Die Prophezeiungen der Ermutigung (5)
Wenn wir die Geschichte des Volkes Israel betrachten – Vertreibung, Verfolgung, die Zerstörung Jerusalems und anhaltende Bedrohung – dann scheint es auf den ersten Blick, als hätte Gott sein Volk aufgegeben. Gleichzeitig ziehen sich durch die Propheten starke Verheißungen: Gott wird Israel nicht verwerfen, sondern am Ende eine tiefe, gemeinsame Umkehr und Rettung schenken. Sacharja verbindet diese große Zukunftshoffnung mit einem Blick auf den durchbohrten Christus und auf den Geist der Gnade, den Gott ausgießt. Darin liegt nicht nur Trost für Israel, sondern auch eine eindrückliche Offenbarung darüber, wie Gott rettet, erneuert und in das Genießen seiner Gemeinschaft hineinführt.
Gottes Plan: Verstockung jetzt, Haushaltsrettung am Ende
Wenn Paulus schreibt, dass „eine Verstockung Israel zum Teil widerfahren ist, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen ist“ und „so ganz Israel errettet werden“ wird (Römer 11:25–26), öffnet er uns einen Blick in Gottes verborgene Wege mit seinem Volk. Historisch sehen wir die Härte: die Ablehnung des Messias, die Zerstreuung, die langen Jahrhunderte unter den Nationen. Doch diese Härte ist für Paulus kein Beweis der Verwerfung, sondern ein Element eines weisheitsvollen Plans. Gott lässt zu, dass Israel sich verhärtet, und gerade dadurch geht das Evangelium mit Macht zu den Nationen. Die scheinbare Leerstelle im Volk Israel wird zur offenen Tür für die Völkerwelt. Das macht den Ernst des Unglaubens deutlich – „Unglaube ist böse, weil er den lebendigen, treuen und allmächtigen Gott beleidigt“ – und doch wird der Boden keiner Generation Gott aus der Hand gleiten.
(5) Bibelverse: Sacharja 12:10–14; 13:1–9 In der vorherigen Botschaft haben wir das Schicksal Israels in dem großen Krieg von Armageddon gesehen. In dieser Botschaft wollen wir die prophetische Ermutigung in Bezug auf die Hauserrettung Israels betrachten. B. (Witness Lee, Life-Study of Zechariah, Botschaft dreizehn, S. 75)
Sacharja zeichnet diesen Plan auf dem Hintergrund der letzten, dramatischen Zuspitzung der Geschichte. Die Versammlung der Nationen gegen Jerusalem, die Not der Stadt und die Schlacht, die wir mit Harmagedon verbinden, sind nicht das chaotische Ende einer entgleisten Weltgeschichte, sondern die Bühne, auf der Gottes Bundestreue sichtbar wird. Inmitten der Bedrängnis greift der HERR selbst ein: „Dann wird der HERR ausziehen und gegen jene Nationen kämpfen, wie er schon immer gekämpft hat am Tag der Schlacht“ (Sacharja 14:3). Was Paulus „Haushaltsrettung“ nennt – „und so wird ganz Israel errettet werden“ (Römer 11:26) – erscheint bei Sacharja als eine Wende, in der in kurzer Zeit ein umfassender Überrest aus Israel erwacht, den Messias erkennt und sich dem Gott der Väter zuwendet. Gericht und Gnade stehen dabei nicht gegeneinander, sondern dienen demselben Ziel: Gott führt durch Not hindurch an den Punkt, an dem ein Volk nicht mehr auf seine eigene Gerechtigkeit baut, sondern die angebotene Errettung annimmt. Diese Perspektive kann unsere Sicht auf die eigene Zeit beruhigen und zugleich wach machen: Gottes Weg mag hart erscheinen, aber er ist auf Rettung hin geordnet; seine Hand ist fester, als es die Verstockung irgendeines Herzens je sein könnte.
Denn ich will nicht, Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt sei, damit ihr nicht auf eigene Klugheit bedacht seid: Verstockung ist Israel zum Teil widerfahren, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen ist; und so wird ganz Israel errettet werden, wie geschrieben steht: «Es wird aus Zion der Erretter kommen, er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden; und dies ist für sie der Bund von mir, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.» (Röm. 11:25-27)
Dann wird der HERR ausziehen und gegen jene Nationen kämpfen, wie er schon immer gekämpft hat am Tag der Schlacht. (Sach. 14:3)
Wer Gottes Umgang mit Israel so betrachtet, lernt seine Geduld und Zielstrebigkeit neu kennen. Er lässt Härte zu, aber er verliert weder Menschen noch Völker aus dem Blick. Dieser Blickwinkel bewahrt davor, an der eigenen Geschichte zu verzweifeln: selbst in Phasen der inneren Trockenheit oder des äußeren Drucks schreibt Gott nicht das letzte Wort der Verwerfung, sondern bereitet Wendepunkte vor, an denen seine Errettung überraschend weit und tief greift.
