Das Wort des Lebens
lebensstudium

Ein Wort über den menschlichen Geist und den in Sacharja enthüllten Christus

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Wenn wir die gewaltigen Bilder des Propheten Sacharja lesen – Reiter zwischen Myrtenbäumen, ein Stein mit sieben Augen, ein König auf einem Esel, ein Richter über die Nationen –, bleibt leicht der Eindruck einer fernen, schwer verständlichen Vision. Gleichzeitig spüren viele Christinnen und Christen die Frage, wie der lebendige Christus heute ganz konkret in ihr Inneres und in ihren Alltag hineinreicht. Zwischen diesen beiden Polen schlägt die Bibel eine erstaunlich direkte Brücke: Gott hat den Menschen mit einem Geist geschaffen, damit dieses Herzstück unseres inneren Lebens zum Wohnort, Werkzeug und Resonanzraum für den Christus wird, den Sacharja in so reichen Bildern vor Augen malt.

Der von Gott geformte menschliche Geist – Gottes Empfänger in uns

Sacharja 12:1. spannt einen erstaunlichen Bogen: „Es spricht der HERR, der den Himmel ausspannt und die Grundmauern der Erde legt und den Geist des Menschen in seinem Inneren bildet.“ Himmel und Erde nennt der Vers zuerst – die großen, sichtbaren Wirklichkeiten. Doch dann lenkt er den Blick nach innen, in eine verborgene Tiefe: den Geist des Menschen. Der gleiche Gott, der kosmische Räume öffnet und tektonische Fundamente setzt, beugt sich in das Innere eines Menschen und formt dort etwas, das Ihm entspricht. So wird deutlich: Der Mensch ist nicht nur ein Bewohner der Erde, sondern Träger eines inneren Organs, das größer ist als die ganze sichtbare Welt, weil es auf den unendlichen Gott hin angelegt ist.

Sacharja 12:1 sagt: „Ausspruch des Wortes Jehovas über Israel. So spricht Jehova, der den Himmel ausspannt und die Erde gründet und den Geist des Menschen in seinem Inneren bildet.“ Das macht deutlich, dass die Himmel um der Erde willen da sind, die Erde um des Menschen willen, und dass der Mensch von Gott mit einem Geist geschaffen wurde, damit er mit Gott in Kontakt treten, Gott empfangen, Gott leben, Gottes Vorsatz für Gott erfüllen und eins mit Gott sein kann. (Witness Lee, Life-Study of Zechariah, Botschaft fünfzehn, S. 91)

Jesaja greift diesen Gedanken auf und verbindet ihn direkt mit Christus. In Jesaja 42:5–6 heißt es: „So spricht Gott, der HERR, der die Himmel schuf und sie ausspannte, der die Erde ausbreitete und was ihr entsprießt, der dem Volk auf ihr den Atem gab und den (Lebens)hauch denen, die auf ihr gehen: Ich, der HERR, ich habe dich in Gerechtigkeit gerufen … und mache dich zum Bund des Volkes, zum Licht der Nationen.“ Gott gibt Atem und Geist, damit Er Seinen Sohn als Bund und Licht schenken kann. Ohne einen inneren Empfänger bliebe dieses Licht außen vor. Doch in den Tiefen unseres Wesens gibt es genau diese Empfangsstelle: den menschlichen Geist. Dort kann Christus, der Bund Gottes mit den Menschen, wirklich ankommen und dort kann Sein Licht nicht nur erkannt, sondern auch aufgenommen und genossen werden.

Der Herr Jesus selbst hat diesen inneren Ort ans Licht gebracht, als Er mit der Samariterin über Anbetung sprach. Er löst die Frage nach dem heiligen Berg und dem richtigen Schrifttum auf und richtet den Blick auf etwas Unscheinbares, aber Entscheidendes: „Gott ist Geist, und die Ihn anbeten, müssen im Geist und in Wahrhaftigkeit anbeten“ (Johannes 4:24). Wahre Anbetung hängt nicht an einem geografischen Punkt, sondern an einem geistlichen Ort – an unserem Geist, der von Gott geformt wurde. Dort ist der Punkt, an dem der unendliche Gott und der begrenzte Mensch einander begegnen. Darum ist der Geist nicht ein religiöses Extra für besonders Fromme, sondern das Herzstück unserer gottgemäßen Existenz.

