Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Fortsetzung des Dienstes des Königs (3)

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Wo Jesus erscheint, geraten religiöse Sicherheiten ins Wanken: Ein verachteter Zöllner wird berufen, Sünder feiern mit dem König, und ausgerechnet die Frommen stolpern darüber. Die Szene in Matthäus 9 zeigt, wie nah der himmlische König den Gebrochenen kommt und wie leicht Menschen mit viel Bibelwissen seine Gnade verpassen. Zwischen Festmahl und Fasten, zwischen Selbstgerechtigkeit und Barmherzigkeit offenbart sich der Herr auf überraschende Weise als Arzt und als Bräutigam.

Der König als Arzt für Sünder, nicht als Richter für Selbstgerechte

Wenn Jesus an dem Zollhaus vorübergeht, bleibt Er nicht in sicherer Distanz stehen. Er sieht Levi, den Zöllner, an seinem Tisch, mitten in einem System von Unrecht, Gier und Verachtung. Dann heißt es: „Und als er vorüberging, sah er Levi, den (Sohn) des Alphäus, am Zollhaus sitzen. Und er spricht zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach“ (Mk. 2:14). Ein kurzer Ruf, keine lange Vorrede, keine Vorbedingungen – und doch geschieht etwas Radikales: Ein Mann, der bislang ein Teil der Unterdrückung war, steht auf, lässt seinen alten Platz zurück und tritt in eine Beziehung zum König ein. Jesus begegnet ihm nicht als Ermittlungsrichter, der Aktenordner öffnet, sondern als Arzt, der eine tiefe innere Krankheit erkennt. Der König beginnt sein Werk nicht im Gerichtssaal, sondern in einem Herzen, das er mit einem einzigen Wort lösen und bewegen kann.

Der Herr machte den Pharisäern klar, dass diese Zöllner und Sünder wie Patienten waren, Kranke, und dass Er für sie nicht Richter, sondern Arzt, ein Heiler, war. Als Er Menschen berief, Ihm für das Reich zu folgen, handelte der König des himmlischen Reiches als Arzt und nicht als Richter. Das Gericht des Richters richtet sich nach der Gerechtigkeit, die Heilung durch den Arzt hingegen nach Barmherzigkeit und Gnade. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft siebenundzwanzig, S. 329)

Diese Blickrichtung Jesu zieht sich durch die Szene im Haus des Levi weiter. Dort „lag er in dem Haus zu Tisch, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und lagen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern“ (Mt. 9:10). Was für andere ein Skandal ist, ist für Ihn der natürliche Ort Seines königlichen Dienstes. Die Nähe zu moralisch Angeschlagenen verunreinigt Ihn nicht, sie offenbart Seine Heiligkeit als heilende Kraft. Die Pharisäer geraten darüber in Empörung und fragen: „Warum isst euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern?“ (Mt. 9:11). In ihrer Logik müsste ein wahrer Lehrer Abstand halten, Grenzen ziehen, trennen. Doch Jesus antwortet mit einem Bild, das ihre Kategorien verschiebt: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ein Richter hat die Aufgabe, nach Maßstäben der Gerechtigkeit zu verurteilen; ein Arzt schaut das Elend an, um zu heilen. In diesem Licht wird sichtbar, wie gefährlich Selbstgerechtigkeit ist: Sie stellt sich neben den Richter und spricht über andere das Urteil, statt sich unter die Kranken zu stellen, die Heilung benötigen. Wer sich für stark hält, spürt keinen Bedarf an Barmherzigkeit und bleibt vor der Tür; wer seine Not nicht mehr kaschiert, erfährt in der Nähe Jesu eine Zuwendung, die nicht nur tröstet, sondern neu macht. Daraus wächst eine stille, aber tiefe Ermutigung: Der König kommt dorthin, wo unser Zollhaus steht – mitten in unsere Verstrickungen. Dort spricht Er Sein „Folge mir nach“ in unsere Geschichte hinein, nicht um uns vor allem die Schuld vorzuhalten, sondern um uns aus innerer Krankheit heraus in die Freiheit und Würde eines Bürgers des Reiches der Himmel hineinzuführen. Je mehr das Herz diesen Arzt kennt, desto weniger drängt es zum schnellen Urteil über andere und desto mehr wächst eine barmherzige Sicht, die in jedem Menschen ein möglicher Patient der Gnade sieht.

