die Bibel – Leben und Bau. Die Gleichnisse in Matthäus 13 offenbaren die Aspekte von Leben und Bau. Das Leben ist Christus selbst als der Same, der in unsere Menschheit gesät worden ist. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft neununddreißig, S. 475)

Paulus beschreibt die Gemeinde als Gottes Ackerfeld und zugleich als Gottes Bau. Auf das von Gott gelegte Fundament, das Christus selbst ist, könne man mit vergänglichen oder mit beständigen Materialien bauen: „Wenn aber jemand auf das Fundament Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh aufbaut“ (1.Kor 3:12). Der Schatz im Acker ist das Reich der Himmel, wie es auf der Erde Gestalt gewinnt, während die Perle die Gemeinde ist, wie sie aus der Welt herausgerufen wurde. Beide zusammen zeigen, was Gott mit dem Leben Christi beabsichtigt: Er rettet nicht nur einzelne Seelen, sondern formt ein gemeinsames Volk, das zugleich Ausdruck Seines Königreichs und Bau Seiner ewigen Stadt ist. Im Alltag heißt das: Dort, wo Christus Raum bekommt, werden Menschen nicht nur „besser“, sondern umgewandelt – aus irdischer Substanz werden kostbare Steine, aus Meeresschlamm eine Perle.

In einem real gelebten Gemeindeleben zeigen sich beide Seiten. Einerseits ist die Gemeinde Perle aus dem Meer: Menschen, deren Hintergrund oft von Weltliebe, Stolz oder Verletzung geprägt ist, erfahren, wie das Leben Christi sie innerlich neu gestaltet. Andererseits ist dieselbe Gemeinde Schatz im Acker: auf der von Gott geschaffenen Erde wird ein Reich sichtbar, in dem andere Werte gelten als in den Reichen dieser Welt. Wo Menschen einander nicht mehr nach Herkunft, Leistung oder Sympathie beurteilen, sondern als von Christus Erkaufte ansehen, beginnt das Meer der unruhigen Völker zu weichen, und es entsteht ein Raum, in dem Gottes Friede trägt. In solchen Beziehungen, in einer solchen Atmosphäre, wird ein Vorgeschmack des kommenden Königreichs erfahrbar.

Diese doppelte Sicht bewahrt vor zwei Einseitigkeiten. Wer nur die Perle sieht, könnte versucht sein, sich aus der Welt zurückzuziehen und die Erde sich selbst zu überlassen. Wer nur den Schatz im Acker betont, läuft Gefahr, sich so sehr im Diesseits einzurichten, dass die himmlische Bestimmung der Gemeinde verblasst. Schatz und Perle zusammen machen deutlich: Gläubige sind aus der Welt herausgerufen und zugleich für die Erde verantwortlich. Sie gehören innerlich zur kommenden Stadt und leben doch mit beiden Füßen auf dem Boden dieser Schöpfung, die Gott nicht aufgeben, sondern erneuern will. Darin liegt eine stille Würde: Das eigene Leben wird Teil eines Werkes, das weit über die eigene Zeit hinausreicht und doch mitten im Gewöhnlichen, im Unscheinbaren beginnt.

Und das Baumaterial ihrer Mauer war Jaspis; und die Stadt war reines Gold, wie klares Glas. (Offb. 21:18)

Wenn aber jemand auf das Fundament Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh aufbaut, (1.Kor 3:12)

Wer sich in diesem Licht versteht, gewinnt Gelassenheit und Zielklarheit zugleich. Gelassenheit, weil die endgültige Gestalt von Schatz und Perle nicht von unserer Leistungsfähigkeit abhängt, sondern vom treuen Wirken Christi. Zielklarheit, weil jeder Schritt in der Nachfolge, jede verborgene Umwandlung, jeder Akt der Liebe Baustein in einem Reich ist, das nicht vergeht. So darf das Glaubensleben in aller Einfachheit gelebt werden – mit der Gewissheit, dass Christus es aufnimmt, hineinwebt in Seinen Bau und sichtbar machen wird, was Er bereits jetzt in Seinem Volk begonnen hat.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du alles gegeben hast, um den Schatz im Acker und die kostbare Perle zu gewinnen und dass Du uns in Deiner Gnade zu beidem machst. Stärke in uns die Gewissheit, dass wir nicht mehr zum Meer dieser Welt gehören, sondern zu Deiner Gemeinde und zu Deinem Königreich, das Du auf der von Gott geschaffenen und durch Dein Blut erlösten Erde aufrichtest. Lass Dein Leben in uns wachsen und uns in Gold, kostbare Steine und Perlen verwandeln, damit unser persönliches Leben und unser Miteinander ein sichtbares Zeugnis Deiner Herrschaft und Deiner Liebe sind. Erfülle unsere Häuser und Gemeinden mit Licht statt mit Dunkelheit, mit Frieden statt mit Unruhe, damit schon jetzt etwas von der neuen Erde und dem kommenden Jerusalem sichtbar wird. Bewahre unsere Herzen bei Dir, bis Dein Reich voll sichtbar ist und Du alles in allem bist. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Matthew, Chapter 39