Wenn Paulus am Ende seines Lebens an Timotheus schreibt: „Der Herr sei mit deinem Geist“ (2.Tim. 4:22), dann sagt er mehr als eine fromme Grußformel. Er deutet an, wo Christus heute sein will. Der Christus, den Sacharja als kommenden König, als Stein mit sieben Augen, als Hirten und Richter zeigt, will sich nicht nur von außen beeindrucken, sondern von innen her bekannt machen. Im menschlichen Geist begegnen sich der in Sacharja enthüllte Christus und der von Gott geformte Mensch. Wo dieses innere Zusammentreffen geschieht, wird Glauben greifbar: Christus ist dann nicht nur Gegenstand unserer Lehre, sondern Quelle unserer Erfahrung, unserer Tröstungen, unserer Korrekturen und unserer Hoffnung.

Ausspruch, Wort des HERRN über Israel. Es spricht der HERR, der den Himmel ausspannt und die Grundmauern der Erde legt und den Geist des Menschen in seinem Inneren bildet: (Sach. 12:1)

So spricht Gott, der HERR, der die Himmel schuf und sie ausspannte, der die Erde ausbreitete und was ihr entsprößt, der dem Volk auf ihr den Atem gab und den (Lebens)hauch denen, die auf ihr gehen: Ich, der HERR, ich habe dich in Gerechtigkeit gerufen und ergreife dich bei der Hand. Und ich behüte dich und mache dich zum Bund des Volkes, zum Licht der Nationen, (Jes. 42:5-6)

Wer versteht, dass sein Geist von Gott selbst geformt wurde, um Ihn zu empfangen, bekommt eine neue Würde und eine neue Ruhe. Das Leben wird nicht weniger konkret, aber es bekommt einen inneren Mittelpunkt: Gott ist nicht weit weg, sondern hat in unserem Geist eine Tür geöffnet, durch die Christus eintreten, Wohnung nehmen und unser alltägliches Denken, Fühlen und Entscheiden leise durchdringen darf.

Der in Sacharja enthüllte Christus – Stein, König, Hirte und Richter

Das Buch Sacharja zeichnet Christus nicht als flache Figur, sondern als eine vielgestaltige, lebendige Person. In der Nachtvision des ersten Kapitels erscheint Er als „ein Mann, der auf einem roten Pferd ritt“, der „zwischen den Myrten, die im Talgrund waren“ steht (Sacharja 1:8). Das Bild ist zart und zugleich tief: Die Myrten im Talgrund stehen für das erniedrigte, aber Gott teure Volk, das sich in der Tiefe befindet. Christus steht nicht fern auf einem Hügel, sondern mitten in dieser Niederung. Dass Er auf einem roten Pferd kommt, weist auf Sein erlösendes Werk hin – Rot ist die Farbe des Blutes. Schon hier begegnet uns der Christus, der sich in die Niedrigkeit der Seinen hineinbegibt und sie nicht aus der Distanz, sondern in unmittelbarer Nähe trägt.

In der ersten der fünf Visionen über Christus wird Christus als der Mensch, als der Engel Jehovas, gezeigt, der auf einem roten Pferd reitet und zwischen den Myrtenbäumen steht (1:7–17). Die Myrtenbäume versinnbildlichen das erniedrigte, aber dennoch kostbare Volk Israel in seiner Gefangenschaft. Dass Christus auf einem roten Pferd reitet, macht deutlich, dass Er der Erlösende war. Dass Er der Engel Jehovas ist, zeigt, dass Er der von Gott Gesandte war, um Sich mit großer Erwartung um Sein Volk zu kümmern, während es in Gefangenschaft war. (Witness Lee, Life-Study of Zechariah, Botschaft fünfzehn, S. 94)

In einer weiteren Vision sieht Sacharja Hörner, die zerstreuen, und „vier Schmiede“ (oder Kunsthandwerker), die diese Hörner niederschlagen (Sacharja 1:18–21). Hinter diesem Bild steht die Frage nach den Mächten, die Gottes Volk und letztlich die Menschheit bedrücken. Christus erscheint hier als der letzte göttliche „Handwerker“, der das große Bild menschlicher Herrschaft – wie es 4. Mose und Daniel schildern – nicht übernimmt, sondern zerbricht. Er ist nicht nur Tröster der Gedemütigten, sondern auch der, der die Strukturen zerschlägt, die sie binden. So tritt uns in Sacharja ein Christus entgegen, der zugleich sanft unter den Myrten steht und mächtig gegenüber den Hörnern der Weltmächte auftritt.