Der Durchbohrte und der Geist der Gnade
In der Mitte von Sacharjas Visionen steht eine überraschend zarte Szene: „Aber über das Haus David und über die Bewohnerschaft von Jerusalem gieße ich den Geist der Gnade und des Flehens aus, und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben, und werden über ihn wehklagen, wie man über den einzigen Sohn wehklagt, und werden bitter über ihn weinen, wie man bitter über den Erstgeborenen weint“ (Sacharja 12:10). Die Wende in Israels Geschichte beginnt nicht mit einem politisch-religiösen Programm, sondern mit einem Blick und mit Tränen. Der Durchbohrte steht im Mittelpunkt, und der Geist, den Gott ausgießt, trägt einen doppelten Namen: Gnade und Flehen. Er schenkt nicht zuerst Aktivismus, sondern ein weiches, bittendes Herz und die Fähigkeit, Christus so zu sehen, wie Gott ihn sieht.
ganz Israel wird errettet werden. Dies wird die Hauserrettung sein, die Gott Israel zuteilwerden lässt. 4. Jehova Gott, der über das Haus David und über die Einwohner Jerusalems den Geist der Gnade und des Flehens ausgießt In Sacharja 12:10a heißt es: „Ich werde über das Haus David und über die Einwohner Jerusalems den Geist der Gnade und des Flehens ausgießen; und sie werden auf Mich blicken, den sie durchbohrt haben.“ In Apostelgeschichte 2 goss Gott Seinen Geist über alles Fleisch aus (V. 17), und dreitausend wurden errettet. (Witness Lee, Life-Study of Zechariah, Botschaft dreizehn, S. 76)
Das Durchbohren weist über Sacharja hinaus auf Golgatha. Johannes berichtet: „sondern einer der Soldaten durchbohrte Seine Seite mit einer Lanze, und sogleich kamen Blut und Wasser heraus“ (Johannes 19:34). Sacharja spricht von einer „geöffneten Quelle“ gegen Sünde und Befleckung; Johannes zeigt, wie diese Quelle aufgetan wurde. Blut spricht von Vergebung und Rechtfertigung, Wasser von Reinigung und Leben, vom Zugang zum inneren Strom des Dreieinen Gottes. Wenn Israel am Ende auf den Durchbohrten blickt, sieht es mehr als eine tragische Fehlentscheidung der Geschichte; es erkennt, dass der, den es verworfen hat, der einziggeborene Sohn ist, den Gott aus Liebe zur Welt gegeben hat: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einziggeborenen Sohn hingab, damit jeder, der in Ihn hineinglaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe“ (Johannes 3:16). Und es sieht in ihm zugleich den Erstgeborenen, den Gott in die Welt einführt und dem er alle Engel zur Anbetung vorstellt (Hebräer 1:6). Der Schmerz über den verworfenen Sohn verbindet sich mit der Entdeckung seines wahren Ranges und seiner unendlichen Gnade. So wächst aus der Klage Vertrauen, und aus dem Weinen der Freude Raum.
Was für Israel zukünftig in großem Maßstab geschehen wird, trägt denselben geistlichen Charakter wie das, was der Geist heute in der Gemeinde wirkt. Der Geist, der an Pfingsten als Kraft vom Himmel kam, ist derselbe Geist der Gnade, der Herzen erweicht, zur Buße führt und den Blick von der eigenen Leistung auf den Gekreuzigten lenkt. Wenn er Gnade wirkt, wird der Mensch nicht auf sich, sondern auf Christus fixiert; das Flehen, das er weckt, kreist nicht um fromme Selbstoptimierung, sondern um das tiefere Erkennen und Genießen des Sohnes. In dieser Bewegung werden wir in die Freude am Dreieinen Gott hineingenommen: der Vater, der gibt; der Sohn, der durchbohrt wird und Leben schenkt; der Geist, der Gnade austeilt und unsere Herzen in dieses Geheimnis hineinzieht. So wird die Prophetie Sacharjas zugleich zur Einladung und zur Ermutigung: die Geschichte Gottes mit den Menschen konzentriert sich nicht auf unsere Stärke, sondern auf den Durchbohrten – und wo sein Bild vor unserem inneren Auge klarer wird, dort werden selbst Tränen zu einem Tor, durch das wir tiefer in die Freude Gottes eintreten.