Und als er vorüberging, sah er Levi, den (Sohn) des Alphäus, am Zollhaus sitzen. Und er spricht zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach. (Mk. 2:14)

Und es geschah, als er in dem Haus zu Tisch lag, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und lagen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. (Mt. 9:10)

Der Blick auf Jesus als Arzt für Sünder löst einengende Bilder von einem König, der zuerst verurteilt, bevor er heilt. Wo Sein Wort unsere vermeintliche Stärke erschüttert und verborgene Krankheit aufdeckt, öffnet sich zugleich der Raum Seiner Barmherzigkeit. In der Begegnung mit Ihm beginnt ein anderes Selbstverständnis: weg von der Rolle des inneren Richters, hin zu einem Menschen, der selbst von Gnade lebt und deshalb nicht mehr auf Distanz zu den „Zöllnern und Sündern“ seiner Umgebung bleiben muss. So wird Sein königlicher Dienst auch heute dort sichtbar, wo Menschen sich von Ihm als Arzt finden lassen und Schritt für Schritt lernen, andere nicht durch die Brille der Selbstgerechtigkeit, sondern im Licht der heilenden Gegenwart Christi zu sehen.

Barmherzigkeit statt Opfer: Gottes Weg mit gebrochenen Menschen

Als Jesus den Protest der Pharisäer hört, bleibt Er nicht bei der äußeren Frage stehen, warum Er mit Zöllnern isst. Er legt eine tiefere Schicht frei, indem Er sie mit einem Wort aus den Propheten konfrontiert: „Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer“ (vgl. Hos. 6:6). Damit verschiebt Er das Zentrum der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Opfer sind das, was der Mensch nach oben bringt – Leistungen, Gesten, religiöse Formen. Barmherzigkeit ist das, was Gott nach unten neigt – Sein Erbarmen in Situationen, in denen nichts mehr vorzuweisen ist. Durch dieses Wort macht Jesus deutlich, dass Gott sich nicht zuerst von den Gaben beeindrucken lässt, sondern von Herzen, die sich von Ihm berühren lassen und andere nicht hart anklagen. Wo Selbstgerechtigkeit herrscht, wird Glaube zur Bühne, auf der man Gott etwas präsentiert; wo Barmherzigkeit regiert, wird der Mensch zum Empfangenden, der weiß, dass alles, was trägt, aus der Gnade kommt.

Der Herr Jesus gab den Pharisäern in Vers 13 ein weiteres Wort: „Geht aber hin und lernt, was das heißt: Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer; denn Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“ … Barmherzigkeit ist ein Bestandteil der Gnade, die der Mensch von Gott empfängt. Doch selbstgerechte Menschen nehmen Barmherzigkeit oder Gnade von Gott nicht gern an; sie ziehen es vor, Gott Schlachtopfer darzubringen, Ihm etwas zu geben. Das steht im Widerspruch zu Gottes Weg in Seiner Ökonomie. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft siebenundzwanzig, S. 330)

Unmittelbar daran knüpft Jesu Selbstverständnis an: „Denn Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (Mt. 9:13b). Das Licht fällt auf ein doppeltes Verkennen Gottes. Die einen unterschätzen ihre eigene Bedürftigkeit und sehen sich als „Gerechte“. Sie finden es natürlicher, Gott etwas zu bringen, als sich von Ihm beschenken zu lassen. Die anderen, die sich als Sünder erkennen, gelten in den Augen der Frommen als hoffnungslos verloren, sind aber gerade diejenigen, nach denen der König gezielt sucht. Barmherzigkeit wird so zum Kennzeichen des Königreiches der Himmel: Wer sich von Gott her beschenken lässt, beginnt, den Blick Gottes für gebrochene Menschen zu teilen. Das Urteil über „Zöllner und Sünder“ verliert seine Härte; an seine Stelle tritt ein Mitgehen, das Heilung, Wiederherstellung und einen neuen Anfang nicht für Ausnahmefälle, sondern für die normale Bewegung der Gnade hält. In diesem Ausrichten an Gottes Wunsch nach Barmherzigkeit liegt eine leise, aber kraftvolle Motivation: Ein zerbrochenes, weiches Herz ist vor Gott nicht weniger wert als ein konsequentes religiöses Leben – es ist oft der Ort, an dem seine Gnade am unverstelltesten aufleuchten kann. Wer sich selbst so kennt, wird nicht leichtfertig über andere richten, sondern lernt, in den Rissen des eigenen und fremden Lebens die Spuren eines Gottes zu sehen, der sich nicht an Opfern, sondern an Barmherzigkeit erfreut.