Die Bilder werden noch dichter, wenn Sacharja von dem geheimnisvollen Stein spricht: „Denn siehe, der Stein, den ich vor Joschua gelegt habe“ (Sacharja 3:9). Der Stein ist Grundstein und Prüfstein zugleich. Auf ihn wird gebaut, an ihm entscheidet sich, was Bestand hat. Derselbe Christus erscheint in Sacharja 4 als Schlussstein, der mit Jubel hervorgebracht wird: „Wer bist du, großer Berg? Vor Serubbabel werde zur Ebene! Und er wird den Schlußstein herausbringen unter lautem Zuruf: Gnade, Gnade für ihn!“ (Sacharja 4:7). Christus ist Anfang und Vollendung von Gottes Bau. Im Licht der Offenbarung erkennen wir: Dieser Stein hat „sieben Augen“ – „das sind die sieben Geister Gottes, die über die ganze Erde hin ausgesandt sind“ (Offenbarung 5:6). Der Stein mit den sieben Augen ist kein kaltes Bauwerk, sondern ein lebendiger Christus, der als siebenfach verstärkter Geist alles durchdringt.

In Seinem ersten Kommen zeigt Sacharja Christus als sanften, aber königlichen Herrn: „Siehe, dein König kommt zu dir: Gerecht und siegreich ist er, demütig und auf einem Esel reitend“ (Sacharja 9:9). Der Messias verzichtet auf prunkvolle Kriegspferde und kommt in einer Weise, die sich bewusst der menschlichen Machtentfaltung entzieht. Gleichzeitig schildert Sacharja Ihn als Hirten, der die Herde weidet, aber verworfen wird und für dreißig Silberstücke geschätzt ist (Sacharja 11:7–13). Hier schimmern die Evangelien durch: der verratene Hirte, der im Stillen die Schlachtschafe trägt. Sacharja verbindet König und Hirte, Herrschaft und Hingabe, Majestät und Verwerfung in einer Person.

Ich schaute des Nachts, und siehe, ein Mann, der auf einem roten Pferd ritt! Und er hielt zwischen den Myrten, die im Talgrund waren, und hinter ihm waren rote, hellrote und weiße Pferde. (Sach. 1:8)

Denn siehe, der Stein, den ich vor Joschua gelegt habe (Sach. 3:9)

Wer den in Sacharja gezeichneten Christus im eigenen Geist entdeckt, findet einen Halt, der sowohl zart als auch stark ist. Dann ist Christus nicht nur Thema der Prophetie, sondern lebendige Wirklichkeit im Inneren: Er trägt in der Tiefe, wenn das äußere Bild brüchig ist, und richtet zugleich den Blick auf das kommende Königtum Gottes, in dem das, was Er heute im Verborgenen wirkt, einmal sichtbar werden wird.

Christus und unser Geist im Alltag – Anbetung, Gemeinde und Hoffnung

Wer den Faden von Sacharja weiterverfolgt, merkt, dass Gottes Ziel über die persönliche Erfahrung hinausreicht. Der Herr sucht nicht nur einzelne Herzen, sondern ein Haus. „Die Hände Serubbabels haben die Grundmauern dieses Hauses gelegt, und seine Hände werden es vollenden“ (Sacharja 4:9). Im Hintergrund steht der Tempelbau in Jerusalem, aber durch die ganze Schrift hindurch wird deutlich, dass Gott sich letztlich ein geistliches Haus aus lebendigen Steinen baut. Christus ist dabei nicht nur Baumeister, sondern auch der Stein selbst: „Denn siehe, der Stein, den ich vor Joschua gelegt habe“ (Sacharja 3:9). Er ist der von Gott gelegte Grund, auf dem alles steht.

Das Buch Sacharja macht deutlich, dass Gott den Wiederaufbau des Tempels wünscht (4:9; 6:12–15). Doch ohne Christus ist alles, auch der Tempel, leer. Wir brauchen Christus, aber Christus braucht einen Leib. Dieser Leib ist der Tempel Gottes, das Haus Gottes, der Ausdruck Gottes, die Befriedigung Gottes. Deshalb sollten wir heute sowohl Christus als auch die Gemeinde betonen. (Witness Lee, Life-Study of Zechariah, Botschaft fünfzehn, S. 96)