Aber über das Haus David und über die Bewohnerschaft von Jerusalem gieße ich den Geist der Gnade und des Flehens aus, und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben, und werden über ihn wehklagen, wie man über den einzigen Sohn wehklagt, und werden bitter über ihn weinen, wie man bitter über den Erstgeborenen weint. (Sach. 12:10)
AN jenem Tag wird für das Haus David und die Bewohner von Jerusalem eine Quelle geöffnet sein gegen Sünde und gegen Befleckung. (Sach. 13:1)
Der Blick auf den Durchbohrten macht den Weg des Glaubens zugleich sanft und ernst. Er nimmt dem eigenen Tun die Mitte und schenkt doch eine neue, innere Bewegung: Gnade, die wie eine geöffnete Quelle bleibt, und Flehen, das immer wieder zu dieser Quelle zurückkehrt. Wer sich so vom Geist der Gnade prägen lässt, erfährt, dass selbst späte Einsichten, schmerzliche Korrekturen und alte Wunden von Gott genutzt werden, um das Herz fester an Christus zu binden und eine Freude zu schenken, die nicht aus der eigenen Geschichte, sondern aus seinem vollbrachten Werk schöpft.
Gereinigter Überrest: durch Feuer geläutert, zum Ruf „Der Herr ist mein Gott“ geführt
Sacharja stellt die Vorbereitung Israels für die große Wende nicht nur als Öffnung einer Quelle dar, sondern auch als tiefgehende Reinigung des Landes und des Volkes. Unmittelbar nach der Verheißung der Quelle heißt es: „Und es wird geschehen an jenem Tag, spricht der HERR der Heerscharen, da rotte ich die Namen der Götzen aus dem Land aus, daß sie nicht mehr erwähnt werden; und auch die Propheten und den Geist der Unreinheit werde ich aus dem Land wegschaffen“ (Sacharja 13:2). Gott belässt es nicht bei einem bloßen Angebot der Vergebung; er greift die Wurzeln an, die sein Volk innerlich binden. Falsche Sicherheiten, religiöse Stimmen, die seinen Namen missbrauchen, und der dahinterstehende unreine Geist werden aus dem Raum entfernt, in dem er wohnen und sich seinem Volk schenken will. So entsteht ein Umfeld, in dem die geöffnete Quelle nicht durch neue Verunreinigung zugeschüttet wird.
- Gott stellt eine geöffnete Quelle bereit Gott hat für das Haus David und die Bewohner Jerusalems eine geöffnete Quelle bereitgestellt (die durchbohrte Seite Christi – Joh. 19:34, 37) gegen Sünde und Befleckung. „AN jenem Tag wird für das Haus David und die Bewohner von Jerusalem eine Quelle geöffnet sein gegen Sünde und gegen Befleckung“ (Sach. 13:1). Das Durchbohren Christi hat eine solche Quelle geöffnet. Dies ist eine Sache der Erlösung. 2) Gott schneidet die Namen der Götzen ab und lässt die falschen Propheten und den unreinen Geist aus dem Land weichen Gott wird die Namen der Götzen abschneiden und die falschen Propheten sowie den unreinen Geist aus dem Land weichen lassen (V. 2–4). (Witness Lee, Life-Study of Zechariah, Botschaft dreizehn, S. 79)
In diese Reinigung hinein wird Christus als der Leidende eingeführt: der falsche Prophet, der am Ende seine Rolle abstreitet, der Mann mit den Wunden „zwischen deinen Händen“, der sagt: „(Sie entstanden,) als ich im Haus meiner Freunde geschlagen wurde“ (Sacharja 13:6), und schließlich der Hirte, gegen den das Schwert erwacht. Der Herr Jesus nimmt diesen Vers ausdrücklich auf sich: „Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden zerstreut werden“ (Matthäus 26:31). Er ist der Hirte, der Gefährte Gottes, der im Auftrag des Vaters geschlagen wird, und zugleich der, der im Haus seiner Freunde verwundet wird – verworfen von den Seinen, ausgeliefert durch die Hand von Gesetzlosen (Apostelgeschichte 2:23). Gottes Seite an der Vorbereitung der Haushaltsrettung ist damit erfüllt: ein durchbohrter Hirte, eine geöffnete Quelle, ein geschlagenes, aber treues Herz.