Jesu Wort „Ich will Barmherzigkeit“ entlastet damit auch von einem geistlichen Klima, in dem ständig mehr Leistung, mehr Opfer, mehr religiöser Eifer gefordert wird. Es erinnert daran, dass der Weg Gottes nicht von unseren Gaben getragen wird, sondern von seiner Zuwendung. Wo das Herz diesen Ton hört, entsteht Raum, um ehrlich zu werden: vor Gott, vor sich selbst, vor anderen. In dieser Ehrlichkeit verliert auch frommer Stolz an Anziehungskraft. An seine Stelle tritt eine Haltung, die das eigene Leben als Beispiel empfangener Barmherzigkeit versteht. So wächst langsam eine Gemeinschaft, in der Menschen nicht durch ihre religiösen Erfolge anerkannt sind, sondern als solche, die alle von demselben Erbarmen leben. Darin liegt eine tiefe Ermutigung: Gottes Weg mit gebrochenen Menschen führt nicht über religiöse Überbietung, sondern über die stille Einsicht, dass Barmherzigkeit das letzte Wort behalten wird.

Geht aber hin und lernt, was das heißt: Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer; denn Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder. (Mt. 9:13)

Die Spannung zwischen Opfer und Barmherzigkeit berührt eine empfindliche Stelle des Glaubenslebens: das Bedürfnis, Gott etwas zu beweisen, mit dem unaufgebbaren Ruf, sich von Ihm beschenken zu lassen. Jesu Wort stellt die Verhältnisse um. Es lädt dazu ein, die eigene Frömmigkeit nicht nach der Menge der „Schlachtopfer“ zu bemessen, sondern daran, wie weit Barmherzigkeit Raum gewonnen hat – an uns selbst und an denen, die uns schwerfallen. Dort, wo dieser Maßstab langsam die alten Muster ablöst, beginnt die Freiheit, die das Reich der Himmel auszeichnet: Menschen leben aus Gnade und werden dadurch fähig, anderen dieselbe Gnade nicht vorzuenthalten.

Der Bräutigam in unserer Mitte: Leben aus der Gegenwart Christi statt aus Religion

Als die Jünger des Johannes irritiert fragen, warum Jesu Jünger nicht fasten, berühren sie ein ernst gemeintes Thema geistlicher Praxis. Ihre Frage ist nicht zynisch; sie entspringt einer echten Sorge um Hingabe und Ernst vor Gott. Jesus aber beantwortet sie, indem Er die Perspektive verschiebt: „Können etwa die Söhne der Hochzeitskammer trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist?“ Mit diesem Bild stellt Er nicht eine neue Vorschrift auf, sondern rückt Seine Person in die Mitte. Fasten, Beten, alle geistlichen Übungen bekommen ihren Sinn von der Nähe oder Abwesenheit des Bräutigams. Ist der Bräutigam im Raum, ist die angemessene Antwort nicht Trauer, sondern Freude. Das bedeutet nicht Oberflächlichkeit, sondern eine tiefe Übereinstimmung mit Gottes eigenem Empfinden: Die Ankunft des Königs ist keine Beerdigung, sondern der Beginn eines Hochzeitsfestes.

Religiös zu sein bedeutet, etwas für Gott zu tun, aber ohne Christus. Alles, was ohne die Gegenwart Christi geschieht – selbst wenn es schriftgemäß und grundlegend ist –, ist religiös. Sowohl die Jünger des Johannes, die Neuen in der Religion, als auch die Pharisäer, die Altgedienten der Religion, fasteten viel, aber ohne Christus. Sie erkannten Christus nicht als den Bräutigam an, sondern machten das Fasten zu einer religiösen Sache. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft siebenundzwanzig, S. 333)