Im vierten Kapitel wird dieser Christus als Schlussstein gezeigt, der mit einem Ruf der Gnade hervorgebracht wird: „Wer bist du, großer Berg? Vor Serubbabel werde zur Ebene! Und er wird den Schlußstein herausbringen unter lautem Zuruf: Gnade, Gnade für ihn!“ (Sacharja 4:7). Der Bau Gottes beginnt und endet mit Christus und ist von Anfang bis Ende von Gnade gekennzeichnet. In der Vision des goldenen Leuchters mit den zwei Ölbäumen (Sacharja 4:2–3.11–14) wird sichtbar, wie dieser Bau erhalten wird: nicht durch menschliche Kraft oder Begabung, sondern durch ein ständiges Zufließen des Öls, ein Bild für den Geist. Wo der siebenfach verstärkte Geist wirkt, entsteht Licht, und dieses Licht bildet ein Haus, in dem Gott wohnt.

An anderer Stelle sagt der Herr Jesus: „Gott ist Geist, und die Ihn anbeten, müssen im Geist und in Wahrhaftigkeit anbeten“ (Johannes 4:24). Anbetung wird damit zu etwas, das von innen nach außen fließt. Wenn der Christus, der Stein mit den sieben Augen, als Geist in unserem Geist Wohnung macht, bekommt Anbetung eine neue Qualität. Sie löst sich von der bloßen Pflichterfüllung und wird Antwort auf eine erlebte Gegenwart. Die Worte mögen unscheinbar sein, die Formen schlicht, aber im Inneren geschieht ein Austausch: Der Geist Gottes berührt unseren Geist, und unser Geist antwortet mit Vertrauen, Dank und Hingabe. So verbindet sich das, was Sacharja im Bild des Leuchters zeigt, mit dem, was Jesus von der Anbetung im Geist sagt – ein stilles, aber kraftvolles Leuchten mitten im Alltag.

Diese innere Realität bleibt nicht folgenlos für den Umgang mit Schuld und Ungerechtigkeit. In einer Vision lässt Gott eine große fliegende Rolle erscheinen, auf der Fluchworte gegen Diebstahl und falsches Schwören stehen (Sacharja 5:1–4). Kurz darauf sieht der Prophet ein Efa-Gefäß, in dem die „Gottlosigkeit“ eingeschlossen und in ein fernes Land getragen wird (Sacharja 5:5–11). Christus, der König und Richter, duldet nicht, dass das Haus Gottes von Lüge, Betrug und religiöser Fassade durchzogen bleibt. Wenn dieser Christus in unserem Geist gegenwärtig ist, beginnt ein leiser, aber beständiger Prozess: Unaufrichtiges wird ans Licht gezogen, nicht um uns zu vernichten, sondern um zu reinigen. Aufrichtige Anbetung im Geist und ein ehrliches, transparentes Leben gehören nach Sacharja untrennbar zusammen.

Denn siehe, der Stein, den ich vor Joschua gelegt habe (Sach. 3:9)

Wer bist du, großer Berg? Vor Serubbabel werde zur Ebene! Und er wird den Schlußstein herausbringen unter lautem Zuruf: Gnade, Gnade für ihn! (Sach. 4:7)

Wenn Christus als der lebendige Stein in unserem Geist Gestalt gewinnt, wird das Leben zugleich innerlicher und weltzugewandter: Innerlicher, weil Anbetung und Leitung aus der Begegnung mit Ihm in der Tiefe kommen; weltzugewandter, weil gerade diese Begegnung zu Ehrlichkeit, Barmherzigkeit und einer nüchternen Hoffnung auf das Königreich Gottes ermutigt, die auch in den Spannungen der Gegenwart nicht zerbricht.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du als der wunderbare, in Sacharja enthüllte Christus nicht fern bleibst, sondern in unserem von Gott geformten Geist Wohnung nehmen willst. Du bist der Stein, der unsere Schuld trägt, der König, der in Sanftmut kommt, und der Richter, der alles Unrecht überführen wird. Stärke in uns das Bewusstsein, dass Du mit unserem Geist bist, damit Dein Licht unsere Dunkelheit vertreibt, Deine Gnade unsere Härte verwandelt und Deine Gegenwart unsere Angst in Hoffnung verwandelt. Lass Dein Reich in unseren Herzen vorbereitet werden, während wir auf den Tag warten, an dem Du als König über die ganze Erde offenbar wirst. Halte uns in der Gemeinschaft mit Dir im Geist, damit unser Leben ein lebendiger Ausdruck Deiner Treue und Deiner Herrlichkeit wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Zechariah, Chapter 15