Auf der Seite Israels bleibt dennoch ein Weg zu gehen. Sacharja beschreibt ihn nüchtern und ohne Beschönigung: „Und es wird im ganzen Land geschehen, spricht der HERR, zwei Teile davon werden ausgerottet, verscheiden, und (nur) der dritte Teil davon bleibt übrig. Und ich bringe den dritten Teil ins Feuer, läutere sie, wie man das Silber läutert, und prüfe sie, wie man das Gold prüft. Der wird meinen Namen anrufen, und ich werde ihm antworten, ich werde sagen: Er ist mein Volk. Und er wird sagen: Der HERR ist mein Gott“ (Sacharja 13:8–9). Der gereinigte Überrest wird nicht in Schonung, sondern im Feuer bereitet. Doch das Ziel dieses Feuers ist nicht Vernichtung, sondern Beziehung. Am Ende entsteht ein Dialog: Gott nennt diesen Überrest „mein Volk“, und das Volk antwortet: „Der HERR ist mein Gott.“ Zwischen diesen beiden Sätzen liegt das ganze Gewicht der Geschichte, der Schmerz des Gerichts und die Tiefe der Gnade.
In dieser Bewegung spiegelt sich ein Muster, das auch das Leben der Glaubenden prägt. Auch Christen kennen Zeiten, in denen Gott ihnen nicht nur Vergebung zuspricht, sondern ihnen zugleich Götzen nimmt, falsche Sicherheiten erschüttert und sie durch Prüfungen führt, die wie Feuer wirken. Solche Wege sind selten leicht, aber sie dienen dem gleichen Ziel wie in Sacharja: Dass aus einem allgemeinen Glauben eine gegenseitige Zugehörigkeit erwächst, in der Gott sein Volk beim Namen nennt und dieses Volk ihn mit derselben Entschiedenheit als „mein Gott“ bekennt. Wo der Name des Herrn so aus tiefem Herzen angerufen wird, da wird der Geist der Gnade erfahrbar, und die Freude am Dreieinen Gott bekommt ein Gewicht, das durch nichts Äußerliches mehr zu erschüttern ist. Am Ende solcher Läuterungswege steht nicht Bitterkeit, sondern eine leise, aber tragfähige Gewissheit: Gottes Hand hat nicht nur gereinigt, sondern auch geborgen, und sein Ziel ist ein Volk, das ihn kennt, ihm gehört und seine Gegenwart als ihren eigentlichen Reichtum entdeckt.
Und es wird geschehen an jenem Tag, spricht der HERR der Heerscharen, da rotte ich die Namen der Götzen aus dem Land aus, daß sie nicht mehr erwähnt werden; und auch die Propheten und den Geist der Unreinheit werde ich aus dem Land wegschaffen. (Sach. 13:2)
Sagt man aber zu ihm: Was sind das für Wunden zwischen deinen Händen, dann wird er sagen: (Sie entstanden,) als ich im Haus meiner Freunde geschlagen wurde. (Sach. 13:6)
Die Sicht auf den geläuterten Überrest hilft, die eigenen Feuerproben anders zu deuten. Nicht jede Härte kommt von Gott, aber alles, was er in seiner Weisheit zulässt, kann zu einem Ort werden, an dem der Ruf „Der Herr ist mein Gott“ Tiefe gewinnt. In dieser Perspektive verlieren Prüfungen ihren Charakter blinder Schicksalsschläge und werden zu Wegmarken, an denen sich Zugehörigkeit klärt: Gott bekennt sich zu seinem Volk, und dieses Volk lernt, inmitten von Verlust und Reinigung seinen Namen anzurufen und darin eine Freude zu finden, die stärker ist als das, was es kostet.
Herr Jesus Christus, Du Durchbohrter, wir staunen darüber, wie treu Du Dein Volk Israel durch Geschichte, Leid und Verstockung hindurch zu einer großen Rettung führst. Du hast Dich als der einziggeborene Sohn für uns gegeben und bist durch Deinen Tod und Deine Auferstehung der erstgeborene Sohn geworden, damit viele Brüder und Schwestern Anteil an Deinem Leben und an den Reichtümern des dreieinen Gottes haben. Gieße auch über uns neu den Geist der Gnade und des Flehens aus, damit unsere Herzen weich werden, unser Blick auf Dich gerichtet bleibt und wir aus der geöffneten Quelle Deiner Wunden Vergebung, Reinigung und Trost schöpfen. Wo wir durch Prüfungen gehen, lass uns darin Deine vorbereitende Hand erkennen und tiefer zu dem Bekenntnis geführt werden: „Du bist unser Gott, und wir sind Dein Volk.“ Stärke unseren Glauben an Deine Zusagen, und lass die Hoffnung auf Deine Wiederkunft unsere Tage prägen, bis wir Dich von Angesicht zu Angesicht sehen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Zechariah, Chapter 13