Genau hier entlarvt Jesus die Gefahr eines religiösen Lebens, das von Formen, aber nicht von Seiner Gegenwart bestimmt ist. „Religiös zu sein“ bedeutet, viel für Gott zu tun und dabei doch an Ihm vorbeizuleben. Feste, Fastenzeiten, Rituale – sie können an sich biblisch begründet und wertvoll sein, verlieren aber ihren Kern, wenn sie von der lebendigen Beziehung zu Christus gelöst werden. In der Sprache Jesu sind die Jünger nicht einfach Schüler eines Rabbiners, sondern „Söhne der Brautkammer“: Menschen, die in den Raum Seiner Freude hineingenommen sind. Später, wenn der Bräutigam weggenommen wird, wird auch für sie ein Fasten kommen, aber dann als Ausdruck ihrer Sehnsucht nach Ihm, nicht als leeres Pflichtprogramm. So zeichnet der König bereits hier den Weg Seiner Gemeinde vor: Sie lebt aus der Erfahrung, dass Er in ihrer Mitte ist, und blickt gleichzeitig nach vorne auf den Tag, an dem die Hochzeit des Lammes vollendet wird. Dort heißt es: „Lasst uns fröhlich sein und jubeln und lasst uns Ihm die Herrlichkeit geben, denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und Seine Frau hat sich bereit gemacht“ (Offb. 19:7).

Ein Christentum ohne den Bräutigam kann äußerlich korrekt, tatkräftig und beeindruckend sein – und doch innerlich ermüden, weil es von Pflichten, nicht von Begegnung lebt. Wenn Jesus sich als Bräutigam zu erkennen gibt, lädt Er in eine andere Dynamik ein: Sein königlicher Dienst führt nicht in ein System immer weiterer religiöser Anforderungen, sondern in eine Beziehung, in der Seine Gegenwart die Atmosphäre bestimmt. Aus dieser Gegenwart heraus gewinnt auch Verzicht einen anderen Klang: Er wird nicht gefordert, um etwas zu verdienen, sondern wird freiwillig, weil die Liebe Raum für mehr Nähe sucht. Der Ausblick auf die Hochzeit des Lammes macht deutlich, worauf alles zielt: auf eine Gemeinschaft, die nicht durch äußere Leistung glänzt, sondern dadurch, dass sie gelernt hat, mit dem Bräutigam zu leben, sich von Ihm lieben und reinigen zu lassen und ihre Freude in Ihm zu finden. Daraus wächst eine stille, aber tragfähige Motivation für den Alltag: Auch in unscheinbaren Routinen, in müden Stunden und in Phasen geistlicher Trockenheit bleibt die Wahrheit bestehen, dass der König als Bräutigam weiter an Seiner Braut arbeitet – geduldig, barmherzig und mit dem Ziel, sie in die volle Freude Seiner Gegenwart zu führen.

Lasst uns fröhlich sein und jubeln und lasst uns Ihm die Herrlichkeit geben, denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und Seine Frau hat sich bereit gemacht. (Offb. 19:7)

Jesus als Bräutigam zu erkennen, verändert den Klang des Glaubenslebens. Übungen, Dienste und Opfer verlieren nicht ihren Platz, aber sie rücken aus dem Zentrum heraus und ordnen sich einer größeren Wirklichkeit unter: Seiner Gegenwart. In dem Maß, in dem dieses Bewusstsein wächst, wird Glaube weniger von Druck und mehr von Beziehung getragen. Die Einladung des Königs geht dahin, dass unser inneres Bild von Nachfolge immer stärker von der Hochzeitsfreude des Lammes geprägt wird – einer Freude, die mitten durch Leid, Entbehrung und Kampf hindurch trägt, weil sie von der Gewissheit genährt ist, dass der Bräutigam selbst die Gemeinde zu sich zieht und sie auf den Tag vorbereitet, an dem Er sie in ungetrübter Gemeinschaft bei sich haben wird.


Herr Jesus Christus, du königlicher Arzt, danke, dass du nicht gekommen bist, um uns zu verurteilen, sondern um unsere tiefsten Wunden zu heilen und uns aus Schuld und Selbsttäuschung herauszurufen. Vergib uns, wo wir uns wie die Pharisäer auf unsere eigene Gerechtigkeit oder auf religiöse Formen verlassen haben, statt deine Barmherzigkeit zu ergreifen. Öffne unsere Augen für unsere wahre Bedürftigkeit, damit wir uns nicht länger stark geben, sondern als Sünder zu dir kommen und deine heilende Gnade erfahren. Du Bräutigam deiner Gemeinde, erfülle unsere Herzen neu mit der Freude deiner Gegenwart und bewahre uns vor einem Christentum ohne dich, in dem äußere Übungen an die Stelle deiner lebendigen Nähe treten. Lass uns Menschen werden, die aus deiner Vergebung leben, andere mit Barmherzigkeit ansehen und als geliebte Gäste an deinem Tisch sitzen, bis wir dich eines Tages als deine Braut in Herrlichkeit sehen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Matthew, Chapter 27